7ème art: Oscar-Edition (2017)

Posted by in 2015, 2016, 7ème art, Animationsfilm, basiert auf wahren Begebenheiten, Deutschland, Drama, Film, Frankreich, Griechenland, Liebesfilm, Literaturverfilmung, Österreich, Review, Science-Fiction, Spielfilm, Tragikomödie, UK, USA

Die Oscar-Nominierungen sind draußen und diesmal ziemlich homogen verteilt. Als ob sich alle ziemlich einig gewesen wären. Da gibt es Moonlight, Hacksaw Ridge, La La Land, Silence, Manchester by the Sea … und ich bin ziemlich glücklich, dass sich das Gremium wieder dafür entschieden hat Filme auszuwählen, die offensichtlich einen künstlerischen Mehrwert haben, auch wenn sie nicht soviel eingespielt haben wie so manch seelenloser Blockbuster. Das ist eine gute Entwicklung! Was eine schlechte Entwicklung ist: nicht alle von denen konnte man bis jetzt in deutschen Kinos sehen, weil das Veröffentlichungsdatum noch in der Zukunft liegt. Immerhin laufen einige jetzt an, sodass ich vor der Verleihung vielleicht doch noch den einen oder anderen sehe. Hacksaw Ridge und Hidden Figures beispielsweise. Aber diese Kolumne hier erscheint nun mal immer am fünften des Monats und es ist Tradition, dass meine Oscar-Werkschau VOR der Verleihung erscheint, also ist es jetzt eben so wie es ist. Aber kein Grund zum traurig sein, einige Oscar-Anwärter kann ich trotzdem schon besprechen. Also heute: sieben Filme mit dem gemeinsamen Nenner, dass sie für einen Academy-Award 2017 nominiert wurden.

„Arrival“ Trailer, via KinoCheck

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Arrival

Auf zwölf verhältnismäßig zufällig ausgewählten Punkten auf der Erde landen hochhaus-hohe UFOs. „Muscheln“ nennt sie das Militär. Still schweben sie dort, lösen aber wahnsinnige Tumulte aus. Die Menschen plündern Supermärkte, andere malen „Welcome“ auf ihre Hausdächer. Die Welt ist in Alarmbereitschaft. Das Militär schart sich um die Orte und versucht mit den Besuchern zu kommunizieren. In welcher Absicht kommen sie her? Wer oder was sind sie? Von wo kommen sie? Kommunikation ist der Schlüssel zu allem. Dr. Louise Banks (Amy Adams) ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften und wird als Spezialistin zu Rate gezogen. Sie unterstützt Colonel Weber (Forest Whitaker), den Physiker Dr. Ian Donnelly (Jeremy Renner) und das Team und soll entschlüsseln wie man mit den Besuchern kommuniziert und die wichtigste aller Fragen klären.

