ausgelesen: Jirō Taniguchi und Baku Yumemakura „Gipfel der Götter“

Posted by in ausgelesen, Review

8848 Meter – so hoch ist der Mount Everest. In dieser Höhe ist mit einer kompromisslosen Kälte und lebensfeindlichen Umgebung zu rechnen. Nicht umsonst wird er der Gipfel der Götter genannt, denn man muss aus einem anderen Holz geschnitzt sein, um hier zu überleben. Immer wieder reizt die Herausforderung Alpinisten und Abenteurer, auch unter den widrigsten Umständen den Gipfel zu erklimmen, bspw. ohne Sauerstoff. Und viele lassen ihr Leben bei dem Versuch den Mount Everest zu besteigen. Der japanische Autor Baku Yumemakura schrieb ein Bücher über solche Menschen, die sich den Extremen stellen. Von 2000 bis 2003 erschien in Japan, die vom Manga-Zeichner Jirō Taniguchi als Manga umgesetzte Variante des Stoffs, die nicht nur einem lange gehüteten Geheimnis auf den Grund geht, sondern auch mit anbetungswürdiger Liebe zum Detail in den Zeichnungen die Leidenschaften der Extremsportler ergründet.

Die Geschichte beginnt mit dem Fotograf Fukamachi Makoto, der in einem einfachen Shop für Alpinisten in Kathmandu einen Fotoapparat entdeckt, der einige Jahre auf dem Buckel hat. Er vermutet aufgrund des beträchtlichen Alters des Apparats, dass es der von George Mallory ist, einem Alpinisten, der zusammen mit seinem Kollegen Andrew Irvine bei dem Versuch einer Everest-Erstbegehung 1924 verschwand. Der Film in der Kamera könnte belegen, ob Mallory und Irvine den Gipfel vor ihrem Verschwinden erreicht haben und somit den Titel der Erstbegehung verdient hätten statt Hillary und Norgay, die die Mammutaufgabe 1953 bewältigten. Aber es sind noch mehr Leute hinter der Kamera her. Fukamachi trifft während seiner Nachforschungen bezüglich der Kamera in Kathmandu außerdem den berühmt-berüchtigten Bergsteiger Habu Yoshi, von dem die Vereine einst großes erwarteten, der sich aber vor vielen Jahren komplett zurückzog. Habu Yoshi in Nepal antreffen? Außerdem mit großer Wahrscheinlichkeit die Kamera von Mallory finden? Fukamachi erkennt, dass das kein Zufall sein kann und beginnt in Japan und Nepal Nachforschungen anzustellen. Seine Reise erzählt dem Leser gleichzeitig aus dem Leben von Habu Yoshi, einem wahrhaft besessenen Alpinisten, der das unmögliche wagt.

In fünf Bänden mit insgesamt über 1500 Seiten erzählt Jirō Taniguchi mehr als nur eine Geschichte von Legenden. Zum Einen geht er der bis heute unbeantworteten Frage nach, ob Mallory und Irvine die Erstbegehung gemeistert haben und soviel nehme ich vorweg: bietet eine Lösung an. Des Weiteren erzählt es von Habu Yoshi, einem Ass an der Wand, einem phänomenalen Bergsteiger und Bär von einem Mann. Doch so besessen er auch ist, so nebensächlich sind für ihn die sozialen Kontakte und Menschen, denen er begegnet. Rivalen und Schicksalsschläge, sowie das Übel sich Chancen entgehen lassen zu müssen und Reue bestimmen sein Leben. Seine fiebrige Verbissenheit wirkt wie ein Magnet auf den Leser, der wissen will, was Habus nächster Schachzug ist und ob ihm die Erfüllung seines Traumes verwehrt bleibt. Und die dritte Geschichte ist die des Fotografen Fukamachi, der durch den Berg und die Recherche zwar auf der einen Seite Ordnung in sein Leben bringt und vielleicht die Story seines Lebens schreibt, dabei aber auch bis an seine Grenzen geht. Gipfel der Götter beginnt gemächlich, steigert sich aber bis zum fünften Band stetig, wenn nach und nach alle drei Handlungsfäden in einer münden.

Neben der spannenden Story aus Yumemakuras Feder, überzeugen Jirō Taniguchis Zeichnungen. Seitenweise erwarten den Leser akribische und feine Illustrationen vom Berg, die so echt aussehen, dass man eine Gänsehaut bekommt und meint den eisigen Wind des Gipfels auf den Wangen zu spüren. Insbesondere Habus Tour-de-Force und die Szenen vom Bergsteigen sind selbst für einen Laien erkennbar nicht einfach zu zeichnen und wurden großartig umgesetzt. Taniguchis Zeichenstil löst sich angenehm vom viel zu oft zitierten Kulleraugen-Manga-Stil ab und ist realistisch und unverblümt. Sowohl was den Stil als auch das Thema betrifft, ist es eins der besten Beispiele für in Deutschland erschienene Manga, die sich an ein erwachsenes Publikum richten und ein gelungener Einstieg in das Thema Manga für diejenigen, die bisher davor zurückschreckten. In Deutschland erschien der Manga im Verlag Schreiber & Leser bzw. dem Manga-Label Shodoku des Verlags, das mehrere Werke des leider dieses Jahr verstorbenen Taniguchi hierzulande veröffentlichte. Eine Leseprobe bietet der Verlag auf seiner Webseite an.

Fazit

‚Gipfel der Götter‘ ist sowohl von der Handlung, als auch von der Illustration her ganz große Kunst und ein Manga, der den Leser mit auf eine atemlose Reise nimmt. Sehr geeignet für Manga-Neulinge und ein glänzendes Beispiel dafür, dass Manga soviel mehr ist als Kulleraugen. Die letzten Seiten werden mir wahrscheinlich lange nicht aus dem Kopf gehen und mich begleiten.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