7ème art: Filme von Darren Aronofsky

Posted by in 1998, 2000, 2006, 2008, 2010, 2014, 2017, 7ème art, Arthouse & Indie, Drama, Fantasy, Film, Genreübergreifend, Historic Fiction, Historienfilm, Horror und Mystery, Literaturverfilmung, Psychothriller, Review, Schwarzweißfilm, Spielfilm, Thriller, USA

Als einer meiner erklärten Lieblingsregiesseure neulich mit „Mother!“ wieder einen viel-diskutierten Film in die weite Welt schickte, war klar, dass es Zeit wird ihm hier auch eine Werkschau zu widmen. Und gleichzeitig einige seiner älteren Werke zu schauen, denn die Neueren hatte ich bereits alle verschlungen. Allerdings sind es auch die, die ihn inzwischen ein bisschen zu einem enfant terrible der Popkultur machen. Nach „Noah“ war ich mir gar nicht sicher, ob sich sein Ruf erholt. Aber scheinbar doch. Ich erwarte zumindest die eine oder andere Oscar-Nominierung für „Mother!“. Heute also: sieben Filme von Darren Aronofsky.

π – System im Chaos

Maximillian „Max“ Cohen ist ein Mathematik-Besessener und -Genie. Er kann hohe Zahlen im Kopf multiplizieren. Seiner Meinung nach kann man außerdem alles, auch die Natur, in Zahlen ausdrücken und er erkennt in seiner Umgebung Muster, die sich mathematisch vorhersagen lassen. Denkt man an den goldenen Schnitt, hat er damit nicht Unrecht. Der spiegelt sich an der Natur, bspw. der Blattbildung an Bäumen oder einem Schneckenhaus und ähnlichem wieder. Zur Aufgabe hat er es sich aber gemacht die wiederkehrenden Muster in Börsendaten und Aktienkursen zu finden. An dieser vermögend machenden Formel haben aber auch andere Interesse und so steigert sich Max immer weiter in die Paranoia um seine Person und den Durchbruch. Der Größenwahn rund um diese eine besondere Zahl steigert sich zusammen mit Max‘ Paranoia, seinen extremen, anfallartigen Kopfschmerzen und den Halluzinationen. Ob Max ein zuverlässiger Erzähler ist, bleibt unklar und das paranoide Szenario wird durch den Schwarzweißfilm-Look mit Körnung und krasser Tonwerttrennung umso mehr unterstrichen. Clint Mansell darf auch hier schon den Soundtrack beisteuern und da insbesondere eine Nummer, die electro-angehaucht ist und ins Ohr geht. Nebenbei hat er einen Cameo als Fotograf. Aronofskys Film beginnt wirr und geht noch wirrer aber spannender weiter und strickt dabei ein dichtes Netz aus Paranoia, dass den Zuschauer einfängt und nicht loslässt, auch wenn man mit Mathematik wenig bis nichts am Hut hat.

π – System im Chaos (π), USA, 1998, Darren Aronofsky, 84 min, (8/10)

Sternchen-8

„Requiem For A Dream – Trailer“, via requiemtrailer (Youtube)

Requiem for a Dream

Darren Aronofskys Requiem for a Dream basiert auf dem gleichnamigen Buch von Hubert Selby und thematisiert Sucht und Abhängigkeit anhand vier Personen, die alle miteinander über den Hauptcharakter Harry Goldfarb (Jared Leto) verbunden sind. Harry selber ist ein guter Junge, der nur keinen wirklichen Zweck im Leben hat und scheinbar aus Langeweile Drogen nimmt. Sein Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) will mal ein besseres Leben haben und plant daher mit Harry selber zu dealen und die große Kohle zu machen. Zu dumm nur, dass sie ihre besten Kunden werden. Harrys Mutter Sara (Ellen Burstyn) ist einsam und besessen von Fernsehsendungen. Als sie erfährt, dass sie an einer teilnehmen soll, ist ihr ganzes Ziel bis dahin abzunehmen und sie wird abhängig von Diätpillen. Harrys Freundin Marion (Jennifer Connelly) wird durch ihn von einer die gelegentlich mal Drogen nimmt zu einem Junkie und rutscht ab. In drei Kapitel aufgeteilt zeigt der Film wie alle vier auf den Tiefpunkt zurasen – mit einer erschreckenden Geschwindigkeit.

