Blogparade: Starke Frauen in der Literatur

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Irgendwann vorletztes Jahr habe ich vermehrt Filme weiblicher Regiesseure geschaut und Werkschauen gemacht, die sich weiblichen Schauspielerinnen und ihrer Filmografie widmen. Das war als bewusste Gegenaktion gedacht, da sehr viele männliche Regiesseure und Schauspieler meine Werkschauen dominierten. Aber bei Literatur konnte ich nicht mitziehen. Irgendwann fiel mir auf, dass in den meisten Bücher und Manga, die ich gelesen habe, männliche Protagonisten auftreten. So langsam fing ich an darauf zu achten, ob ich über Helden oder Heldinnen lese. Da passt das wie die Faust aufs Auge: Nomnivor hat dazu aufgerufen über starke Frauen in der Literatur zu schreiben. Finde ich gut. Auf geht’s.

Die Regeln

10 Frauen in der Literatur sollen es sein, die stark sind. Aber was ist stark? Ich würde stark nicht mit Muskelkraft gleichsetzen. Und auch nicht mit Durchsetzungsvermögen. Es geht bei starken Frauen nicht so sehr darum, dass sie besonders laut sind oder zuhauen können. Sicher: auch sie gehören in diese Liste. Männliche Attribute allein sollten aber nicht starke Frauen definieren, das führt das Ganze ad absurdum. Es ist mehr das gegen den Strom schwimmen, querdenken, ansprechen und entlarven. Frauen, die Größe zeigen und demonstrieren wie Frauen in der Literatur (und im echten Leben) sein können und was sie für Hürden überwinden müssen. Wo sie über sich (und Männer) hinauswachsen müssen. Gegenbeispiele zu den Bella Swans und Anastasia Steeles dieser Welt. Und da fallen mir ein paar Beispiele ein. Wenn ihr übrigens die Namen nicht kennt, die ich gerade genannt habe, kein Problem. Alles gut. Googelt sie nicht. Die Reihenfolge ist nicht wertend.

Aomame (Haruki Murakami, „1Q84“)

In Murakamis surrealistischem Roman findet sich die Fitnesstrainerin und Auftragskillerin(!) Aomame in einer seltsamen Parallelwelt des Jahres 1984 wieder. Aomame ist in vielerlei Hinsicht stark. Zum Einen widmet sie sich als Killerin Männern, die Frauen etwas angetan haben und stellt sich dabei einem besonders umstrittenen „Ziel“. Ihr resoluter „No Bullshit“-Charakter ist aber das auffälligste und ihr Handeln bis ans schmerzhafte geradlinig. Sie wird nicht direkt als schön beschrieben, v.A. wenn sie ihre Aufgaben ausübt, verzieht sie ihr Gesicht wohl zu Fratzen. Aber trotz Allem ist sie nicht zu hart um an Liebe zu glauben.

Scout (Harper Lee, „To Kill A Mockingbird“)

Scout ist eigentlich noch ein Mädchen. Ein burschikoser Wildfang, der sehr liberal erzogen wird in einer Zeit wo Rassendiskriminierung noch alltäglich und akzeptiert war. Scout gehört vielleicht nicht in diese Blogparade, da sie per Definition noch keine Frau ist, aber sie ist mit ihrer Offenheit, Unverblümtheit und Toleranz sowas wie das Versprechen einer starken Frau. Der einzige Fehler bei diesem Versprechen ist Gehe hin, stelle einen Wächter. Aber darüber hüllen wir den Schleier des Vergessens … .

