ausgelesen: Stanisław Lem „Solaris“

In einer Zukunft in der zahlreiche fremde Galaxien entdeckt wurden und keiner mehr an Gott glaubt, reist der Psychologe Kris Kelvin zur Raumstation auf den Planeten Solaris. Seit mehr als hundert Jahren wurde der Planet erforscht. Zusammen mit den Erkenntnissen wurden aber v.A. noch viele Rätsel zu Tage gefördert. So ist der Planet großflächig von einem Ozean bedeckt, der intelligent zu sein scheint. Als Kris Kelvin an der Raumstation ankommt und nur vom offensichtlich verwirrten und verwahrlosten Kollegen Snaut begrüßt wird, ahnt er, dass etwas nicht stimmt. Es stellt sich heraus, dass Kelvins Mentor sich bereits das Leben genommen hat und der dritte Wissenschaftler sich in seinem Labor eingeschlossen hat. Zuerst denkt er, dass die anderen durch die Isolation den Verstand verloren haben. Als Kelvin aber auf der Station plötzlich seiner verstorbenen Ex-Freundin Harey begegnet, weiß er, was die Crew an den Rand des Wahnsinns gebracht hat.

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Und das ist erst der Anfang der Geschichte, der einen Wissenschaftler ins Wanken bringt. Im Buch werden Kelvins moralische Bedenken und Ängste geschildert, man erfährt teilweise was den anderen Crewmitgliedern widerfahren ist und bekommt einen Einblick in die Solaristik. Einen Zweig der Wissenschaft, den Lem erfunden hat und der sich im Buch ausschließlich mit der Erforschung des Planeten Solaris auseinandersetzt. Man erfährt sehr detailliert, welche Erkenntnisse über den Planeten gewonnen wurde, wie sich der Ozean verhält und welche Forschungsergebnisse schon Mal abgelehnt wurden. Für Leser die sich nicht für Science-Fiction begeistern können, ist das wahrscheinlich der Overkill. Alle, die aber eine gewisse Neugier und Abenteuerlust haben, werden wahrscheinlich begeistert sein. In letzter Zeit ist der Begriff world-building unter allen die sich mit Erzählungen in Buch- oder Filmform beschäftigen sehr beliebt. Stanisław Lem hat das auf die Spitze getrieben. Er hat sich eine vollkommen andere Welt ausgedacht, die über 50 Jahre nach der Entstehung des Buches noch begeistert und wie ein utopisches Schauermärchen daherkommt. Und vor Allem: überraschend und nicht vorhersehbar bleibt. Ein Merkmal Lems ist übrigens, dass er auch Wortneuschöpfungen verwendete, die dementsprechend schwer zu übersetzen waren.

1961 erschien Solaris und wurde bis heute in über 30 Sprachen übersetzt. In der DDR wurde die Veröffentlichung allerdings tatsächlich zwei Mal abgelehnt. Einmal mit der Begründung, dass das Buch nur „Pessimismus und Negation“ hervorbringen würde. 1983 erschien der Roman tatsächlich doch noch in der DDR und viele viele Jahre später hat mir mein Onkel das Buch geliehen und ich habe es gelesen. Meine Geschichte mit Solaris ist, dass ich die Verfilmung aus dem Jahr 2002 mit George Clooney als „Chris“ gesehen habe. Zumindest den Anfang, das Ende kannte ich leider nicht. Die Geschichte hat mich aber sehr fasziniert und ich wollte das Ende wissen. Dann erwähnt man das nebenbei mal bei Familienfeiern und so kommt man zu der Erstauflage aus dem Verlag Volk und Welt Berlin. Ich finde es großartig solche alten Ausgaben in den Händen zu halten. So erfährt man beispielsweise, dass das Buch mal 6 DDR-Mark gekostet hat, was heute fast nichts wäre. An solche Preise für Bücher könnte ich mich gewöhnen. Was mich aber nicht so begeistert hat, ist das Vorwort des Buches in dem die halbe Geschichte vorweggenommen wurde.

