Blogparade: Antiheld – die „echten“ Protagonisten

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Neulich beim Lesen von George Orwells ‚1984‘ ist er mir wieder über den Weg gelaufen. Der Antiheld. Normalerweise mag ich die um einiges lieber als die klassischen strahlenden Helden. Was macht den Antiheld aus? Er ist meiner Meinung nach ‚echter‘ und menschlicher. Daher der Beititel der Blogparade: ‚echter‘ Protagonist. Denn Antihelden sind nicht frei von Fehlern. Sie haben Ängste, Schwächen, eher Einzelgänger oder sind nicht hübsch. Im Gegensatz zu so manchem Saubermann, der mit seinem Zahnpasta-Lächeln den Tag rettet und dem scheinbar alles gelingt. In den Antihelden können wir uns aber besser hineinversetzen, denn wir sind alle nicht fehlerfrei. Und das ist es, was den Antiheld meist dann doch irgendwie liebenswert macht. Oder dafür sorgt, dass wir umso mehr mit ihm oder ihr mitfiebern. Selbst wenn der Antiheld so ‚anti‘ ist, dass wir ihn oder sie nicht mal besonders mögen. Diesen sehr menschlichen Geschöpfen, den Antihelden und -heldinnen, widme ich heute also eine Blogparade, die sich aber auf Antihelden in Film und Serie beschränkt und ich würde mich freuen, wenn ihr mitmacht. Ich wette wir können eine ganze Menge zusammentragen. 😉

Die Regeln

Nennt mir eure (maximal 10) besten Beispiele für Antihelden/-heldinnen in Film und Serie in einem Blogbeitrag bis (einschließlich) 23.07.2016. Da es hierbei um spezielle Rollen geht, bitte ich euch den Namen der Rolle in eurem Beitrag zu nennen, sowie den Schauspieler der diese verkörpert (bei Animationsfilmen hinfällig) und den Namen des Films oder der Serie. Am einfachsten und eindeutigsten ist es, wenn ihr das so handhabt wie ich – siehe meine Liste. Ich möchte nämlich wie immer eine schöööne, große, bunte Auswertung machen und das machts einfacher. Bitte schreibt mir einen Kommentar mit dem Link zu eurem Beitrag unter diesem Artikel, damit ich euch bei der Auswertung nach dem 23.07. nicht vergesse 😉

Reihenfolge ist nicht wertend

Cheyenne (Sean Penn in ‚Cheyenne – This must be the place‘, Film)

Tatsächlich ist Sean Penns Personifikation von Cheyenne der erste Antiheld, der mir einfiel. Cheyenne ist ein Ex-Glamrocker, der eine extrem lakonische Art hat, auf andere Leute herabblickt und sich sehr speziell verhält. Er redet sehr leise und piepsig, mag Menschen nicht besonders und zieht das Ex-Glamrocker-Ding auch rein optisch voll durch. Im Film ist es die Nachricht über den Tod seines Vaters, der ihn aus seiner comfort zone bewegt. Er will den Peiniger seines Vaters aus Ausschwitz finden und begiebt sich auf einen kuriosen Roadtrip. Sean Penn in Höchstform! Obwohl es schon etwas schwierig ist Cheyenne zu mögen, ist es einfach herrlich ihm zuzugucken bei seiner schrägen Aktion. Zumindest bis es dann ernst wird.

„This Must Be The Place (2011) – Official Trailer [HD]“, via indieculturebox (Youtube-Channel)

Donald Duck (Cartoon-Serien und Filme)

Das dürfte so ziemlich der erste Antiheld sein, den ich kennengelernt habe. 🙂 Mal ehrlich … betrachtet man Walt Disneys Originale, dann finden sich da einige ziemliche Stereotypen. Mickey ist der klassische, aufrichtige, nette Held. Kater Carlo ist halt der Böse. Aber Donald – der ist eine cholerische Ente, ein Tollpatsch und ein Pechvogel. Einer der gerne schimpft und spricht, bevor er nachdenkt und manchmal über das Ziel hinausschießt. Und soviel interessanter und witziger als Mickey. Oder gibts wirklich Leute da draußen, die Mickey spannender finden? Oder bei Mickeys Comics und Cartoons mehr gelacht haben?

