ausgelesen: Margaret Atwood „Alias Grace“

Durch die Buch-Blogger habe ich früher oder später von Margaret Atwood gehört und gelesen. Dass sie eine faszinierende Person ist, war schnell anhand ihrer Themen klar. Dass sie aber so eine interessante Persönlichkeit ist, hat mich überrascht. Die Anzahl an Auszeichnungen die sie erhielt und die Variationen an Themen, derer sie sich widmet, sind enorm. Wusstet ihr, dass sie den LongPen, ein remote signing device, entwickelt hat? Unter allen ihren Roman hat mich The Handmais Tale sehr angesprochen und Alias Grace, von dem ich das erste Mal auf Anettes Blog gelesen habe. Und dann die Meldung: Beide werden demnächst als Serien umgesetzt. (Sind inzwischen auch abgedreht worden.) Und so wurde mir klar, dass ich das ‚bald mal lesen‘ etwas beschleunigen muss. Alias Grace ist ein semi-fiktiver Roman und handelt von Grace Marks, die wirklich gelebt hat und in den Mord an dem wohlhabenden Thomas Kinnear und seiner Haushälterin Nancy Montgomery im Jahr 1843 in Kanada involviert gewesen sein soll. Sie arbeitete bei Kinnear als Dienstmagd. James McDermott, der ebenso dort angestellt war, wurde zum Tode verurteilt und erhängt. Grace wurde zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Über Grace werden Lieder gesungen und getuschelt. Was ist das für eine Frau, die zu so einem brutalen und blutigen Mord fähig ist? Oder ist es so wie sie sagt und McDermott trägt die Alleinschuld? Jahre später hat Grace bereits Aufenthalte in der Nervenheilanstalt hinter sich, sitzt wieder im Gefängnis ein und darf tagsüber im Haushalt des Gefängnisdirektors aushelfen. Der Psychologe Simon Jordan hört von Grace und beschließt sie zu befragen und herauszufinden, ob sie wirklich an den Morden beteiligt war oder unschuldig ist.

Margaret Atwood hat für ihren Roman die Schreibweise und den Wortschatz des späten 19. Jahrhunderts adaptiert. In mehreren Kapiteln erzählt sie in wiederkehrenden Mustern die Geschichte von Grace und von Dr. Jordan parallel. Dabei beginnen ihre Kapitel meistens mit Berichten über Grace aus der Zeitung oder Büchern der damaligen Zeit, hin- und wieder auch mit Briefen oder zeitgenössischen Gedichten, zum Beispiel von Lord Tennyson. Und: jedes Kapitel ziert ein Quilt-Muster. Hier sind die ‚wiederkehrenden Motive‘ wörtlich zu nehmen. Grace näht gern und die Quiltmuster kommen nicht nur in der Geschichte vor, sondern haben auch eine Bedeutung, die meistens zu den Abschnitten in Graces Leben passt. Man kann lange in dem Buch nach Verbindungen, Botschaften und Hinweisen suchen, lange alles interpretieren und analysieren. Dafür gibt Atwood genug Stoff. So ist beispielsweise auffällig, dass Graces Schilderungen immer aus der Sicht eines Ich-Erzählers geschrieben sind, aus ihrem innersten Seelenleben zu kommen scheinen oder doch vielleicht die Schilderungen einer Erzählerin sind, die von ihrer eigenen Unschuld überzeugt ist? Wobei Dr. Jordans Passagen immer aus einer Mischung von Allwissendem Erzähler oder aus der Dritten Person erzählt. Ich habe selten ein Buch erlebt, dass soviel Fragen beantwortet und den Leser trotzdem vollkommen im Unklaren lässt.

„Er hat noch nicht verstanden, daß Schuld nicht von den Dingen kommt, die man getan hat, sondern von Dingen, die andere einem angetan haben.“ S. 508

Man liest das Buch wahrscheinlich vor Allem aus dem Antrieb heraus, um genauso wie Dr Jordan Grace Marks zu ergründen und herauszufinden, ob sie es war oder nicht. Ist sie eine Mörderin? Im Laufe der Handlung erzählt Grace tatsächlich ihre gesamte Lebensgeschichte aus ihrer Sicht. Und hier ist die Unschärfe – sagt sie die Wahrheit? Atwood überlässt das vollkommen dem Leser, was unter Garantie auf einige sehr frustrierend wirken kann. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Wahrscheinlich kommt ein Leser zu einem vollkommen anderen Ergebnis als ein anderer Leser. Und das ist die wahre Kunst von Atwoods Buch. Das ganz so nebenbei ein sehr detailliertes Bild der Lebensumstände im Kanada der damaligen Zeit zeichnet. Grace beginnt ihrer Erzählungen bei ihre Kindheit und holt weit aus. Gut für den Psychologen, der ihr zuhört und still Notizen macht. Schlecht für ungeduldige Leser, denn die Schilderungen sind sehr ausschweifend. Man muss sich als Leser selber gut kennen, um zu wissen, ob einen Graces Werdegang als Einwandererin aus Irland und ihr Lebensweg als Dienstmädchen bis zu dem schicksalhaften Tag interessiert und man für 600 Seiten die Motivation und das Interesse aufbringen kann. Wer es kann, der wird belohnt mit einem unterschwellig gesellschaftskritischen und feministischen Buch, das nicht nur eine teils fiktionale True-Crime-Story, sondern auch ein historischer Roman ist.

