Fantastischer Film: Der seltsame Fall des Benjamin Button

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Inhalt

Eine alte Frau liegt im Sterben, ihre Tochter steht ihr im Krankenhaus bei. Alle außer die Beiden sind in Aufruhr: der Hurrikan Katrina wütet und bewegt sich unaufhaltsam auf die Region zu. Die einen flüchten, die anderen hadern mit sich, aber im Krankenzimmer herrscht eisige Stimmung zwischen Mutter und Tochter. Als Daisy aber beginnt ihrer Tochter Caroline ihre Lebensgeschichte zu erzählen, geraten die Geschehnisse und das Unwetter in den Hintergrund. Daisy erzählt ihrer Tochter von einer ihrer einschneidensten Begegnungen: Benjamin Button.

1918 in New Orleans – Benjamin wird als Sohn des Knopf-Moguls Thomas Button geboren. Die Umstände sind tragisch, denn seine Mutter stirbt bei seiner Geburt. Benjamin selber hat zwar die Statur eines Babys, sieht aber wie ein Greis aus – der Körper und das Gesicht voller tiefer Falten, arthritisch, rheumatisch und wahrscheinlich nicht in der Lage gut zu sehen. Sein Vater ist erschüttert und versteht nicht, was mit seinem Kind ist. Eine Krankheit? Er packt das Bündel und legt das Neugeborene vor einem Altersheim ab. Die Chefin Queenie findet Benjamin und nimmt ihn zu sich. Niemand glaubt daran, dass das Neugeborene ein langes Leben erwartet aber Queenie läßt sich nicht erschüttern. Sie ist es gewohnt alte Menschen zu pflegen und wird nicht jeder alte Mensch wieder ein bischen wie ein Kind? Benjamin lebt in einfachen Verhältnissen, ist alterssichtig und kann nicht laufen aber er wächst. Er wird größer, stärker und im Gegensatz zu allen anderen auch jünger. Seine Uhr läuft rückwärts. Die Begegnungen die er hat, sind einschneidend. Er spürt, dass er anders ist. Und er spürt, dass er anders behandelt wird. Er überdauert die Konstanten in seinem Leben wie beispielsweise seine Ziehmutter Queenie. Nur eine Person taucht immer wieder in seinem Leben auf: Daisy. Sie ist die Enkelin einer Bewohnerin des Altenheims und sie spielt mit ihm, so als ob sie beide normale Kinder wären. Sie treffen sich immer wieder – doch es scheint stets etwas zwischen ihnen zu stehen. Sie kommen nie wirklich beieinander an. Daisy, die immer älter wird und Benjamin, der immer jünger wird. Gibt es einen Zeitpunkt in ihrem Leben, an dem sie sich auf selber Augenhöhe treffen? Und wenn ja, ist es vorprogrammiert, dass dieser Moment nicht lange andauert? Eine bittersüße Geschichte nimmt ihren Lauf.

Hintergrund

Der seltsame Fall des Benjamin Button ist eine Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald verfilmt durch David Fincher. Es ist ein bischen wie das Aufeinandertreffen von Urgewalten: auf der einen Seite Fitzgerald als einer der bekanntesten Autoren der amerikanischen Moderne und Lost Generation. Eines seiner bekanntesten Werke ist Der große Gatsby, seine Geschichten wurden schon mehrfach verfilmt. In Woody Allens Midnight in Paris tauchte Fitzgerald als Figur auf, verkörpert durch Tom Hiddleston. Auf der anderen Seite: David Fincher, Regiesseur von Filmmeilensteinen wie Sieben und Fight Club. Verglichen mit seinen bisherigen Werken, bewegt er sich auf einem anderen Terrain. Der seltsame Fall des Benjamin Button ist ein Drama und eine sehr lose Interpretation der Kurzgeschichte von Fitzgerald. Leider habe ich sie nicht gelesen, möchte an dieser Stelle aber auf die Rezension auf vitrinenglas verweisen.

