Wir lesen … „1984“ #WinstonsDiary (II)

Mein erster Zwischenbericht liegt noch nicht lange zurück, aber es ist viel passiert in der Welt von ‚1984‘ und ich habe den nächsten Teil verschlungen. Zumindest erstmal. Zur Erinnerung: Kathrin von phantásienreisen.de , Svea von Läsglädje und ich haben derzeit ein gemeinsames Leseprojekt. Das ‚echte Leben‘ hält uns zwar zur Zeit immer mal davon ab, aber ihr könnt unsere Gedanken zum Lesen von George Orwells Dystopie auf Twitter unter #WinstonsDiary mitverfolgen. Heute gebe ich einen kleinen Zwischenbericht ab und lasse Revue passieren, was im zweiten Teil des Buches passiert. D.h. in meiner Ausgabe zwischen den Seiten 111 und 237, dabei kann ich auf Spoiler leider nicht ganz verzichten.

Liebe

Der zweite Teil beginnt mit einer Überraschung. Wer hätte das gedacht? Liebe für Winston. Und das ausgerechnet in einer Welt in der man nicht aus Zuneigung heiraten darf und Sex nur zur Zeugung guter Parteimitglieder erlaubt ist. Schon seitdem Winston sich so zwiegespalten über die dunkelhaarige Frau äußert, denke ich, dass die Geschichte noch mehr für uns Leser bereithält. Und das tut sie. Besagte Frau lässt Winston einen Zettel zukommen, auf dem schlicht steht

„I love you.“ (p.113)

und ich muss sagen, dass dieser Satz in mir einen Aufruhr ausgelöst hat. Mehr als in manchem Buch, das vordergründig und hauptsächlich eine Liebesgeschichte ist. Diese berühmten drei Worte strahlen scheinbar umso heller, desto grauer die Welt ist. Das klingt jetzt vielleicht etwas mädchenhaft, aber ich konnte das Buch nicht zur Seite legen und war regelrecht verrückt nach dem Gedanken, dass es klappen wird zwischen Julia und Winston. Julia, so heißt die Frau. Er versucht mit ihr in Kontakt zu treten. Da er aber faktisch noch verheiratet ist und eine Beziehung aus Zuneigung nicht gebilligt wird, ist er vorsichtig. Es ist wie ein Krimi, aber das Treffen zwischen ihnen kommt zustande und ist überwältigend.

Julia und er sind partners in crime. Haben einen Unterschlupf und eine Affäre inmitten einer Umgebung, die für so ziemlich jede emotionale Regung feindlich ist. Warum Zuneigung so ein Problem in der Welt von Big Brother ist, fasst Julia auch ziemlich gut zusammen:

Und ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Liaison berührt.

„He wondered vaguely, whether in the abolished past it had been a normal experience to lie in bed like this, in the cool of a summer evening, a man and a woman with no clothes on, making love when they chose, not feeling any compulsion to get up, simply lying there and listening to peaceful sounds outside. Surely there could never have been a time when that seemed ordinary?“ (p. 150)

Das macht einem erstmal bewusst, dass es ganz und gar nicht gewöhnlich ist.

Über das Rebell-Sein

Aber die Hoffnungen, die ich in Julia gesteckt hatte, waren scheinbar Vorschusslorbeeren. Sie ist zwar subversiv und eine Rebellin, aber nicht systematisch. Sie lehnt sich zwar auf, aber sie denkt nicht nach und wenn, dann nicht weit genug. Teilt Winston seine Gedanken mit ihr, ist sie manchmal regelrecht ignorant. Rebell-Sein hat wohl viel mit Wahrnehmung zutun. Und mit einem gewissen Gerechtigkeitssinn. Und mit Mut. Wem v.A. die Wahrnehmung fehlt, was falsch läuft und dass es mal anders war, der kann das volle Ausmaß also auch nie Begreifen. Wie im Buch schon so treffend gesagt wird:

Die Schlange beißt sich in den Schwanz und es ist einmal mehr frappierend wieviel Ideologie in die Leute gepumpt wurde und wieviel in ihnen abgetötet wurde. Wobei Julias Ausgangslage auch etwas anders ist. Sie ist jünger als Winston und im System aufgewachsen. Sie kann kaum Erinnerungen an die Zeit vor Big Brother haben, im Gegensatz zu Winston, dem immer mehr Details aus seiner Kindheit einfallen. Insbesondere über seine Mutter und seine kleine Schwester. Und umso mehr frage ich mich, wo die Rebellion bleibt, auf die ich so gehofft habe.

