Serien-Review: „Marvel’s The Defenders“ Season 1

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Mir machte der Gedanken riesigen Spaß bald zuzschauen wie sich Jessica Jones, Daredevil und Luke Cage zusammenschmeißen und in ihrer Stadt aufräumen. Meine Begeisterung fußt darauf, dass sie einfach sehr menschliche „Helden“ sind und die Netflix-Marvel-Kreationen mit dem Helden-Begriff sehr vorsichtig umgehen. So wie sich das gehört. Von anderer Stelle her wissen wir .. aus großer Macht folgt große Verantwortung. 😉 Nicht mal Iron Fist konnte meine Vorfreude trüben (mal ehrlich … wie kann man eine Origin Story erzählen und dabei die ganze Origin Story auslassen??) und als dann noch der Trailer rauskam untermalt von Nirvanas ‚Come as you are‘ – da war es abgemacht! 🙂 Besprechung ist spoilerfrei.

Nachdem in der ersten Staffel Iron Fist der letzte der Defenders auf der Bildfläche auftauchte, war nun der Grundstein gelegt und der Weg geebnet, damit sich die Helden endlich treffen. Wobei die das Wort Held neu und wesentlich realistischer definieren, nämlich als etwas das nicht nur erstrebenswert ist, sondern v.A. ein meist hart und schmerzlich erarbeitetes Label mit vielen Nebenwirkungen im Beipackzettel. So hat Daredevil alias Matt Murdock (Charlie Cox) das Kostüm bereits an den Nagel gehangen und versucht sich als Pro-Bono-Anwalt darin heldenhaftes zutun und Fälle einfacher Leute zu übernehmen. Langsam nähert er sich Foggy (Elden Henson) und Karen (Deborah Ann Woll) wieder an, aber das Kostüm scheint ihn zu rufen und demonstriert, dass mit der schwere der Konflikte im Heldenhaften zwangsläufig wenig Heldenhaftes bleibt. Das spürt Matt wieder als er Zeuge eines Überfalls wird. Ein paar Teens klauen Fernseher. Der Laden-Besitzer geht mit der Waffe hinterher. Wen beschützen? Die Diebe oder den mit der Waffe? Währenddessen stößt Jessica Jones (Krysten Ritter) wieder mögliche Klienten vor den Kopf. Eine Frau sucht ihren verschwundenen Ehemann, einen Architekten. Erst als der bei Jessica anruft und sagt, dass sie nicht nach ihm suchen soll, ist ihr Interesse geweckt – umgekehrte Psychologie. Luke Cage (Mike Colter) kommt währenddessen aus dem Gefängnis frei und geht sofort Hinweisen nach, dass irgendwer in Harlem scharenweise junge Leute für schmutzige Jobs engagiert. Danny Rand (Finn Jones) wollte der „Hand“ auf die Schliche kommen, aber die Spur führt nach New York, obwohl er einmal um die Welt gereist ist. Und letzten Endes münden die Fälle der Vier alle in einem großen Ganzen und dem ultimativen Endgegner für sie: die Hand. Aber das merken sie erst als die Erde New Yorks bereits bebt.

„Marvel’s The Defenders | Official Trailer [HD] | Netflix“, via Netflix (Youtube)

