NOIRvember 2017 – Zwischenfazit

Posted by in 1941, 1946, 2001, Arthouse & Indie, Film, Horror und Mystery, Krimi und Noir, Schwarzweißfilm, Spielfilm, USA, Whodunit

Sich in einer Werkschau oder Challenge einem Thema ganz und gar zu widmen, liebe ich sehr. Deswegen gibt es hier ja auch regelmäßig eine Werkschau. Genauer gesagt jeden Monat. 🙂 Als ich letztes Jahr zu spät vom Noirvember hörte, dachte ich schon, dass ich mir den nächsten nicht entgehen lassen darf. Und dank der Twitter-Sphäre wurde ich daran erinnert. Die Filmauswahl stand schnell fest, das Fazit schreiben ging ähnlich leicht, nur mancher Film war nicht so locker und leicht anzuschauen …

Die Spur des Falken

Hier und da liest man, dass Die Spur des Falken für viele den Beginn des film noir markiert. Und tatsächlich fühlt sich der Film wie der Beginn von etwas an, der aber gleichzeitig eher an der Oberfläche kratzt. Humphrey Bogart spielt hier Sam Spade, der zusammen mit einem Kollegen ein Detektivbüro führt. Eine Frau tritt mit einem Auftrag an sie heran, in dessen Zuge Spades Kollege schon nach wenigen Stunden Beschattung tot aufgefunden wird. Spade findet heraus, dass die Frau sich unter einem falschen Namen und mit einer falschen Story bei ihnen gemeldet hat. Sie heißt eigentlich Brigid O’Shaughnessy (Mary Astor) und bei dem Fall in den sie verwickelt ist, geht es um mehr als anfangs angegeben. Immer mehr Ganoven tauchen auf der Bildfläche auf und wollen, was sie eventuell hat: den Malteser Falken. Eine extrem wertvolle Statue.

Der Film hat Tode, Lügen, Gier; eine Frau, die nicht ist, wer sie vorgibt zu sein und ein Detektiv, der sich in die eigene Tasche wirtschaften möchte. Das ganze in Schwarzweiß und mit allerlei niederen Motiven und Verwicklungen: das riecht tatsächlich nach Noir. Dramaturgisch überzeugt der Film trotz seines Noir-Charmes nur halb. Die starken Gefühle die der Film eigentlich beinhaltet, werden nur halb ausgekostet. Er wirkt ein bisschen wie eine Geschichte im Zeitraffer, die sich nicht genug Zeit lässt, um den aufgedeckten Schwindel, die Gefahr oder die Verzweiflung ihrer Figuren ordentlich und nachvollziehbar zu erzählen. Emotion ist Mangelware, es wirkt als ob alle es eilig hätten und mal abgesehen von Humphrey Bogart kann man den wenigsten ihre Rolle abkaufen.

Die Spur des Falken (OT: The Maltese Falcon), USA, 1941, John Huston, 101 min, (7/10)

Sternchen-7

„The Big Sleep trailer“, via Wrendani (Youtube) – damals waren die Anforderungen an einen Trailer wohl anders …

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The Big Sleep

The Big Sleep basiert auf einem Raymond Chandler Roman und dessen bekannter Figur Philip Marlowe, in dieser Version gespielt von Humphrey Bogart. Marlowe wird von General Sternwood beauftragt herauszufinden wer hinter den Erpresserbriefen steckt, die ihn ständig in die Enge treiben. Zufällig erfährt Marlowe auch, dass ein guter Bekannter Sternwoods spurlos verschwunden ist. Seine Nachforschungen führen bald beide Fälle zusammen und Marlowe immer wieder zu den Töchtern Sternwoods, der jungen und naiven Carmen (Martha Vickers) und der älteren Tochter Vivian Sternwood Rutledge (Lauren Bacall), die mehr wissen als sie zugeben und den Fall für Marlowe noch um Einiges gefährlicher machen. Die Mischung aus Geheimnissen, Morden und Verschwundenen macht den Film zu einem Musterbeispiel des film noir, das zur Krönung auch noch eine gewiefte weibliche Hauptrolle vorzuweisen hat – nämlich Lauren Bacall als Vivian, die sich den einen oder anderen verbalen Schlagabtausch mit Marlowe liefert, aber auch so schön wie intelligent ist. Natürlich knistert es zwischen den Beiden und natürlich reichen die Verwicklungen weiter als anfangs gedacht. Der Film lädt den Zuschauer durch pointierte und spitze Dialoge auf einen fast genreübergreifenden und guten Film ein. Top! Das einzige was zu denken gibt ist die verstrahlte Darstellung von Vivians jüngerer Schwester Carmen, die selbst für einen über 50 Jahre alten Film etwas überholt daherkommt.