Brotherhood

Überraschung! Die Rebellion ist da und kommt unverblümt (aber natürich seeeehr vorsichtig) auf Winston zu. Ich verrate nicht in Form welcher Person. Aber es ist sehr ernüchternd die Regeln zu hören, denn Brotherhood stellt die Aufgabe über alles und sagt schonungslos, dass die meisten für ihre Arbeit sterben und einen Erfolg nicht miterleben werden, so es denn einen geben wird. Das ist hart. Als erstes übergeben sie Winston unauffällig ein Buch von Goldstein, das er liest. Darin befindet sich eine wissenschaftliche Abhandlung über die Welt und das System, das sich zwar unendlich nüchtern und trocken liest, aber auch etwas Erleuchtung bringt. Zum Beispiel wird darin erklärt wie es überhaupt in den anderen Superstaaten aussieht und Überraschung: dort herrschen ähnliche Zustände. Das schockiert in seiner Nüchternheit, spricht aber auch Wahrheiten an, die noch in unserer heutigen Zeit einen Nerv treffen.

… ich gebe aber offen zu, dass ich zwischendurch das erste Mal keinen Bock mehr auf das Buch hatte, weil ich Goldsteins Abhandlung so trocken fand. Immerhin habe ich dann mal weitergelesen und war geschockt über das abrupte Ende des zweiten Teils, bei dem sich die Schlinge um Winston und Julias Hals gefährlich eng zuzieht.

Das Ding mit den Erwartungen …

Am Ende des ersten Teils hatte ich das Gefühl jetzt genug über das totalitäre System von 1984 gehört zu haben. Man kann sagen, dass das augenscheinlich die Aufgabe und das Ziel des ersten Teils war. Kein Vorwurf! Er liefert ein sehr konkretes und regelrecht unheimliches Bild der Dystopie ab, der sehr spannend zu lesen ist. Aber nach über 100 Seiten hatte ich den Eindruck, dass es einen Fortschritt geben muss. Rebellion? Oder zumindest einen Fortschritt für Winston als Person. Dass er irgendwie ausbricht beispielsweise. Sofern das in 1984 möglich ist … . Mein Flehen wurde scheinbar erhört, ich war regelrecht betäubt, als Winston den Zettel mit den berühmten drei Worte hört. Im Nachhinein war ich etwas enttäuscht von der Figur der Julia, die wie Winston so treffend beschreibt, eigentlich auch nur hüftabwärts ein Rebell ist. Es ist sehr schade, dass sie ihren Kopf so schnell abschaltet. Auch die Brotherhood (Bruderschaft?) nimmt Kontakt auf und die Geschichte geht voran.

Währenddessen kam mein Lesen kurz zum Stillstand. Das Buch, das Winston zugesteckt bekommt, war so trocken und wissenschaftlich-nüchtern geschrieben, dass ich 1984 kurzzeitig mal weggelegt habe. Der zweite Teil des Buches endet aber mit einem ziemlich heftigen Paukenschlag, über den ich nicht zuviel verraten möchte. Außer, dass es mit Sicherheit lebensgefährlich für Winston wird. Die Passagen waren beklemmend und ich könnte kaum gespannter auf den dritten Teil sein. Nicht mal mehr hundert Seiten. Aber was ist mit meinen Hoffnungen? Ich hatte mir ausgemalt, dass Winston zumindest auslöst, dass ein Umdenken und eine Rebellion stattfindet. Ich habe gehofft, dass ich im Buch Zeuge werden würde wie das System zerschlagen wird. Und das wirkt jetzt wo ich zwei Drittel des Buches gelesen habe, gelinde gesagt, unmöglich. Wo führt das hin? Lese ich hier eine Märtyrergeschichte, die nur unglücklich enden kann? Ich bin gespannt was kommt, ahne aber nichts gutes.