Das was an Requiem for a Dream so bedrückt und den Zuschauer in Schock versetzt ist das Trauma, dass die Charaktere durchlebt haben. Zwar sterben sie nicht, aber es fühlt sich so an. Selten hat ein Film so brutal deutlich gemacht was ein Tiefpunkt bedeutet und das Wort über eine Film-Floskel erhoben. Dabei tun die Filmschaffenden hier alles, um den Effekt gnadenlos zu intensivieren. Allen voran die Hip-Hop-Montage, die immer zum Höhepunkt des jeweiligen Kapitels die Erlebnisse aller vier bündelt und zwischen ihnen schnell hin- und herspringt. Dazu die Snorri-Cam, die die Hauptcharaktere gnadenlos zentriert (ein Erkennungsmerkmal von Aronofsky, auch von Guy Ritchie) und ein Gefühl von Schwindel erzeugt. Dazu kommt Clint Mansells epische Komposition, die das ganze in einen dramatischen Rahmen rückt – perfekt und eindringlich. Das schlimme an dem Gesehenen ist: sie sind alle Vier keine Typen, die aus einem Milieu stammen, wo man früh mit Drogen konfrontiert wird und sie sind auch alle gute Menschen. Was ihnen passiert, passiert ihnen eher zufällig. Und sie wären leicht aus der Nummer rausgekommen, hätten sie miteinander geredet. Und so waren sie einfach nur allein mit sich und dem Verfall. Erschreckend.

Requiem for a Dream, USA, 2000, Darren Aronofsky, 97 min, (10/10)

Sternchen-10

The Fountain

Als ich als Teenager das erste Mal The Fountain gesehen habe, empfand ich den Film als wirr. Als ich ihn das zweite Mal gesehen habe, war ich tief bewegt. Dazwischen lag auch etwas Lebenserfahrung. Der Film behandelt drei (Lebens)Geschichten, die immer wieder Tommy (Hugh Jackman) und Izzie (Rachel Weisz) zusammenbringen. Zwei Menschen und eine Liebe für die Ewigkeit. Aber ihr Glück ist nie von Dauer, egal in welchem Zeitalter. Im 16. Jahrhundert sucht der Conquistador Tomás im Auftrag seiner geliebten Königin den Baum des Lebens und begibt sich dabei in große Gefahr. Von dem Baum erhofft sich die Königin Heilung und die Entdeckung zum Schlüssel des ewigen Lebens. Im Jetzt hingegen versucht der Wissenschaftler Tommy Creo mittels einer Pflanze aus Zentralamerika einen Wirkstoff gegen Krebs zu erzeugen um ihn bei seiner unter einem Hirntumor leidenden Frau Izzie anzuwenden. Jahre, wenn nicht sogar Jahrhunderte später schwebt Tommy mit Izzie in der Inkarantion des verdorrten Baum des Lebens dem Stern Xibalbá im Weltall entgegen, um auf diesem Wege ihrer beider Tod zu verhindern. Drei Orte, drei Zeitalter, aber immer dieselben Seelen, die scheinbar immer demselben Schicksal entgegen schweben. Oder können sie den Kreis durchbrechen? Darren Aronofsky vereint in dem Drehbuch, dass er zusammen mit Ari Handel verfasst hat einen Hauch Historienfilm, Gegenwartsdrama und spirituelle Fantasy zu einer epischen Ringerzählung mit einem fulminanten Ende, die wie viele seiner Filme da hintrifft, wo es weh tut. Sie greift fundamentale Themen auf wie das ewige Leben, Verlust, Tod und Reinkarnation, aber letzten Endes geht es doch v.A. um den Menschen und die Tragödie des Einzelnen. Lieben, Schmerzen erdulden, kämpfen und verlieren. Am deutlichsten wird das am Beispiel des Wissenschaftlers, der das lang gesuchte Heilmittel gegen Krebs entdeckt, aber für seine eigene, über alles geliebte Frau und den Beweggrund für seine Forschung um eine kurze Zeit zu spät kommt. Seine Bitterkeit ist greifbar. Großartig und facettenreich gespielt von Hugh Jackman in einer seiner vielleicht gewichtigsten und besten Rollen. Rachel Weisz hatte selten so etwas verletzliches und eine Rolle die ihr überhaupt erlaubt diese Seite zu zeigen. Es lässt weiterhin die Interpretation zu, dass der Conquistador ewig lebt, zumindest seine Seele. Beim ersten Schauen ist es möglich gefühlsmäßig alles aufzuschnappen, aber vielleicht nicht alles zu verstehen. Beim zweiten Schauen kommt man dem näher Wenn aber genauer hinschaut ist der Film gnadenlos und verspricht Erlösung im Ende.