Jessica Jones (Krysten Ritter in ‚Jessica Jones‘, Serie)

Sie trinkt viel, trifft eine Menge schlechte Entscheidungen, lässt die Menschen nicht zu nah an sich ran und hats nicht so mit dem Aufräumen. Sie hat oft keinen Bock und sie will absolut keine Heldin sein. Ist sie aber. Die Privatdetektin, die sich aufgrund ihrer übermenschlichen Stärke schon mal als Superheldin versucht hat und daran zerbrochen ist, hat vor einer Weile Netflix erobert und ihre Fangemeinde enorm vergrößert. Krysten Ritter ist nicht unbedingt das Ebenbild der Comic-Jessica-Jones, aber nachdem man sie in der Rolle gesehen hat, ist sie nicht mehr wegzudenken. Eine starke Frau, die unangenehme Entscheidungen trifft, um das richtige zutun. Und das mit dunkeldüsterer Attitüde. Weil sie’s kann.

Shinji Ikari (‚Neon Genesis-Evangelion‘, Serie und Filme)

Wenn man Shinji sieht, möchte man am liebsten seufzen. Und dann nochmal seufzen und sagen ‚ach Shinji‘. Und zuletzt noch einmal seufzen. Er ist der personifizierte Antiheld. Würde man Antiheld im Lexikon nachschlagen, müsste daneben ein Bild von Shinji Ikari sein. In dem populären Anime Neon Genesis Evangelion wird der von seinem Vater verstoßene Shinji zurück nach Tokyo bestellt. Er soll einen riesigen Kampfroboter steuern und die Stadt vor monströsen Wesen retten. Und er hadert mit seiner Aufgabe – wegrennen, das ist sein Ding. Verantwortung zu übernehmen, selbstbewusst aufzutreten, seine Meinung zu sagen … unendlich große Hürden für Shinji. Das Leben hat ihm übel mitgespielt, aber er ist in sich gekehrt und zu verschreckt, um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das sorgt dafür, dass er nicht mal den Mut besitzt die Menschen zu retten, die ihm wichtig sind und hinterher hasst er sich dafür. Seufz. Seht ihr!? Da war der Seufzer wieder. Das blöde ist nur, dass man ihn irgendwo verstehen kann.

Lee Geum-ja (Lee Yeong-ae in ‚Sympathy for Lady Vengeance‘, Film)

In Park Chan-wooks ziemlich schonungslosem Film ist Lee Geum-ja eine von Rache getriebene Frau, die eine Tour-de-Force hinter sich hat. Sie ist ziemlich hart geworden, um Vergeltung zu bekommen. Ihre Mittel und ihre Entscheidungen kann man als Zuschauer schwer gut heißen. Und sie ist definitiv keine strahlende Heldin. Aber konsequent bis es weh tut und eine der stärksten Fraunefiguren, die ich jemals in einem Film gesehen habe.

Bernard Black (Dylan Moran in ‚Black Books‘, Serie)

Er hat einen Buchladen, aber er hasst seine Kundschaft. Und den Laden. Er macht eigentlich das, was jeder Buchliebhaber will: in Ruhe gelassen werden und lesen. Nur, dass er weitaus mehr trinkt und raucht als der übliche Buchfan 😉 Und wenn es denn sein muss, dann schiebt man die Kundschaft schon Mal mit dem Besen nach draußen, damit man seine Ruhe hat. In der britischen Sitcom Black Books sorgt seine social awkwardness für soviele Lacher, dass mir regelmäßig der Bauch weh tut.

„The Best of Bernard Black || Black Books supercut“ via Beatrice Summerfield (Youtube-Channel)

Oh Dae-su (Choi Min-sik in ‚Oldboy‘, Film)

Antihelden sind scheinbar Park Chan-wooks Ding. Besonders viel Mitleid hat man im ersten Moment nicht, wenn man Oh Dae-su begegnet. Am Anfang des Films gratuliert er betrunken seiner Tochter am Telefon zum Geburtstag. Festgenommen wurde er auch. Als er aber entführt und 15 Jahre gefangen gehalten wird, ohne dass ihm jemand sagt warum, dann ist man schon bestürzt. Das ‚warum‘ beschäftigt den Zuschauer und treibt den Gefangenen in den Wahnsinn. Als er frei kommt, sucht er Antworten. Inzwischen ist er zu allem bereit und hinterlässt eine Spur der Verwüstung und schießt dabei weit über das Ziel hinaus. Der Film testet das Moralempfinden der Zuschauer stark und man fragt sich nicht selten ob Oh Dae-su nicht gerade zu hart gerichtet hat. Spätestens beim grandiosen, vielschichtigen Ende ist er aber ein tragischer (Anti)Held.

