National Theatre Live: Hamlet (2015)

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Meine Wehmut war groß, dass in meiner näheren Umgebung nie eine Aufführung aus der Reihe National Theatre (NT) Live im Kino ausgestrahlt wurde. Bitter blickte ich nach links und rechts zu den Glücklichen, die beispielsweise Danny Boyles ‚Frankenstein‘ sehen durften, in welcher Fassung auch immer. Die Ausstattung der NT Live Aufführungen haben mich immer mindestens so neugierig gemacht wie die namhaften Darsteller, von denen man einige nur aus großen Filmblockbustern kennt. Aber die mal ‚live‘ in einem Bühnenstück mit bestem Blick zu sehen, das lockt mich schon sehr. Aber jetzt war es endlich soweit – am 15. Oktober 2015 lief Hamlet. Auch in meiner Stadt. Und mit Aussicht auf Benedict Cumberbatch in der Rolle der Titelfigur – ein weiteres richtig gutes Argument.

Hamlet

William Shakespeares Bühnenstück handelt vom Prinz von Dänemark, Hamlet, der noch um seinen kürzlich verstorbenen Vater trauert. Seine Mutter hindert es nicht den Bruder des Königs, Hamlets Onkel, zu heiraten. Nur zwei Monate nach dem Tod des Ehemanns. Der König ist tot, lang lebe der König. Hamlet nimmt das bitter auf, kommt darüber nicht hinweg. Seine Vertrauten teilen ihm eines Tages mit, dass ein Geist sein Unwesen im Königreich treibt und sie erkennen darin Hamlets Vater. Als er sich dem Geist stellt, erzählt ihm dieser, dass er heimtückisch von seinem eigenen Bruder umgebracht wurde. Der Geist will, dass Hamlet Rache nimmt. Und das tut er. Something is rotten in the state of denmark.

Hamlet, Shakespeare und ich

Ich bin kein Shakespeare-Mensch. Schimpft mich einen Kostverächter, aber es ist so. Die Geschichten um Könige und zerstrittene Familien haben mich meistens weniger berührt, als die von Menschen wie du und ich, die ohne silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen sind. Hier und da verirre ich mich in das Genre, bin aber meistens Kritiker des Adels. Da sich Shakespeares Dramen und Tragödien meistens um die Befindlichkeiten der von Geburt an Privilegierten drehen, erschienen mir die Inhalte meist künstlich. Selbst das hochgelobte Romeo und Julia, die ja bekanntlich Opfer ihrer Abstammung sind, berühren mich weitaus weniger als andere Geschichten. So oder so halte ich Shakespeare für einen großartigen Dramatiker, aber es ist nicht mein Stoff, wenn ich es lesen soll. Das ist der zweite Punkt: Dramatik lesen. Ich habe noch nie verstanden, warum man in der Schule Romeo und Julia, Hamlet, Iphigenie auf Tauris, Antigone oder Nathan der Weise liest ohne es sich hinterher auf der Bühne anzusehen oder selber zu spielen. Natürlich sind das Geschichten, die mal auf den Lehrplan kommen, um den Sinn dafür zu schärfen wie frühere Wertvorstellungen waren, wie das klassische aristotelische Drama aufgebaut ist oder eben auch um einfach mit der altertümlichen Sprache umgehen zu lernen. Aber das ewige Lesen der Stücke ist fast so als ob man Socken statt Handschuhen trägt. Sinnlos. Man muss es auf der Bühne sehen, denn es ist ein Bühnenwerk. Alternativ sollte man es selber spielen und vorher von einem begabten Lehrer erklärt bekommen, was das Ding des Werks ist, worum es hier geht, was der Knackpunkt ist. Sofort erinnere ich mich an die Lehrer aus Der Mann ohne Gesicht und Der Club der toten Dichter, die sich voll reinknien und ihren Schülern zu verstehen geben, was die Tragödie sagen will. Dramatik wie aus der Feder von Shakespeare wurde aufgeschrieben als Drehbuch für ein Bühnenwerk, wenn man so will. Wer spricht wann was. Da liest man keine Erklärung raus, kein Innenleben der Charaktere, manchmal nicht mal den Konflikt – das Büchlein alleine hat für mich nie Sinn gemacht. Deswegen war mir klar: wenn Hamlet, dann auf der Bühne. Da ich nicht wusste wie gut ich das altertümliche Englisch verstehen würde, kam ich aber letztendlich doch nicht drumrum mir Hamlet vorher in textueller Form zuzuführen. Just in time habe ich es dann also doch lesen müssen. Und ich denke, dass das dem Verständnis ganz zuträglich war, halte es aber nur für ein Muss, wenn man sich das Ganze eben in einer anderen Sprache anschaut. Wundert euch also nicht, wenn meine Begeisterung eher gedämpft ist, wenn ich das Buch besprechen sollte.