The Fountain, USA, 2006, Darren Aronofsky, 93 min, (9/10)

Sternchen-9

„The Fountain – Trailer“, via YouTube-Filme (Youtube)

The Wrestler – Ruhm, Liebe, Schmerz

Vielleicht braucht The Wrestler auf dem deutschen Markt den überflüssigen Beititel Ruhm, Liebe, Schmerz tatsächlich. Denn Darren Aronofsky hat den Film basierend auf einem Drehbuch von Robert D. Siegel (u.a. auch The Founder) nicht etwa als Feier einer Wrestler-Karriere und Brachial-Epos verfilmt, sondern als ein einfühlsames Loser-Drama über den Wrestler Randy „The Ram“ Robinson, der zwanzig Jahre nach dem Höhepunkt seiner Karriere versucht irgendwie seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sich mit Ach und Krach durchzuschlagen und seiner Einsamkeit zu entfliehen. Und ich sage Loser-Drama mit einer kleinen Verbeugung, denn diese Geschichten sind die echtesten. Die Erfolge von Einst sind längst Geschichte für „The Ram“, er lebt in einem Trailer-Park und hat keinen Kontakt zu seiner Familie. Seine einzige Verbündete ist die Stripperin „Cassidy“ alias Pam (Marisa Tomei), die ihn versteht und mit ihm fühlt, aber hin- und hergerissen ist, ob sie mit ihm eine Beziehung eingehen soll. Es ist so als ob ihm das Entkommen aus der Einsamkeit verwehrt bleibt. Und obwohl oder vielleicht weil er ein großer, kräftiger Kerl ist, rührt es den Zuschauer umso mehr. Offenbar hat es für Randy etwas gedauert bis er seine eigene Sterblichkeit und Einsamkeit realisiert. Der Herzinfarkt ist die Wende. Plötzlich bemerkt Randy die gealterten Wrestle-Ikonen um sich, die mit Urinbeuteln und Krücken auf Fan-Conventions in leeren Hallen hocken. Eine der denkwürdigsten Szenen des Films. Aber der starke Mann hat neben all der Show vergessen wie gnadenlos die wirkliche Welt ist und der Zuschauer muss bangen, ob es ein Happy-End für „The Ram“ gibt. Wobei das Wort Happy wie eine Verballhornung klingt. Der Film ist unverkitscht, realistisch und zutiefst rührend. Mickey Rourke hat mit der Rolle 2008 selber ein Comeback hingelegt und das Gelächter über seine Diversen Schönheitsoperationen verstummt, denn hier passt es wie angegossen. Er spielt den Riesen mit Hingabe und Schmerz in genau den richtigen Dosen, genau wie seine Kollegen. Ein Film, der dahin trifft, wo es weh tut.

The Wrestler – Ruhm, Liebe, Schmerz (OT: The Wrestler), USA, 2008, Darren Aronofsky, 105 min, (10/10)