Mavis Gary (Charlize Theron in ‚Young Adult‘, Film)

Von allen Personen in dieser Liste ist Mavis diejenige, bei der es am schwierigsten ist sie zu mögen. Sie war einmal das coole Mädchen und hat andere gemobbt und auf sie herabgesehen. Solche mag ich ja gar nicht. Charlize Theron spielt nun die erwachsen gewordene Ballkönigin, deren Leben aus dem Ruder lief. Mit dem Highschoolschwarm hat es nicht geklappt, die Karriere als Kinderbuchautorin liegt brach. Mavis ist außen hui, innen pfui. Sie führt ein Lotterleben, beleidigt die Leute wo es nur geht und als ihr Ex-Freund aus der Schulzeit sich mal unverbindlich meldet und über die Geburt seiner Tochter informiert, nimmt sie das als Anlass für einen Plan. Sie will ihn dazu bewegen Frau und Kind sitzen zu lassen und mit ihr durchzubrennen und reist zurück in ihre Heimatstadt, wo er immer noch lebt. Unsympathischer geht es kaum. Aber die Fassade bröckelt und im Laufe des Films wird klar, dass sie enttäuscht davon ist wie ihr Leben verlaufen ist und vermisst was andere haben und sie um ihre Familie und ihre Häuschen mit Gartenzaun beneidet. Charlize Theron schafft es auf unvergleichliche Art, dass man Mavis im einen Moment hasst und im nächsten Moment soviel Mitleid mit ihr hat.

Hancock (Will Smith in ‚Hancock‘, Film)

Das beste Beispiel für den Antiheld unter den Superhelden ist wohl Batman. Der Film Hancock ist eher mainstreamig und bei weitem nicht so düster wie der klassische Batman-Stoff, aber der Protagonist ist ein ebenso gutes Beispiel für einen Antihelden. Denn Hancock wird als Superheld gemieden und hat einen extrem schlechten Ruf. Er ist obdachlos, ständig betrunken und durch seine Fähigkeiten verursacht er mehr Schäden, als dass er rettet. Wie er von den Menschen weggestoßen wird und sie über ihn herziehen und er sich aus Trotz noch aufmüpfiger gibt, geht ans Herz, weil Will Smith immer durchschimmern lässt, dass dieses Verhalten Hancock schmerzt. Er will anders, aber er kann nicht anders. Als er eines Tages einen PR-Berater pöbelnd rettet, macht dieser es sich zur Aufgabe Hancocks Ruf aufzupolieren und aus ihm einen echten Helden zu machen. Es stört ein bisschen das Bild des Antihelden, wenn dieser zum Schluss wirklich der strahlende Retter werden soll, aber der Film macht Laune und kommt noch mit ein, zwei Überraschungen um die Ecke.

Donnie Darko (Jake Gyllenhaal in ‚Donnie Darko‘, Film)

Enorm intelligent, aber psychisch labil. Der normale Alltag ödet Donald ‚Donnie‘ Darko an und er stößt alles von sich weg. Empfindet kein Bedürfnis sich einzufügen. Ausgerechnet ihm begegnet ein Mann im (gruseligen) Hasenkostüm und sagt ihm das Ende der Welt voraus. Immer wieder hat Donnie Visionen, in denen ihm der Typ (Frank) begegnet und ihm Anweisungen gibt, die scheinbar nichts miteinander zutun haben, aber die Katastrophe verhindern sollen. Realität oder Einbildung? In jedem Fall bewirkt Donnie etwas und bringt das zarte Gefüge seiner langweiligen Schule und netten Vorstadt gewaltig durcheinander.

„Donnie Darko – Life Line (Official Clip)“ via Viral Film (Youtube-Channel)

Honourable Mentions …

Knifflig. Es gab soviele, die ich hier gern aufgelistet hätte, gegen die ich mich aber dann doch noch entschieden habe. Hououin Kyouma alias Okabe aus dem Anime Steins;Gate beispielsweise. Der verrückte Wissenschaftler mit dem Herz am rechten Fleck ist vielleicht doch mehr Held als Antiheld. Die Grenzen verschwimmen eben oft – so habe ich mich auch gefragt, ob Furiosa aus Mad Max: Fury Road hier gut aufgehoben wäre. Aber dann wäre die Liste auch sehr Charlize-Theron-lastig 😉 Sowohl Will als auch Hannibal aus der Serie Hannibal hätten hier gut reingepasst – aber wen nominiert man denn da zuerst? Und ist Hannibal nicht eher der Antagonist … wie man’s nimmt :‘) . Jean Reno als Léon der Profi ist mir vielleicht auch noch zu heldenhaft, zu nett. Genauso wie Cowboy Bebops Spike Spiegel. Und Batman? Ja welchen nimmt man denn da zuerst?? Ihr seht … es ist ein Dilemma.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr Lust habt teilzunehmen und bin sehr gespannt auf eure Beiträge und die Antihelden die ihr zusammentragt. Und wenn sich jemand findet, der Lust hat die Blogparade für Antihelden der Literatur auszurichten, wäre das auch ziemlich cool. 🙂