Fazit

Lyndsey Turners Inszenierung von Hamlet hat mein Verständnis für die Figuren und die Geschichte erst richtig geschärft, mehr als das reine Lesen des shakespearschen Stoffes. Die Handlung wurde in einen zeitlosen, eher modernen Kontext verlegt. So tragen die Figuren schicke Dreiteiler, Jackets oder Wetterjacken und Uniformen, die mal eher altertümlich wirken, mal sehr modern und stilisiert. Die Handlung spielt sich in ein und derselben Kulisse ab: einem klassizistischen Saal, der wahlweise Hamlets Stube ist, das Gemach der Königin, Polonius‘ Haus oder ein Friedhof. Das Umbauen der Szenen passiert durch alle Darsteller und Helfer und wird teilweise mit inszeniert und eingebunden, sodass es auffällt und einen aus dem Geschehen reißt, gleichzeitig aber neugierig macht was da kommen möge. Mit der Kulisse wird nicht zaghaft umgegangen: da werden Berge von Dreck aufgeschüttet oder eben auch mal ein Sturm durch die Szene gejagt, eine Hochzeit gefeiert mit viel Kerzen und zarten Blumen, vor düsterem Hintergrund. Die Musik, die aus dem verlorenen Ticken einer unsichtbaren Uhr (zählt sie runter bis zum bitteren Ende?), der traurigen Klaviermusik und Überleitungen mit ein wenig industrial-Einschlag besteht, hat mich sehr gepackt. Die Namen der kreativen Köpfe Es Devlin (Set), Jon Hopkins (Musik), Christopher Shutt (Sound Design), Sidi Larbi Cherkaoui (Movement) und Kollegen werde ich daher nicht so schnell vergessen. Das in sich geschlossene und ausgereifte Gesamtkunstwerk der Inszenierung hat mich schwer beeindruckt und ich habe im Theater nie etwas vergleichbar vollkommenes gesehen.

Dasselbe gilt für die Darsteller, deren Spiel das düstere, trockene Thema sichtlich aufgelockert hat. Benedict Cumberbatch zeigt als Hamlet alles auf der Palette an Emotionen. Bitter-enttäuscht am Anfang, zu Tode erschreckt, am Leben zweifelnd und verzweifelnd, Pläne schmiedend, albern und wirr, verzweifelt, wütend, rasend. Allgemein habe ich viele Figuren sehr viel positiver wahrgenommen als während des Lesens. Bevor ich das Stück sah, gab es für mich keinen sympathischen Charakter. Niemand mit dem ich mitgefiebert hätte, nicht einmal Hamlet. Die Charaktere wirkten mir alle fremd und fern. Durch das Stück habe ich Polonius (ernstzunehmend und humorig gleichzeitig gespielt von Jim Norton), Horatio (cool, zerstreut und irgendwie elektrisiert: Leo Bill), Ophelia (viel zerbrechlicher und zarter als ich im Buch herauslas: Sian Brooke), Laertes (stark, Gerechtigkeit suchend und verzweifelt: Kobna Holdbrook-Smith) und Rosenkranz (witzig: Matthew Steer) erst schätzen gelernt – ebenso wie Hamlet. Die Inszenierung lockert auf, was ich rein vom Lesen als staubtrocken empfand. Deswegen sage ich: auf der Bühne schauen, nicht stundenlang drin rumlesen. Manchmal sind die Wechsel der Stimmung mir aber schon fast zu dramatisch, gleiten aber nie ins alberne ab. Die Live-Übertragung hat technisch einwandfrei funktioniert. Es gab keine Unterbrechungen, außer dass mal für 2 Sekunden der Ton fehlte oder es mal etwas knackte. Durch die Aufnahme und geschickte Kamerapositionierung waren wir ganz dicht dabei und hatten gefühlt bessere Plätze als wenn wir mit den Londonern im Saal gesessen hätten. Zu Beginn gab es als Vorgeschmack eine kleine Begrüßung zur Live-Schalte, einen kleinen Vorspann, ein kurzes Interview mit Benedict Cumberbatch über das Spielen von Hamlet und einige andere Boni. Zum Ende hin hat der Cumberbatch nochmal ein Gedicht zum besten gegeben und aufgefordert für save the children zu spenden. Wir konnten ihnen allen nicht direkt applaudieren – leider. Denn: das war ein richtig großartiges Erlebnis. Für die 200 Minuten-Veranstaltung sollte man sehr ausgeschlafen sein, aber ich kann es sehr empfehlen sich so eine Übertragung zu leisten. So kann man Hamlet schauen!

Cast

Danish Soldier / Norwegian Soldier: Barry Aird
Captain / Servant: Eddie Arnold
Horatio: Leo Bill
Ophelia: Sian Brooke
Cornelius: Nigel Carrington
Player King: Ruairi Conaghan
Hamlet: Benedict Cumberbatch
Guildenstern: Rudi Dharmalingam
Priest / Messenger: Colin Haigh
Fencing Official: Paul Ham
Player Queen / Messenger: Diveen Henry
Gertrude: Anastasia Hille
Claudius: Ciarán Hinds
Laertes: Kobna Holdbrook-Smith
Ghost / Gravedigger: Karl Johnson
Polonius: Jim Norton
Stage Manager / Official: Amaka Okafor
Barnardo: Dan Parr
Courtier: Jan Sheperd
Voltemand: Morag Siller
Rosencrantz: Matthew Steer
Fortinbras: Sergo Vares
Marcellus: Dwane Walcott

Creative

Director: Lyndsey Turner
Set Design: Es Devlin
Costume Design: Katrina Lindsay
Video Design: Luke Halls
Lighting Design: Jane Cox
Music: Jon Hopkins
Sound Design: Christopher Shutt
Movement: Sidi Larbi Cherkaoui

Source: hamlet-barbican.com/cast-creative/

Habt ihr schon Mal eine Opfer oder ein Theaterstück im Kino live sehen dürfen? Was war es? Und wie war es? Oder habt ihr sogar Hamlet (2015) gesehen? Wie steht ihr zur Lektüre von Dramatik? Konntet ihr den Stoffen zur Schulzeit eigentlich viel abgewinnen?

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