7ème art: Animationsfilme aus dem Studio Ghibli

Posted by in 1988, 1999, 2002, 2011, 2013, 2014, 7ème art, Animationsfilm, Drama, Film, Genreübergreifend, Japan, Komödie, Literaturverfilmung, Review, Tragikomödie

Gab es das nicht schon Mal im Blog? Ja, öfter. Und gab es das nicht schon Mal bei 7ème art? Jein. Vor etwas über einem Jahr habe ich mich den Filmen von Hayao Miyazaki gewidmet, der einer der Regiesseure und Gründer des japanischen Animationsstudios Ghibli ist. Aber für ihn gab es auch eine Zeit vor (und nach?) Ghibli. Heute soll es um sieben Filme aus dem Hause Ghibli gehen, die nicht zwingend von Miyazaki stammen, sondern auch von den anderen Regiesseuren und Gründungsmitgliedern wie Isao Takahata, die das Studio zu dem gemacht haben, was es ist und hoffentlich bald wieder sein wird.ls.

Die letzten Glühwürmchen (火垂るの墓, Hotaru no Haka)

Ein Junge sitzt zusammengekauert, völlig abgemagert in einer Bahnhofshalle. Ihm wird kaum Beachtung geschenkt, genauso wenig wie den anderen Gestalten dort, die dem Tod scheinbar nah sind. Aber er ist ein Junge mit einem Namen und einer Geschichte. Seita hat versucht sich und seine Schwester Setsuko gegen Ende des zweiten Weltkriegs in Kōbe durchzubringen, nachdem ihr Haus in Schutt und Asche gelegt wurde und ihre Mutter gestorben ist. Dabei werden die Kinder nicht nur das Opfer von Krieg, sondern auch von Gleichgültigkeit. Was ist Setsuko passiert? Wie geht es für Seita weiter? Und wie konnte es passieren, dass es den Kindern so schlecht ergeht, wo sie doch sogar noch Verwandte haben?

Die letzten Glühwürmchen ist eine Geschichte die das Grauen des Krieges anhand der schwächsten erzählt, die darunter leiden müssen: Kinder. Es ist aber auch eine Geschichte der Liebe. Wie Seita sich aufopferungsvoll um seine vierjährige Schwester kümmert, stellt den Glauben an die Menschheit wieder her. Er versucht ihr ein bisschen Normalität zurückzugeben in einer Zeit, die unnormal und grausam ist. Umso krasser ist die Darstellung der Menschen in Kriegszeiten: nicht alle haben Mitleid mit den Kindern. Für mich schwer bis gar nicht nachzuvollziehen. Die durchgehend kalte und emotionslose Darstellung der anderen Menschen ist mein einziger Kritikpunkt an dem Film, denn ich weigere mich zu glauben, dass Menschen so sind. Höchst subjektiv, ist mir bewusst. Auch unabhängig davon hat der Film einige Szenen, die schwer zu verkraften sind. Egal was man glaubt wieviel man im Leben schon gesehen hat. Kein Wunder, dass der schwere Stoff in japanischen Kinos zusammen mit dem fröhlichen und kindlichen Mein Nachbar Totoro lief, ebenfalls aus dem Hause Ghibli. Die letzten Glühwürmchen ist vermutlich der schonungsloseste und schockierendste Film aus dem Studio Ghibli, aber der unblutigste und traurigste Antikriegsfilm. Er basiert auf der autobiografischen Kurzgeschichte Das Grab der Leuchtkäfer von Akiyuki Nosaka, die 1967 erschien.

Die letzten Glühwürmchen (OT: 火垂るの墓), Japan, 1988, Isao Takahata, 88 min, (9/10)

Sternchen-9

Meine Nachbarn die Yamadas (ホーホケキョとなりの山田くん, Hōhokekyo Tonari no Yamada-kun)