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Zweimal wurde Solaris verfilmt. Laut Wikipedia sogar drei Mal, wobei ich aber nur Informationen über eine Verfilmung aus dem Jahr 1972 und 2002 finden konnte. Stanisław Lem lehnte beide Verfilmungen ab. Die von 2002 mit George Clooney v.A. deswegen, weil sie den Fokus auf die Beziehung zwischen Kelvin und seine Freundin legte. Das ist tatsächlich etwas schade, da die erdachte Welt des Planeten Solaris unheimlich detailreich ist. Aber es ist auch verlockend, denn das Szenario holt längst vergessene Gefühle zurück ans Tageslicht. Lässt sich Kelvin mit ihr ein, obwohl er weiß, dass sie nur eine Kopie ist und nicht die ‚echte‘ Harey? Aber sie blutet und hat Gefühle – macht sie das nicht ‚echt‘? Warum passiert das alles? Und wie geht man damit um? Als er Snaut begegnet, hat der blutige Hände. Haben die anderen ihre ‚Gäste‘ schon Mal umgebracht? Und es gibt noch soviele Aspekte mehr, die mal tragisch, mal unheimlich und mal einfach unheimlich interessant aus wissenschaftlicher Sicht sind. Das Buch kann verdammt viel und hat nicht umsonst den Ruf eines Meisterwerks der Science-Fiction-Literatur. Und ist seiner Zeit voraus. Lem hat die Namen sehr international vergeben. Die erwähnten Forscher scheinen von allen Kontinenten zu stammen. Warum wurden in der amerikanischen Version des Buchs (und damit auch in der Verfilmung von Steven Soderbergh) die Namen trotzdem geändert? Auch so ein Rätsel. Aber keins der Solaris. Hinweise, ob das Betriebssystem Solaris nach dem Roman benannt wurde, konnte ich leider nicht finden. Abschließend kann ich nur sagen, dass ich schwer begeistert bin und das einzige was ich schwer nachvollziehbar fand, war woher Kelvins Anziehung zu der Harey-Kopie kommt, wo er sich anfangs hauptsächlich vor ihr ekelte. Das kam nicht ganz so rüber. Möglicherweise langweilen einige Leser aber die Passagen über die Geschichte der Solaris-Forschung.

Fazit

Ein großartiges Buch! Man muss aber vielleicht etwas Interesse für Sci-Fi und Wissenschaft mitbringen.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

17 Antworten

  1. Hach,kaum von der Messe zurück und schon „verkaufst“ du hier auf so tolle Weise ein außergewöhnliches Buch! Sehr genial auch der Hintergrund zur Nicht-Veröffentlichung in der DDR! Ich hoffe, du bist jetzt nicht pessimistisch geworden 😉

    Das mit dem Vorwort ist ärgerlich. Ich hatte einen ähnlichen Fall neulich auch, in dem der Verleger erst einmal auf die Tode der beiden Protagonisten einging und ihre Charaktere und Handlungen bis ins Detail interpretierte. Das ließ mir beim Selber-Lesen dann natürlich weder Überraschungsmomente noch die Möglichkeit, mich selbst mit den Motiven der Protagonisten auseinanderzusetzen. Warum tun Menschen so etwas in Vorworten??? -.- Aber umso höher ist anzurechnen, dass du das Buch dennoch bis zum Schluss gelesen hast und starke Eindrücke mitgenommen hast 🙂

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ha! Da habe ich schon pessimistischeres gesehen und gelesen 😉 Da ist das doch ein Klacks. Aber es macht schon nachdenklich, dass Bücher die moralische und ethische Fragen stellen und in denen die Menschen sehr sich selbst reflektieren durchs Raster gefallen sind. Andererseits: letztendlich ist es doch noch erschienen. Was würden wohl meine Eltern dazu sagen, die in der DDR aufgewachsen sind? Muss sie mal fragen … ich glaube der Preis würde sie beeindrucken. Mich hat er beeindruckt.

      Waaas? Wie kann der denn einfach so erzählen, dass jemand stirbt? Ich überlege ja sogar bei so mancher Review, ob ich überhaupt erwähnen soll, dass es ein offenes Ende gibt. Weil das ja auch eine Art Spoiler ist, aber manchmal dazu führen kann, dass man sagt „lasst lieber die Finger davon“. Und der Verleger … Arschkopf. Nicht fein ausgedrückt, aber das Wort fiel mir spontan ein XD Ich habe noch nie verstanden, warum Leute spoilern. Der Verleger sollte doch ein Interesse daran haben es noch zu verkaufen!? Menschen. Es wird nie langweilig mit ihnen.

      1. Oh ja, da wär ich auch mal gespannt, was deine Eltern dazu sagen! Meine Eltern waren früher leider nie sehr lesebegeistert. Das hat sich inzwischen zwar geändert, aber einerseits würde ein Roman wie „Solaris“ nicht in ihr Leseschema passen und zum anderen gehören sie nicht zu denen, die das politische System der DDR sonderlich kritisch sehen. Daher kann ich da keine wirklich erkenntnisbringenden Ansichten einholen.

        Den Verleger habe ich auch nicht verstanden. Nicht jeder, der einen Klassiker liest, hat sich vorher schon näher mit der Geschichte befasst. Ich lese Klassiker generell gern ohne bzw. nur mit wenigen Vorkenntnissen, um auch „richtige“ (unverfälschte) Eindrücke zu haben und nichts auf eine Weise zu deuten oder zu beurteilen, die durch Vorkenntnisse und vorher eingeholte Interpretationen verzerrt wird. Als Nachwort wären die Anmerkungen des Verlegers ja in Ordnung gewesen, aber so direkt vor dem eigentlichen Text hat es mich schon arg gespoilert. Vielleicht sollte ich Vorworte in Zukunft erst im Nachhinein lesen 😉