Rein vom Storytelling her ist die Serie diesmal eine (fast) Punktlandung. Anders als noch in der misslungenen ersten Iron-Fist-Staffel ist hier ein stringenter, roter Faden erkennbar und die Charaktere verhalten sich auch dementsprechend. Konsistenz. Bravo. Nicht nur das: nahezu alle Konflikte der Vorgänger-Staffeln und Solo-Abenteuer werden weiter gesponnen, wenn auch manche sehr vorsichtig dosiert. So leidet Matt unter dem Verlust von Elektra, Jessica verweigert sich weiter ihrer neuen Heldinnen-Rolle, Danny weiß nicht wo sein Platz im Leben ist wo nun K’un-Lun unerreichbar scheint und Luke Cage ist nicht mehr nur der Bodyguard seiner eigenen Hood, sondern er soll die Verantwortung für Größeres übernehmen. Aber die Serie schließt auch den Kreis und löst alte Schulden ein. So wird auch endlich Licht in die Machenschaften der Hand und die sagenhafte Unsterblichkeit ihrer Mitglieder gebracht, als auch der Verbleib und wahrscheinlich größte Konflikt der Figur Elektra/Black Sky (Élodie Yung) aufgeklärt. Und im Gegensatz zu Daredevil Season 2 hat Elektra hier auch eine konsistente Darstellung und Weiterentwicklung auf den Leib geschrieben bekommen. Der Zwiespalt einer Person, die stets für einen höheren Zweck missbraucht und heranerzogen wurde ist deutlich zu spüren wie die rohe Gewalt, die sie ausüben kann, die aber auch ihren Charakter geformt und verformt hat. Auch die ruhigen Momente haben Platz, in denen Elektra ihre Wunden anschaut und sich fragt, ob sie wirklich sie ist und wie ihr früheres Ich gestorben ist. Denn „Black Sky“ ist ohne Erinnerungen an „Elektra“ oder Matt aufgewacht.

Nun funktionieren solche Mash-Ups selten ohne irgendwelche Kompromisse – selbst bei all dem Lob. Es gibt beispielsweise noch einige Erbanlagen, die etwas ungeschickt daherkommen und die man großzügig übersehen muss. Beispielsweise hätte man die anderen Mitglieder der Führungsspitze der Hand etwas geschickter und früher einführen können. Wo Alexandra (Sigourney Weaver) plötzlich herkommt, fragt man sich genauso wie man sich wundert, dass Madame Gao (Wai Ching Ho) plötzlich doch so wenig zu sagen hat und vor jemandem so buckelt, wirkte sie bisher doch eher bad-ass. Und wenn man die ganze Geschichte von Elektras Gedächtnisverlust so hört, dann hat man auch ein leichtes Déjà-Vu, denn die Story ist in der Geschichte des Geschichten-Erzählens eben leider schon ein etwas ausgelutschter Drops. Was aber trotz der Kritik Fakt bleibt ist dass die Netflix-Marvel-Adaptionen die Helden neu erfunden haben und sehr viel mehr in das echte Leben gerückt haben. Hier fallen tatsächlich mal Bedenken über mögliche Strafverfolgung und dass sie für das was sie tun in den Knast kommen können. Es wird sogar mehr als deutlich darauf hingewiesen, dass Matt als Daredevil unter keinen Umständen auffliegen darf, weil sonst alle seine Fälle als Anwalt auf der Kippe stehen (aus Befangenheit und zahlreichen anderen Gründen). Da wird sich gefragt wie man die Miete bezahlt und es ist mehr als realistisch durch die Aktionen zu sterben. Es werden sogar Charakter erheblich verletzt. Und diese Helden haben am Heldentum zu knabbern, keine Comicverfilmung demonstriert das besser. Und zu guter letzt: die dämlichen Kostüme werden durch Streetwear ersetzt, die trotzdem ein bisschen den Charakter der Comicvorlage wiederspiegelt. Visuell gelingt das v.A. den ersten Episoden extrem gut. Wenn Matt in seiner Wohnung vom roten Licht der Neonreklamen eigerahmt wird,
Jessica in ihrem Büro immer in ein kühles Noir-Graublau-gehüllt wird, Luke in Sepia-Tönen durch seine Hood streift … nur das Grün bei Danny kann man eben nur mit Iron Fists charakteristischem Aufzug erklären. Alles in allem: ziemlich gut.

(8/10)

Sternchen-8

Wie hat euch die Staffel gefallen? Oder haben die zahlreichen Vorgängerstaffeln um Luke Cage, Iron Fist etc. euch den Antrieb genommen? Scheinbar sind beide in der breiten Masse wenig gut angekommen, wobei ich sagen muss, dass mich Luke Cage ziemlich gefesselt hat. Haben die Superheldenserien noch einen Reiz für euch? Bei den Filmen herrscht ja inzwischen ziemliche Verdrossenheit.