Der Film hat mehrere Punkte, die ihn unendlich interessant machen. Zum Einen sind da die Aliens an sich, die die Neugier des Zuschauers entfachen. Nicht nur, dass man glühend darauf wartet sie zu sehen, man hat tausende Fragen. Zum Anderen ist da der globale und humanitäre Aspekt. Es ist traurig, aber wahr: man kann sich extrem gut vorstellen, dass genau das mit den Menschen passieren würde, was der Film zeigt. Panik, Plünderungen, Angst Halbwahrheiten – Agitation und Gewalt. Und dann das Zusammenspiel zwischen den Nationen. Während die einen noch versuchen die Motivation der Besucher herauszufinden, schreien die anderen schon Zeter und Mordio. Und dann ist da noch der dritte Punkt: die persönliche Verknüpfung zwischen den Aliens und Dr. Banks. Natürlich, sagt sich jetzt der cinephile Zuschauer „In jedem Film muss es ja jetzt eine Verbindung geben. Das einfach nur Aliens ankommen und man das untersucht ist wohl zu retro?“ Das nicht, das bekommt genug Raum. Aber hier wird deutlich, dass es bei Arrival nicht um die Aliens an sich geht, sondern es eine Metapher für den Umgang mit dem Fremden ist. Das Entschlüsseln der Sprache ist zudem spannend, aber nicht 100%ig nachverfolgbar, wohl aber nachvollziehbar und strengt das Köpfchen an. Allein die Suche nach Lösungsvorschlägen und wie man an die Aufgabe herangeht – spannend. Dann noch das humanitäre Schachspiel, das Zug um Zug schwieriger wird. Ein kluges und gleichzeitig spannendes Setting. Die Verknüpfung zwischen all den Komponenten mündet in ein stimmiges Ende, das im wahrsten Sinne des Wortes mindblowing ist. Wie hier eine bittere Ironie zuschlägt und den Zuschauer mit tausend Was-wäre-wenns zurücklässt demonstriert was Kino kann. Der Film hallt lange nach. Neben den diskutierenswerten Bildern und Fragen tut das Vor Allem auch Jóhann Jóhannsson Soundtrack. Das hat der Villeneuve ja perfekt zusammengefügt. Übrigens basiert der Film auch auf einem Buch, nämlich auf Story of Your Life von Ted Chiang.

Arrival, USA, 2016, Denis Villeneuve, 117 min, (9/10)

Sternchen-9

Florence Foster Jenkins

Der Film basiert auf dem Leben der titelgebenden, gut-betuchten Musik-Mäzenin Florence Foster Jenkins und spielt im New York der 1940er Jahre. Florence (Meryl Streep) liebt die Musik und fördert die Künstler und Varieté-Gruppen wo es nur geht. Ihre Passion hat aber einen traurigen Beigeschmack, denn Florence braucht die Musik, um ihre Krankheit durchzustehen. Die Musik gibt ihr Kraft. Und so beschließt die übermütige selber Opernarien zu singen. Ihr Manager und Ehemann St. Clair Bayfield (Hugh Grant) engagiert den Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg), bucht die Konzertsäle und besticht Zuschauer und Presse. Warum? Weil Florence nicht im geringsten singen kann.

Kurz und knapp: Der Film ist seicht und schön anzuschauen. Er vereint die Komik der herrlich schräg singenden Florence und wird grandios und mit viel Herzblut und Überzeugung von Meryl Streep gespielt. Streep, die im Gegensatz zu vielen anderen geschafft hat schon zu Lebzeiten eine Koryphäe zu werden, kann wie sie oft bewiesen hat, eigentlich sehr gut singen. Aber sie gibt sich mit viel Mitgefühl für Florence Foster Jenkins der Figur hin. Anstatt Foster Jenkins zu verspotten, wird der Fokus auf ihre Überzeugungen gelegt. Eine gute Formel für den Film, die allerdings etwas sauer aufstößt, wenn man sich vor Augen hält, dass Foster Jenkins Lebensgeschichte quasi 2015 schon Mal verfilmt wurde mit dem französischen Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne (OT: Marguerite) basierend auf dem Leben der Musik-Liebhaberin. Die Komik des Films ebenso wie die Charaktere sind sympathisch und etwas schräg. Wie Hugh Grants Bayfield versucht das Lügengerüst aufrecht zu erhalten ist witzig. Letztendlich verfängt sich der Film aber auch in einem etwas zu seichten und vorhersehbaren Handlungsstrang, der einem nur zu bekannten Schema folgt. So oder so: Florence rocks. Menschen mit solcher Liebe für ihre Sache braucht das Land. Wer sich übrigens mal von den Gesangskünsten der echten Florence überzeugen möchte, kann das hier tun.