Der Animationsfilm Meine Nachbarn die Yamadas sticht wahrscheinlich aus allen Ghibli-Filmen am meisten hervor, weil er sich selbst am wenigstens ernst nimmt und stilistisch vollkommen anders aussieht als die anderen Filme, die das durch Miyazaki und Takahata geprägte character design anwenden. Wir lernen in dem Film die Familie Yamada kennen: Vater Takashi, Mutter Matsuko, Oma Shige, der ältere Sohn Noboru, seine kleine Schwester Nonoko und natürlich der Hund Pochi. In kurzen Alltagsanekdoten lernen wir die Alltagssorgen der Familie kennen und bemerken bald, dass sie einerseits etwas durchgeknallt sind, andererseits uns selbst nicht unähnlich 😉 Die Geschichten sind meist ulkig und manchmal mit etwas surrealen Tagträumen versehen, erinnern uns aber an den normalen Familienalltag und seine kleinen oder größeren Hürden. Wenige Male gibt es einen kleinen Dämpfer, wenn sich beispielsweise Familienvater Takashi überflüssig fühlt oder schöne, familiäre Momente, wie wenn die Familie den Vater im Regen vom Bahnhof abholt. Und dann gibt es die durchgeknallten Momente: wenn beispielsweise Oma Shige die Raupe bewundert, der Nachbar aber denkt, sie lobt die hübschen Blumen. Und von diesen kleinen Geschichten hat der Film viel. Das wirkt manchmal etwas belanglos, manchmal wahnsinnig sympathisch – irgendwo dazwischen ist der Film. Der Animationsstil ist Geschmackssache. Die Charaktere und Umgebung sind sehr comichaft auf nur sehr wenige Striche reduziert. Ähnlich sparsam ist die Farbgebung, was zu den ulkigen Geschichten passt, aber mich persönlich wenig anspricht. So oder so ist Takahata eine sympathische und kurzweilige Geschichte gelungen, die sich weniger ernst nimmt als viele andere Ghibli-Filme, keine schweren Botschaften mit sich bringt und einfach nur mit einem leichten Ton unterhält. Auch mal schön. Und aufgepasst: es findet sich hier bereits eine kurze Passage, die an Prinzessin Kaguya erinnert.

Meine Nachbarn die Yamadas (OT: ホーホケキョとなりの山田くん), Japan, 1999, Isao Takahata, 104 min, (7/10)

Sternchen-7

Das Königreich der Katzen (猫の恩返し, Neko no Ongaeshi)

Haru ist 17 Jahre alt, ein sorgenfreies Schulmädchen und ein liebenswerter Tollpatsch. Sie kommt gerne mal zu spät und erntet dafür Gelächter, aber sie hat das Herz am rechten Fleck. Deswegen rettet sie auch einen Kater davor überfahren zu werden. Und besagter Kater verneigt sich vor ihr und bedankt sich recht herzlich. Huh? Wie? Verbeugt sich? Ja. Alles nur geträumt? Denkt Haru auch. Bis sie plötzlich von Katzen überallhin verfolgt wird und kleine Geschenke bekommt, die allerdings ihr Leben nicht einfacher machen. Huh. Wohl doch nicht geträumt. Als sie den Prinzen des Katzen-Königreichs heiraten soll, dämmert ihr aber: das ist zuviel Dankbarkeit und sie braucht Hilfe. Und die führt sie in das Königreich der Katzen.

Es gibt im Portfolio des Studio Ghibli einige wiederkehrende Motive. Zum Beispiel die Verwirklichung seiner Träume (Wie der Wind sich hebt, Stimme des Herzens). Fliegerei und Krieg (Porco Rocco, Wie der Wind sich hebt). Und: Selbstfindung und Erwachsen werden ohne sich zu verlieren und ohne zu vergessen wer man ist. Neben Chihiros Reise ins Zauberland ist dafür Das Königreich der Katzen das Parade-Beispiel für das Motiv. Es erinnert etwas an Alice im Wunderland. Haru lernt sich aus Miseren zu befreien und Verantwortung zu übernehmen, anstatt alles einfach nur irgendwie passieren zu lassen. Sie reift. Und das tut sie in einem Umfeld, das nicht nur Katzenfans witzig und grotesk finden werden. Unter den Ghibli-Filmen ist es eindeutig einer der leichteren, witzigen, unverkitschten. Aber auch eine deutlich leichtere, comedy-hafte Kost, die ihre Höhen, aber auch Tiefen hat. Kritiker werden durchaus sagen, dass der Film zu belanglos ist. Andere interpretieren in die drolligen oder seltsamen Katzen Karikaturen der Menschen. Ähnlich einer Fabel. Die, die sich auf die leichte Erzählung einlassen können, sind die Gewinner. Tipp: vorher Stimme des Herzens schauen. In dem Ghibli-Film taucht ein Katzenbaron als Statue auf. Der war der Auslöser für den Manga Baron: Neko no Danshaku, der wiederum Vorlage für den Film Das Königreich der Katzen ist.

