#Japanuary 2018 – Fazit und Besprechungen (Death Note, The World of Kanako, Ran, Helter Skelter)

Posted by in 1985, 2006, 2012, 2014, Arthouse & Indie, Drama, Fantasy, Film, Frankreich, Historic Fiction, Historienfilm, Japan, Jidai-geki, Kriegsfilm, Literaturverfilmung, Milieustudie, Monumentalfilm, Spielfilm, Thriller

Nach dem ziemlich tollen Auftakt der ersten Hälfte des Japanuary mit vier wirklich ziemlich geilen Filmen, gestaltete sich die zweite Hälfte etwas schwieriger. Da wollten DVDs nicht verschickt werden (lieber Online-Verleih und liebe Händler, wollt ihr denn kein Geld mit mir verdienen?) und das ganze wurde zur Zitterpartie. Dank Your Name und diversen Makoto Shinkai Filmen und einer prallen Watchlist, war schon klar, dass sich Ersatz finden lässt. Aber wer ein störrischer Filmfan ist, bekommt letzten Endes mit ein bisschen Glück doch noch seinen Willen. Schließlich wollte ich unbedingt meine angekündigte Liste einhalten 😉 War aber knapp.

Death Note

Habe ich inzwischen einfach zuviele Sprösslinge des Franchise gesehen oder ist der Film wirklich nicht der Knaller? Vermutlich hätte man Death Note sehen müssen, als der Hype gerade grassierte und die Effekte noch nicht vom Zahn der Zeit zerkaut wurden. Aber ja, Death Note aus dem Jahr 2006 ist die erste Verfilmung der Manga-Vorlage, leider nicht die einzige, aber sie macht nicht alles besser als diverse andere. Der Film handelt von Light Yagami (Tatsuya Fujiwara), der eines Tages ein Death Note betiteltes Notizbuch findet, in dem eine Reihe „Anwendungsregeln“ stehen. Die besagen, dass jeder stirbt, dessen Name in das Buch geschrieben wird. Light testet es und es funktioniert! Zuerst geschockt, nutzt er bald das Notizbuch, um Straftäter die durch das Raster rutschen oder nicht verurteilt werden konnten ihrer „gerechten“ Strafe zuzuführen. Dabei weitet er seinen Gerechtigkeitsbegriff immer weiter aus und bald fallen ihm auch Menschen zum Opfer, die sich gegen seine, die „gerechte“, Sache stellen. Er wird in der Öffentlichkeit als „Kira“ (Killer) bezeichnet und von vielen tatsächlich bald wie ein gerechter Gott angesehen. Allerdings ermittelt die Polizei mit Hilfe des Detektivs „L“ (Kenichi Matsuyama), der ihm gefährlich nahe kommt.

Der Stoff gibt eine ganze Menge her wie ich schon mal hier (Manga-Besprechung) oder hier (Besprechung des amerikanischen Remakes) oder an zig anderen Stellen im Blog diskutiert habe. Und in diesem Fazit sprengt es eigentlich den Rahmen. Also sei nur gesagt, dass der Film ähnlich wie der Manga ganz gut das Kernproblem abbildet: was ist gerecht? Ist Light gerecht, weil er eine neue Weltordnung anstrebt, die Täter straft, aber auch alle, die gegen seine Weltordnung sind? Oder sind L und die Polizei gerecht, weil sie Light/Kira als Massenmörder betrachten? Und es gibt noch soviele Aspekte mehr. In jedem Fall gelingt das dem Film gut. Er unterschlägt auch einige unglaubwürdige Szenarien des Manga und macht Light beispielsweise zu einem Studenten, während er im Manga noch Schüler ist als er seinen Plan zu verfolgen beginnt, was schon manchmal zu gewollt wirkte. Was der Film an Glaubwürdigkeit durch diese Änderungen und die allgemeine Moral-Frage gewinnt, verspielt er aber durch seine Ungeschicktheit direkt wieder. Charaktere wie L und Light sehen was ihr Make-Up und Auftreten betrifft nach schlechten Perrücken und halbgarer Maske aus, die man in Fan-Videos besser sieht. Die inszenatorische und dramatische Naivität ist schon eine ganz andere Nummer. Ein Beispiel: Das Death Note fällt vom Himmel auf eine Straße. Einige Zeit später läuft Light dort lang und findet es. Er hat nicht gesehen wie es gefallen ist, schaut aber trotzdem fragend nach oben. Weil das ja auch ständig passiert das Dinge vom Himmel fallen? Wäre es nicht logischer, wenn ein Passant es hätte fallen lassen? Das meine ich mit Naivität. Was man dem Film zugute halten muss, ist, dass er nach sovielen Jahren (er ist inzwischen immerhin zwölf Jahre alt und damit pubertierend) immer noch die beste Death Note-Realverfilmung ist.

