NOIRvember 2017 – Fazit und Filmbesprechungen („Dark City“, „Chinatown“, „Blade Runner“, „Der unsichtbare Dritte“)

Posted by in 1959, 1974, 1998, Actionfilm, Arthouse & Indie, Australien, Film, Krimi und Noir, Spielfilm, Thriller, USA, Whodunit

Für die zweite Hälfte der Filmchallenge habe ich mir die jüngeren Noir-Filme meiner Liste vorgenommen. Allerdings muss ich einen Fehler eingestehen, der fast an meiner Ehre als Filmfan kratzt. Einer der Filme hier ist nämlich nicht ein film noir (oder neo noir) per Definition. Welcher das ist, könnt ihr ja mal versuchen anhand der folgenden Filmbesprechungen zu identifizieren 😉

Dark City

Ein Mann (Rufus Sewell) wacht ohne Erinnerungen in einem Badezimmer auf. In der Wohnung findet er eine Frauenleiche. Was ist hier passiert? Plötzlich klingelt das Telefon. Der Anrufer stellt sich als Dr. Schreber (Kiefer Sutherland) vor und sagt ihm, dass er gesucht wird und verschwinden muss. Der Namenlose flüchtet und was als ein klassischer Krimi und film noir beginnt, entpuppt sich nach und nach als Science-Fiction und neo noir. Da fallen die Menschen nachts alle in einen tiefen Schlaf, der Namenlose Mann entdeckt bei sich mysteriöse Fähigkeiten und überhaupt scheint es in der Stadt nie so richtig hell zu werden. Das sind nur wenige der Dinge, die in Dark City vor sich gehen. Und der Film macht seinem Namen alle Ehre, denn Bilder von sonnigen Standpromenaden und hellen, blauen Himmeln sind höchstens Werbereklamen oder Erinnerungen. Damit ist der Film eine großartige Verbeugung vor film noir und hat einen Twist, der fast over the top wäre, wenn er sich nicht so herrlich schleichend ankündigen würde. Lediglich die Effekte und das damit verbundene Schauspiel sind unfreiwillig komisch, weil schlecht gealtert.

Dark City, USA/Australien, 1998, Alex Proyas, 96 min, (9/10)

Sternchen-9

„Dark City (1998) Official Trailer – Jennifer Connelly, Kiefer Sutherland Sci-Fi Movie HD“, via Movieclips Trailer Vault (Youtube)

Chinatown

In Roman Polańskis Neo-Noir Film spielt Jake Nicholson den Privatdetektiv Jake Gittes, der im Los Angeles des Jahres 1937 seinen Lebensunterhalt v.A. damit bestreitet schmutzige Wäsche zu waschen. Sein Geschäft ist das Aufdecken von Affären. Eines Tages tritt eine gehörnte Ehefrau mit der Bitte an ihn heran, ihren Mann zu überführen. Der ist niemand geringeres als Mr. Mulwray, der Chef Ingenieur der Wasserwerke. Nachdem der Skandal öffentlich gemacht wurde, meldet sich die echte Mrs Mulwray (Faye Dunaway) und gibt an, ihn nie beauftragt zu haben. Als Mr Mulwray verschwindet, will Gittes ihn aufspüren und seinen Ruf wiederherstellen. Dabei deckt er nichts geringeres als einen waschechten Skandal auf, der sogar Tote fordert.

Polańskis Film aus dem Jahr 1974 zählt rein zeitlich nicht mehr zur klassischen film noir Ära, hat aber genug Jahre auf dem Buckel, um nicht wie „Neo Noir“ zu wirken. Der Plot ist ausgefeilt, voller Geheimnisse, Glamour, aber auch niederen Machenschaften und miesen Geschäften. Alles, was man für Noir braucht, weswegen der Film auch den Ruf als klassische Noir-Story in neuem Gewand verdient hat. Über 50 Jahre später wirkt allerdings die Figur Jack Nicholsons und Faye Dunaways trotz ihrer spitzzüngigen Chemie manchmal etwas drüber, manchmal genial. Die Schwäche des Films liegt allerdings in der lähmenden Langatmigkeit zu Beginn. Der Titel übrigens verweist auf einen Teil von Los Angeles, bei dem der Film mit bitterer Note demonstriert, dass dort ein Menschenleben weniger wert ist und manche Menschen in der Lage sind alles zutun, was sie wollen.

