Serienlandschaft: „Hannibal“ Season 1 Review

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Mads Mikkelsen war gestern schon Thema im Blog – und er bleibt auch Thema. 🙂 ‚Hannibal‘ ist eine Fernsehsendung, die den Werdegang des fiktiven Serienkillers Dr. Hannibal Lecter schildert. Die Figur ist den meisten aus Thomas Harris‘ Büchern und den Verfilmungen wie Das Schweigen der Lämmer bekannt. Die Serie greift hierbei die Figuren aus dem Buch Roter Drache auf und erzählt was vor den Geschehnissen im Buch passiert ist. Oder in anderen Worten: wie sich der Psychiater Dr. Hannibal Lecter und der Profiler Will Graham kennen lernen. Wer die Reihe in der Vergangenheit gelesen oder gesehen hat weiß: Will Graham wird eines Tages Hannibal Lecter überführen.

 

Die Handlung

Der Minnesota Shrike getaufte Serienkiller gibt dem FBI Rätsel auf. Agent Jack Crawford (Laurence Fishburne) möchte für diesen und künftige harte Fälle den Profiler Will Graham (Hugh Dancy) konsultieren. Der arbeitet derzeit an der Lehreinrichtung des FBI und hält Vorlesungen, bleibt dem Einsatz in der Außenwelt fern. Will hat die Gabe sich in einem außerordentlichen Maße in Personen hineinzufühlen. Er wird für einen kurzen Moment zu ihnen. Geht es dabei um einen Serienkiller ist diese Vorstellung zum fürchten. So belastet es den Profiler auch extrem und gipfelt zu Anfang in Albträume. Um von Wills geistigem Zustand einen Eindruck zu erhalten, fragt Agent Crawford nicht nur die FBI-Beraterin und Chefin von Will Dr. Alana Bloom (Caroline Dhavernas) auf den Plan, sondern auch den Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen). Nichtsahnend, dass sie mit letzterem den Teufel selbst in die Ermittlungen einladen.

Dr. Lecter ist ein gebildeter und kultivierter Mann, birgt aber ein düsteres Geheimnis. Er ist selbst ein Serienkiller und Kannibale. Bisher blieb er unentdeckt, da er seine Morde als die aktueller Serientäter tarnt. Aber schon bald äußert Will Graham den Verdacht, dass es einen Copycat Killer gibt. Lecter ist fasziniert von Wills Fähigkeiten, die fachlichen Diskussionen ähneln freundschaftlichen Beziehungen und doch ist er sich der Gefahr durch die Nähe zum Profiler bewusst. Für Will ist Doctor Lecter ebenfalls ein bald schon wichtiger Bezugspunkt. In einer Tatsache ist er aber fataler Weise im Nachteil: er weiß noch nicht welche Gefahr von Hannibal ausgeht.

Der Cast

Als ich das erste Mal davon las, dass eine Hannibal-Lecter-Serie geplant wird, war ich ziemlich aus dem Häuschen. Ich kenne alle Bücher und alle Filme. Die Figur des Dr. Lecter war für mich immer schon erschreckend und faszinierend. Beim Lesen der ersten Meldung, murmelte ich sowas wie „Hoffentlich verkacken die es nicht.“ Als Laurence Fishburne und Hugh Dancy als Castmember bekannt gegeben wurde, merkte ich: die meinen es ernst. 🙂 Blieb noch die Frage: Wer wird Hannibal verkörpern? Da ich Mads Mikkelsen für einen herausragenden Schauspieler halte (er könnte mir WLAN-Kabel verkaufen – Ich würds ihm abnehmen), bin ich fast ausgeflippt, als mir die frohe Kunde zugetragen wurde. In diesem Moment wusste ich: Das wird gut.

Hugh Dancy ist mir eher bekannt als strahlender Held in seichteren Stoffen. Als Will Graham ist er aber ein seriöser Fachmann, der mit der Gewissheit seiner psychischen Instabilität versucht in einer düsteren Welt in einem düsteren Beruf zu überleben. Dementsprechend ist er ruhig, hat einen breiten Schutzwall um sich gespannt und wirkt unter Belastung gezeichnet. Seine Fähigkeit zur Empathie verfolgt ihn – Dancy stellt ihn gekonnt ruhelos dar. Außerdem als einen Mann mit großem Gerechtigkeitssinn, der all seine inneren Dämonen beiseite schiebt, um das richtige zu tun.

Dr. Hannibal Lecter wird von Mads Mikkelsen anders dargestellt als es einst Anthony Hopkins tat. Seine Version Lecters ist sachlicher und kühler. Fällt die Maske und man steht dem Serienkiller gegenüber, so sind seine Kommentare weniger hitzig. Ab und zu wird von Zuschauern der Akzent Mikkelsens ein wenig kritisiert – man würde ihn schwer verstehen. Letztendlich ist aber auch das ziemlich geschickt, schließlich ist Lecter in Litauen aufgewachsen. Hannibal plant weit voraus, hat scheinbar immer die richtigen Antworten parat und läßt sich äußerlich kaum etwas anmerken. Nur in wenigen Momenten schimmern Emotionen durch, wo wir sie nicht erwartet hätten. Zum Beispiel als eine Opernarie ihn zu Tränen rührt. Mikkelsen schafft es alleine durch seine Ausdrucksstärke und eisige Präsenz das Bild eines Mannes zu zeichnen, der sich seiner Taten bewusst ist. Der weiß, dass er ein Monster ist. Die große Kunst ist, dass er den Zuschauer auch gleichzeitig gewinnt. Man ertappt sich dabei wie man Sympathie für den Teufel empfindet. Und das ist sehr sehr packend.