Florence Foster Jenkins, UK/Frankreich, 2016, Stephen Frears, 110 min, (7/10)

Sternchen-7

La La Land

Mia (Emma Stone) ist Schauspielerin und hält sich mit Nebenjobs über Wasser. Die Vorsprechen zehren aber an ihren Überzeugungen. Wenn Menschen innerhalb von Sekunden entscheiden, dass sie irgendwas an dir nicht mögen oder dir gar keine Beachtung schenken, dann kann man schon den Mut verlieren. Eines Tages begegnet sie dem Pianisten Sebastian (Ryan Gosling), der sich mit Jobs in Clubs oder bei Retro-Cover-Bands seinen Lebensunterhalt verdient, aber eigentlich von seinem eigenen Jazz-Club träumt. Ihre erste Begegnung läuft nicht so besonders toll. Sie sieht zu wie er gefeuert wird, er rennt sie fast über den Haufen. Aber man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben. Der Funke springt über, die Beiden haben sich gefunden und greifen zusammen nach den Sternen. Zumindest bis ihre Wege unweigerlich auseinanderdriften.

Liebe. Traum. Liebe? Traum? Welchem Weg soll man folgen? Wenn man sich entscheiden muss für das eine oder das andere? Die Liebe, die man gefunden hat, als man seinen Traum verfolgte? Oder der Traum, der sich vielleicht erfüllt, wo man doch gerade erst seine Liebe gefunden hat? Damien Chazelle gibt beiden Themen viel Raum und sein Freund und Komponist Justin Hurwitz setzt genau das musikalisch um. Auf eine märchenhafte Art, die den Erfolg von Whiplash und La La Land (mit sieben gewonnenen Golden Globes wurde ein Rekord aufgestellt) so wirken lässt, als ob Chazelle uhnd Hurwitz in ihrem La La Land angekommen wären. Der Soundtrack bietet wunderbar nachdenkliche Nummern wie City of Stars, aber auch solche die zum Tanzen gemacht sind wie Someone in the Crowd. Und es wird getanzt! Vom Stil her weckt der Film Erinnerungen an Gene Kelly, an Voll-Orchester-Nummern, an Singin‘ in the Rain und an Filme, die (wie es der Werbespruch treffend sagt), … die so heute nicht mehr gedreht werden. Es ist ein Film, der sich mit Idealisten und Träumern auseinandersetzt. Solche wie Seb, die den guten alten Jazz retten wollen. Nicht die seelenlose Fahrstuhl-Musik. An Leute wie Mia, die ja nicht von allen Plakaten die Leute anstrahlen will, die aber eben ihre Zehen in die eiskalte Seine tauchen möchte. Die Kostüme und Kulissen unterstreichen diese nostalgische Note. Die Kleider wirken ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Ganz anders als das was die Instagram-Opfer und Youtube-Stars in ihren Musikvideos tragen. Alles hat Klasse. Alles ist elegant. Die Farben sind eine Komposition für sich. Wenn die Schauspielerfreundinnen in vier unterschiedlich farbigen Kleidern die Straße herunter tanzen und wenn der von Neonreklamen grün-gefärbte Vorhang das Licht auf Emma Stones rote Haare fallen lässt – man kann sagen, dass es perfekt komponiert ist. Alles ist stimmig. Bis auf das Ende an dem in einem Epilog etwas mehr Was-wäre-wenn präsentiert wird als nötig. Aber das ist Geschmackssache.

La La Land, USA, 2016, Damien Chazelle, 128 min, (9/10)

Sternchen-9

„La La Land – „City of Stars“ Film Clip – In Theatres Now“, via La La Land (Youtube-Channel)