Chinatown, USA, 1974, Roman Polański, 131 min, (8/10)

Sternchen-8

„Chinatown (1974) Trailer“, via TheNightEyes (Youtube)

Blade Runner

Mit dem auf einem Buch von Philip K. Dick basierenden Film wurde ein Kult geschaffen, dessen Erfolg selbst 2017 nicht abriss, sondern sogar mit der Fortsetzung Blade Runner 2049 nochmal auflebte. Der Film spielt in einer Zukunft, in der biomechanisch optimierte, künstlich hergestellte Menschen für schwere Aufgaben eingesetzt werden. Da sie durch ihre übermenschlichen Fähigkeiten eine Gefahr für Normalsterbliche darstellen, wurde ihre Lebenszeit auf wenige Jahre begrenzt. Falls sie revoltieren, werden sie von sogenannten Blade Runnern aus dem Verkehr gezogen. Einer von denen ist Rick Deckard (Harrison Ford), der sich eigentlich eine Auszeit gönnen wollte, aber von seinem Chef zurückbeordert wird, um einige besonders schwere Fälle ausfindig zu machen. Unter denen ist u.a. der enorm starke Roy Batty (Rutger Hauer) und die ehemalige Prostituierte Pris (Daryl Hannah). Deren Wunsch ist es lediglich ihr kurzes Leben zu verlängern, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Das und die Begegnung mit Rachael (Sean Young) werden Deckards Weltbild auf den Kopf stellen. Sie ist eine Replikantin, die glaubt ein Mensch zu sein.

Blade Runner ist ein wahres Underdog-Phänomen. Obwohl er anfangs von Kritikern und dem Publikum wenig Beachtung erhielt, avancierte der Film zum Paradebeispiel für Science-Fiction, das auf Neo-Noir trifft und begründete das (westliche) Cyberpunk-Genrekino. Die komplexe Welt, die Ridley Scott und die Drehbuchschreiber Hampton Fancher und David Webb Peoples aus dem Buch von Philip K. Dick ableiteten beinhaltet eine düstere, schmutzige Welt, die von Menschen und Werbung aufs Engste bevölkert ist. Der Film heißt vielleicht nicht Dark City, aber es scheint so oder so nie wirklich hell zu sein. Der Schaupieler Edward James Olmos, der Deckards Kollegen Gaffs spielt, hat sogar eine eigene Sprache beigesteuert und seine Origami-Figuren begleiten still-schweigend und kommentierend den Film, veranlassen zu mancher Spekulation. Die für mich größte Stärke liegt aber in der Vielfalt des angeblichen Feindbilds der Replikanten. In den verkannten Menschen. Wie sagte doch Paul Farmer einmal: „Die Idee, dass manche Leben weniger wert sind, ist die Wurzel alles Übels auf dieser Welt“. Und so ist man umso mehr bezauberter von den brutalen, verletzlichen Replikanten, die menschlicher als menschlich sind. Ein großartiger Film.

Blade Runner, USA/UK/China, 1982, Ridley Scott, 117 min, (9/10)

Sternchen-9

„Blade Runner (1982) Official Trailer – Ridley Scott, Harrison Ford Movie“, via Movieclips Trailer Vault (Youtube)

Der unsichtbare Dritte

Mit 136 Minuten Laufzeit ist Hitchcocks Thriller definitiv kein Leichtgewicht. Kein Wunder: er erzählt gut und gerne zwei Geschichten oder kann als zwei Filme in einem gesehen werden. Der Film beginnt mit dem Werbe-Agenten Roger Thornhill (Cary Grant), der von Männern entführt wird, die ihn als Mr Kaplan bezeichnen und der mit ihnen zusammenarbeiten soll. Er weiß nicht wovon die Rede ist, bekundet nicht Kaplan zu sein, aber sie halten das für einen Trick, drohen ihm und versuchen letzten Endes ihn zu töten. Er kann entkommen, schaltet aber die Autoritäten ein und versucht als man ihm keinen Glauben schenkt, auf eigene Faust herauszubekommen, wer die Männer sind, die ihm immer noch folgen und v.A. herauszufinden wer dieser unsichtbare Dritte, Mr Kaplan, ist. Dabei kommt es u.a. zu der ikonischen Szene in der er von einem Flugzeug verfolgt wird und die dem Film wahrscheinlich den inoffiziellen Beititel als erster Actionfilm der Filmgeschichte eingebracht hat.

