Das gehörte Wort … „Die Vegetarierin“ von Han Kang (Review)

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Als ich neulich bei Nomnivor gelesen habe, dass man bei Spotify auch Hörbücher hören kann, war ich schwer begeistert. Dass es dort die ??? gibt, wusste ich ja, aber nicht, dass dort auch Romane wie ‚Die Vegetarierin‘ zu finden sind. Und das auch noch ungekürzt. Da ich schon etwas länger darüber nachdenke das Buch zu lesen und es nur wegen des immensen SUBs bisher nicht gekauft habe, kam mir das also sehr gelegen und ich habe wahrscheinlich bisher kein anderes Hörbuch so schnell weggehört.

Yeong-hye hat einen brutalen Albtraum und beschließt infolge dessen Vegetarierin zu werden. Ihre Umwelt kann das nicht nachvollziehen und die Reaktionen sind breit gefächert. Es wird oft davon gesprochen, dass das ja in westlichen Ländern ein Trend sei, der inzwischen auch in Korea praktiziert wird. Dass aber in Yeong-hyes Entscheidung viel mehr mitschwingt als das Aufspringen auf einen Trend offenbart sich mehr zwischen den Zeilen. Die Geschichte wird aus der Sicht von drei Personen erzählt. Yeong-hye selber kommt verhältnismäßig wenig zu Wort. Diese drei Erzähler sind Yeong-hyes Ehemann, ihr Schwager und ihre Schwester In-hye und deren Sichtweisen könnten kaum verschiedener sein. Ihr Mann hält Yeong-hye für durchschnittlich und hat sie v.A. deswegen geheiratet, weil sie so unkompliziert ist. Als sie also einen anderen Lebenswandel einschlägt, beginnt sie Ballast für ihn zu werden. Währenddessen fühlt sich ihr Schwager umso mehr zu der unverstandenen Frau hingezogen. In-hye versucht ihrer Schwester zu helfen und bringt viel Mitgefühl für sie auf, steht aber vor einer schweren Entscheidung als Yeong-hyes Lebenswandel sich auch auf ihr Leben auszuwirken beginnt.

Der Kern der Geschichte ist zum Einen Yeong-hyes Vision und wie sie versucht ihren Albträumen zu entkommen, vor Allem aber wie ihre Entscheidungen ihre Umwelt zu Extremsituationen und krassen Reaktionen treibt. Für ihren Mann beispielsweise verliert sie ihre Reize sobald sie beginnt sich anders als konform zu verhalten. Ihre Eltern reagieren besonders krass, als ihr militärisch geprägter Vater ihre Weigerung Fleisch zu essen als ungehorsam auslegt und ihr das Essen aufzwingen will. Diese kleinen und sehr nüchtern und neutral geschilderten Passagen weisen dabei etwas auf, dass man gerne als Alltagsbrutalität oder zwischenmenschliche Brutalität bezeichnen kann und wahrscheinlich genau der Grund ist, warum Yeong-hye aus all dem ausbrechen will. Zwischen den Zeilen liest man viel darüber wie die junge Frau sowohl von ihrem strengen Vater als auch ihrem lieblosen Mann immer wieder in ein enges Korsett aus Konformität gezwungen wird. Dass abnormal und von dem Standard abweichend nicht gut ist, ist eine Philosophie, die sich in vielen asiatischen Ländern manifestiert hat und das Gesellschaftsbild prägt. Wie brutal sich die Menschen dabei verneinen, sich nicht selbst ausleben können und auch gerne mal von solchen Charakteren des alten Regiments wie Yeong-hyes Vater geschlagen werden, um sie passend zu machen, ist genau diese Brutalität, die vielleicht Yeong-hyes Albträume und ihren Wunsch nach dem Entkommen entfacht. Später geht dieser Wunsch so weit, dass Yeong-hye ein Baum werden möchte, eine Transformation durchmachen möchte, die sie zu einem Wesen macht, dass niemandem weh tut. Eben nicht zu einem Menschen oder einem Tier. Eine harte Transformation, deren Eindeutigkeit und Kompromisslosigkeit verblüfft und irgendwann beginnt auf den Leser natürlich zu wirken. Wie der einzige Ausweg und ein Gedanke, der fast wunderschön ist, obwohl er für Yeong-hye tödlich werden kann. Ein Gedanke voller wunderbarer Bilder, der den Leser wegträgt von der Realität, die aus Psychiatrie und Unverständnis besteht.

So nüchtern die Sprache ist, so krass sind die geschilderten Bilder. Brutal, sexuell und manchmal grotesk. Dabei fällt die nüchterne Ausdrucksweise anfangs etwas negativ auf, ist dann aber ein gelungener Gegenpol zur aufwühlenden Geschichte. Gelesen wird das Hörbuch von Rike Schmid, Thomas Loibl und Devid Striesow (bekannt als Schauspieler aus u.a. Drei, Ich bin dann mal weg). Eine faszinierende Geschichte voller Metaphern und Bilder die dem reich mit Blüten verzierten Cover der Ausgabe im Aufbau Verlag in nichts nachsteht. Ich rechne es dem Verlag und dem Hörbuch-Verlag sehr hoch an, dass man den Roman bei Spotify hören kann, denke aber, dass ich diese Geschichte nochmal als Buch erleben möchte, da ich mir vorstelle, dass diese Auseinandersetzung mit dem Ich und der Brutalität der Menschen ein intensives Leseerlebnis ist. Sehr gestaunt habe ich, als ich etwas Recherche betrieben und gelesen habe, dass das Buch bereits 2007 erschien, aber erst (und immerhin!) 2016 zu uns kam. Es gibt sogar bereits eine koreanische Verfilmung, die ich mir mit Sicherheit auch bei nächster Gelegenheit zu Gemüte führe.

Habt ihr das Buch schon gelesen oder sogar das Hörbuch gehört? Wie war euer Eindruck? Kennt ihr andere Werke von Han Kang? Könnt ihr etwas empfehlen? Oder sind auch schon andere empfehlenswerte Hörbücher bei Spotify begegnet?