Neulich im Kino … Review zu „Die rote Schildkröte“

Posted by in 2016, Abenteuer, Animationsfilm, Arthouse & Indie, Belgien, Film, Frankreich, Genreübergreifend, Japan, Review

Unter den Ghibli-Fans hat die Meldung für Furore gesorgt, dass der Film ‚Die rote Schildkröte‘ von Ghibli ko-produziert werden würde. Schließlich hieß es, dass vom Studio in nächster Zeit keine Filme zu erwarten seien. Alle spekulierten, dass es vielleicht doch weitergeht mit dem legendären Studio. Als der Trailer zum Film dann draußen war, stand eigentlich schon fest, dass es nicht im typischen Ghibli-Stil ist. Macht aber nichts. Vielversprechend anders sah es allemal aus. Umso mehr habe ich mich gefreut, als er dann über einen Monat nach dem eigentlich angedachten deutschen Kinostart doch noch im Programm des lokalen Indie-Kinos auftauchte. Kritik ist spoilerfrei.

Ein Mann strandet auf einer tropischen Insel. Sie ist nicht groß. Dichte Felder und Bambus-Haine umrahmen einen kleinen Berg. Weißer Sandstrand, blaues Wasser, aber keine Zivilisation. Nur er und ein paar ziemlich mutige Krebse. Er ist verzweifelt. Er will weg. Und so beginnt er ein Floß zu bauen, aber jeder seiner Versuche wird vereitelt und sein Floß zerstört. Wer ist der Übeltäter? Bald hat er es raus: es ist eine rote Riesen-Schildkröte. Seine Wut ist groß. Aber dann taucht eine Frau auf der Insel auf.

Ghibli-Fans werden entweder sowieso schon Bescheid wissen oder spätestens beim Schauen des Films aufgrund des markanten Totoro-Logos aufmerksam. Das Studio ko-produzierte den Film, weswegen Toshio Suzuki als Produzent gelistet ist und Isao Takahata künstlerischer Leiter war. Tatsächlich erkennt man es eher indirekt, dass Ghibli an dem Film mitwirkte. Die Optik erinnert eher an den Tim-und-Struppi-Stil und offenbart die belgische Beteiligung am Film, während der Regiesseur Michael Dudok de Wit Niederländer ist. Viel mehr merkt man es der Stimmung des Films an, dass Ghibli involviert war, denn er ist reduziert, melancholisch und ‚universell‘. Damit ist gemeint, dass er irgendwie „für alle“ gemacht zu sein scheint wie man es von vielen frankobelgischen und japanischen Animationsfilmen kennt. Die rote Schildkröte kommt nämlich ohne Sprache aus. Die einzigen gesprochenen Worte belaufen sich auf Schreie aus Wut, Lachen oder ein gerufenes „hey“. Alle Emotionen werden ohne Sprachbarriere oder Synchro durch die Situation und Mimik und Gestik vermittelt. Gerade deswegen wäre es auch eine schöne Botschaft gewesen, wenn er den Academy Award heimgeholt hätte, für den er 2017 in der Kategorie bester Animationsfilm nominiert war. Obwohl der Film als FSK 0 eingestuft ist und ein Animationsfilm ist, wird er scheinbar oft als Kinderfilm angenommen. Man muss ihn nur mal googeln und findet in angeteasert auf Youtube-Kanälen, die sich an Kinder oder Eltern richten oder Listen mit Kinderfilmen. Tatsächlich bin ich mir aber nicht sicher, ob er so als Kinderfilm geeignet ist, wegen einiger sehr aufwühlender Szenen. Aber so bleibt er vermutlich umso mehr in Erinnerung. Wahrscheinlich ist er auch in Bezug auf das Alter ein ‚universeller Film‘.

Die rote Schildkröte ist als Film auf angenehme Art aus der Zeit gefallen. Man weiß nicht, wann der Film spielt. Ob im Heute oder vor 200 Jahren. Die Verzweiflung des Gestrandeten und seine Schuldgefühle gegenüber der roten Schildkröte setzen sich fest, man spürt sie am eigenen Leib. Als er in eine Grotte rutscht, aus der er nicht herausklettern kann und befürchten muss dort kläglich zu ertrinken. Wie sehr mag er es bereuen, dass er auf die Schildkröte losgegangen ist, obwohl sie neben ihm das einzige Lebewesen auf der Insel zu sein scheint, dass auf eine seltsame Art und Weise versteht? Der Zuschauer muss allerdings wissen, ob er für den Film gemacht ist. Oder ob der Film für ihn gemacht ist. Wer schnell dazu tendiert sich zu langweilen und Melancholie nicht abkann, der wird sich auch etwas gestrandet fühlen, wenn der Film über ca. 20 Minuten zu Beginn schildert wie der Mann die Insel erkundet und an ihren Herausforderungen manchmal scheitert. Für diejenigen, die es abkönnen, ist der Film einer mit vielen poetischen und ergreifenden Momente, die in der Kulisse einer träumerischen und sehr detaillierten Landschaft angesiedelt sind. Man würde vielleicht sogar dazu tendieren traumhaft zu sagen, wenn er nicht dort festsitzen würde und ein Gefangener der Umstände ist. Vielleicht ist das auch ein bisschen die Botschaft des ruhigen, ergreifenden Films. Mach das Beste aus dem, was dir gegeben wird. Folge deinem Instinkt und deinem Herzen. Bleib einer von den Guten, egal was passiert. Und wenn du merkst, dass du gehen musst, geh. Und liebe. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Film von ganz viel Liebe handelt. Liebe, die nicht immer einfach ist.

Die rote Schildkröte (OT: La tortue rouge), Frankreich/Japan/Belgien, 2016, Michael Dudok de Wit, 80 min, (9/10)

Sternchen-9

„Die rote Schildkröte – Trailer (deutsch/german; FSK 0)“, via Universum Film (Youtube)

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Habt ihr den Film schon gesehen oder plant es noch? Ging es euch ähnlich wie mir, dass ihr bei den ersten Presse-Meldungen gehofft habt, dass das Studio Ghibli zurückkehren würde? Und was denkt ihr darüber, dass der Film ohne Sprache auskommt – ‚universell‘ ist?