Tote schlafen fest/Tote schlafen fest/Der große Schlaf, (OT: The Big Sleep), USA, 1946, Howard Hawks, 114 min, (9/10)

Sternchen-9

Mulholland Drive – Straße der Finsternis

Mulholland Drive ist wohl der am leichtesten nachvollziehbare oder verständlichste Filme David Lynchs, der allerdings dem Zuschauer trotzdem noch Rätsel aufgibt. Es bleibt Fakt: man muss Filme mögen, die surreal, hermetisch oder verschlüsselt sind, wenn man sich den Stoff geben und mögen möchte. In Mulholland Drive geht es zu Beginn erst einmal um Betty (Naomi Watts), die wie so viele nach Hollywood geht und auf die große Schauspielkarriere hofft. Sie gewährt einer Frau Obdach, die sich nur Rita (Laura Harring) nennt und angibt ihre Gedächtnis verloren zu haben. Als Betty beschließt Rita zu helfen, kreuzen aber sogar Leichen ihren Weg. Dass Hollywood in vielerlei Hinsicht ein heißes Pflaster ist wird aber nicht nur am Beispiel der Damen erzählt, sondern auch an Adam Keshers (Justin Theroux). Der Regiesseur wird genötigt eine bestimmte Schauspielerin zu casten, ansonsten bedeutet es das Aus für seine Karriere. Ist das David Lynchs Abrechnung mit der Traum-Industrie? Möglicherweise, denn der Film schlägt in der zweiten Hälfte einen surreal wirkenden Richtungswechsel ein, indem dieselben Darsteller plötzlich andere Rollen verkörpern, die sich mit ihren aus dem ersten Teil bekannten überschneiden und ein deutlicher Abgesang auf Moral sind. Gutes Konzept, überraschend gemacht, aber Lynch streut auch hier wieder Szenen ein, die unkomfortabel sind oder deplatziert wirken wie der plötzliche Lustausbruch zwischen Betty und Rita. Des Weiteren ist der Film von Rätseln und Zusammenhängen durchzogen, die man stark überinterpretieren muss, wenn man sie verstehen will. Wie immer Geschmackssache.

Mulholland Drive – Straße der Finsternis (OT: Mulholland Drive), USA, 2001, David Lynch, 141 min, (7/10)

Sternchen-7

Mord im Orient Express

Ich verweise an dieser Stelle einfach mal auf meine Kritik zu Mord im Orient Express, die vor ein paar Tagen erst online ging 🙂

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung

Header Image Photo Credits: Michał Grosicki

‚The Big Sleep‘ war für mich alles das, was ‚Die Spur des Falken‘ nicht ist. Die Charaktere waren allesamt spannend und wortgewandt – hier konnte eine Frau dem PI kontra geben. Die Handlung war nachvollziehbar und anspruchsvoll und für mich hat er sich wie ein Bilderbuch-film-noir angefühlt, den ich bestimmt nicht das letzte Mal gesehen habe. In ‚Die Spur des Falken‘, was ja als erster Film des Genre gilt, habe ich davon reichlich vermisst. V.A. die Finesse der Dialoge und Charaktere. War also nicht der allerbeste Start für den Noirvember, der aber stark weiterging. ‚Mord im Orient Express‘ war überraschend noir, wohingegen ‚Mulholland Drive‘ mich weniger abgeholt hat und ich mich immer noch frage wie es von der BBC zum besten Film des 21. Jahrhunderts gewählt werden konnte!? Inzwischen habe ich auch noch weitere Filme gesehen, hebe mir die aber für einen weiteren Noirvember-Artikel auf. 😉