Wir lesen … „Gehe hin, stelle einen Wächter“ #ZurückNachMaycomb (II)

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Kathrin (von phantasienreisen.de) und ich lesen gemeinsam Harper Lees ‚Gehe hin, stelle einen Wächter‘ nachdem wir letztes Jahr schon gemeinsam ‚To Kill A Mockingbird‘ (Wer die Nachtigall stört) gelesen haben. Und unser bisheriges Fazit ist, dass die Geschichte nicht so recht überzeugt und mit Banalitäten um sich wirft. Ganz unverhofft gibt es dann immer mal wieder eine Wendungen und neue Charaktere, wo man keine erwartet hat. ‚Gehe hin, stelle einen Wächter‘ eilt sein Ruf aber auch so voraus. Wie gehts weiter mit dem Buch, das uns #ZurückNachMaycomb begleiten sollte? In meinem zweiten Rückblick betrachte ich das zweite Drittel des Buches, also in etwa die Seiten 100-200. Daher sind leichte Spoiler zu erwarten, v.A. auch große Spoiler für ‚To Kill A Mockingbird‘ bzw. ‚Wer die Nachtigall stört‘. Unseren Lesefortschritt und unsere Entdeckungen könnt ihr auf unseren Blogs nachlesen, aber auch bei Twitter unter #ZurückNachMaycomb .

Stimmungsumbruch und Farbenblindheit

Der kontroverseste und meistdiskutierte Punkt bezüglich des Romans ist wohl, dass Atticus Finch scheinbar Schwarze diskriminiert oder zumindest den Rassenhass duldet. Ausgerechnet der Atticus Finch, der in To Kill A Mockingbird den Archetyp des Gutmenschen verkörperte. Scouts Vater. Und eine literarische (und Film-) Figur, die sich eingebrannt hat. Als ich das erste Mal über Gehe hin, stelle einen Wächter gelesen habe, dachte ich: das muss ein Fehler sein. Der Rezensent hat da was verwechselt. Aber nein, ab etwa Seite 100 gehts dann plötzlich los und die Banalitäten der letzten hundert Seiten sind vergessen. Alles fängt damit an, dass Scout im Haus ihrer Familie eine Broschüre findet, die voller Hetze gegen Schwarze ist. Und das ist jetzt keine wohl formulierte Übertreibung. Es fallen derbe Wörter wie ’schwarze Pest‘. Aber es wird noch wesentlich schlimmer, als Scout kurz nach der Entdeckung ihrem Vater zu einer Versammlung besorgter Bürger folgt. (Besorgte Bürger. Klingelt da was?) Und spätestens die zerstört das Bild, das sie von Atticus hatte, vollkommen.

Anfangs hatte ich so meine Zweifel und habe gehofft, dass es hier eine Wende gibt und alles nur ein Missverständnis ist. Für Scout ist das aber eine Form von Heldentod. Ab diesem Moment sieht Scout um sich herum mehr und mehr Anzeichen für den zunehmenden Rassenhass und die Frage bleibt: wie hat sie das übersehen? War das immer da? Oder wann hat es sich eingeschlichen? Eine Frage die man sich als Deutsche/r nach so mancher Landtagswahl wohl auch fragt … . Scout ist in Maycomb aufgewachsen und hat ihre Moralvorstellungen von Atticus bezogen. Sie ist farbenblind aufgewachsen. Macht keinen Unterschied zwischen schwarz und weiß und mittelbunt. Aber was ist denn mit dem Mann, der ihr das alles beigebracht hat?

Wächter und kleine Änderungen am Weltgeschehen

Während der titelgebende Wächter im zweiten Drittel schon erwähnt wird, offenbart sich die volle Bedeutung erst gegen Ende des Buches und nimmt Bezug zu Atticus und Scout. Soviel zum Blick nach vorne. Aber der Blick zurück sorgt für Stirnrunzeln. Spielt Gehe hin, stelle einen Wächter in einer Parallelwelt? Im Wächter wird erwähnt, dass Atticus den Fall von Tom Robinson gewonnen hätte. Na. Das stimmt aber nicht so ganz. Ist das ein Hinweis auf das Durcheinander? Der Wächter soll angeblich Harper Lees erstes Buch gewesen sein, erschien dann aber erst viele Jahre nach ‚To Kill A Mockingbird‘. Scheinbar wurde die Handlung nicht angeglichen. Ich komme zu keinem Ergebnis, wenn ich mich frage, ob das zwingend notwendig ist. Vermutlich nicht, aber es ist verwirrend und hinterlässt den Eindruck, dass der Wächter in einem anderen Maycomb spielt. Vielleicht der Twilight-Zone-Version davon. Kathrin bringt noch einen weiteren Punkt, der einen alles in einem anderen Licht betrachten lässt:

Sind in diesem Twilight-Zone-Maycomb Dinge nicht passiert, die uns im Mockingbird gerührt und bewegt haben? Und wichtige Dinge gelehrt haben?

