Serien-Review: „11.22.63“ & Vergleich zur Literaturvorlage (Stephen Kings „Der Anschlag“)

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Ich kann mir nicht helfen. Zwar ist ‚11.22.63‘ (sprich ‚Eleven Twentytwo Sixtythree‘) der Originaltitel des Stephen King Romans, aber er sieht in geschriebener Form so kryptisch aus, dass ich immer den deutschen Titel des Romans schreiben möchte. Denn in Deutschland erschien er unter „Der Anschlag“. Das Buch hat mich so etwa jetzt um die Zeit vor einem Jahr schwer beschäftigt. Wortwörtlich schwer, denn es ist ein 1000-Seiten-Wälzer. Das Buch war grandios, auch wenn ich kein Fan des langatmigen, amerika-feiernden Mittelteils war. Nichtsdestotrotz ein tolles Werk. Als es hieß, dass es verfilmt wird, war ich umso gespannter. Auf den Cast, auf erste Bilder, auf … alles. Jetzt ist es soweit, die Serie wurde gesichtet und die Review ist spoilerfrei. Aber Achtung: nicht der Vergleich zur Literaturvorlage.

„11.22.63“ Review

Jake Epping (James Franco) ist ein normaler Typ. Engagierter Lehrer, gerade frisch geschieden, scheitert manchmal an der Ignoranz seiner Umwelt. Da begegnet er seinem Kumpel und Diner-Besitzer Al (Chris Cooper), der von der einen Minute zur anderen um etliche Jahre gealtert zu sein scheint. Es ist nicht nur das, Al scheint auch plötzlich schwer krank zu sein. Während Jake die Welt nicht mehr versteht, weiht Al ihn ein. In der Vorratskammer seines Diners gibt es eine unsichtbare Tür, einen Kaninchenbau. Durch diesen gelangt man in die Vergangenheit, genauer in das Jahr 1960. Al hatte nichts geringeres vor als die Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963 zu verhindern. Aber die Vergangenheit arbeitete gegen ihn. Denn die Vergangenheit möchte nicht geändert werden. So wurde er krank und bittet nun Jake an seiner Stelle das unmögliche möglich zu machen: die Geschichte zu ändern.

Die meiste Zeit über fühlt sich die Serie wie ein Spionage-Thriller-Format an und hält es ähnlich wie das Buch und verzichtet auf zuviel Mystery. Die Elemente entstehen vor Allem durch den Gelbe-Karte-Mann oder die Vergangenheit selbst. Der Gelbe-Karte-Mann ist eine Gestalt, die zu wissen scheint, dass Jake aus der Gegenwart kommt. Wohingegen die Vergangenheit als unsichtbare Kraft in Erscheinung tritt, die versucht sich des Störenfrieds zu entledigen, der die geebneten Bahnen des bereits niedergeschriebenen Schicksals durcheinanderbringen möchte. So kann es durchaus mal vorkommen, dass das Auto nicht startet oder eine Pistole Ladehemmungen hat, aber auch, dass die Vergangenheit sich lebensbedrohlich zeigt. Diese Mystery-Einlagen sind aber etwas ungeschickt realisiert und vor Allem sehr ungleichmäßig. Man fragt sich über weite Strecken beispielsweise warum die Vergangenheit nicht öfter zuschlägt. Und manche Situationen entbehren reichlich jeglicher Logik, ein Spagat, den das Buch besser schafft. Die Spionage-Momente sind stark verwässert durch Vermutungen, Hörensagen, sich nebulös gebende FBI-Männer, die per se zu Drecksäcken stereotypisiert werden. Da man Jakes Detektivarbeit von 1960 bis 1963 nur in Auszügen serviert bekommt, leuchtet einem nicht so richtig ein, woher er weiß, was er weiß und das ganze wirkt ein bisschen wie ein Hobby-Sherlock-Holmes. Aber dann sind da auch die anderen Momente. Es gibt Szenen, die treiben mir die Tränen in die Augen. Beispielsweise, wenn Harry Dunning (Leon Rippy) seinen Aufsatz vorliest oder die Begegnung in der letzten Folge, in der die bewegende Frage gestellt wird Hattest du ein schönes Leben? Solche Momente sind golden in der Serie wie auch im Buch.

