Neulich im Kino … Review zu „Toni Erdmann“

Posted by in 2016, Arthouse & Indie, Deutschland, Film, Österreich, Review, Tragikomödie

Zum offiziellen Kinostart verpasst, aber jetzt doch noch geschafft. Dank der Gespräche rund um Oscar-Nominierungen wurde Maren Ades ‚Toni Erdmann‘ zurück in den Spielplan eines der stadtbekannten Indie-Kinos katapultiert und wir hatten doch noch die Gelegenheit. Und der Saal war ziemlich voll. Review ist weitestgehend spoilerfrei.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) liebt es sich zu verkleiden, die Leute ein bisschen aufs Korn zu nehmen und aus der Reihe zu tanzen. Er tut schon Mal so, als ob er einen kriminellen Zwillingsbruder hat oder schminkt sich verrückt. Die meisten Leute finden das witzig und kurios. Nur seine Familie ist dessen überdrüssig. Inbesondere seine Tochter Ines (Sandra Hüller), die eine knallharte, aber humorlose Karrierefrau ist. Winfried lässt die paar Minuten kühle Gespräche nicht auf sich sitzen. Er besucht sie in Bukarest, wo sie wohnt und für eine große Consulting-Firma arbeitet. Winfried wird mit dem Leben seiner Tochter konfrontiert, dass aus Stress, Meetings, Beziehungen knüpfen und Visitenkarten austauschen besteht und wenig Zeit für anderes lässt. Er kritisiert sie für diese Fassade im schicken Anzug, die sie lebt. Aber das kontert Ines meist mit einem gepfefferten Spruch. Da setzt Winfried zur Gegenwehr an. Verkleidet als Toni Erdmann taucht er überall da auf, wo sie ist und platzt in ihr ‚Business‘. Mal ist er Consultant und Coach, mal der deutsche Botschafter. Er sprengt die Situationen, in denen sie voller Ernsthaftigkeit diskutiert mal mit einem Pfurzkissen oder einfach nur mit seinem viel zu großen Gebiss und führt ihr vor wie banal ihr Leben ist, wenn sie nicht dafür sorgt, dass sie noch eins neben der Arbeit hat.

Maren Ades Film wurde ein Riesenerfolg und der Ruf eilte ihm voraus. Durch die Filmfestspiele von Cannes und auch durch die Liste der BBC mit dem klingenden Namen The 21st centurys 100 greatest films (so far). Jüngst wurde der Film sogar als deutscher Titel für die Nominierung des Auslands-Oscars vorgeschlagen. Und das kommt nicht von ungefähr. Obwohl es dem Film durchaus gut getan hätte ihn einfach mal um eine Dreiviertelstunde zu kürzen, ist er fast sowas wie ein Kunstwerk. Ein bisschen spröde, sarkastisch, trocken, witzig, albern, irre, kritisch und traurig. Noch nie waren in einem Film soviele irrsinnig witzig und zum heulen traurige Szenen beieinander. Dabei muss man bedingt durch die Überlänge des Films ein bisschen Geduld mitbringen bis sich das ganze entwickelt. Toni Erdmann ist kein Zoten-Film und auch kein Sketch-Feuerwerk, sondern hat subtilen Humor, manchmal auch ganz banalen, trockenen Humor. Dafür ist die Qualität der Szenen zunehmend besser und zunehmend lustiger bis gegen Ende der Saal brüllt. Spätestens, wenn Ines den Toni Erdmann in sich beginnt zu entdecken (Stichwort Nackt-Empfang), dann spürt man, dass Winfried was erreicht hat.

So ganz nebenbei prangert Maren Ade das Consulting-Schischi der modernen Business-Menschen-Generation an, die in Tabellen Gründe für das outsourcen und entlassen der Leute sieht. Es ist ein kurzer Kulturschock als Winfried und Ines ein Ölfeld besuchen und er mit einer kleinen Bemerkung fast dafür sorgt, dass ein Arbeiter gefeuert wird. Hat man den Anzug an, entscheidet man plötzlich über soviel. Vielleicht sogar über Existenzen. Es ist grotesk wie sich Ines in diesem Business-Dschungel mit Freunden abgibt, die eigentlich Kollegen sind und die alle nur so tun als ob. Winfried möchte ihr das zumindest gern zu erkennen geben. Er scheint schnell zu verstehen, wer schmierig ist, wen man ernstnehmen kann. Warum Ines nicht? Ihre Fassade ist wie Beton, den es zu brechen gilt. Die Darsteller leben ihre Rollen. Simonischek wirkt wie ein kleiner Junge, wenn er absolut natürlich und trocken seine Sprüche und Possen vorträgt. Man sieht den Irrsinn ein bisschen in seinen Augen flackern. Man, ich hätte gern einen Lehrer gehabt, der so drauf ist wie er. Er erinnert mich ein wenig an meinen Physiklehrer. Und Sandra Hüller spielt die Businessfrau so trocken und unterschwellig verzweifelt, dass man denkt sie ist hart wie ein Knochen. Spätestens bis sie als Whitney Schnuck alles gibt und um ihr Leben singt. Sehr zu empfehlen für Indie-erprobte Zuschauer, denn ich glaube für die Masse ist das nix. Don’t lose the humour.

Toni Erdmann, Deutschland/Österreich, 2016, Maren Ade, 162 min, (9/10)

Sternchen-9

Habt ihr den Film schon gesehen? Oder lässt euch das Thema kalt? Hattet ihr euch vom neuen deutschen Film genau das oder was anderes erhofft? Es wird ja gerne gesagt, dass der deutsche Film nur Drama, schlechte RomComs und Historienfilme kann – das hier ist wohl als Tragikömodie einzuordnen. Passt das?