„Hannibal“ Season 3 Review

Posted by in Review, Serienlandschaft

In letzter Zeit gab es hier im Blog eigentlich nur Serien-Kurzreviews, aber meine Lieblingsserie bekommt natürlich einen ausführlichen Artikel. Selbstverständlich spoilerfrei für Staffel 3. Falls ihr Staffel 2 und 1 noch nicht gesehen habt, solltet ihr nicht weiterlesen – erklärt sich von selbst. Da mein Diskussionsbedarf erwartungsgemäß groß ist, folgt morgen aber auch noch ein nicht spoilerfreier Diskussions-Artikel.

Worum gehts?

Die dritte Staffel von Bryan Fullers blutigem Horror-Soziopathen-Märchen fängt exakt dort an, wo die letzte Staffel aufgehört hat: mit dem Verbleib des flüchtenden, veschworenen Pärchens Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und Bedelia DuMaurier (Gillian Anderson). Die finden sich in Florenz wieder, wo beide die Identität des Ehepaars Fell angenommen haben. Selbsterklärend, dass das echte Paar Hannibals Opfer wurde, der sich nun als Dr. Fell um eine Stelle als Kurator bemüht, während Bedelia seine ebenso kultivierte Frau mimt. Aber die beiden sind nicht wirklich Bonnie und Clyde – Bedelias und Hannibals Vergangenheit hat zwischen beiden ein Band aus Mitwisserschaft und Manipulation geknüpft und sie kann sich keinesfalls sicher sein, dass Hannibal sie nicht jederzeit töten könnte. Ganz im Gegenteil. Er füttert sie quasi mit Absichten. Erst nach und nach offenbart sich, was aus Will (Hugh Dancy), Alana (Caroline Dhavernas), Abigail (Kacie Roll) und Jack (Laurence Fishburne) geworden ist. Und Will ist bereits auf Hannibals Spuren, wagt einen Schritt in Hannibals Vergangenheit und wird sich letztendlich hannibal the cannibal stellen. Dabei steht immer die Frage im Raum, ob er damals an diesem blutigen Abend geplant hatte mit Hannibal zu flüchten oder ihn zu hintergehen?

Hintergrund

Aus der Inhaltsangabe erschließt sich bereits, dass die Staffel den Handlungsbogen des Buches Hannibal von Thomas Harris abdeckt, nur dass hier Jack und Will Hannibal folgen. Hinzu kommen Informationen über seine Vergangenheit, die an Hannibal Rising angelehnt sind. Wer die Trailer gesehen hat, für die ist es keine Überraschung: auch der schon zweifach verfilmte Roman Roter Drache wird Thema der Staffel. Genauer gesagt des zweiten Teils der Staffel. Wer die Bücher/Filme kennt und kombiniert, weiß daher, dass das wahrscheinlich bedeutet, dass Hannibal zwischen den beiden Handlungssträngen geschnappt wird.

Da hat Bryan Fuller ziemlich zugelegt und der anfangs auf 6 Staffeln angelegten Serie einen Zeitraffer verpasst. Es liegt denke ich nahe, dass die zweigeteilte Staffel eigentlich auf zwei Staffeln ausgedehnt werden sollte. In einem Interview hat Bryan Fuller bestätigt, dass er vor Beginn der Arbeit an der 3. Staffel wusste, dass es die letzte sein würde. Und ich nehme dem Fazit schon Mal vorweg: das merkt man, denn sie hat einen Abschluss, der in vielerlei Hinsicht Sinn macht. Nur wenige Episoden nach Beginn der Staffel wurde bekannt gegeben, dass es die letzte Staffel bei NBC sein werde. Ob ein anderer Interessent die Serie übernehmen wird, steht bis heute in den Sternen. Zwischenzeitlich rechneten alle stark mit Amazon oder Netflix, wobei ersteres wahrscheinlicher gewesen wäre. Aber bis dato ist nichts zu stande gekommen. Amazon hat dazu auch Stellung genommen. Nach neusten Informationen denken die Schirmherren der Serie über einen Film nach und ein evtl. Kickstarter-Projekt. Meine Enttäuschung könnte trotzdem kaum größer sein. Serien mit soviel weniger Handlung, Sinn und Verstand werden verlängert und verlängert, aber diese wertvolle Serie wird abgesetzt. Unfair.