Kanna (Naoki Urasawa, „20th Century Boys“)

Wenn man über Naoki Urasawas großartigen Verschwörungs-Manga 20th Century Boys spricht, dann kommt man leider meistens gar nicht bis dahin, wo Kanna eine Rolle spielt. Und das obwohl Kanna eine wirklich starke Frau ist. Oder wird. Der Manga handelt von einer Gruppe von Männern, die erkennen, dass ein Kumpel aus ihrer Schulzeit scheinbar der mysteriöse Gründer einer Sekte ist, die auch über Leichen geht. Dieser Anführer nennt sich „Der Freund“. Im Lauf der Geschichte verstreichen viele Jahre und Bemühungen ihm auf die Schliche zu kommen. Im Zentrum steht dabei zuerst der Supermarktbesitzer Kenji, der auf seine kleine Nichte Kanna aufpasst. Aber im Laufe der Zeit wird Kanna ein Hauptcharakter, wird erwachsen und wächst tatsächlich über sich hinaus bei der Aufgabe dem „Freund“ das Handwerk zu legen. Kanna vereint zart und hart, denn sie hat ein gutes Herz und trotzdem in Bandenkreisen den Nickname „Die Eiskönigin“.

Grace (Margaret Atwood, „Alias Grace“)

Grace Marks hier zu nennen ist schwierig, und dann doch wieder offensichtlich. Sie soll eine Mörderin sein und fristet ein karges Dasein in einem Gefängnis mit zeitweiligem Ausgang, bei dem sie ein Psychiater befragt und versucht hinter ihre schöne Fassade zu blicken. Sie behauptet nämlich zu unschuldig zu sein. Grace hat offensichtlich eine schwere Zeit hinter sich, erinnert sich nur lückenhaft, sieht wie ein Engel aus, könnte aber gleichzeitig auch wirklich eine Mörderin sein. Sie ist unter Umständen ein unzuverlässiger Erzähler, aber vieles an der Deutung dessen bleibt dem Leser überlassen. Was auf der Hand liegt ist, dass sie Werte hat und entlarvt hat wie es Frauen in der damaligen Gesellschaft ergeht. Entweder man ist die Hure oder der Engel. Das frappierende ist: egal wie die Wahrheit ist, ob sie unschuldig ist oder schuldig: sie ist in jedem Fall cleverer. Und sie hat viel Ausdauer. Wobei ich mir immer noch die Frage stelle, ob sie eine Mörderin ist oder nicht. Ehrlich, ich habe noch keine Antwort gefunden.

Suu (CLAMP, „Clover“)

In CLAMPs leider nicht abgeschlossenem, philosophischen und minimalistischen Steampunk-Manga gibt es Menschen, die besondere Fähigkeiten haben wie zum Beispiel Vorahnung oder Telekinese. Eine von ihnen ist das junge Mädchen Suu, das wegen ihrer Fähigkeiten weggesperrt wurde. Sie ist zu stark und gilt als eine Gefahr für die politische Ordnung. Es ist ihr sogar untersagt Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen. Im Laufe der Geschichte bittet sie darum an einen Ort gebracht zu werden, der sie glücklich macht – zu einem hohen Preis. Der Soldat Kazuhiko wird engagiert ihr dabei zu helfen. Clover erzählt Suus Geschichte und Verlangen nach Freiheit sowie unverblümte Akzeptanz mit ihrer eigenen Existenz auf subtile und visuell wunderbar märchenhaft-industrielle (ja das geht) Art. Suu ist für mich eine starke Frau, weil sie sich wissentlich auf eine Reise ohne Wiederkehr begibt. Dieses Musikvideo gibt die Stimmung großartig wieder:

„Clover Clamp subs Español DVD“, via rodrigokfw’s channel (Youtube)

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Yeong-hye (Han Kang, „Die Vegetarierin“)

Im Buch Die Vegetarierin beschließt Yeong-hye infolge einiger brutaler Träume von heute auf morgen kein Fleisch mehr zu essen. Die Reaktionen ihrer Umwelt und immer brutaleren Träume sorgen dafür, dass sie später beginnt nicht nur kein Fleisch mehr zu essen, sondern selber zu einem Baum oder einer Pflanze werden möchte. Dabei riskiert sie ihr Leben – ein Schritt, den ich gewagt finde und nicht möchte, dass das als the way to go proklamiert wird. Denn ich denke, dass ihr Streben eine Metapher dafür ist sich in etwas anderes transformieren zu können und sich vom engen Korsett der strengen koreanischen Gesellschaft zu befreien. Genauer gesagt von den Anforderungen ihres lieblosen Ehemannes, strengen Vaters, meinungsloser Mutter etc. Dass sie von heute auf morgen versucht zu etwas zu werden, dass niemanden verletzt und sich damit so einer Brutalität an ihr selbst aussetzt, finde ich stark.

