Wir lesen … „Wer die Nachtigall stört“ #ToReadAMockingbird (II)

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Wir – das sind Kathrin von phantásienreisen.de und ich. Wir lesen gemeinsam Harper Lees ‚To Kill A Mockingbird‘, bzw. ‚Wer die Nachtigall stört‘ – so der deutsche Titel. Da wir beide das Buch lesen wollten und sogar noch dieselbe Ausgabe haben, lag der Gedanke nahe daraus eine kleine Aktion zu machen. Außerdem fand ich frühere Gemeinsam-Lesen-Aktionen von Kathrin klasse. 😀 Inzwischen hat jeder von uns schon Mal ein Fazit zu den ersten 100 Seiten gezogen. Die bisherigen Rückschauen findet ihr am Ende des Artikels verlinkt. Unter #ToReadAMockingbird könnt ihr auf Twitter unsere Gedanken mitverfolgen. Mein Artikel heute ist mein letztes Zwischenfazit, bis ich in ein paar Tagen mit einer Review abschließe. Um die geneigte Leserschaft nochmal kurz ‚abzuholen‘: in ‚To Kill A Mockingbird‘ geht es um die Südstaaten-Familie Finch in den 1930ern. Die burschikose kleine Scout und ihr größerer Bruder Jem wachsen bei ihrem Vater Atticus auf. Der ist Anwalt und hat ein feines Gespür für Moral, Recht und Unrecht. Als er einen Schwarzen verteidigen muss, ist das quasi der ‚Fall seines Lebens‘, der auch ein mitunter grausam ehrliches Bild der damaligen Gesellschaft und Rassendiskriminierung zeichnet. (Ggf. enthält der Artikel leichte Spoiler für das Buch bis zu etwa Seite 200)

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Begegnungen

Da in letzter Zeit recht viel los war, hatte ich eine kleine Lesepause. Ich hatte dort gestoppt, wo erklärt wird, was es mit dem Satz ‚To Kill A Mockingbird‘ auf sich hat und Atticus aktueller Fall so langsam Thema wird. Scout und Jem haben daraufhin die eine oder andere Begegnung, die ihnen klarmacht, dass das kein gewöhnlicher Fall ist. Sowohl die garstige Mrs Dubose als auch die Menschen in Maycomb und ihre Mitschüler geben ihnen zu verstehen, dass es etwas außergewöhnliches ist, dass ihr Vater einen Schwarzen vertritt. Noch verstehen sie nicht das ganze Ausmaß des Falls und was eigentlich passiert ist. Wir sehen das Geschehen durch ihre Augen und wissen ebenso wenig. Fakt ist aber, dass die Familie immer stärker angefeindet, ja regelrecht gemobbt wird. Zu den Begegnungen gehört ebenfalls, dass Scout und Jems Tante Alexandra bei ihnen einzieht. Als sie mit Calpurnia, der schwarzen Hausangestellten und Kindermädchen in die Kirche gehen, wird wieder bewusst wie krass die Rassendiskriminierung ist. Weiße und Schwarze haben getrennte Gotteshäuser und die Anwesenheit der Kinder wird als etwas besonderes angesehen, von manchen auch verurteilt. Als Tante Alexandra später davon erfährt ist sie entrüstet. Ich empfand die Passage aber als großartig – in der Kirche gab es eine ganz andere Form von Zusammenhalt. Es wurde ohne Gesangsbuch Gospel gesungen, weil viele einfach nicht lesen können und für die Frau von Tom Robinson wurde gespendet. Das ist der Mann, den Atticus verteidigt. Die Vehemenz mit der darauf bestanden wird, dass niemand die Kirche verlässt bis nicht genug für seine Frau zusammengekommen ist, hat mich tief beeindruckt. Außerdem lässt Calpurnia die Katze aus dem Sack und erzählt den Kindern, warum Robinson vor Gerecht steht. Scout und Jem erfahren außerdem viel über Calpurnia. Wie alt sie ist, wie sie lesen gelernt hat und was ihre Ansichten sind. Obwohl sie Cal schon so lange kennen, macht es den Eindruck, als ob sie sie das erste Mal wirklich sehen. Vielleicht weil sie durch diesen Besuch etwas mehr verstehen gelernt haben über Schwarze und Weiße.

Über Männer und Frauen, Jungs und Mädchen.

Als Jem zwölf Jahre alt wird, beginnt Cal ihn Mr Jem zu nennen, was ich noch nicht ganz ernst nehmen kann. 😉 Aber tatsächlich wirkt er etwas erwachsener. Dass Tante Alexandra einzieht, soll den feinsinnigen Grund haben, dass sie die Kinder unterstützen soll, wenn sie nun bald heranwachsende sind – nennen wir es mal beim Namen. In die Pubertät kommen. Aber das ist mit Sicherheit nicht der einzige Grund. Zwischen den Zeilen liest man heraus, dass für Alexandra auch nicht alles rund lief. Vielleicht ist der Einzug ins Haus ihres Bruders auch eine Flucht. Und Atticus wird sicherlich etwas Unterstützung brauchen, denn auf die Familie kommt keine leicht Zeit zu. Alexandra soll auch weiblichen Einfluss auf Scout ausüben … wir waren doch etwas erstaunt über das enorm vielschichtige Frauenbild der damaligen Zeit …

Der Prozess

Dann wird es aber mächtig ernst. Es gibt ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten und der Prozess beginnt. Atticus Moralempfinden ist bewundernswert – er ist einfach zu gut für die Welt. Trotz allem toleriert er das Verhalten und die Meinungen anderer und gibt an, die anderen nicht verurteilen zu können, sie handeln auf ihre Weise nach ihrem Gewissen. Inzwischen werden die Kinder aber schon recht krass in der Stadt angefeindet und spätestens als sich Männer im Vorgarten der Familie versammeln wird klar: die Geschichte nimmt drastisch an Fahrt auf. Derzeit ist es so spannend, dass ich das Buch kaum weglegen kann. Ich möchte auch gar nicht zuviel vorweg nehmen, aber nur soviel sagen: was Scout anfangs über die anderen Familien in Maycomb erzählt, wird noch einmal sehr wichtig.

Zu unseren bisherigen Artikeln
Kathrin 27.09.: Ankündigung: Miss Booleana und Phantásienreisen lesen die Spottdrossel
Booleana 08.10. : Wir lesen … “Wer die Nachtigall stört” #ToReadAMockingbird (I)
Kathrin 27.10.: #ToReadAMockingbird Teil I oder Sweet Home Alabama?!