Sternchen-10

Black Swan

Nina Sayers ist Teil eines New Yorker Ballett-Ensembles und schon lange ist es ihr Traum die Hauptrolle in Tschaikowskis Schwanensee zu erhalten. Als in der kommenden Saison das Stück neu aufgeführt und entstaubt werden soll, scheint ihre Chance gekommen zu sein. Der Direktor des Ensembles gibt ihr allerdings mehr als deutlich zu verstehen, dass sie nicht geeignet sei. Ihr unschuldiger und zerbrechlicher Charakter ist perfekt für die Rolle des weißen Schwans. Aber nicht für die des schwarzen Schwans, der gefährlich und sinnlich erscheinen soll. Nina ist ein introvertierter Charakter und wird von ihrer kontrollsüchtigen Mutter als „liebes Mädchen“ bezeichnet und klein gehalten. Kein Loslassen, keine Beziehungen – nur Tanz. Als Nina in einer Auseinandersetzung mit dem Direktor Anzeichen von Impulsivität offenbart, bekommt sie die Rolle doch noch. Ab diesem Moment sieht sich aber allen möglichen Anfeindungen ausgesetzt und dem Druck sich auch zum schwarzen Schwan zu entwickeln. Sie entwickelt Paranoia. Gibt es die Verfolgerin wirklich, die sie ständig sieht? Woher kommen die Wunden an ihrem Körper? Die Anforderungen des Direktors, seine anzüglichen Aktionen – was ist Mittel zum Zweck, was ist wahr? Die Abhängigkeit von Ninas Mutter nimmt ihr den letzten Rest Privatsphäre und Intimität. Das Gefühl alle warten nur darauf sie versagen zu sehen ist allgegenwärtig. Letztendlich wird offenbart, wovon die Bedrohung wirklich ausgeht.

Darren Aronofskys Der Wrestler und Black Swan bilden laut des Regiesseurs ein Diptychon und quasi zusammenhängende Werke mit verbundenen Motiven. Zwei Filme, die ein Motiv haben: den Menschen und seine Abgründe, die Selbstaufgabe, die Flucht vor dem was Schmerzen bereitet – vielleicht auch die Flucht in das Rampenlicht. Existenzen, die zum Scheitern verurteilt sind? Black Swan offenbart verschiedene Motive. Darunter Hingabe, die oftmals bei Künstlern in (Selbst)Aufgabe ausufert. Der Grad ist sehr schmal. Im Falle von Nina ist es die Perfektion, nach der sie strebt und immer mit guter Technik definiert hat. Dass das leider nicht alles ist, muss sie schmerzlich erfahren. Als sie beginnt sich auszuleben, weckt sie eine Seite an ihr die bedrohlich für sie und die Menschen um sie herum sein kann. Ein Drang nach Freiheit und Identität, der zu lange unterdrückt wurde. Mit viel Fokus auf die Biographie der Person, Dramatik, Blut und psychologischen Elementen wird ein Film kreiert, der offenbart wie viel Tragödie potentiell in jedem steckt, der sich einer Sache mit Haut und Haar verschreibt und sich durch sie definiert. Ein Beispiel wie Leidenschaft Leiden schafft. Kaum einer kann die Zerrissenheit einer Ballerina so darstellen und zu einem Psychothriller formen wie Darren Aronofsky.

Black Swan, USA, 2010, Darren Aronofsky, 108 min, (10/10)

Sternchen-10

„BLACK SWAN – Official HD trailer“, via FoxSearchlight (Youtube)

Noah

Noah (Russell Crowe) lebt mit seiner Familie als Aussteiger, die sich irgendwie durchschlagen, aber stets nur soviel nehmen wie sie zwingend brauchen. Die Welt ist maßgeblich von Gewalt und Verrohung bedroht und kein gemütlicher Ort. Insbesondere nicht dort wo Hunger herrscht. Eines Tages hat Noah eine Vision, die er anfangs nicht deuten kann. Etwas schlimmes wird passieren und er beschließt mit seiner Frau (Jennifer Connelly) und seinen drei Söhnen zu seinem Großvater Methusalem (Anthony Hopkins) aufzubrechen. Auf dem Weg dorthin, finden sie die schwer verletzte kleine Ila (Emma Watson), die einzige Überlebende einer ganzen Gruppen von Menschen die ausgeraubt wurden. Sie beschließen sie bei sich aufzunehmen. Doch Noahs Visionen werden deutlicher: die Erde soll durch eine Sintflut rein gewaschen werden. Es muss eine Arche gebaut werden, ein enormes Schiff, das von jedem Tier ein Paar beherbergen soll, sodass die Unschuldigen weiter existieren können. Die Zeichen verdichten sich, dass Noah derjenige ist, der die Arche bauen muss. Aber was bedeutet das für die Menschen? Kann Noah das verantworten? Und wie wird sich die Familie derer erwehren, die genauso überleben wollen?