Sonmi-451 (David Mitchell, „Der Wolkenatlas“)

Sonmi lebt in einem Korea der fernen Zukunft, in der geklonte und gezüchtete Menschen aus dem Reagenzglas als Service-Personal in allen Bereichen arbeitet und dementsprechend als austauschbar abgetan wird. Ihre geistigen Fähigkeiten und Verhalten sind stark genormt. Sie empfinden nicht und folgen nur ihrer Aufgabe. Aber Sonmi-451 ist anders. Sie beginnt zu empfinden und zu hinterfragen und das fällt auf und macht sie zu einer Besonderheit, die gejagt und verabscheut wird, da künstliche Wesen wie sie bisher als seelenlose Nicht-Menschen angenommen wurden. Anders als im Film ist im Buch Sonmis Reise noch vielfältiger. Sie beginnt zu studieren, unterzieht sich einer kosmetischen Gesichtsoperation, um nicht mehr wie ihre ‚Schwestern‘ auszusehen, etc. Der wohl größte Unterschied zum Film ist aber, dass es eine Ursache gab, warum ausgerechnet sie ‚erwacht‘ ist und die ist sehr erschütternd und kann in vielfältiger Weise interpretiert werden. Nichtsdestotrotz ist sie in dieser Liste wegen ihrer Charakterzüge und dessen wofür sie steht. Folgendes Zitat gibt vielleicht Aufschluss darüber, was ich meine.

„You said you envied your unthinking, untroubled sisters“
– „That is not quite the same as wishing to be one“

Asuka (Yoshiyuki Sadamoto, „Neon Genesis Evangelion“)

Asuka ist die einzige Frau in dieser Liste, die ich nicht mag. Richtig. Ich kann Asuka nicht leiden. Aber ich kann sie verstehen. Neon Genesis Evangelion handelt von Ungeheurn die Godzilla-Style immer wieder das Tokyo der nahen Zukunft angreifen. Um sie abzuwehren steckt ein ziemlich irrer Wissenschaftler Kinder in riesengroße Kampfroboter. Warum, wieso, weshalb – das ist schwierig, spannend, morbide und wurde als einer der besten Anime verfilmt, die ich jemals gesehen habe. Einer dieser Teenager ist Asuka, eine in Deutschland ausgebildete Pilotin dieser Kampfroboter. Und sie ist vorlaut, wahnwitzig, launisch, eifersüchtig, will Aufmerksamkeit und die Beste sein. Aber sie hat eine entsprechend traurige Hintergrundgeschichte vergraben in ihrer Kindheit, wodurch man ihren Wahn verstehen kann. Außerdem hat sie auch das Herz am rechten Fleck. Und man muss zugeben … sie ist ziemlich gut in dem was sie tut und wächst einige Male über sich hinaus in einem Ausmaß, von dem der männliche Pilot und Hauptcharakter Shinji sich mal inspirieren lassen sollte.

Mokuren (Saki Hiwatari, „Please save my earth“)