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Manchester by the Sea

Als Lee (Casey Affleck) die Meldung bekommt, dass sein Bruder im Sterben liegt, lässt er alles stehen und liegen und fährt eineinhalb Stunden bis er endlich am Krankenhaus ankommt. Sein Bruder ist in der Zwischenzeit verstorben. Er holt seinen Neffen aus der Schule ab, überbringt ihm die traurige Nachricht. All das tut er ziemlich stoisch und für andere wirkt er emotionslos. Aber der Zuschauer ahnt, dass da mehr ist. Da sind zum Beispiel die Flashbacks zurück in die Zeit als er mit ihm und seinem Neffen angeln war, Blödsinn machte. In Boston hätte er einen Hausmeister-Job, aber er lässt alles zurück und zieht erstmal bei seinem Neffen Patrick (Lucas Hedges) in Manchester-by-the-Sea ein, um auf ihn aufzupassen und den Nachlass seines Bruders zu regeln. Und der Nachlass sieht vor, dass er Patricks Vormund wird und in dem Küstenstädtchen bleibt. Lee liegt allerdings nichts ferner als in die Stadt zurückzuziehen, in der er einst glücklich war, schon Mal eine Familie gegründet hatte und in der er jetzt nicht mehr Lee Chandler heißt, sondern „Ist das nicht dieser Lee Chandler?“

Manchester by the Sea ist ein von einem tiefen Realismus geprägter Film, der von Verlust und Schuld handelt und Geschichten von einfachen Menschen erzählt. Lee, genauso wie sein Bruder sind Beispiele für Menschen, die ein normales Leben leben wie du und ich. Tage, an denen die Arbeit zum kotzen ist und die Beziehung schräg. Und dann Tage, die voller Glück sind. Was Lee widerfahren ist, ist der eigentliche Schlag in die Magengrube, der den Zuschauer schwer und unerwartet hart trifft. Und auch wenn die Szenen zwischen Lee und seinem Neffen auf eine unaufdringliche Art witzig sind, so bleibt die Geschwindigkeit des Films angenehm langsam. Das reduzierte Schauspiel von Casey Affleck ist genau das richtige für die Rolle. Matt Damon sollte anfangs die Hauptrolle spielen – allerdings kann man sich das im Nachhinein kaum vorstellen, weil Damon immer diese Atmosphäre mit sich bringt, als ob er unkaputtbar wäre. Casey Affleck hingegen bringt diese unetrschwellige Mimik mit, die sagt, dass er ziemlich kaputt ist. Genauso wie Lee Chandler. Da ist Kenneth Lonergan ein schöner, zynischer, realistischer Film gelungen. Lonergan ist bisher v.A. als Drehbuchautor in Erscheinung getreten. Manchester by the Sea könnte sowas wie sein großer Wurf sein, auch wenn der Film nur ansatzweise massentauglich ist, da man ein festes Nervenkostüm und Sympathie für Indie-Kino braucht, um die Längen des Films genießen zu können. Insbesondere am Anfang strapaziert der Film etwas die Geduld. So schaut man Lee ca. eine halbe Stunde bei der Arbeit zu, bevor wirklich etwas passiert. Das gibt zum Einen Raum für den Charakter, der beeindruckt später aber noch um einiges mehr.

Manchester by the Sea, USA, 2016, Kenneth Lonergan, 138 min, (9/10)

Sternchen-9

The Lobster

„Schöne neue Welt“. Wer nicht in einer Beziehung lebt, hat 45 Tage Zeit, um sich einen neuen Partner zu suchen. Hat man keinen gefunden, wird man in ein Tier seiner Wahl verwandelt. David (Colin Farrell) wird von seiner Frau verlassen und abgeholt. Man bringt ihn aus der Stadt, in der nur Paare leben, in ein Hotel. Dort muss er innerhalb der nächsten eineinhalb Monate jemanden finden. Er und die anderen Singles haben die Möglichkeit, sich bei Jagden auf geflohene Singles, die im Wald leben, ein paar Tage dazuzuverdienen. Während des Aufenthalts im Hotel werden am Beispiel von David und anderen Singles Fragen über gesellschaftliche Zwänge und das Zusammenleben aufgeworfen. So wird den Singles und dem Zuschauer permanent vor Augen geführt, dass das Single-Dasein in dieser Welt nicht erstrebenswert und irgendwie abnorm ist. So werden beispielsweise für die Hotelgäste immer schlecht geschauspielerte Szenen aufgeführt, in denen demonstriert wird, dass wenn man mit jemandem zusammen ist, man nicht überfallen oder vergewaltigt wird oder dass man nicht erstickt, wenn man sich böse an etwas verschluckt – weil ja jemand anders da ist. Singles werden in jeder möglichen Situation als minderwertig betrachtet und dieses Weltbild wird den Hotelgästen zu jeder Zeit eingetrichtert. Und damit schafft The Lobster eine interessante Metapher auf gesellschaftliche Zwänge, die nicht aus der Luft gegriffen sind. Wer erinnert sich nicht an Sticheleien wie „Na und wann bringst du mal jemanden zur Familienfeier mit?“ oder „Na? Immer noch Single. Bist wohl zu wählerisch!?“ oder „Na – immer noch nicht verheiratet?“