Details zu meiner Ausgabe

1984, George Orwell, Sprache: Englisch, Verlag: Penguin Books, 2008, ISBN: 978-0-141-03614-4

Zu den bisherigen Artikeln

Kathrin 29.04. Ankündigung
Booleana 22.05. Erster Zwischenbericht

Puh … was erwartet mich im dritten Teil? Könnt ihr mir ohne direkt zu spoilern ein Stichwort geben, falls ihr das Buch kennt? Ich denke es wird ein Wechselbad der Gefühle und bestimmt keine leichte Kost. Danach werde ich auf jeden Fall einen der Filme sehen. Ein drittes Zwischenfazit würde nur aus Spoilern bestehen, weswegen ich darauf verzichte. Wenn ihr das nächste Mal von 1984 hier lest, wird es also die Gesamtreview sein.

12 Antworten

  1. Im zweiten Teil tun sich einige Abgründe in Winstons Charakter auf, die im dritten Teil vermutlich noch tiefer werden. Ich denke, dass man Julia zu wenig zugesteht, wenn man sie nur als Rebell hüftabwärts bezeichnet. Sie ist denke ich innerlich freier und charakterlich deutlich stärker als Winston und wohl viel eher in der Lage sich der Gesellschaft zu widersetzen als Winston. Ich habe das dritte Kapitel noch nicht gelesen, so dass ich dazu nichts sagen kann. Ich bin gespannt was noch kommt.
    Goldsteins Ausführungen haben durchaus etwas für sich.

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Möglich, dass Winston im dritten Teil an seine Grenzen kommt. Du hast wahrscheinlich recht, dass sein Leben sehr auseinander genommen wird und er stark auf die Probe gestellt wird. Aber ich denke, dass er im Laufe der Geschichte bisher einige Heureka-Momente erlebt hat. Erinnerungen beispielsweise. Und auch das Lebensgefühl, wenn man freier und ungezwungener lebt. Und das hat ihn bestimmt wachsen lassen. Das macht sich im zweiten Teil schon bemerkbar finde ich, wenn man ihn mal mit dem Winston vom Anfang des Buches vergleicht.

      Was Julia betrifft, hast du wahrscheinlich schon recht: sie ist charakterlich stärker. Aber wenn man nicht den Willen hat zu reflektieren und nachzudenken, dann weiß ich nicht wie hilreich das ist. Sowas mündet oft in blinden Aktionismus. Gegen Ende des zweiten Teils habe ich gar nicht mehr verstanden, warum sie eigentlich bei der Brotherhood mitmachen möchte bzw. warum sie überhaupt rebelliert.

      1. Ich denke Winston wächst durch Julias Liebe. Sie schließt sich auch der Brotherhood an, weil sie ihn aufrichtig liebt. Ich glaube nicht, dass Winston sie (anfangs) auf gleiche Weise liebt. Der Mangel und das Bedürfnis diesen zu stillen haben Winston dafür zu fest im Griff. Der Hunger treibt ihn zu Taten, die ihn innerlich immer mehr von einem Selbstbild entfernen, das er akzeptieren kann. Die gesellschaftliche Enge verhindert, dass er aus sich selbst heraus schöpfen kann. Dadurch ist Winston innerlich ausgeblutet. Die rücksichtslose Gesellschaft frisst den Menschen und lässt nur eine leere Hülle zurück – für mehr ist in ihr kein Platz.

        Hast Du Dein finales Review bereits geschrieben?

  2. Hach, damals als ich 1984 gelesen habe, fand ich es ziemlich gut. Leider ist das schon wieder so lange her, dass ich so gut wie nichts mehr von der Handlung weiß. Erschreckend. o.O
    Ich finde die Frage, die du aufwirfst aber generell sehr interessant. Ist es eher so, dass nur Leute, die eine Alternative zum aktuellen System kennen und nicht von Geburt an indoktriniert wurden, sich aus dem System „rausdenken“ und Veränderungen wünschen können oder liegt es eher am Charakter der einzelnen Personen, ob man sich auch ohne konkrete Vergleichsmöglichkeiten Alternativen vorstellen und wünschen kann? Oder vielleicht ist es immer eine Kombination aus beidem? 🙂