Das Königreich der Katzen (OT: 猫の恩返し), Japan, 2002, Hiroyuki Morita, 75 min, (8/10)

Sternchen-8

Der Mohnblumenberg (コクリコ坂から Kokurikozaka kara)

Japan in den 1960er Jahren. Nach dem zweiten Weltkrieg befindet sich das Land noch immer in der Identitätskrise, findet aber langsam zu sich selbst zurück. Aber die Wunden bleiben. So die der Schülerin Umi, die bei ihrer Großmutter lebt. Ihr Vater ist im Krieg umgekommen und ihre Mutter, eine Ärztin, ist nur selten zuhause, da sie wo anders gebraucht wird. Jeden morgen hisst sie Signalflaggen – ein Ritual, dass sie einst mit ihrem Vater hatte, der von seinem Schiff aus mit den entsprechenden Flaggen antwortete. Seit geraumer Zeit beginnt wieder jemand ihr zu antworten. Aber ihr Vater kann es nicht sein. In der Schule erlebt sie mit wie sich Grüppchen bilden, die Kinder erwachsen werden, ein Clubhaus reformieren wollen und sich politisch engagieren. Sie verliebt sich in den Mitschüler Shun, dessen Herkunft bald ein ebenso großes und persönliches Rätsel wird wie die Frage: wer hisst die Flaggen?

Der Mohnblumenberg ist ein stilles Drama, dass uns in die Bräuche und den Alltag eines Landes entführt, dass sich gerade erst vom Krieg erholt hat, aber hier und da noch Narben trägt. Wenn Umi und Shun auf dem Rad zu den altertümlichen Einkaufsstraßen rasen oder man Umi beim Essen zubereiten für ihren Haushalt beobachtet, bekommt man ein Stück Fernweh und fernöstliches Lebensgefühl mit auf den Weg. Als für sie die erste Liebe ein Thema wird, folgt auch der erste Herzschmerz und eine Menge beißende, offene Fragen. Der Film ist somit ein Charakterdrama, das uns ein persönliches Schicksal erzählt und rührt. Dabei ist der Film so angenehm unaufgeregt, dass es sich anfühlt wie Ferien vom Blockbuster-Höher-Schneller-Besser-Weiter-Fernsehen. Die literarische Vorlage ist übrigens der Manga von Chizuru Takahashi und der Anime stammt von Gorō Miyazaki, dem Sohn des Ghibli-Urgesteins Hayao Miyazaki. Gorō hat sich mit dem umstrittenen Die Chroniken von Erdsee nicht mit Ruhm bekleckert – der Film sorgte nicht nur dafür, dass sich Vater und Sohn kurzzeitig entzweit haben, sondern auch dafür, dass Gorō mit dem Japan’s Bunshun Rasberry Award als schlechtester Regiesseur nominiert wurde. Der Mohnblumenberg rehabilitiert seinen Ruf. Eine oft unterschätzte Perle aus dem Hause Ghibli.

Der Mohnblumenberg (OT: コクリコ坂から), Japan, 2011, Gorō Miyazaki, 92 min, (8/10)

Sternchen-8

Wie der Wind sich hebt (風立ちぬ, Kaze Tachinu)

Der Film basiert lauf dem gleichnamigen Manga von Hayao Miyazaki und erzählt (mit einigen künstlerischen Freiheiten) aus dem Leben des Flugzeugkonstrukteurs Jirō Horikoshi, der schon als Kind davon träumte zu fliegen. Aufgrund seiner schlechten Augen wird er kein Pilot, aber er möchte Flugzeuge in den Himmel schicken. So wird er Konstrukteur und widmet sich mit vollster Hingabe seinen Maschinen. Er wird für Mistubishi arbeiten und tragischerweise werden seine Errungenschaften im Krieg eingesetzt. Bis dahin sieht er einige seiner Flugzeuge abstürzen. Wie der Wind sich hebt ist die Geschichte eines Traumes, der unter Umständen in Erfüllung geht, die selbst Horikoshi sich so nicht gewünscht hatte. Denn eigentlich wollte er nur „etwas wunderschönes erschaffen“. Der Preis der Träume. Tatsächlich ist aber Wie der Wind sich hebt mehr eine Biografie als ein Kriegsfilm. Es geht um den Menschen und das Gefühl seinen Träumen hinterherzurennen. Es ist sogar mehr ein Liebesfilm als ein Kriegsfilm. So sieht man beispielsweise wie Jirō 1923 während des großen Kantō-Erdbebens seine spätere Frau kennenlernt. Und wieder gibt einen der Film ganz unschuldig und unaufdringlich etwas über die japanische Geschichte und das Lebensgefühl auf den Inseln mit auf den Weg. Und besonders rührend ist Jirō dabei zuzusehen wie er seine Träume und Ziele voller Zuversicht trotz vieler Rückschläge verfolgt mit dem Wissen, dass es Hayao Miyazakis vorerst letzter abendfüllender Animationsfilm sein wird. Nach diesem Film setzte sich Miyazaki erstmal zur Ruhe. Schwierig am Film sind die Längen – die Handlung weiß nicht immer zu fesseln. Dafür gibt es einen Gastauftritt einer fiktiven Figur Thomas Manns. Zauberberg in Sicht.