Alle anderen Charaktere machen eben irgendwie ihr Ding. Laurence Fushburne spielt eine Rolle, in der man ihn schon ein oder zweimal gesehen hat. Die Klatschreporterin Freddy Lounds (Lara Jean Chorostecki) sorgt für Reibungen – das scheint aber auch ihre einzige Funktion zu sein. Caroline Dhavernas verkörpert Dr. Alana Bloom und ist sowas wie die gute Seele und die Moral in Person. Sie setzt sich ein und kümmert sich, sie ist vielschichtig und kann eine Löwin sein – hat aber zu wenig Anteil an der Handlung. So ergeht es einigen Frauenfiguren wie auch der Psychiaterin Lecters, Dr. Du Maurier (Gillian Anderson – dass sie gecastet wurde, hat mich auch sehr gefreut!). Man weiß sie könnte das Steuer rumreißen. Sie könnte viel bewegen. Man ahnt, dass sie mehr weiß aber auch das bleibt verborgen. Unter den Frauen war Abigail Hobbs (Kacey Rohl) meine große Hoffnung auf eine mehrdimensionale Rolle, die sich entwickelt und etwas verändert. Hier ist aber alles was ich zu ihr sagen könnte mehr ein Spoiler – lassen wir das also vorerst. Insgesamt ist der Cast sehr sehr gut – für das hohe Niveau der Umsetzung, Visualisierung und Handlung hätte ich mir aber bedeutendere Frauenfiguren gewünscht. Identifikationsfiguren und so.

Die Umsetzung

Am Anfang ist mir besonders die visuelle Umsetzung aufgefallen: die kreativen Köpfe kreieren zum Einen Bilder mit unendlichem Perfektionismus. So zum Beispiel der Kleidungsstil der Personen, der ihren Charakter wiederspiegelt. Das Spiel mit kalten und warmen Farben, dass die Szene unterstreicht oder auch die Wahl der Motive Wald, Jagd, Blut, klinisches Umfeld, Tiere. Sie schaffen es auch Szenen bedrohlich wirken zu lassen, die man nicht zwingend als furchteinflößend wahrnehmend müsste. Zum Anderen lassen sie dem Zuschauer Interpretationsspielraum und regen die Fantasie an. Wenn beispielsweise Hannibal Lecter kocht und man sieht wie er das Fleisch bearbeitet. Anhand des Rotweins, der roten Granatäpfel oder auch der Schauplätze der Verbrechen merkt man: Die Serie ist bis ins kleinste Detail durchgestylt. Hier wird nichts zufällig gezeigt und nichts zufälligerweise nicht gezeigt. Alles hat eine Funktion. Die Verbrechensschauplätze werden nur kurz gezeigt, sind aber so grausam, dass sie nachhaltig schocken.

Die Handlung der Serie springt gekonnt zwischen dem aktuellen Tatort und Hannibals, Wills oder Crawfords ganz eigenen Konflikten. Mal wird das eine oder das andere mehr beleuchtet, stets in einem stimmigen Verhältnis und treibt dabei die Story gut voran. (Mal abgesehen von einigen Ausnahmen, Stichwort: Crawfords Frau, Totempfahl) Erst wenn man ein paar Folgen mehr gesehen hat wird aber deutlich wie gut die Handlung durchdacht ist. Dinge die in Folge 2 oder 3 passiert sind und die man als unbedeutend abgestempelt hat, entwickeln in der letzten Folge plötzlich eine ungeahnte Wichtigkeit und Wirkung. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Besonders stark ist auch das Was-wäre-wenn. Die Dialoge sind nervenaufreibend und voller Andeutungen, die viel der eigenen Interpretation überlassen. Selten ist etwas vorhersehbar und ich würde soweit gehen die inhaltliche Umsetzung als wirklich intelligent zu bezeichnen. Auch Musik hat hier einen besonderen Stellenwert und wird so gekonnt eingesetzt wie ich es schon lange in keiner Serie mehr gesehen habe. Schnell wird deutlich, dass die Umsetzung in dieser Serie mit den prägenden visuellen und akustischen Elementen und der Handlung ein echtes Kunstwerk ist.

Diskussion des Serienfinales (ACHTUNG SPOILER!)