Fazit

Rein visuell ist die dritte Staffel wahrscheinlich am beeindruckensten. Hannibal lebt in seiner Identität als Dr. Fell seine Liebe zu Kunst und Genuss in vollen Zügen aus. Ob eine elegante, sinnliche Tanzeinlage mit Bedelia oder ein Dinner oder alleine die Inneneinrichtung ihres Domizils: alles schäumt nur so vor Dekadenz. Aber die Serie feiert nicht einfach nur die Möglichkeiten der neuen Situation, sondern entwickelt. Hannibal entpuppt sich und agiert das erste Mal im Beisein anderer (Bedelia) wie es ihm gefällt und wie er wirklich ist. Er hat seinen Mansuit, seinen Schein abgelegt und seine Aktionen sind tatsächlich kaltblütig und riskant. Ich meine außerdem darin eine Art Kaltschnäuzigkeit zu sehen, die aus der Enttäuschung entstand, dass Will und Abigail nicht mit ihm gegangen sind. Und jetzt tut er was er will – mit wesentlich weniger Vorsicht und Kalkulation. Und wenn man diesem Lecter das erste Mal begegnet, ist das wirklich unheimlich. Die Beziehung zwischen Bedelia und Hannibal gibt einem zu denken und wirkt schwer greifbar. Es ist Auslegungssache, aber mir erscheint Bedelia mehr wie eine Frau, die keinen Ausweg sieht und an der Klippe tanzt und sich jeden Tag fragen muss: wir das mein letzter sein? Bin ich es, die als nächstes gezwungen wird ein Körperteil von mir selbst zu essen so wie es Dr. Gideon erging? Als sich der Fokus der Handlung verschiebt und man die Überlebenden des Massakers der zweiten Staffel sieht, ist klar: das hat alle verändert. Allen voran Will, der in seiner eisigen Gelassenheit einen Punkt scheinbar überschritten hat. Den Punkt der Verwirrung, nicht zu wissen was er will und wo die Reise für ihn hingeht. Hannibal war in seinem Kopf, er war hin- und hergerissen, ob er zu Hannibals fröhlicher Familie gehören will oder ob er sich an ihm rächen will. Ich denke: in Staffel 3 will er ihn nur fangen. Aber so manches Geständnis in Staffel 3 gibt einem mächtig zu denken. Auch in Hinblick auf die letzten beiden Staffeln. Auch Alana haben die Geschehnisse verändert, was sich in jeglicher Hinsicht deutlich macht. In punkto weibliche Rollen hat die Serie zugelegt und gibt ein besseres Statement ab als die vergangenen.

Den Hannibal-Handlungsbogen empfinde ich trotzdem schwächer als den von Roter Drache umgesetzt. Weniger den Verger-Teil, aber mehr die Einführung des Rinaldo Pazzi (Fortunato Cerlino). Die Serie macht an der Stelle einen Rückschritt hin zu langwierigen nebulösen Dialogen und man kann Pazzi wenig abgewinnen, weiß zu wenig über seinen Charakter, um etwas zu empfinden bei dem was mit ihm geschieht. Auch das Einbetten von Hannibal Rising empfinde ich nicht besonders gelungen. Es wird vorausgesetzt, dass der Zuschauer weiß was Hannibals Trauma ausgelöst hat und was in seiner Kindheit geschah. Wenn man es nicht weiß und hier so mal nebenbei erfährt, dürfte man ungefähr tausend Fragen haben. Das finde ich nicht besonders schlau, wurde doch in allen anderen Aspekten der Handlung übergenau gearbeitet und alles bis ins kleinste beleuchtet. Und ausgerechnet jetzt gibt man sich nebulös? Darunter leidet auch der Handlungsstrang um Chiyoh (Tao Okamoto) – man tut sich schwer damit ihre Aufgabe zu fassen und zu verstehen was sie will. Dadurch wirken sie und Pazzi mehr wie ein Mittel zum Zweck, ein plötzlicher Helfer, denn als eine vollwertige Figur. Und wenn wir gerade am Meckern sind: die Verletzungen, die sich alle Beteiligten während Staffel 2 und 3 zuziehen, sind schon gewaltig. Aber offensichtlich nicht tödlich – das ist einen Hauch unglaubwürdig. (Mir aber ehrlich gesagt egal.)

