Fantastischer Film: Paprika

Posted by in 2006, Animationsfilm, Fantastische Filme, Fantasy, Film, Japan, Literaturverfilmung, Review, Spielfilm, Whodunit

Paprika ist der vielleicht bunteste, schnellste und wahnwitzigste Film, der jemals gemacht wurde. Ein Film wie ein Trip. Im Zentrum stehen die Träume der Menschen. Sogenannte psychotherapeuthische Devices werden genutzt um die Psychoanalytiker an den Träumen der Patienten teilhaben zu lassen. Um ihre Psyche, ihre Gedanken oder ihre Komplexe zu entschlüsseln. Geräte wie das vom Technik-Genie Kōsaku Tokita entwickelte DC Mini erlauben es Therapeuten wie Atsuko Chiba die Träume der Patienten wie einen Film anzuschauen oder sogar zusammen mit ihnen ihre Traumwelt abzutauchen. Atsuko selbst hat einen „Alter Ego“, ein anderes Ich, das nur dann auftritt, wenn sie in einen solchen Traum eintaucht. Dieses Ich ist Paprika. Quirlig, übermütig, aufgeweckt. Sie ist das fehlende Gewürz Atsukos, die im echten Leben etwas ernster und spröde ist. Eines Tages wird aber der DC Mini gestohlen. Das Gerät erlaubt es das Unterbewusstsein einer Person zu beeinflussen – sogar wenn diese nicht einmal träumt oder schläft. Als der Chef von Atsuko beginnt unverständliches Zeug zu reden und versucht vom Balkon zu springen ist klar: sie befinden sich in großer Gefahr.

„Paprika (Anime Movie) Trailer [720p HD]“, via Lounger (Youtube)

Satoshi Kon führte bei dem Film Regie und adaptierte zusammen mit Seishi Minakami Yasutaka Tsutsuis gleichnamigen Roman zu einem Drehbuch. Und dabei holt er alles raus was geht. Paprika ist im einen Moment eine Fee, im nächsten eine Sagengestalt die Son-Goku ähnlich auf einer Wolke durch den Himmel reitet oder in ein Gemälde eintaucht oder als Meerjungfrau in den Meeren schwimmt. Sie ist in der Lage die Grenzen der Vorstellungskraft zu brechen und die Träume zu ihren Gunsten zu formen. Das kann aber auch der Dieb des DC Mini, der im extremen Finale des Films sogar die gesamte Menschheit bedroht. Und hier liegt der vielleicht einzige Kritikpunkt an dem Film. Das Ende sprengt die Möglichkeiten des Vorstellbaren. Wie konnte die unterbewusste Gefahr so real werden? Darauf muss man sich einlassen (können). Der Rest ist ein Meisterwerk. Allein die bunten und lauten Welten. Die Parade aus laufenden Schränken, Puppen, Comic-Figuren, Tieren und Gestalten japanischen Brauchtums zusammen mit dem Electro-Pop-Soundtrack von Susumu Hirasawa grenzen an Wahnsinn – sind wie ein Traum, der Amok läuft und das Unterbewusstsein seiner Träumer so überstrapaziert, dass der Gehirnschaden droht. Aber keine Angst: nicht beim Zuschauer. Der kann das Fest in Sicherheit vom heimischen Sessel aus beobachten und sich herrlich amüsieren.

Apropos … eine meiner Lieblingsfiguren ist der Polizist Toshimi Konakawa. Paprika hilft ihm anfangs seine Albträume zu entschlüsseln. Später wird er in den Fall von Traum-Terrorismus reingezogen und ermittelt. Während er anfangs verneint ein Filmfan zu sein, verraten seine Träume etwas anderes. Der aufmerksame Zuschauer sollte relativ gegen Ende mal beobachten, was für Filmplakate man dort sieht. Es sind alles Satoshi Kon Filme (Perfect Blue, Millennium Actress, Tokyo Godfathers) Von solchen augenzwinkernden Easter-Eggs mal abgesehen, ist Paprika eine Hommage an den ewig schwelenden Konflikt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bzw den Gefahren die die Wissenschaft mit sich bringt. Was, wenn man seinem eigenen Unterbewusstsein nicht mehr trauen kann? Gar nicht merkt wie jemand anders übernimmt? Neben der nicht allzu krass formulierten Moralapostelei taucht aber ein beliebtes Motiv von Satoshi Kon auf. Der Mensch und sein Zwiespalt, seine zwei Seiten. Gelebt am Beispiel von Paprika/Atsuko. Die Therapeutin, die selbst ein zweites Ich hat. Realität vs Traum. Man muss kein Genie sein, um auch Parallelen zu Christopher Nolans Inception zu erkennen, der vier Jahre später in die Kinos kam. Und es ist kein Wunder, dass immer mal von einem Live-Action-Remake die Rede ist. Paprika sprengt all die Grenzen, die Live-Action-Filme noch nicht annähernd berührt haben. Visuelle (Alb)Träume werden hier ausgereizt bis zur sprichwörtlichen Reizüberflutung. Satoshi Kon ist ein Genie, ein Visionär. Ein Regiesseur und Editor, der wie das folgende Video gnadenlos darlegt, schneller ist als es ein Live Action Film sein kann. Jemand, den es vielleicht kein zweites Mal auf der Welt gibt. Jemand, der schmerzlich vermisst wird.

„Satoshi Kon – Editing Space & Time“ by Tony Zhou (Vimeo)

Paprika (OT: パプリカ „Papurika“), Japan, 2006, Satoshi Kon, 87 min

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