Man fühlt sich dank der detaillierten Schilderungen in das Kanada des 19. Jahrhunderts versetzt und versteht die Denkweise der einfachen Leute, die von Sünde und Quiltmustern sprechen mindestens genauso wie Dr. Jordans Verlangen nach einem Durchbruch und dem Wunsch sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Man meint zu entlarven was Grace erschüttert hat und welche Spuren das Leben bei ihr hinterlassen hat. Ganz unterschwellig erkennt man die Anziehung, die Grace auf Dr. Jordan ausübt. Der Roman zeichnet dabei ein sehr offensichtliches Bild von der „guten alten“ Zeit, in der es scheinbar für Menschen nur zwei Wege gibt. Den die die Gesellschaft für einen wählt und den falschen Weg. Insbesondere was die Rolle der Frau betrifft, scheinen die Lebensläufe nach einem einigen Fehltritt manchmal ausweglos zu sein. Durch das Schwarz-Weiß-Denken und die Leute, die schnell „Sünderin“ rufen, gibt es scheinbar nur zwei Frauenbilder. Die Hure und die arbeitsame, rechtschaffene Frau. Bestes Beispiel dafür sind nicht nur Grace und Mary, sondern auch Nancy und Dr. Jordans Vermieterin. Sie alle zeigen eine Zeit in der das Glück und Unglück einer Frau vor Allem in den Händen der Männer liegt. Während diese sich dem System entziehen können (Stichwort Jeremiah). Vielleicht heißt das Buch gerade auch deswegen (und natürlich wegen Mary, zuviel sei hier aber nicht verraten) „Alias Grace“. Weil Grace in die Lage kommt beides gleichzeitig zu sein.

„[…] , daß ich gerissen und hinterhältig bin, daß ich nicht ganz richtig im Kopf und kaum von einer Idiotin zu unterscheiden bin. Und ich frage mich, wie kann ich all diese verschiedenen Dinge auf einmal sein?“ S. 56

Fazit

Eins der interessantesten Bücher, die ich je gelesen habe – aber definitiv wegen der Langatmigkeit und des doppeldeutigen Ausgangs nicht für jeden Leser etwas

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂

8 Antworten

  1. Margaret Atwood ist eine jener Autorinnen, von der ich schon ewig etwas lesen will… Sie hat einfach so eine gewaltige Bandbreite in ihrem Gesamtwerk.

    Lust auf „Alias Grace“ hast du mir nun erst recht gemacht. Doppel-/mehrdeutige Enden mag ich ja sehr – obwohl ich gleichzeitig immer super neugierig bin, wie sich der jeweilige Autor das Ende selbst deutet.

  2. YES !!!! Volltreffer für Margaret Atwood – das freut mich. Sie ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen. Alias Grace war gut, „Die Geschichte der Dienerin“ legt meines Erachtens noch mal ordentlich eine Schippe drauf. Liebe Grüße 🙂

  3. […] Grace (Margaret Atwood, „Alias Grace“) […]

  4. […] sogar noch ein weiteres ihrer Bücher als Serie adaptiert. Alias Grace habe ich erst dieses Jahr gelesen und es hat mich sehr gefesselt. Kostüme und Stimmung des Trailers kommen dem sehr nahe, was sich […]

  5. […] habe ich dieser Verfilmung entgegen gefiebert! Als ich im Frühjahr das Buch gelesen habe, wurde es schon etwas knapp. Die Verfilmung war bereits angekündigt und plötzlich […]

  6. Avatar von Titanica
    Titanica

    Danke für die tolle Rezension, Buch gerade für meinen Kindle gekauft !

  7. […] Anette und Alice lese und weil ich letztes Jahr mein erstes Buch von Margaret Atwood gelesen habe (Alias Grace um genau zu sein) und begeistert nach mehr von der Autorin giere. Meine Ausgabe sieht man oben […]

  8. […] klar und ohne Schnörkel. Metaphern- und wortspielreich. Atwoods Protagonistin ist wie schon in Alias Grace clever und aufmüpfig. Und auch hier muss sie das tunlichst verbergen. Die eine hätte später […]

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