Noah ist Stoff des Alten Testaments und irgendwie war es schon vorprogrammiert, dass es Reibereien gibt, wenn einer auszieht den Stoff etwas freier zu interpretieren. Leider ist es sogar der Fall, dass der Film in einigen Ländern verboten wurde, beispielsweise Pakistan und Katar. Aus meiner Sicht sind einige der freien Interpretationen durchaus zweckdienlich, andere empfinde ich als kleinen Geniestreich und manche sind einen Tick zu esoterisch. Zweckdienlich dürfte das Hinzufügen der Wächter sein. Das sind, wie man später erfährt, gefallene Engel. Ihre Gestalt auf der Erde ist die von unförmigen, riesigen Steinwesen. Sie helfen später Noah die Arche zu bauen. Da das sowieso eine übermenschliche Aufgabe ist, wenn man sich das Ausmaß der Arche vor Augen hält, wirklich sehr praktisch solche Wächter. Eigentlich werden sie dabei nicht mal so ganz plump in die Geschichte eingeführt, sondern werden schon viel früher erwähnt. Diesen Fantasy-mäßig anmutenden Aspekt erwartet man allerdings nicht in einem bis dahin glaubwürdigen Bibel-Setting. Zusammen mit der fantastischen Energiequelle, nach der alle ganz scharf sind und den sehr bunt ausstaffierten Bildern vom Sündenfall, leuchtendem Adam und leuchtender Eva, sowie den hin und wieder auftauchenden Regenbögen, könnte man manchmal auf die Idee kommen, dass man wohl irgendwie einen Wahnsinns-Trip geschmissen hat. Salopp gesagt. Die bunt-verkitschten Motive wirken etwas aus der Zeit gefallen und sehen nicht so ganz nach Aronofsky aus. Dann gibt es aber wieder die anderen Aspekte. Die, die nach viel Köpfchen klingen. Beispielsweise, dass die Arche gar nicht so unbedingt wie ein Schiff im klassischen Sinne aussehen muss. Wozu auch? Besonders interessant empfand ich die Andeutungen, dass es eine Industrialisierung gegeben hat, infolge der die Menschen besonders gierig wurden und sich wandelten. Das könnte man mit ein bisschen Fantasie so auslegen, dass die Handlung prinzipiell auch in unserer Zukunft spielen könnte. Da Aronofsky das Drehbuch wieder mit Ari Handel selbst verfasst hat, darf auch etwas kontroverses nicht fehlen und das war offensichtlich vielen Zuschauern zuviel, denn der Film löste eine Welle der Empörung aus. Der Film stellt nämlich die Frage: will Gott nur die Tiere retten und müssen die Menschen aussterben? Noahs geistige Gesundheit grenzt zwischendurch heftig an Wahnsinn, was ich angesichts seiner Aufgabe und dem Erlebten auch verstehen kann. Das was sie da gemacht haben, war mutig und das Ergebnis bringt die Menschen zu reden, was bei Filmen wichtig ist. Mit so einem Stoff ist es aber unmöglich alle glücklich zu machen.

Noah, USA, 2014, Darren Aronofsk, 138 min, (7/10)

Sternchen-7

Mother!

Mother! ist ein Film, der schon vom ersten Teaser an Kontroversen auslöste. Jennifer Lawrence befindet sich in dem Film als namenloser Hauptcharakter in der Do-it-Yourself-Hölle. Ihr Mann (Javier Bardem), ein bekannter Dichter, ist in einer Schaffenskrise, während sie versucht ihm ein schönes, harmonisches Heim herzurichten und sein einst abgebranntes Haus restauriert. Plötzlich entwickelt er eine seltsame Affinität dazu wildfremde Leute einzuladen, die sich meistens als seine Bewunderer outen und sich sehr hartnäckig einnisten. Ja sogar dem Paar die Besitzrechte an dem Haus streitig machen und damit ziemlich mies umgehen, während der Mann sich an der ihm entgegen gebrachten Bewunderung nicht satt sehen kann. Seine Frau gerät ins Hintertreffen bis die Situation eskaliert.