Auch wer jetzt denkt First World Problems eben, dem sei gesagt, dass der Film eine Metapher auf alle möglichen Diktaturen des Denkens ist. Und er spielt sehr viel auf die Angst vor dem Alleinsein an. David wie auch andere in dem Hotel versuchen Gemeinsamkeiten zu entdecken und sich anhand dessen zu finden. Aber wo ist da die Liebe? Die Angst vor der Einsamkeit, dem System, dem Tier-werden ist groß genug, um lieber mit irgendjemandem zusammen zu sein, als mit einem Menschen, den man liebt. Alle Darsteller spielen ihre Rollen mit großer Überzeugung. Colin Farrell – mit Plautze und Schnäuzer, fragt sich bald, was einfacher zu spielen ist. Gefühle zu verbergen oder so zutun als ob man keine hätte!? Und bewundert nur stumm den Mut derer, die sich lieber in ein Tier verwandeln lassen als mit irgendjemandem notgedrungen zusammen zu sein. In weiteren Rollen tauchen u.a. Ben Whishaw, Rachel Weisz, Olivia Colman und Léa Seydoux auf in dem Film von Giorgos Lanthimos, der zusammen mit Efthymis Filippou für den Oscar für das beste Drehbuch höchst-verdient nominiert ist. Wo sich der Film ein bisschen verliert ist in dem Ende – aber nichtsdestotrotz ein überraschender Film mit einer Handlung und Prämisse, die verblüffend oft unsere Gesellschaft entlarvt. Schön, dass er für den Oscar berücksichtigt wurde. Nicht nur, weil er aus dem Jahr 2015 ist, sondern auch weil er ein ausländischer Film ist.

The Lobster, Griechenland/UK/Frankreich, 2015, Giorgos Lanthimos, Dauer, (9/10)

Sternchen-9

„THE LOBSTER Trailer German Deutsch (2016) Colin Farrell“, via Moviepilot Trailer (Youtube)

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Toni Erdmann

Winfried Conradi (Peter Simonischek) liebt es sich zu verkleiden, die Leute ein bisschen aufs Korn zu nehmen und aus der Reihe zu tanzen. Er tut schon Mal so, als ob er einen kriminellen Zwillingsbruder hat oder schminkt sich verrückt. Die meisten Leute finden das witzig und kurios. Nur seine Familie ist dessen überdrüssig. Inbesondere seine Tochter Ines (Sandra Hüller), die eine knallharte, aber humorlose Karrierefrau ist. Winfried lässt die paar Minuten kühle Gespräche nicht auf sich sitzen. Er besucht sie in Bukarest, wo sie wohnt und für eine große Consulting-Firma arbeitet. Winfried wird mit dem Leben seiner Tochter konfrontiert, das aus Stress, Meetings, Beziehungen knüpfen und Visitenkarten austauschen besteht und wenig Zeit für anderes lässt. Er kritisiert sie für diese Fassade im schicken Anzug. Aber das kontert Ines meist mit einem gepfefferten Spruch. Da setzt Winfried zur Gegenwehr an. Verkleidet als Toni Erdmann, taucht er überall da auf, wo sie ist und platzt in ihr ‚Business‘. Mal ist er Consultant und Coach, mal der deutsche Botschafter. Er sprengt die Situationen, in denen sie voller Ernsthaftigkeit diskutiert mal mit einem Furzkissen oder einfach nur mit seinem viel zu großen Gebiss und führt ihr vor wie banal ihr Leben ist, wenn sie nicht dafür sorgt, dass sie noch eins neben der Arbeit hat.

