Neulich im Kino … Reviews zu „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ und „The Wolf of Wall Street“

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WOW – das Kinojahr 2014 fängt gut an! Kann das bitte so weiter gehen? ‚Walter Mitty‘ ist wohl das Feelgood-Movie schlechthin. ‚The Wolf of Wall Street‘ hingegen ist kontrovers und bringt den Zuschauer in Konflikt – offenbar auch die Presse.

„DAS ERSTAUNLICHE LEBEN DES WALTER MITTY Trailer Deutsch German | 2014 Official Ben Stiller [HD]“, by KinoCheck (Youtube)

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Worum gehts?

Walter Mitty (Ben Stiller) ist unauffällig, ruhig und zurückgezogen. Er hat Aussetzer, in denen sein Blick in die Ferne schweift und er Abenteuer erlebt. Dann ist er verwegen. In seinen Tagträumen traut er sich die Frau anzusprechen in die er verliebt ist – Cheryl (Kristen Wiig). Er kontert miesen Typen mit markigen Sprüchen – im echten Leben ist daran gar nicht zu denken. Manchmal wirkt er überfordert im Umgang mit den Menschen und läßt sich klein machen, obwohl er das nicht nötig hätte. Seiner Arbeit im Negativ-Archiv des renomierten Life-Magazine geht er stets gewissenhaft nach. Dann wird aber pötzlich die Migration des Unternehmens zu einem Online-Magazin bekannt gegeben. Viele Stellen werden gestrichen – und es soll nur noch eine einzige Printausgabe erscheinen. Für das Titelbild läßt der bekannte Fotograf Sean O’Connell (Sean Penn) Walter exklusiv ein ganz besonderes Bild zukommen, das die ‚Quintessenz des Lebens‘ zeigen soll. Aber ausgerechnet dieses Negativ fehlt. Walter verläßt die heimische Komfortzone und reist O’Connell hinterher, um das Foto zu beschaffen – und eine unglaubliche und bildgewaltige Reise beginnt.

Hintergrund

Der Film basiert sehr lohse auf James Thurbers Kurzgeschichte ‚The Secret Life of Walter Mitty‘ aus dem Jahr 1939. In einer ersten Filmadaption aus dem Jahr 1947 hat man sich aber von der urpsprünglichen Handlung bereits wegbewegt. In der literarischen Vorlage ist Mitty ein Tagträumer und bleibt auch einer. In den Filmen traut man ihm mehr und mehr zu. Am meisten aber wahrscheinlich in der Verfilmung aus dem Jahr 2012 mit Ben Stiller. Von echten Remakes kann kaum die Rede sein. Der Weg bis dahin war aber äußerst steinig. Seit 1994 gab es Bestrebungen eine erneute Verfilmung zu machen und unterschiedliche große Namen wurden mit dem Projekt betreut. So hieß es zwischendurch mal, dass Jim Carrey den Walter verkörpern würde und auch, dass Ron Howard Regie führen würde. Die Rechte für die Verfilmung sind zwischen den Studios und Produzenten hin- und hergewandert bis dann 2011 feststand, dass Ben Stiller die Hauptrolle spielen wird. Nebenbei gesagt finde ich es ein bisschen auffällig, dass mindestens zwei Comedy-Größen hier in ernsten Rollen zu sehen sind: Ben Stiller und Kristen Wiig. Und die machen das gut. 🙂