Was sich die Gäste herausnehmen und er ihnen erlaubt ist schwer zu akzeptieren und geht teilweise über die Vorstellung von Gastfreundschaft, Moral und Anstand weit hinaus. Der Film ist zutiefst aufwühlend. Vor Allem dann als der Film surrealer wird und man weiß: was sich hier vor den Augen des Zuschauers abspielt, kann nur eine große Metapher sein. Und dann als sich plötzlich in der ausbeuterischen Beziehung und dem Eigenheim-Albtraum die weltpolitische Lage und Menschheitsgeschichte wiederspiegelt wird klar: das ist sogar eine riesengroße Metapher. Aber erst nach dem Ende des verstörenden Films lernt man diese schätzen und kann bewundern, was sich in Aronofskys Hirn an Idee gebildet hat, denn er ist auch für das Drehbuch verantwortlich. In wenigen Tagen soll er es zusammengewerkelt haben. Was wir da sehen ist Home Invasion, aber in einem ich möchte fast sagen globalen Ausmaß, behalte mir aber vor die Deutung hier auszulassen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann die aber gerne in meiner Filmanalyse nachlesen. Schwer zu ertragen ist der Film trotz und gerade wegen seiner starken Bilder, Metaphern und Schonungslosigkeit. Wieder fokussiert Aronofsky schonungslos seine Darsteller, während die Charaktere eine tour-de-force durchmachen. Aber wie gibt man die volle Punktzahl, wenn es so schwer ist, den Film zu schauen?

Mother!, 2017, USA, Darren Aronofsky, 122min, (8/10)

Sternchen-8

„mother! movie (2017) – official trailer – paramount pictures“, via Paramount Pictures (Youtube)

Aronofsky wird immer mehr ein Regiesseur, der zwar bedeutungsvolle und kompromisslos kritische Werke schafft, aber v.A. welche, die sich nicht mehr an ein Publikum richten, das einfach nur unterhalten werden will. Sondern für ein Publikum, das gefordert werden will und einiges ertragen kann. Das sind keine einfachen Filme und v.A. deswegen welche, die polarisieren und schockieren. Ich behaupte es sind wichtige Filme. Auch Noah wurde viel gescholten, aber hatten die Filme nicht einfach nur zuviele Gedanken und Ideen, die uns nicht gefallen, weil sie uns ertappen? Wenige Regiesseure haben sich wie er eine Handschrift zugelegt, bestehend aus ganz bestimmten Verfahren und Einstellungen. Dazu zählen Bodymount (Kamera montiert am Köprer des Darstellers, filmt beispielsweise das Gesicht und läßt eine Einstellung entstehen, die man relativ selten sieht und die eine enorme Nähe zu der Figur erzeugt), die Hip-Hop-Montage (traumartige Sequenzen) oder das Verfolgen einer Figur auf dem Weg durch die Szene.

Indem er all diese Sichtweisen offenbart, kreiert Aronofsky eine ganz besondere Form Geschichten zu erzählen. In deren Zentrum stehen immer Menschen, die auf ihr menschlichstes reduziert werden. Ihre Verluste, ihre Ängste, ihr Streben und ihr Versagen. Er scheut sich nicht Dinge zu thematisieren, die esoterisch, spirituell oder religiös sind. Damit greift er die ganze großen und nicht selten unverfilmbaren Stoffe an. Das was aufrüttelt und erschüttert. Und nicht selten schreibt er auch noch das Drehbuch selber. Er macht unbequeme Stoffe. Und die immer mehr. Während man in ‚Black Swan‘ und ‚The Wrestler‘ mit den Helden mitleiden und -fiebern konnte, befinden sich die Figuren in ‚Noah‘ und ‚Mother!‘ auf einer Ebene, die wir beobachten, aber nicht erreichen können. Vielleicht löst er wegen all dem Empörung aus. Aber lieber habe ich die Empörung und das diskutieren als glatt geschliffene Filme mit schönen Menschen, die nur dahinplätschern. Für mich ist Aronofsky ein Jahrhundert-Regiesseur, der durch seine Liebe zum Werk Satoshi Kons (was man deutlich in ‚Requiem for a Dream‘ und ‚Black Swan‘ spürt) nur noch mehr Sympathie verdient.

„You Know It’s a Darren Aronofsky Movie IF…“, via ScreenPrism (Youtube) – Video enthält Spoiler

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen – evtl. dehne ich den Begriff dabei etwas. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.