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Das geht mir auch oft so! Hatte ich neulich erst wieder, als ich versucht habe mich an das Ende von irgendeinem Buch zu erinnern. Man verbringt soviele Stunden damit, aber irgendwann versagt das Gedächtnis einfach. Aber seitdem ich blogge und Reviews schreibe, habe ich zumindest immer den erweiterten Mind Palace in der Hand hrhrhr 😀

      Tja, das ist es, was mich so beschäftigt. Und ich habe immer noch keine Antwort drauf. Im Buch ist Winston derjenige, der die Welt noch ohne das System kennt. Er ist auch sichtlich berührt von allem, was man in der Welt versucht zu vernichten. Besitztümer wie Bücher, Kunst etc. oder Gedichte und Lieder. Aber er revoltiert nur sehr zögerlich. Liegt vielleicht an seinem sehr phlegmatischen und unentschiedenen Charakter. Dann ist da aber noch die, die quasi nur das System kennt. Sie revoltiert, beispielsweise wenn es um Sex und freie Liebe geht. Aber wenn es um politische Sachen geht, dann ist sie extrem desinteressiert und macht eigentlich nur mit, weil ihr Macker mitmacht.
      Normalerweise hätte ich gesagt, dass nur der revoltiert, der das Leben mal anders kennengelernt hat oder zufällig drauf stößt. Eine hinterfragende, neugierige Natur hat und intelligent genug ist. Moralisches Empfinden aufgebaut hat. Dann können mMn auch diejenigen aufwachen und revoltieren, die nur das System kennen. Aber wenn man von Kindesbeinen an so richtig niedergedrescht und mit der Doktrin vollgepumpt wird … vielleicht baut man dann ja nie Moralempfinden auf? Soviele was wäre wenns …

  3. Oh ja, das is echt praktisch! 😀 Ich sollte (wie ich glaub ich auch erst 12345 Mal erwähnt habe) endlich mal alle meine Artikel irgendwo speichern …

    Hrm, ich überlege gerade … Vielleicht liegt es aber auch einfach an den persönlichen Grenzen. Wenn der Dame, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, eben genau die freie Liebe so wichtig ist, dass sie kaum anders leben kann, dann muss sie sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, in der Dinge anders liefen, sondern muss sich nur vorstellen können, dass man die Dinge auch so machen könnte, wie sie das für richtig empfindet. Und das ließe sich ja auf verschiedenste Bereiche übertragen. Da steckt dann eben kein Idealismus hinter, der auch politisch umgesetzt werden möchte, sondern nur der Wille einzelne Bereiche des eigenen Lebens selbst zu bestimmen. Und es fehlt vielleicht das größere Verständnis, dass man durch politische Aktionen auch diese Bereiche anders gestalten könnte. Was wiederum vielleicht da wäre, wenn man eine andere Zeit miterlebt hätte. Jesses (wie man bei uns zuhause sagt), das sind wirklich sehr viele „wenns“ und „hättes“, du hast Recht. 😀

    1. Avatar von Miss Booleana
      Miss Booleana

      Aber dein Blog speichert das doch für dich ab 🙂

      Jaaa, volle Zustimmung. Wenn der Mensch an sich schon Mal bereit ist zu hinterfragen, kann da viel bei rauskommen. Hach, was soll ich sagen, ich habe es jetzt zu Ende gelesen und das beschäftigt mich immer noch sehr. Was für ein Buch …

      1. Ja, aber wenn deren Sörver mal down sein sollten, dann is Schicht im Schacht! Wurde mir gesagt. 😀 Naja, es macht mich einfach etwas nervös, dass ich die Sachen nirgendwo gesichert habe. ^^“

        Das sind doch die besten Büchern, die einen noch begleiten, wenn man sie bereits ins Regal gestellt und sich eigentlich schon ins Bett gelegt hat. 🙂

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  7. […] „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (auf Twitter nachvollziehbar unter #ZurückNachMaycomb) und Orwells „1984“ (#WinstonsDiary) gewidmet haben. Außerdem hatte ich die Freude Kathrin wieder auf der Leipziger […]

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