Fazit

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty hat eine einfache Grundprämisse und sicherlich auch hier und da einige Logiklücken. Manchmal fragt man sich warum Walter nicht anders gehandelt hat aber ehrlich gesagt: angesichts der warmherzigen Story, der großartigen Charaktere und Bildgewalt gerät das absolut in den Hintergrund. Walter nimmt uns mit auf eine fantastische Reise und stellt sich so vielen ungemütlichen, gefährlichen oder atemberaubenden Situationen, dass man vollständig ergriffen zusieht wie er aus sich herausgeht , sich befreit, aber nicht aufhört er zu sein. Wenn er mit dem Skateboard durch schier unendliche Weiten rollt, erkennt man wie er den Alltag in seiner dunklen Kammer hinter sich läßt und wieder ein bisschen mehr von der Unbeschwertheit des Teenager-Walter zuläßt. Er ist nicht mehr überfordert von den Unangenehmheiten des Alltags und er muss sich nicht mehr klein machen lassen. Dabei bleibt der Film seiner Idee und Aussage bis zum Schluss treu. Selbst als Walter bereit ist auch mal das Wort zu ergreifen, ist er noch er selbst und findet ruhige aber treffsichere Worte. Dabei hätte der Film in anderen Bahnen verlaufen können. Er könnte sich im Laufe der Zeit zu einem Macho entwickeln – Gott sei Dank hat man auf solche seltsamen Wendungen verzichtet. Der Film hätte eine schräge Komödie sein können wie Walters Tagträume am Anfang beweisen. Aber er ist es nicht. Ein durch und durch positiver Film, der einen mit einem richtig guten und befreienden Gefühl aus dem Kino entläßt. Oder war am Ende alles nur geträumt? 😉 Ein wirklich sehr sehenswerter Film, der dazu aufruft sich was zu trauen, auch wenn man nicht gleich mit Haien kämpft. (Und ich bin so froh, dass aus dem Foto kein MacGuffin wurde 🙂 )

(10/10)

Sternchen-10

The Wolf of Wall Street

Worum gehts?

The Wolf of Wall Street – das ist der Beiname, den der Anlageberater Jordan Belfort (durch Leonardo DiCaprio verkörpert) dem Forbes Magazine zu verdanken hat. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und wurde dank des Black Monday zu Beginn seiner Karriere als Börsenmakler erstmal arbeitslos, entwickelt sich aber Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre zu einem Millionär, Blender, glühendem Redner und vor Allem zu einem skrupellosen Betrüger. Ihm wurde schnell egal was er unter die Leute bringt und ob er die Privatanleger ruiniert – reich werden, das wollte er. Er wisse einfach besser wie man das ihr Geld ausgibt – so spricht er über die Anleger, denen er den allerletzten Müll aufschwatzt unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Es ist dreist, was er den Leuten für Lügen aufbindet und das auch noch zelebriert. Er schart sein Wolfsrudel um sich und bringt ihnen alle seine Tricks bei. Angefangen mit Donnie Azoff (Jonah Hill), der nach der Sichtung von Jordans Gehaltscheck ebenso egal ist wie das Geld verdient wurde und bereitwillig alles mitmacht. Bald schon füllt sein Unternehmen Stratton Oakmont nicht mehr eine alte, schmuddelige Garage, sondern Etagen. 1000 Anlageberater betrügen nach seinem Vorbild. Die Siege werden gefeiert wie es wahrscheinlich nicht einmal Rockstars tun: Kapellen marschieren ein, Scharen von Prostituierten werden eingeladen, Orgien werden gefeiert. Belfort selber ist drogen- und sexsüchtig und komplettiert das Bild des aalglatten Tycoons. Aber das FBI, allen voran Agent Denham (Kyle Chandler), ermittelt bereits gegen ihn.

Hintergrund

Martin Scorsese ist bekannt als Regiesseur von gefeierten Filmen wie Shutter Island, Wie ein wilder Stier, Taxi Driver und Hugo Cabret und fühlt sich scheinbar in einigen Genres zuhause. Er fabriziert Meisterwerke – und sein neuestes basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jordan Belfort. Ja, richtig – es gibt den Typ wirklich. Der selbstgekührte Anführer des Spekulanten-Rudels hat aber scheinbar einiges ausgeschmückt wie die FAZ jüngst berichtete. (Danke an Shexbeer für den Link!) Darunter scheinbar sogar den Umstand, dass er als The Wolf of Wall Street bezeichnet wurde. Man fragt sich, ob die Schilderungen von Orgien und Drogenexzessen ebenfalls ausgedacht sind? Wer im Kino gut aufpasst sieht den Jordan Belfort höchstpersönlich bei einem Cameo als Moderator gegen Ende des Films – interessant platziert.

