Fantastischer Film: Das Schweigen der Lämmer

Posted by in 1991, Fantastische Filme, Film, Literaturverfilmung, Psychothriller, Review, Spielfilm, USA

Die Figur Hannibal Lecter ist vielleicht sowas wie der Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts. Nur dass Hannibal Lecter eher der Bösewicht ist. Die Raffinesse seiner Figur besteht darin, dass er ein Psychopath ist, ein Serienkiller, eine Mörder, ein Kannibale. Und er ist das alles vollkommen bewusst und sogar selbstbewusst. Er ist Doktor der Medizin, praktizierte als Psychiater, ist ein Lebemann, äußerst intelligent und kultiviert. Nicht das, was man vorrangig mit kannibalistischen Serienmördern assoziiert. Gerade deswegen hat die Figur aus der Feder von Thomas Harris so polarisiert. Diese Gegensätze und die perfekte Fassade haben die Leute angezogen wie Motten das Licht. Als 1991 Jonathan Demmes Verfilmung von Harris Erfolgsroman erschien, wurde Hannibal Lecter der breiten Masse bekannt gemacht. Das Bild des kultivierten und komplett bewusst handelnden Killers und Kannibalen mündete in einer Welle von Psychothrillern und Nachahmungen. Das Bild des Serienkillers hat sich verzerrt. Denn wer sich damit schon ein Mal auseinandergesetzt hat, weiß, dass zahlreiche psychopathische Serienkiller der Geschichte von minderer Intelligenz waren oder deren psychische Störungen sie so stark beeinflussten, dass sie ihre Defizite vor ihrer Umwelt kaum verstecken konnten im Gegensatz zu einem Hannibal Lecter. Ähnlich Sherlock Holmes glauben manche sogar, dass es Lecter wirklich gab. Mal abgesehen von all dem, bedeutete Das Schweigen der Lämmer den Durchbruch für Jodie Foster und machte Anthony Hopkins zu einer Legende, obwohl seine screen time eigentlich sehr begrenzt war.

Clarice Starling (Jodie Foster) befindet sich noch in der Ausbildung zur FBI-Agentin, als sie für einen aktuellen und brisanten Fall vom Training zum aktiven Dienst gerufen wird. Der Serienkiller Buffalo Bill hat sich seinen Namen ‚verdient‘, in dem er mehrere Frauen umgebracht und gehäutet hat. Das FBI kommt mit den Ermittlungen nicht voran und erwägt den inhaftierten Psychiater Hannibal ‚the Cannibal‘ Lecter (Anthony Hopkins) zu Rate zu ziehen. Der sitzt selber für mehrere kannibalistische Verbrechen und Morde ein, kann sich aber wie kaum ein anderer in die Gedankenwelt von Tätern hineinversetzen. Starling befragt ihn, aber zu einem hohen Preis: für jede Information und jeden Denkanstoß, muss sie ihm ein privates Detail über sich verraten. Ein gefährliches Spiel, denn einen Dr. Hannibal Lecter lässt man nicht einfach so in seinen Kopf. Und die Uhr tickt: Buffalo Bill entführt plötzlich die Tochter einer Senatorin.

Jonathan Demme hat alles richtig gemacht bei Das Schweigen der Lämmer. Er hält sich dicht an das Buch und das gesamte Team beweist ein feines Gespür dafür de Atmosphäre der Situationen einzufangen und wiederzugeben. Es sind die Kleinigkeiten wie ein Fokus auf das Minenspiel von Hopkins oder Jodie Foster, die Kulissen, die nach Kälte und Wahnsinn aussehen und selbst die Musik, die mal Lecters eingesperrten Feinsinn darstellt, mal Buffalo Bills Dilemma. Unvergessen wird die Szene bleiben, in der Hannibal Lecter Clarice begrüßt, und von seinen kulinarischen Abenteuern mit Bohnen und Chianti berichtet.

Der Film tut in allen Maßen genau das richtige – ebenso die Darsteller, die besonders nuanciert ihre Rollen spielen und den Zuschauer noch ins Grübeln bringen, was sich in ihrem Kopf abspielt. Ist Starling ein verkanntes Genie? Ist sie der Sache gewachsen? Was plant Lecter? In ihren Gesichtern spiegelt sich eine Menge und gibt dementsprechend viele Rätsel auf. Jodie Foster gibt die engagierte und zielstrebige FBI-Agentin, der man ansieht, dass sie sich zwar zu vielem überwinden muss, aber die sehr tough ist und konsequent unterschätzt wird. Ein Frauen-Schicksal der 90er-Jahre, das noch nicht aus der Mode gekommen zu sein scheint. Sie kommt aus einfach Verhältnissen, einer anderen Welt als Lecter. Trägt praktische Schuhe und billiges Parfum – obwohl er das offenkundig missbilligt, findet er Gefallen an der verbissenen jungen Frau. Anthony Hopkins bekam genauso wie Jodie Foster für seine Leistung einen Oscar. Überhaupt räumte der Film flächendeckend ab. Zusätzlich beste Regie, bestes (adaptiertes) Drehbuch, bester Film. Höchst verdient. Wie in Thomas Harris Buch vorgelebt, verschaffte er dem Crime/Thriller Genre einen gewaltigen Stoß nach vorn und pushte Themen wie profiling. Obwohl Klamotten und Technik im Film aus heutiger Sicht ziemlich überholt wirken, kann das Gesamtpaket nach wie vor punkten und fesseln – ein Klassiker und ein Erfolg, an den drei weitere Romanteile und mehrere Verfilmungen nicht anknüpfen konnten.

Das Schweigen der Lämmer (OT: The Silence of the Lambs), USA, 1991, Jonathan Demme, 114-118 min

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