Die Kritik klanger aber vielleicht negativer als sie ist. Denn man muss der Serie zugute halten, dass sie sehr konsequent eine abwechslungsreiche Handlung in eine immerhin nur achtteilige Serie presst und einen zu keinem Zeitpunkt spüren lässt, dass es eigentlich Stoff genug für eine doppelt solange Inszenierung gegeben hätte. Die Serie ist rund und stimmig von Anfang bis Ende – lediglich Buchkenner werden Phantomschmerzen durch fehlende Passagen und Nebenhandlungen haben. Ein großen Teil tragen dazu natürlich auch die Charaktere bei – sowohl in positiven als auch negativen Belangen. Lustigerweise ist gerade der bekannteste Name, der der mich nicht sonderlich überzeugt hat: James Franco. Hin und wieder erscheint mir seine Darstellung von Jake etwas zu weich, manchmal etwas over-acted. Aber Sarah Gadon als Sadie, Leon Rippy als Harry und Josh Duhamel als Frank Dunning haben mich sehr überzeugt. Duhamel war zum fürchten, wie ein Raubtier, das gleich ein Lamm reißen will. Sarah Gadons Sadie war vielleicht etwas zu wenig kantig, aber andererseits genau das Sweetheart, das man erwartet. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern wie ich mir Sadie beim Lesen vorgestellt habe. Gadon hat die Rolle anektiert. Wenn ich an Harry/Leon Rippy denke, wird mir gleich wieder schwer ums Herz. T. R. Knight als Johnny Clayton fand ich wiederum im einen Moment genial, im nächsten … nicht. Außerdem gab es in den Nebenrollen für mich einige Totalausfälle, wie die-Super-Christin, bei der Jake anfangs wohnt. George MacKays Darstellung von Bill Turcotte leidet unter dem Problem, dass Bill als Figur in die Serie geschrieben wurde, um alle möglichen durch Kürzungen entstehenden Logiklücken auszubalancieren. Deswegen nervt er gelinde gesagt anfangs, später schockiert seine Rolle. Die für mich größte Überraschung war aber Daniel Webber als Lee Harvey Oswald. Nicht nur das. Als Lee Harvey Oswald-Lookalike. Seine fieberige, geradlinige, militärische Verkörperung lässt perfekt den Eindruck entstehen, dass er ein guter Kerl sein könnte, wenn irgendwas in seinem Leben anders gelaufen wäre. Aber auch, dass er eine tickende Zeitbombe ist. Es war durchwachsen, aber die Darsteller, die gut waren, waren wirklich gut.

Außerdem macht die Serie einen Kritikpunkt vieler am Buch wieder ein bisschen wett. Viele kritisieren das etwas sehr Sci-Fi-anmutende Ende des Buches, das es angeblich etwas gegen Ende zerstören würde. Das löst die Serie weitaus subtiler. Generell steigert sich die Serie von einem etwas schlecht durchmischten Genre-Wust gegen Ende zu einer wirklich spannenden Miniserie. Im Prinzip ist 11.22.63 damit eine in sich schlüssige Serie, die dann deutlich mehr begeistert, wenn man das Buch nicht kennt. Warum das so ist und was der Leser unter Umständen in der Serie vermissen wird, versuche ich mal in den folgenden Absätzen zu erläutern.

(7/10)

Sternchen-7

Unterschiede zum Buch

ab hier sind Spoiler zu erwarten

Übung macht den Meister. Oder nicht?

Bei Adaptionen aus Stephen-King-Romanen wird oft ein großer Fehler begangen. Immer wieder. Liest man die Bücher, dann schafft es King absolut überzeugend den Wahnsinn logisch und realistisch zu erzählen. Man glaubt ihm einfach. In den Filmen wird da oft der Rotstift angesetzt und das alles weggekürzt. Im Buch sieht man über die Abstrusität der Zeitreise durch den Kaninchenbau hinweg, weil King Jake und Al vieles ausprobieren lässt. Heißt, dass Jake noch einige Testläufe unternimmt, bevor er für länger in die Vergangenheit reist. Schließlich lebt er dort dann drei Jahre und sollte die Mechaniken kennen, nach denen sich die Vergangenheit rächt und zurückschlägt. In der Serie fehlen diese Testläufe, was sehr schade ist. Denn im Buch scheitert Jake auch mal – und es ist trotzdem extrem spannend zu lesen. Und macht das Geschehen glaubhafter. Man fragt sich in der Serie nur: warum sollte er nicht erstmal üben?