Liest man also eine Rezension der ursprünglichen Kurzgeschichte, so dämmert es einem, dass David Fincher nicht nur den Schauplatz verändert hat. Viele Elemente und Charaktere wurden hinzugefügt. Dabei ist der Film offensichtlich eine Gesamtbaustelle, das Konzept hätte vor Jahren mit Sicherheit noch den Stempel unverfilmbar bekommen. Ohne CGI und Masken wäre das glaubwürdige Verjüngen einer Figur in einem Realfilm schlicht unmöglich. Benjamin Button wird in den meisten und am längsten erzählten Lebensstadien durch Brad Pitt verkörpert, Daisy durch Cate Blanchett. Der seltsame Fall des Benjamin Button gewann meines Erachtens nach verdient den Oscar (2009) in den Kategorien Bestes Make-Up, Bestes Szenenbild und Beste visuelle Effekte. Nominiert war der Film außerdem in 10 weiteren Kategorien. Wobei man sich darüber streiten kann, ob Brad Pitts Nominierung als Bester Hauptdarsteller gerechtfertigt ist: die Meinungen sind stark polarisiert.

Sehr philosophisch ist der Umstand, dass eine weitere Geschichte im Film erzählt wird. Die Rahmenhandlung besteht darin, dass Daisy ihrer Tochter Benjamins Leben erzählt. Der Film ist eine lange Rückblende. Daisy erzählt aber auch von einer Begebenheit: ein blinder Uhrmacher wurde beauftragt eine Bahnhofsuhr zu fertigen. Die fertige Uhr lief aber rückwärts. Mit Absicht. Der einzige Sohn des Uhrmachers ist im Krieg gefallen und die Uhr ist ein Zeichen, dass er die Zeit zurückdrehen wolle für alle gefallenen Soldaten. Für alle Kinder, die nicht nach Hause kehrten. Daisy erzählt weiter, dass in diesem Moment der Enthüllung Benjamin Button geboren wurde. Durch diese verknüpften Geschichten gewinnt Finchers Machwerk an Tiefe und erzählerischer Masse – auch an Laufzeit und Tränen, was sehr unterschiedlich bewertet wird.

Meinung

Aufgrund der Laufzeit von 166 Minuten erahnt man, dass sehr viele Nebenhandlungen eingewoben wurden. Benjamin Button trifft auf eine ganze Menge Personen, deren Geschichten aufgegriffen werden. Um so ein Gesamtwerk über das Leben abzuliefern, tut Fincher das scheinbar naheliegenste und erzählt in Der seltsame Fall des Benjamin Button also gleich von mehreren Lebensgeschichten. Benjamins, Daisys und noch mehr. Die Geschichte eines als Greis geborenen Kindes biete aber schon viel. Meiner Meinung nach würde sogar nur eine einzige Frage den Film tragen: ob Benjamin das Erschungsbild eines Babys erreicht. Oder stoppt sein inverser Alterungsprozess? Was passiert mit Benjamin Button? (Zumindest hätte mich das alleine schon bei der Stange gehalten, ich habe aber auch eine begeisterungsfähige Natur.) Es ist nicht an jeder Stelle des Films gut, dass so viel erzählt wird. Man brauch etwas Ausdauer. Nun, die hatte ich und empfand den Film als wunderschön. Auch wenn ich denke, dass in Hinblick auf die ursprüngliche Kurzgeschichte, der Stoff mit Absicht etwas tragischer gestaltet wurde – in Hollywoodmanier sozusagen.

Nichtsdestotrotz ist Der seltsame Fall des Benjamin Button eine fantastische Geschichte. Man kann sich kaum entscheiden, welches der Unmengen an Motiven die Aussage des Films sein soll. Sind es die ungelebten Leben wie das des Uhrmacher-Sohns, die Benjamin zur Welt gebracht haben? Die Angst sich einem Zustand entgegen zu bewegen, indem man sich nicht selbst versorgen kann – das mag viele treffen, die älter werden und auch Benjamin. Nur auf andere Weise. Ist es ein Lehrstück darüber, dass wir den Moment leben sollen? Darüber, dass die perfekten Momente von kurzer Dauer sind? Wie verworren die Lebenslinien unterschiedlicher Menschen? Was alles unser Leben beeinflusst – eine Kleinigkeit reicht aus, um alles zu ändern? Wie ist es möglich, dass Benjamin Button existiert? Was will mir dieser Film sagen? Vielleicht zerdenke ich es einfach gerade. Wahrscheinlich liegt die Antwort auf der Hand und heißt einfach nur: das Leben selbst. Schließlich gibt es da auch mehr als nur ein Motiv, mehr als nur eine Sichtweise und auch eine ganz große Masse an Fragen.

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