Maren Ades Film wurde ein Riesenerfolg und der Ruf eilte ihm voraus. Obwohl es dem Film durchaus gut getan hätte ihn einfach mal um eine Dreiviertelstunde zu kürzen, ist er fast sowas wie ein Kunstwerk. Ein bisschen spröde, sarkastisch, trocken, witzig, albern, irre, kritisch und traurig. Noch nie waren in einem Film soviele irrsinnig witzig und zum heulen traurige Szenen beieinander. Dabei muss man bedingt durch die Überlänge des Films ein bisschen Geduld mitbringen bis sich das ganze entwickelt. Toni Erdmann ist kein Zoten-Film und auch kein Sketch-Feuerwerk, sondern hat subtilen Humor, manchmal auch ganz banalen, trockenen. Dafür ist die Qualität der Szenen zunehmend besser und zunehmend lustiger bis gegen Ende der Saal brüllt. Spätestens, wenn Ines den Toni Erdmann in sich beginnt zu entdecken (Stichwort Nackt-Empfang), dann spürt man, dass Winfried was erreicht hat. So ganz nebenbei prangert Maren Ade das Consulting-Schischi der modernen Business-Menschen-Generation an, die in Tabellen Gründe für das outsourcen und entlassen der Leute sieht. Es ist ein kurzer Kulturschock als Winfried und Ines ein Ölfeld besuchen und er mit einer kleinen Bemerkung fast dafür sorgt, dass ein Arbeiter gefeuert wird. Ines Fassade ist wie Beton, den es zu brechen gilt. Die Darsteller leben ihre Rollen. Simonischek wirkt wie ein kleiner Junge, wenn er absolut natürlich und trocken seine Sprüche und Possen vorträgt. Man sieht den Irrsinn ein bisschen in seinen Augen flackern. Sandra Hüller spielt die Businessfrau so trocken und unterschwellig verzweifelt, dass man denkt sie ist hart wie ein Knochen. Spätestens bis sie als Whitney Schnuck alles gibt und um ihr Leben singt. Sehr zu empfehlen für Indie-erprobte Zuschauer, denn ich glaube für die Masse ist das nix. Don’t lose the humour.

Toni Erdmann, Deutschland/Österreich, 2016, Maren Ade, 162 min, (9/10)

Sternchen-9

„TONI ERDMANN Trailer German Deutsch (2016)“, via KinoCheck (Youtube)

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Zoomania

In dieser Welt lief alles etwas anders: die Tiere haben irgendwann ihre Instinkte hinter sich gelassen und sich ein zivilisiertes Miteinander aufgebaut. Sie sind nun Bauern, Polizisten oder Ärzte; gehen aufrecht, leben in Häuschen und tragen Klamotten. Aber wie das eben so mit der Zivilisation ist: leider hat die auch so ihre Ecken und Kanten. Das muss die Kaninchendame Judy Hopps spätestens dann merken, als sie beschließt Polizistin zu werden und ihr das niemand zutraut. Nachdem sie mit Bravour die Polizeiakademie abgeschlossen hat, tritt sie in der großen Stadt Zoomania ihren Dienst an. Die Stadt mit dem Slogan „Hier kann jeder werden was er möchte.“ Und die Enttäuschung könnte nicht größer sein. Ihre Kollegen sind alle mindestens fünf Mal so groß wie sie und geben ihr maximal die Arbeit einer Politesse, aber keinen echten Fall. Sie wird nicht mal ansatzweise ernst genommen und bekommt auch gar nicht erst eine Chance zu zeigen was sie kann. Dabei überführt sie den Gelegenheitsgauner Nick Wild, einen Fuchs, und andere zwielichtige Gestalten. Als sie sich beweisen und das spurlose Verschwinden eines Otters aufklären will, braucht sie aber letztendlich die Hilfe von eben diesem gewieften Fuchs. Ihrem Naturfeind. Und der ist gar nicht der Meinung, dass in Zoomania jeder werden kann, was er will.