Aufwachsen ohne Mutter

Während des Lesens von To Kill A Mockingbird war mir nicht so ganz klar, was das Problem der Leute ist. Sie kritisieren oft, dass Atticus seine Kinder alleine großzieht und keine Frau an seiner Seite hat. Atticus kommt doch mit seinen Kindern klar und erzieht sie besser und moralischer als die ganzen blassen Leute ohne Gerechtigkeitssinn. Atticus ist der Gutmensch in Person – zumindest war er das. Aber für die Leute war das damals eben abnorm. Sich auf die Seite der Schwarzen stellen oder seine Tochter einen Wildfang sein lassen, statt sie in adrette, steif gestärkte Tüll-Kleidchen zu stecken. Heute ist das in weiten Teilen der Welt normal. Erst in Gehe hin, stelle einen Wächter habe ich angefangen zu verstehen, dass da aber was dran ist. Scout hätte eine Mutter ganz dringend gebraucht, die ihr die Welt erklärt. Vielleicht gibt es wirklich Dinge, die man nicht mit dem Vater oder dem Bruder besprechen will. Und die Freundinnen quatschen eben nur dummes Zeug… . So denkt Scout einige Monate lang mit eiserner Überzeugung, dass sie schwanger sein muss und geht einen radikalen Weg. Und das alles nur, weil sie sich niemandem anvertrauen kann. Das ist irgendwie grotesk, witzig und bitter. Immerhin legt ihr Bruder nochmal einen Beweis dafür ab, dass sie mit ihren Sorgen zu ihm kommen kann. Die Unterhaltung der Beiden über Schwangerschaft und wovon man schwanger wird, würde ich gern hören. 🙂

Was das betrifft, schließt Gehe hin, stelle einen Wächter sogar zum Teil den Kreis. Aber das Gefühl verhältnismäßig viel Zeit, Seiten und Druckerschwärze an eine eigentlich schnell erzählte Kindheitsgeschichte verloren zu haben bleibt. Die Erkenntnis ist zwar wichtig, aber ich frage mich: wo bleibt die Konfrontation? Wann hören alle auf sich nebulös zu geben und packen die Karten auf den Tisch? Wann sind denn nun Atticus und eine weitere Person, die Scout viel bedeutet, zu solchen Hetzern und Ketzern geworden, die Rassendiskriminierung dulden?

Und ich frage mich …

… warum hat man bei all den brisanten Themen 100 Seiten mit Nichtigkeiten zugebracht und gewartet? Eigentlich sollte es wohl so laufen, dass Gehe hin, stelle einen Wächter der erste Maycomb-Roman geworden wäre. Zu einer Zeit, als es To Kill A Mockingbird noch gar nicht gab. Man stelle sich das vor: wir hätten Atticus nie als den Gutmensch kennengelernt und wären vermutlich nur halb so erstaunt gewesen, dass er an derartigen Bürgerversammlungen teilnimmt. Die volle Breitseite und Wende in der Charakterzeichnung hätte für mich als Leser trotz Scouts Flashbacks in ihre Kindheit wahrscheinlich nicht funktioniert. Hundert Seiten süße Banalitäten hin oder her. Für mich wäre Atticus nur irgendein alleinerziehender Vater gewesen über den die Tochter viele Jahre später die gemeine Wahrheit herausfindet: dass er nicht unfehlbar ist. Das hinterlässt einen faden Beigeschmack. To Kill A Mockingbird strahlt für mich jetzt heller. Und so ganz konnte auch ich im zweiten Drittel des Buches nicht nachvollziehen, warum Atticus tut was er tut. Passt für mich nicht zusammen. Und so schließe ich und wundere mich und drehe und wende die Geschichte, Wörter und Zitate und komme zu dem Schluss: das ist nicht die Fortsetzung zu To Kill A Mockingbird. Das ist einfach ein anderes Buch, in dem die gleiche Hauptdarstellerin auftritt. Macht das Sinn?

Zu den bisherigen Artikeln

Kathrin 26.03. Ankündigung
Booleana 06.04. Rückblick Teil I
Kathrin 10.04. Rückblick Teil I

Wann hattet ihr zuletzt ein Leseerlebnis, bei dem ihr so vor den Kopf gestoßen wart und das Buch und die Charaktere nicht wiedererkannt habt? Denkt ihr, dass es in Harper Lees Sinne ist, dass die Bücher getrennt zu betrachten sind? Machen die Vergleiche zum ‚Mockingbird‘ uns nur unglücklich? Habt ihr das Buch schon gelesen? Das letzte Drittel des Buch spoilere ich euch übrigens nicht, sondern schließe demnächst mit einer Review.