Wie der Wind sich hebt (OT: 風立ちぬ), Japan, 2013, Hayao Miyazaki, 127 min, (10/10)

Sternchen-10

Die Legende der Prinzessin Kaguya (かぐや姫の物語 Kaguya-hime no Monogatari)

Isao Takahata ist einer der Gründer des Studio Ghibli und trägt den Beinamen Altmeister des japanischen Trickfilms zu Recht. Zwar ist Miyazaki die bei den meisten Animationsfilm-Fans bekanntere Lichtgestalt der Anime-Branche, aber er war beispielsweise an unzähligen Anime des World Masterpiece Theaters beteiligt. Sein letzter Film war Meine Nachbarn die Yamadas. Zehn Jahre hat er gewartet und uns danach Die Legende der Prinzessin Kaguya serviert, einen Film auf enorm hohen künstlerischen Niveau, der ca. 8 Jahre Zeit gefressen hat. Die Animation ist Sumi-e nachempfunden, japanischer Tuschemalerei und erzählt eine alte japanische Sage neu. In der findet ein Bamussammler eines Tages in einem leuchtenden Bambus ein Baby. Seine Frau und er konnten nie Kinder bekommen und für sie ist die Kleine ein Geschenk des Himmels. Sie nennen sie liebevoll Takenoko („Bambussprössling“) und leben glücklich in sehr bescheidenen Verhältnissen. Aber Takenoko wird schneller als andere Kinder groß. Und im Bambus, aus dem sie geboren wurden, finden sich bald Kleider in den tollsten Farben und Gold. Der Bauer denkt, dass seine Ziehtochter zu Höherem berufen ist. Sie muss eine Prinzessin sein. Und zwängt sie damit in ein Leben, das sie nie wollte.

Die Legende der Prinzessin Kaguya ist ein einfühlsamer Film, der von Familie, Bescheidenheit und Freiheit erzählt. Und ein oft missverstandener Film. Die an Tuschezeichnungen angelehnte, zarte Animation wird von vielen als unfertig beschrieben, ist aber ein Geschenk. Und eine Erinnerung an die leider heutzutage in Vergessenheit geratene Kunst Animationsfilme nicht durch die 3D-Render-Engine zu jagen wie es Disney, Pixar und Konsorten nur noch tun. Der Film wechselt den Ton mehrmals. Beginnt kindlich und rührend mit dem umhertollenden Wildfang Takenoko, geht aber zu einer sehr schleppenden Erzählung über, in der Takenoko zu Prinzessin Kaguya wird und mit diesem Leben offensichtlich nicht glücklich ist. Sympathisch bleibt aber der märchenhafte Charakter der Erzählung von feigen Prinzen und tumben Werbern. Bis wir dann erfahren woher Kaguya kam. In dem Film steckt unendlich viel Liebe und eine wichtige Botschaft: frage dich, worauf kommt es wirklich an? Wer willst du sein? Und was bleibt – ein Blick zurück zu all den Was-wäre-wenns. Zu dem ungelebten Leben. Seufz. Ein schöner Film in jeglicher Hinsicht.