Anthropomorphismus ist die Vermenschlichung von unbelebten oder belebten Körpern. In diesem Fall werden menschliche Eigenschaften auf Tiere übertragen wie man es aus Kinderbüchern kennt. Anthropomorphismus hatte in den letzten Jahren in der Comicszene einen großen Boom. Auf DeviantArt gibt es beispielsweise eine riesengroße Community, die Tiere seit Jahren in Büros und andere Schauplätze steckt und den Alltag in menschlicher Manier bestehen lässt. Im Prinzip haben sich Animations-Riesen wie Disney oder andere Trickfilmschaffende der Thematik schon ziemlich oft angenommen, auch wenn manch eine Review oder Werbestrategie einem was anderes weis machen will. Alles in Allem ist Disneys Zoomania ein witziger Film für ein Publikum jeden Alters mit einer Botschaft, die man nicht oft genug verbreiten kann. An Judy Hopps Beispiel wird gezeigt wie stark Vorurteile das Denken der Menschen bestimmen und wie unfair sie sind. Man kann vieles hineinprojizieren. Vorurteile gegenüber Geschlechtern, der Herkunft oder auch körperlichen Gegebenheiten. Judy wird von Anfang an als niedlich, ‚Möhrchen‘, naiv oder Bauerntrampel verschrien, egal wie gut und idealistisch sie ist. Wir treffen auch Nick. Schlaufuchs vs naives Häschen? Er wurde seit jeher als gerissenes, hinterlistiges Raubtier abgetan. Und hat diesen Weg letztendlich auch eingeschlagen. Er ist ein windiger Trickbetrüger. Judy versucht einen anderen Weg zu gehen. Sie wird entgegen der Konventionen kein Möhrenbauer. Ein wundervolles Plädoyer und ein Abgesang auf eingetretene Pfade. Vorurteile und Diskriminierung wurden selten so locker-flockig erzählt und mit so schönen Seitenhieben auf 1, 2 Filmklassiker und bekannte Serien. Allerdings hätte der Animationsfilm aus dem Hause Walt Disney Animation Studios auch keine Minute länger sein dürfen. Die Geschichte ist im Kern recht einfach gestrickt und erlebt in der Mitte einen kleinen Durchhänger, nicht zuletzt wegen der Vorhersehbarkeit ab dem 2. Drittel des Films. Ein weiteres kleines Manko ist für mich die Übersetzung des Originaltitels Zootopia in Zoomania. Warum musste das sein? In Zootopia steckt Utopia – eine Welt, die futuristisches, neues und innovatives verspricht, aber letztendlich denselben gesellschaftlichen Zwängen und unsichtbaren Gesetzen folgt wie unsere derzeitige Welt. Also ein trügerisches Utopia.

Zoomania (OT: Zootopia), USA, 2016, Byron Howard & Rich Moore, 109 min, (8/10)

Sternchen-8

Freut ihr euch auf die Oscars? Und wen möchtet ihr unbedingt gewinnen sehen? Habt ihr die besprochenen Filme schon gesehen? Und wie gefallen sie euch? Was möchtet ihr vor der Oscar-Verleihung unbedingt noch sichten?

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen zu meinem bestimmten Thema – eine Mini-Werkschau. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.