        1. Avatar von Miss Booleana
          Miss Booleana

          Ich habe meine Eltern tatsächlich mal darauf angesprochen und wie erwartet waren sie gar nicht begeistert und wollten das gar nicht hören. Die Unterhaltung war daher eher … kurz. 🙂 Aber der Preis hat sie wirklich beeindruckt. Kann mir das auch gar nicht anhören wieviel mein Großonkel früher für eine Studienreise bezahlt hat. Das ist weniger als mein monatlicher Abschlag zur Stromrechnung. Kannste keinem erzählen eigentlich …

          Da sagst du was … XD Ich war auch ganz misstrauische beim Vorwort zu „1984“

  2. Das Buch habe ich vor Jahren meinem Schatz geschenkt, weil er es dringend lesen wollte. Seither steht Solaris eigentlich auch bei mir auf der Lese-Wunschliste. Deine Rezension ist toll geschrieben und super finde ich, dass du auch Hintergrundinformationen bietest. Nun ist Lem auf meiner To-read-Liste gleich noch mal nach oben geklettert 🙂

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Oh das freut mich, dass es aufgefallen ist, dass ich gern noch etwas Hintergrundwissen einbauen möchte. Obwohl ich auch zugeben muss, dass das manchmal schlichtweg einfach von Wikipedia stammt. ^^“ Vielen Dank. 🙂 Und viel Spaß mit dem Buch, wenn du es dir mal zu Gemüte führst. Würde ich auch interessieren wie du es fandest.

  3. Habe kürzlich einen ganzen Stapel Stanislaw Lem Bücher im offenen Bücherschrank gefunden, alles Ausgaben des DDR Verlages Volk und Welt. Schwarz und schlicht und lange nicht so schön wie Deine Ausgabe. Aber welcher Roman war NICHT dabei ? Grrr, genau Solaris. Werde ich aber auch auf jeden Fall noch lesen, deine Rezension macht noch mal mehr Lust darauf 🙂
    Ich kann die sowjetische Verfilmung aus dem Jahr 1972 empfehlen, hat mir gefallen.

    1. grummel schwarz und schlicht ABER lange nicht so schön sollte es heissen. Bin nämlich sehr glücklich mit meinen gefundenen Schätzen 😉

      1. Avatar von Miss Booleana
        Miss Booleana

        Wow, den Schrank hätte ich auch gern 😀 Was tauchen da noch so für Bücher auf?? Das war ja mein erstes Buch von Stanislaw Lem, aber ich habe Blut geleckt und möchte mehr lesen. Danke für das Lob und auch für die Meinung zur Verfilmung von 1972, dann werde ich mir die Mal zu Gemüte führen 😀

  4. Oh das habe ich auch vor einer halben Ewigkeit gelesen. Ich weiß noch, dass ich mich an manchen Stellen arg durchkämpfen musste, aber vieles ist dafür dann doch recht lange im Kopf geblieben.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ja, es gibt da so lange Passagen in denen über die erfundene Wissenschaft der Solaris-Forschung berichtet wird. Wer wann welches Buch geschrieben hat. Das fand ich auch etwas weniger spannend. Auf der anderen Seite war ich aber fasziniert wie weit Lem dabei gegangen ist so eine dichte Welt zu basteln.

  5. Cool. Das freut mich, dass dir „Solaris“ auch so gut gefallen hat. Ich fand den auch unglaublich spannend und sehr gut geschrieben. Sehr detailliert geschrieben, aber auch toll beschrieben… Lem hat wirklich, wie du schon sagst, einen schönen Mix aus Sci-Fi und Wissenschaft hinbekommen.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Ja, war wirklich ein sehr tolles Buch. 🙂 Normalerweise hätten mich die Passagen über die Wissenschaft der Solaris-Forschung langweilen müssen, aber da kenne ich mich als Leser wahrscheinlich schlecht. Krass wie tief Lem ins Detail gegangen ist ohne zuviel dafür tun zu müssen. Das Buch ist ja wahrlich kein 1000-Seiten-Wälzer, hat aber soviel Handlung und regt zum Nachdenken an. Das habe ich bestimmt nicht das letzte Mal gelesen. Und die Filme muss ich auch schauen bzw. nochmal schauen.

  6. […] Monat habe ich endlich Stanisław Lems ‚Solaris‘ gelesen. Das Buch des gefeierten polnischen Autors ist 1961 erschienen und weil ich immer lese, […]

  7. […] und wie aus dem Nichts auftaucht, versteht er auch warum. Steven Soderbergh hat sich des Stoffs von Stanisław Lem angenommen und einen Film geschaffen, der an den Kassen floppte und nicht mal vom Author gemocht […]

  8. […] Bücher, die auf wenigen Seiten großartige Welten entfalten wie zum Beispiel Stanislaw Lems „Solaris“. Was ich genauso gern mag ist das „Mittelding“, also Bücher bis sagen wir maximal 600 Seiten. […]

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