Warum ich aber behaupte, dass der Film eigentlich zwei Filme ist, begründe ich in der zweiten Hälfte des Films. Da ist die Geschichte um Thornhill und Kaplan quasi aufgelöst, aber Thornhill möchte nobler Retter in der Not spielen und die Frau, die er in der Zwischenzeit kennengelernt hat (Eva Marie Saint als Eve Kendall) vor eben diesen Ganoven retten, die auch hinter ihm her waren. Da kommt man leicht mal auf über zwei Stunden Spielzeit. Die erfordern etwas Geduld, sind aber dafür rasant, auch wenn die Effekte nicht gut gealtert sind – wen wunderts? Der Film ist von 1959 und erntet Bewunderung dafür, dass er noch so gut funktioniert. Cary Grant, der schon mehrmals mit Hitchcock zusammengearbeitet hat, darf auch hier wieder sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen, aber in genau der richtigen Dosierung. Schließlich changiert der Film irgendwo zwischen noir-angehaucht, Gangster- und Actionfilm und zuviel Gesichtsakrobatik ist da nicht angebracht. Was man schwerer verschmerzen kann ist die etwas unglaubwürdige Geschichte Kendalls (wer fädelt so etwas ein?) und die eine oder andere unglücklich choreografierte Szene. Ich sage nur Messer.

Der unsichtbare Dritte (OT: North by Northwest), USA, 1959, Alfred Hitchcock, 136 min, (8/10)

Sternchen-8

Fazit

Das war es! Ich habe alle Filme geschaut, die ich mir vorgenommen habe. Die Liste war ein schöner Querschnitt durch das Genre film noir und Neo Noir, wobei ich einen kleinen Fehler einräumen muss. Der unsichtbare Dritte war der falschn Dritte, ich habe den Film schlicht und einfach mit Der Dritten Mann verwechselt. Der er zeitlich noch fast in der Epoche des film noir lag und Hitchcock einige Noir-Filme gemacht hat, bin ich nicht misstrauisch geworden. Leider habe ich es zeitlich bisher einfach nicht geschafft Der dritte Mann nachzuholen, aber wirklich traurig bin ich nicht, denn so hab ich mal wieder einen Filmklassiker von der To-Watch-Liste streichen können. Und sagen wir es mal so: es gibt größere Irrtümer auf der Welt, die man bedauern kann 😉

Davon mal abgesehen, war der NOIRvember trotzdem voller weiterer Überraschungen. Der Genre-Begründer Die Spur des Falken hat mich relativ kalt gelassen und ich verstehe noch nicht so ganz den Hype um den Film. Dagegen war Tote schlafen fest grandios und wenn mich mal jemand nach einem beispielhaften film noir fragt, wäre er meine Antwort. Alle heute vorgestellten Filme, haben mich sowieso restlos begeistert. Wäre der November nicht ganz so stressig und zeit- und kraftraubend gewesen, hätte ich gern noch ein paar Filme nachgelegt.

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung
Recap Woche 1 mit „Die Spur des Falken“, „Tote schlafen fest“, „Mulholland Drive“, „Mord im Orient Express“

Header Image Photo Credits: Michał Grosicki

Mal abgesehen vom NOIRvember: so ein Rewatch bringt’s. Wenn man in den ‚Blade Runner‘ Soundtrack von Vangelis wieder reinhört, fällt einem auch auf wie stark der die Fortsetzung beeinflusst hat. Und so muss das ja auch eigentlich sein. Wie war euer NOIRvember? Habt ihr teilgenommen? Oder ganz allgemein: wie empfindet ihr die besprochenen Filme? Welche habt ihr gesehen, welche noch nicht?