Portraitiert wird Belfort durch Leonardo DiCaprio, den ich noch nie witziger erlebt habe. Ob er genauso angestrengt darauf wartet, mal einen Oscar zu bekommen, statt immer nur nominiert zu werden? Filmfans tun es jedenfalls. Und ich sage: er hätte es verdient. Auch interessant: Jean Dujardin tritt ebenfalls im Film auf und schüttelt Leo die Hand. Ein Schauspieler, den die meisten Amerikaner noch nie in einem Film gesehen haben, der den Oscar aber schon in der Tasche hat. Achtet mal auf die Szenen mit den Beiden – es ist köstlich.

Fazit

The Wolf of Wall Street ist ein bitterböser Film – so bitter, dass ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich so viel gelacht habe. So viel. War Leonardo DiCaprio schon immer so lustig? Aber es ist nur dann böse, wenn man zwischen den Zeilen liest und seinen Verstand einschaltet. Ich bin mal so frech und behaupte, dass ein Teil der Besucher des Films diesen nur wegen der Orgien anschauen werden und am Ende noch zelebrieren wie Belfort mit verdammt nochmal (fast) jedem Mist durchkommt. Von allen Filmen die ich jemals gesehen habe, ist es wahrscheinlich der in dem – mit Abstand – die meisten Titten zu sehen waren. Und das macht mich nicht glücklich. Das Rockstar-Leben wird über eine lange Strecke gezeigt, die Ermittlungen des FBI nur am Rande immer mal wieder thematisiert. Kein Wunder, dass hier der Eindruck entstand, dass Scorsese die Betrügerei und Geldwäsche Belforts verherrlichen und feiern würde. Seitens der Academy und zahlreicher anderer Quellen wurde herbe Kritik geäußert, über die sich der Meister auch äußerte. Von der Academy hätte ich mir aber auch mehr Interpretations-Vermögen erwartet… schon mal das Wort provozieren gehört?

Es ist ein höchst kontroverser Film, der leicht missverstanden werden kann, weil er den Zuschauer nebenbei auch zum Lachen bringt. Wenn Belfort schlimme Unfälle durchsteht, auf Menschen aufs Übelste rumtrampelt und sie erniedrigt und mit teilweise dumm-dreisteren, manchmal auch cleveren Methoden seine Millionen verteidigt – dann fragt man sich was in dieser Welt eigentlich schief läuft, wenn das wirklich so passiert sein soll? Dann aber sieht man wie es für ihn bergab geht. Oder man erfährt wie er einer Angestellten aus der Klemme hilft und ihr statt dem erhofften Vorschuss den fünffachen Betrag zahlt. Schwierig. Man sieht all den Mist, den Belfort und seine Kollegen verzapfen. Die Drogen – verdammt, die sind doch nicht mal eine Stunde am Tag bei Bewusstsein und klarem Verstand, oder? Und dann bringt uns Scorsese so hart zum Lachen. Schwierig. Der gute FBI-Agent, der als er zum Schluss in der U-Bahn sitzt vielleicht doch über Reichtum nachdenkt? Schwierig. Der Film tut ein bisschen weh. Sicherlich hätte Scorsese eine klarere Positionen beziehen können. Beispielsweise ein Drama daraus machen. Aber er hat es nicht getan. Er hält die Waage zwischen Wahnwitz und Kritik. Er läßt uns selber entscheiden und das gelingt, trotz all der krassen Bilder und Szenen die der Film zeigt. Gelingt nicht jedem. Trotzdem ein Punkt Abzug, weil die Partys so hart gefeiert werden, dass der Absturz zu wenig Zeit spendiert bekommt. Und jetzt gebt Leo endlich den Oscar.

(9/10)

Sternchen-9

Habt ihr einen der Beiden Filme bereits gesehen und wie fandet ihr sie? Könnt ihr die Kontroverse um TWOWS nachvollziehen oder findet ihr das zu überspannt? Kennt ihr eine der literarischen Vorlagen? Und was mich auch noch brennend interessiert: hat euch vor Erscheinen des Films der Name Jordan Belfort etwas gesagt oder kanntet ihr ihn nicht?