Serien-Review: „The OA“ – eine Serie, die ein bisschen verändert

Posted by in Review, Serienlandschaft

Ich benutze ja selten solche Click-Bait Beititel, aber ‚The OA‘ hat mich ziemlich umgehauen und das muss ich ganz dringend jeden wissen lassen. Die Serie musste die Lücke füllen, die Dirk Gently’s Holistic Detective Agency hinterlassen hat. Da ich gerade davon gehört hatte, dass es ein Must-See ist, es mir Netflix direkt anhand meiner Sehgewohnheiten vorgeschlagen hat und mich der Trailer neugierig gemacht hat, hatte ich praktisch keine andere Wahl. Und die Serie hat bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Review ist spoilerfrei. Aber es wird noch einen zweiten Artikel zum diskutieren geben.

„The OA | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netflix US & Canada (Youtube)

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Prairie Johnson (Brit Marling) war sieben Jahre lang verschwunden. Eines Tages taucht sie einfach so auf einer Brücke auf. Ihre Familie bringt sie nach Hause, der Medientrubel ist immens. Nicht nur, weil alle wissen wollen, wo sie die sieben Jahre lang gewesen und was ihr widerfahren ist. Vor Allem aber wegen eines seltsamen Fakts: Prairie kann wieder sehen. Als sie verschwand, war sie blind. Aber sie behält ihr Geheimnis für sich. Nicht mal ihre Eltern Abel (Scott Wilson) und Nancy (Alice Krige) wissen Bescheid. Prairie besteht außerdem darauf, dass man sie The OA nennt und Sie vertraut sich lediglich fünf vollkommen Fremden an. Steve (Patrick Gibson), der scheinbar immer in Schwierigkeiten steckt; dem Transjungen Buck (Ian Alexander), dem hart-arbeitenden Schüler Alfonso (Brandon Perea), der Lehrerin Betty Broderick-Allen (Phyllis Smith) und dem Kiffer Jesse (Brendan Meyer). Nachts treffen sie sich mit OA in einem leerstehenden Haus und sie erzählt ihnen nicht nur von diesen sieben Jahren, sondern auch von der Zeit davor, bevor sie überhaupt zu Abel und Nancy kam, die eigentlich nur ihre Adoptiveltern sind. Und sie macht die Fünf zu einem Teil ihrer Mission.

Die Prämisse von The OA klingt erstmal ein bisschen wie aus dem 2011er-Filme The Sound of my Voice, in dem ebenfalls Brit Marling die Hauptrolle spielte. In dem Film handelt es sich um eine Sekte und ihre enigmatische Führerin. Den Vergleich kann man beim Ansehen der ersten Folge von The OA erstmal nicht abschütteln, aber dann kommt alles anders als man denkt. The OA behandelt viele kontroverse Themen, die die Menschen schon immer polarisiert haben. Daher wird die Serie sicherlich jeden anders ansprechen – manche werden sie sicherlich komplett ablehnen. Andere werden auf sie über-reagieren. Zwar verrät man lieber nicht zuviel über The OA, aber ein paar Hinweise muss man eben doch geben, gerade wegen der kontroversen Themen. Die Serie behandelt das Thema von Nahtod-Erfahrungen und eins der Kernthemen ist Glaube. Auch die Frage nach dem Jenseits und Wundern steht im Raum. Dem Zuschauer wird also einiges abverlangt. Das was Prairie/The OA da zu erzählen hat, erzählt sie offensichtlich aus einem ganz bestimmten Grund nur so wenigen Menschen und meidet ansonsten andere. Weil es klar ist, dass ihr die wenigstens glauben schenken werden. Was das betrifft ist die Serie eine gekonnte Mischung. Auf der einen Seite begegnen wir tagsüber Steve, Buck, Alfonso, Broderick-Allen und all den anderen Menschen in ihrem Alltag und bei ihren sehr menschlichen und sehr realen Hürden. Da ist die einsame Lehrerin oder auch der narzistische Steve, dessen Wut und Rücksichstlosigkeit ihm und den Menschen um ihn herum schadet, aber offensichtlich aus dem Gefühl entsteht, dass ihn niemand zu verstehen scheint. Aber auch Alfonso, der irgendwie seine Brüder durchbringen muss und nebenbei noch versucht ein Stipendium für die Uni zu bekomnmen, während seine Mutter im Bett liegt und Fernsehen schaut und die überforderte gibt. Sie sind alle Menschen, die orientierungslos und allein gelassen wirken. Keiner von ihnen scheint zu wissen, was der Sinn in ihrem Leben ist, haben ihn verloren oder ihre Bestimmung wirkt in weite Ferne gerückt wegen widriger Umstände. Und dann ist da noch die Geschichte von Prairie, die mysteriös, unendlich spannend und traurig ist, aber auch Hoffnung spendet.