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zählen

Was ich sehr schmerzlich vermisst habe, sind die kleinen Dinge, die mir lebhaft aus dem Buch in Erinnerung geblieben sind. Beispielsweise, dass der Gelbe-Karte-Mann nicht der Gelbe-Karte-Mann bleibt. Oder auch, dass Jake Wegpassage zahlen muss und sich an einige Umstände gewöhnen muss. Dass viele Begriffe die er benutzt für die damalige Zeit ungewöhnlich sind, dass er sein Handy nicht benutzen darf, etc. etc. Und obwohl ich den Mittelteil des Buches weniger mochte, haben mir da einige Dinge gefehlt. Beispielsweise das JIMLA. Oder auch die Geschichten von Jake und seinen Schülern. Und wie sie alle versuchen Geld für eine Operation zusammenzukratzen und diese Aufführung veranstalten. Awww. Die Szenen habe ich sehr vermisst. Obwohl ich den langen Mittelteil über Jakes Leben in Jodie auch manchmal etwas ermüdend während des Lesens empfunden habe, erscheint es mir etwas zu krass, dass im Buch während eines einzigen Gangs durch den Flur alle Jahre zusammengestrichen und weggekürzt wurden. Das ist eine etwas billige Lösung.

Background please …

Es tut etwas weh wie die Geschichten der Charaktere einerseits gekürzten wurden, aber beispielsweise die von Bill künstlich aufgebläht wurde. Wieviel Potential hatte beispielsweise der Konflikt mit Sadie und ihrem Ex-Mann? Ein schönes Beispiel für die schlechte sexuelle Aufklärung in dem Jahrzehnt, wo noch vieles tabuisiert wurde und es um die Selbstbestimmung der Frau noch schlecht stand. Es hätte sowohl Sadie als auch ihrem Ex in der Serie mehr Profil gegeben. Stattdessen wurde das mit einem müden „hier mag man geschiedene Frauen nicht“ abgetan. Ähnlich erging es anderen Charakteren wie Frank Dunning oder Al. Auch Lee Harvey Oswalds Familie oder generell die verschiedenen sozialen Brennpunkte wurden großzügig ausgelassen. Und so begreift man wahrscheinlich nie wie mancher so geworden ist wie er ist.

Andere Erklärungen

Viele Dinge werden in der Serie anders gelöst und aufgeklärt. So beispielsweise die Herkunft des Gelbe-Karte-Manns. In der Serie ist er quasi Jake bzw. eine weitere arme Seele, die versucht die Geschichte zu verändern, aber aus viel persönlicheren Gründen. Er tut es, weil er den Tod seiner Tochter rückgängig machen will. Dass er es scheinbar nicht aufhalten kann, hat ihn offensichtlich tief zermürbt und verrückt gemacht. Zu einer Art Schatten gemacht. Das ist eigentlich eine smarte und bedrückende Lösung, die eine interessante Parallele zu Jake schlägt. Aber wie das so mit solchen Änderungen ist, wirkt sie auch etwas inkonsistent. Was bemächtigt ihn dann überall aufzutauchen wie er beliebt?

Fazit – und: was die Serie besser macht

Wie so oft im Leben: es ist nicht alles schlecht, es ist nicht alles gut. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ziemlich gut ist beispielsweise, wie sich die Serie bemüht Hinweise auf Dinge einzubauen, die im Buch wichtig waren, aber für das Screenplay dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Oder auch, dass sie das Dilemma der King-Adaptionen versteht. So sagt Sadie an einer Stelle „The books always better“. Oder auch das Aufgreifen des Rassenkonflikts. Im Buch so wie in der Serie wird Jake oftmals mit rassistischen Weißen konfrontiert und der Unterdrückung der Schwarzen, die tatsächlich mitunter wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Es tut mir zwar sehr weh, dass Miss Mimi in der Serie so zu leiden hat, aber es war prinzipiell nicht die schlechteste Idee die Rolle zu der einer schwarzen Frau umzuschreiben und sie mit der sehr sympathischen Tonya Pinkins zu besetzen. Das gibt der Rolle noch Konfliktpotential und Tiefe. Ein anderer schöner Zusatz ist das erneute Aufeinandertreffen von Sadie und Jake, als er das erste Mal ’scheiterte‘. Da beschließt er sie ihr Leben leben zu lassen und nicht nochmal in die Geschichte einzugreifen. Eine bittersüße Botschaft, die allerdings auch im Buch mitschwang: lieben heißt manchmal gehen lassen.

Und so kann ich nur wiederholen, was ich bereits oben geschrieben habe: die Serie ist gut. Und sie wird dem Zuschauer umso besser gefallen, wenn er oder sie das Buch nicht kennt und nichts vermissen muss, dass herausgestrichen wurde. Buch gut. Serie gut. Punkt. Apropos Punkt: ein großer Pluspunkt ist definitiv das atmosphärische Opening, das übrigens nicht bei allen Folgen gleich ist. Achtet mal drauf.

Kennt ihr die Serie bereits? Wie hat sie euch gefallen? Was habt ihr vermisst? Oder ging es euch ganz anders? Habt ihr gar nichts vermisst und findet die Umsetzung durch und durch gelungen?