Aber das ist Meckern auf sehr sehr hohem Niveau. Die zweite Hälfte der Staffel entwickelt durch Richard Armitage in der Figur des Francis Dolarhyde aka Die Zahnfee aka The Great Red Dragon und Rutina Wesley als Reba McClare nochmal eine ganz besondere Sogwirkung und weckt Erinnerungen an Das Schweigen der Lämmer, da das Machtgefüge ein anderes ist. Aber auch bei Dolarhyde fehlt mir ein wenig das Warum. Lediglich in einer Szene wird klar, worin sein Trauma wurzelt. Das ist mir zu wenig, vergeht aber angesichts der starken Inszenierung. Die zweite Hälfte setzt allem was wir bisher gesehen haben nochmal eins drauf – undzwar mit Ausrufezeichen und mündet in einem Staffelfinale, das auch als Serienfinale dienen kann. Wer schafft es ein Ende zu konstruieren, dass sowohl ein befriedigender Abschluss ist, als auch eine Hintertür für eine Fortsetzung offen lässt? Sie haben es geschafft. An dieser Aufgabe sind viele gute Serien gescheitert und wir können Bryan Fuller nur für diese starke und eindrucksvolle zweite Hälfte und das Finale der Serie danken. Ich habe den Song Love Crime aus dem Finale immer noch im Ohr und muss tief seufzen bei dem gesehenen. Für Fannibals gibt es aber auch mächtig Futter, wenn in der zweiten Hälfte die Anatomie von Hannibals und Wills zerstörerischer Beziehung analysiert wird. Ich könnte nach einem etwas nörgeligen Start kaum zufriedener mit dem Ausgang der Serie sein. Als ich die Review zu Staffel 2 geschrieben habe, wünschte ich mir, dass ich der ersten Staffel 9/10 statt 10/10 Punkte gegeben hätte, weil ich heute den Start der Serie als zu gediegen erachte. Rückblickend hat Staffel 2 immer noch die 10/10 verdient – und Staffel 3 die 11/10. Vielleicht weil das Finale noch nachhallt. Aber in jedem Fall ist es wie ein blutiges Geschenk, für das man dankbar sein kann. Höllisch gute Serie. Und leider gibts auf meiner Skala keine 11. Deswegen …

(10/10)

Sternchen-10

Was habt ihr euch von der dritten Staffel erwartet? Wie hat sie euch gefallen? Ist eure Enttäuschung über das Ende der Serie auch so groß? Denkt ihr, dass noch Hoffnung besteht? Ich habe hier und da beobachtet, dass viele die dritte Staffel nicht weiterverfolgen, nicht richtig Lust haben … ist das nun zurückzuführen auf die Probleme der ersten Hälfte? Oder auf die Enttäuschung über das Ende der Serie so nach dem Motto „Wozu noch weitergucken?“ Vielleicht haben viele auch auf Clarice und das Schweigen der Lämmer gehofft, was schon alleine deswegen nicht so schnell kommen konnte, weil die Rechte noch beibehalten wurden und Fuller die Figuren bislang nicht verwenden durfte. Wie seht ihr das?

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