So kann man The OA in zwei Richtungen deuten. Wer gerne glauben möchte, kann es so deuten, als ob OA den Fünf einen Sinn gibt und sie für Themen öffnet und aufmerksam macht, die in ihrem Leben scheinbar verloren waren. Hoffnung, Aufrichtigkeit, Glaube. Nicht zwingend im Sinne von Religion – sondern einfach der Glaube, dass da draußen mehr ist als die engen Bänder der Gesellschaft, Schulnoten und Schubladen, in die Menschen gesteckt werden. OAs Mission ist damit die Mission der Fünf geworden und sie werden Teil eines größeren Ganzen. Vielleicht sogar eines Geheimnisses, das nur eine handvoll Menschen auf der Welt kennen. Wer aber ein Skeptiker ist, kann OA als eine Verrückte deuten, die ein paar orientierungslose Menschen ausnutzt, um sich zu profilieren oder ihr siebenjähriges Martyrium irgendwie wegzuerklären. Dieser Aspekt ist einer der wohl spannendsten an der ganzen Serie, der in einem sehr gewagten Finale mündet und polarisiert.

Was dem Zuschauer dabei in den 30 bis 60-minütigen Episoden am meisten präsentiert wird, ist OAs Geschichte, was mit ihr in den sieben Jahren passiert ist. In Nebenrollen tritt dort u.a. er von Emory Cohen gespielte Homer auf, in den sie sich verliebt. Aber auch der aus Awake und den Harry-Potter-Filmen bekannte Jason Isaacs, der mal wieder einen Bösewicht mimt, aber das auf eine gewohnt großartige Art. Isaacs verkörpert einen Mann, der alles tun würde um sein Ziel zu erreichen und den man eigentlich verachten möchte, der aber dezent ausstrahlt wie innerlich zerrissen und gebrochen er ist, sodass man ihn letzten Endes doch nicht ‚einfach nur‘ hassen kann. Brit Marling gibt wieder mal auf eine überzeugende und fast ätherische Art eine junge, schwer zu begreifende Frau mit einer zerbrechlichen und gleichzeitig absolut selbstsicheren Ausstrahlung. Ein perfekter Widerspruch – sie könnte mir WLAN-Kabel verkaufen. Die Darstellung der fünf sehr ungleichen Charaktere erinnert einen stellenweise an die innerlich zerrissenen Charaktere aus Filmen wie The Breakfast Club. Man schließt sie ins Herz, man weiß, was in ihnen vorgeht und man weiß, dass es weh tut. Umso schöner ist es zu sehen, dass diese fünf „Auserwählten“ aus OAs Geschichte etwas mitnehmen, daran wachsen und auch ein bisschen zu einer verschworenen Gruppe werden. Es gibt goldene, hoffnungsschöpfende und witzige Momente. Beispielsweise, wenn die Lehrerin Betty Broderick-Allen beschließt, sie soll ab jetzt BBA genannt werden. 😉

„The OA Main Theme – Rostam Batmanglij“, via Bence Simon (Youtube-Channel)

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Fassen wir zusammen, was der geneigte Leser also sicherlich schon herausgelesen hat. Das Drehbuch ist nahezu perfekt komponiert. Es schnappt sich ein Thema, das überraschenderweise mal noch nicht totgequatscht wurde und vereint es zu einer genreübergreifenden Geschichte, die kontrovers diskutiert und verschieden gedeutet werden kann. Es ist eine Serie, über die man diskutieren kann. Und die Charaktere sind vereinnahmend und vielschichtig und ein Plädoyer dafür die Menschen in unserer Umgebung nicht in Schubladen zu packen. Übrigens stammt die Idee von Brit Marling und Zal Batmanglij , der bereits in Sound of My Voice die Idee beisteuerte. Es fühlt sich nicht umsonst nach einem Mike Cahill-Stoff (I, Origins; Another Earth) an. Die Visualistik und Ausstattung ist großartig und kreativ. Die Serie entführt uns an weit entfernte Orte und Sphären, aber auch mal in den kargen Supermarkt um die Ecke. OAs Modegeschmack spricht für sich. Der Soundtrack ist eine wunderbare Mischung und ich bin jetzt schon total vernarrt eine kaufbare Platte zu finden, die bestenfalls Prairies Violenen-Nummer und Majical Cloudz Song Downton enthält. Das Problem der Serie ist, dass sie von vielen abgelehnt werden wird, die auf das Thema Glaube allergisch reagieren. Aber ohne Glaube an irgendwas – wo sind wir dann? Ist das dann nicht die enttäuschende Welt, wie sie Steve, Jesse und Buck anfangs empfinden?

(10/10)

Sternchen-10

Mal abgesehen von den Fragen, die The OA bis zum Ende nicht beantwortet, ist da noch eine, die ich gern beantwortet hätte. Wird es eine zweite Staffel geben? Zwar ist das Ende als Serienende trotz offener Fragen ein sehr akzeptables, aber eben v.A. weil es zum diskutieren anregt. Doch irgendwie wünscht man sich doch … noch mehr Antworten. Habt ihr die Serie schon gesehen oder davon gehört? Und wie steht ihr dem Stoff und Kernthemen gegenüber? Wie hat sie euch gefallen? Diskutiert auch gerne mit mir unter dem folgenden Artikel. (Link wird nachgereicht)