Dass sich die Schlinge um Wills Hals immer weiter zuzieht, wurde ja einige Folgen lang angedeutet. Dass aber Lecter soweit geht Will als Sündenbock hinzustellen und schon seit einer Weile Beweise platziert ist in einem völlig neuen Ausmaß grausam. Dabei ist das leichtsinnige Spiel mit Wills Gesundheit schon bisher eine so himmelschreiende Ungerechtigkeit gewesen, dass man am liebsten immer nur rufen würde „Jetzt helft ihm endlich, verdammt nochmal!“ Zwar hatte ich noch vor einigen Folgen Sympathien für Lecter, zum Schluss fragte ich mich aber nur noch, was aus dem Finden eines Seelenverwandten geworden ist? Warum quält er ihn so? Noch grausamer: Will ahnt lange Zeit nicht einmal, wer die Ursache seines Unglücks ist. Als seine Ahnung sich aber manifestiert, wird das visuell wirklich sehr furchterregend umgesetzt. Anstelle Hannibals sieht er eine mattschwarze Kreatur mit Geweih. Aber es ist zu spät und niemand konnte (Dr. Alana Bloom) oder wollte (im Falle von Jack Crawford) ihm helfen. Währenddessen gibt Hannibal zumindest einen kleinen Einblick in seine Gedanken: all das Leiden Wills war für ihn ein aus Neugier begangenes Experiment. Ich hoffe und glaube immer noch, dass dahinter mehr steckt. Wie auch immer: Will wird der Morde bezichtigt und landet an dem Ort, vor dem er sich am meisten fürchtete. Eine erzählerische Meisterleistung, da der Zuschauer im Hinterkopf hat, dass diese Sendung damit enden muss, dass Will Hannibal hinter Gittern bringt. Stattdessen tritt erstmal das Gegenteil ein.

Für mich war aber einer der interessantesten Aspekte der Charakterzeichnung die Sympathie mit dem Teufel. Das möchte ich unbedingt wieder sehen. War das wirklich alles nur Neugier, die Hannibal angetrieben hat? Oder hält er sich seinen Profiler-Kumpel lieber pflegeleicht? In einer Irrenanstalt, in der ihm niemand glaubt? Der Gedanke, dass er einen Freund finden könnte war so oder so schwierig. Früher oder später würde das für ihn schlecht ausgehen. Jetzt hat er sich einen Freund gefangen. Irgendwie kann ich auch nicht so ganz den Gedanken beiseite schieben, dass Abigail eines Tages quicklebendig auftaucht. Nur eben ohne Ohr. Sehr unwahrscheinlich … aber was wäre das für ein Twist.

Wie geht es weiter? Will hat einen Verdacht und nichts mehr zu verlieren. Rekonstruiert er das Geschehen? Mit Sicherheit. Ich denke, dass zumindest Alana Blooms Gefühle und Vertrauen stark genug sein werden, um trotzdem der Theorie zu folgen. Außerdem verspreche ich mir von Bedelia Du Maurier noch eine ganze Menge für die zweite Staffel.

(ENDE SPOILER!)

Kritikerlob, Fannibals und Zittern

Die Serie leidete in den USA unter schwachen Einschaltquoten und lange mussten Fans befürchten, dass die Serie nicht für eine zweite Staffel verlängert würde. Zumindest ließ man sich sehr lange mit der Entscheidung Zeit. Die Kritiker sind sich allerdings einig, dass Hannibal eine herausragende Serie ist. Kein Wunder … die Folgen wirken jeweils noch eine Weile nach. Die Fans die die Serie hat sind nebenbei gesagt sehr treu und nennen sich Fannibals.

Irgendwann hatte das Zittern aber ein Ende und es wurde bekannt, dass die Serie eine 2. Staffel erhält. Bloß gut. Wie man dem sehr langen Artikel entnehmen kann, bin ich nämlich beträchtlich angefixt. Bereits jetzt sind die spärlichen Nachrichten über die zweite Staffel sehr interessant, so könnte David Bowie zum Cast stoßen. In Deutschland hat man sich tatsächlich schon die Rechte gesichert – allem Anschein nach können wir die 1. Staffel auf Sat.1 bewundern. Fragt sich nur wie lange das dauert und wieviel geschnitten wird.

Mein Fazit

Hannibal ist eine Serie die den Zuschauer genauso wie die Charaktere ein bischen durch die Hölle schickt. Da sei die Wende der Handlung gegen Ende zu nennen, in der Wills geistige Gesundheit mehr und mehr fraglich ist. Aber auch die sehr grausamen Tatorte sind nichts für zart besaitete. Selbst bei den harmlosesten Dingen wie dem Zubereiten oder Servieren von Mahlzeiten durch Dr. Lecter muss man sich fragen, was er dort kredenzt (wenn man es nicht sowieso weiß). Diejenigen, die das alles abkönnen erwartet aber eine intelligente unvorhersehbare Handlung mit sehr gutem Cast und beeindruckenden visuals. Anfangs brauch man vielleicht etwas Ausdauer aber spätestens ab der Mitte der Serie wird das Tempo und Ausmaß des Gesehen stark. ‚Nervenkitzel‘ wird hier zu einer Kunstform. Bitte mehr.

 

(10/10)

Sternchen-10