Please save my earth ist ein Science-Fiction Manga mit esoterischem Einschlag. Er handelt von einer Reihe von Teenagern, die bemerken, dass ihre nächtlichen Träume immer von ein- und denselben Personen handeln und miteinander verbunden sind. Sie alle waren Menschen ferner Planeten, die vor Jahren von einer Mondbasis aus die Erde beobachteten und studierten und jetzt auf der Erde wiedergeboren wurden. Eine der Jugendlichen, Alice, erkennt nach und nach, dass sie früher Mokuren war. Mokuren war eine sogenannte Kiches Sarjalian, eine Art übersinnlich begabte Priesterin einer fernen Kultur. Sie war besonders schön und naturverbunden. Wenn sie sang, fingen Pflanzen an zu sprießen. Sie hatte viele Eigenschaften, die Alice so gar nicht an sich wiederfindet. Desto mehr Erinnerungen wiederkommen, desto mehr wächst aber Alices Selbstbewusstsein. Nicht weil Mokuren so schön war, sondern weil Alice bemerkt, dass Mokuren es zuwider war, für welche Attribute sie begehrt und benutzt wurde. Sie wollte nicht als Schönheit oder Begabte gesehen werden, sonders als individuelles und eigenständiges Lebewesen. Das geht soweit, dass Mokuren sehr zweifelhafte Dinge erlaubt, um sich des Statuses sogar zu entledigen. Die Entscheidungen die sie trifft, finde ich zwar krass und zwiespältig, aber ihre bewusste Entscheidung gegen das als was sie geboren wurde und den ihr vorbestimmten Pfad hat mich irgendwie beeindruckt. (Anbei ein Song aus dem Anime mit ein paar Bildern der Charaktere aus Manga und Anime.)

„Please Save My Earth ED – 時の記憶(Memory of Time) [cover]“, via milkiewhite (Youtube)

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Hermine (J.K. Rowling, Harry-Potter-Reihe)

Was Jugendbücher betrifft, dürfte sie so ziemlich das role model starker Frauen der Literatur sein. Und das zu Recht. Sie ist zwar ein Naseweiß, aber schlau. Sie ist ein bisschen eine Ausgestoßene aus Sicht mancher Leute (*ähem*), weil ihre Eltern Muggel sind. Im Gegensatz zum Film ist sie im Buch keine Teenie-Schönheit, sondern hat ein etwas verschrobenes Äußeres. Und sie nutzt ihr Köpfchen – das und Fleiß ist ihre große Stärke, die so manches Rätsel in den Büchern löst. Sie ist mutig und ihre Charakter wächst in den Büchern. Solche Bildern können gerne öfter vermittelt werden. V.A. weil es realistische Charakterbilder sind. Realistisch im Sinne, dass sie nicht überperfekt ist und einige Makel hat. Vielleicht einer der Gründe, warum die Bücher so erfolgreich waren. Wenig Bullshit, sondern herrlich unperfekte, glaubwürdige Charaktere. Achso wegen dieser magischen Welt natürlich auch, aber darum soll es heute nicht gehen 😉

Foto im Banner: Unsplash / I’m Priscilla

Es gibt einige starke Frauen, die ich nicht wirklich nennen kann. Als großer Fan der Filme und der Anime würde ich ja gern Motoko Kusanagi aus ‚Ghost in the Shell‘ nennen. Leider kenne ich die Manga nicht und weiß daher auch nicht, ob ihre Figur in etwa dem entspricht, was ich aus den anderen Medien kenne. Genauso ist es mit Figuren wie beispielsweise Sarah und Pollyanna aus Kinderbüchern, die ich nur durch ihre Anime-Umsetzung kenne. Ähnlich ist es mit Maika aus der Graphic Novel ‚Monstress‘, die immerhin fast nur weibliche Charaktere beinhaltet. Maika ist in vielerlei Hinsicht eine starke Frau. Und doch will ich das nach erst einem gelesen Band der Graphic Novel einfach nicht beurteilen. Ähnlich verhält es sich mit ‚Battle Angel Alita‘. Alita hätte es mehr als verdient in dieser Liste zu sein, aber leider habe ich den Manga nie zu Ende gelesen und es käme mir komisch vor sie hier zu erwähnen ohne ihre ganze Geschichte zu kennen. Da wäre also noch Potential für einige weitere Nennungen.

Leider kann ich wenig Klassiker aufführen, da ich da noch etwas literarischen Aufholbedarf habe. Ich arbeite dran. Aber sagt ihr mal: was sind eurer Meinung nach starke Frauen in der Literatur? Habt ihr Empfehlungen? Auch für Autorinnen? Macht doch bei Interesse an Nomnivors Blogparade mit. Und hier noch die Gretchenfrage, da die Meinungen bestimmt hier und da auseinandergehen: wer aus der Liste dort oben ist für euch keine starke Frau?