Die Legende der Prinzessin Kaguya (OT: かぐや姫の物語, Japan, 2013, Isao Takahata, 137 min, (9/10)

Sternchen-9

Erinnerungen an Marnie (思い出のマーニー Omoide no Mānī)

Erinnerungen an Marnie handelt von der zwölfjährigen Anna, die bei ihrer Pflegemutter in Sapporo (Japan) lebt. Sie hat Asthma und ihr Zustand verschlimmert sich immer mehr. Aber auch ihr emotionaler. Sie zieht sich sehr zurück und ihre Mutter weiß sich nicht zu helfen. Sie schickt das Mädchen in den Norden Hokkaidōs, um sich dort in dem Küstenstädtchen an der frischen Luft bei Verwandten zu erholen. Da Anna eine Mauer um sich errichtet, die mit Nähe nicht einzureißen ist, hilft vielleicht Abstand. Aber was auch immer sie bedrückt, geht mit ihr in den Norden. Sie findet erst Ablenkung, als sie eine alte Villa entdeckt, die verlassen zu sein scheint. Tagsüber kann man im seichten Wasser zu der Villa laufen, nachts bleibt der Weg durch die Flut versperrt. Eines abends rudert sie zu der Villa und trifft dort ein Mädchen, das sich als Marnie vorstellt und mit der sich Anna auf Anhieb versteht. Aber wo ist Marnie tagsüber, wenn das Haus doch leer zu stehen scheint?

Wie bereits zuvor bei Stoffen wie Arrietty – Die wundersame Welt der Borger basiert der Film auf einer europäischen Kinder- bzw. Jugendbuchvorlage. Diesmal stand When Marnie Was There von Joan G. Robinson Pate für die Geschichte. Regiesseur Hiromasa Yonebayashi führte auch tatsächlich 2010 selber bei Arrietty – Die wundersame Welt der Borger Regie, zuvor arbeitete er als Animator und war u.a. an zahlreichen Ghibli-Produktionen beteiligt, aber auch an Klassikern wie Jin-Roh. Erinnerungen an Marnie ist der vorerst letzte Kinofilm des Studios, das sich gerade in einer Umstrukturierungsphase befindet. Bevor nicht klar ist, wie es für das Studio weitergeht, sind keine Filme zu erwarten. Der nun vorerst letzte Film behandelt im Grundkern eine Geschichte, die man prinzipiell schon kennt. Unverstandenes Kind, das seinen Lebensmut durch eine Begegnung wiederfindet. Die Begegnung mit der mysteriösen Marnie würzt die Geschichte aber zusätzlich. Man glaubt als Zuschauer zu ahnen worauf es hinausläuft, das ist aber tatsächlich noch nicht die ganze Wahrheit. Die zwei Mädchen sind auf ihre Art von der Welt verletzt worden und das Band, was sie verbindet ist ein besonderes. Und das überträgt sich auf den Zuschauer. An Annas Beispiel spürt man wie tief ihr durch Ablehnung geprägter Schmerz sitzt – ein zutiefst menschliches Gefühl, das jeder kennt. Der Kummer, der an Anna nagt, wäre eigentlich leicht aus der Welt zu schaffen, aber das sieht man meistens nur als Außenstehender so – wer den Kummer hat, hat die Qual. Und die treibt Anna zu Handlungen, die sie hinterher oft bereut und sich sich selbst dafür hasst. Bittere Situationen, die jeder kennt, oder? Die Animationen transportieren das bestens durch Mimik und Gestik. Das mysteriöse Haus, das zu Entdeckungen einlädt, möchte man am liebsten selber einmal besuchen und mit dem stillen Opa über den See zu Marnie rudern. Obwohl der Film vielleicht sogar etwas trauriger und negativer beginnt, als man es von den meisten Ghibli-Filmen gewöhnt ist, ist die letztendliche Aussage positiv, rührend und stimmt einen melancholisch. Für einige Zuschauer wird der Film vielleicht zu kitschig sein, für andere trifft es mitten in einen wundern Punkt und schafft vielleicht etwas Linderung. Ein wundervoller Film.

Erinnerungen an Marnie (OT: 思い出のマーニー), Japan, 2014, Hiromasa Yonebayashi, 103 min, (10/10)

Sternchen-10

Das Animationsstudio hat viel zu bieten. Lustiges, Trauriges, nachdenkliches. Alle Filme haben einen eher ruhigen Grundton, geben uns Einblick in ein Stück japanisches Lebensgefühl und rühren diesen einen verletzlichen Punkt in uns. Erwachsenwerden, Träume – das sind Ghibli-Motive. Es ist tragisch, dass dieses außergewöhnliche Studio vorerst keine Film dreht. Ich hoffe sie kommen bald wieder. Welche Ghibli-Filme mögt ihr besonders? Welche haltet ihr für maßlos unterschätzt? Welche aus dieser Liste kennt ihr? Und welche nicht?

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen zu meinem bestimmten Thema – eine Mini-Werkschau. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.