Death Note (OT: デスノート „Death Note“), Japan, 2006, Shusuke Kaneko, 126 min, (7/10)

Sternchen-7

„THE WORLD OF KANAKO (KAWAKI) Trailer English Subtitled“, via GAGAIntl (Youtube)

The World of Kanako

Der japanische Originaltitel ist Kawaki, was soviel bedeutet wie Durst. Wenn man die knapp zwei Stunden Laufzeit lang dem kaputten Ex-Cop Akikazu Fujishima (Kōji Yakusho) dabei zusieht wie er seine verschwundene Tochter Kanako (Nana Komatsu) sucht, dann ahnt man nach nur kurzer Zeit welcher Durst gemeint ist. Bekommt man einen Einblick in Kanakos Party-Verhalten, ihr lautes Lachen mit zurückgeworfenem Kopf und wie sie sich alle Mitschüler um sie herum zum Freund macht, könnte man meinen Lebensdurst. Als man wie ihr desillusionierter Vater mehr über sie erfährt, dann weiß man: es geht um Rachedurst. Ihren und den ihres Vaters. Gegen Ende des Films gelingt es der Tour-de-Force einem begreiflich zu machen, dass er sich selbst dafür hasst, dass er seiner Tochter so gerne den Hals umdrehen möchte und auf der Reise realisiert hat wie kaputt auch er ist. Man könnte meinen, dass ihm das vorher bewusst war, deswegen desillusioniert, aber er wirkt auch nicht wie der Typ, der sich selber viel reflektiert. Der Zuschauer erfährt nicht wie es dazu kam, aber er fing einfach irgendwann an zu saufen wie ein Loch und seine Umgebung zu tyrannisieren bis er Familie und Job verlor. Kanako kannte er quasi kaum noch. Und Kanako!? Hat ein umwerfendes Lachen, aber ist ein ebenso kaputtes Geschöpf, das die Menschen anfangs mit ihrer charmanten Art fesselt oder mehr verführt, nur um sie dann ins Unglück zu reißen.

Ich weigere mich The World of Kanako als Milieustudie zu bezeichnen. Ähnlich wie der Hit Kokuhaku (Geständnisse), versteift sich der Film (ebenfalls auf einer Literaturvorlage basierend) wieder auf ein Weltbild, in dem alle böse sind und wenn nicht, dann widerfährt ihnen grausames. Ähnlich dem typisch binären Muster von Gut und Böse, gibt es hier keine Grauschattierungen. Deswegen fühlen sich beide Filme so weltfremd und unnatürlich an. Der Vorteil von Kawaki (The World of Kanako) ist das Fehlen von Over-Acting (im Gegensatz zu Kokuhaku). All das Schreien, Schlagen und der Exzess gehören dazu und fügen sich fast natürlich ein. Das erfordert die Geschichte rund um Mobbing, Missbrauch, Mord, Yakuza, Drogenmissbrauch, Korruption, Vergewaltigung, Entführung und Zwangsprostitution Minderjähriger. Ich könnte übrigens noch mehr aufzählen, tue ich aber nicht, das reicht schon. Aber Vorsicht mit dem Begriff natürlich – angesichts des Molloch, den wir hier geboten bekommen, möchte man nicht daran glauben, dass das natürlich sein soll. Und glaubt es auch nicht. Man muss nicht sehr kreativ sein, um sich vorzustellen, warum der Film sehr kritisiert wurde und sich Toho sogar weigerte ihn zu veröffentlichen bzw. zu produzieren. Denn im Gegensatz zu Kokuhaku sind Brutalität und Beweggründe hier unverhältnismäßig zugespitzt. Es ist als ob man mutwillig alles ausgekostet hätte, was das Repertoire an Grausamkeiten hergibt, die man Menschen antun kann. Dabei scheitert der Film gegen Ende daran zu erklären was all das rechtfertigt. Es wird gesagt, es macht aber keinen Unterschied. Dass der Hauptcharakter bei all dem grausamen was auch er selber verzapft noch als cooler Antiheld in Superfly-Manier dargestellt wird, ist nur noch eine weitere befremdliche Eigenschaft von The World of Kanako.

The World of Kanako (OT: 渇き „Kawaki“), Japan, 2014, Tetsuya Nakashima, 118 min, (5/10)

Sternchen-5

Ran

Mein erster Gedanke war: Oh. Farbe. Ich habe es tatsächlich nicht gewusst, dass Ran in Farbe gedreht wurde. Und dann kam die Erkenntnis: dann muss es wohl einer der letzten Filme Kurosawas gewesen sein. Richtig. Es war der letzte Monumentalfilm, an den sich der für seine Samurai-Historienfilme berühmte Kurosawa wagte. Es gab noch drei weitere, aber keine vom Kaliber Rans. Ran bedeutet in der Lesart soviel wie Aufruhr und das beschreibt es sehr passend, was der alte Fürst Hidetora Ichimonji (Tatsuya Nakadai, hier kaum zu erkennen) auslöst, als er bekannt gibt, dass er sich zur Ruhe setzt. Er will seine Güter und eroberten Burgen an seine Söhne verteilen. Der älteste soll sein Nachfolger und das offizielle Familienoberhaupt werden. Er selber möchte seinen Lebensabend zusammen mit den Söhnen auf deren Anwesen verbringen. Aber letzten Endes hat jeder der Söhne und so manche der Umstehenden eine ganz eigene Agenda. Ichimonjis gut und vorausschauend gemeinte Tat, sowie die Kriege und Ausbeutung die er in seiner Vergangenheit angezettelt hat, verfolgen ihn und stürzen ihn in eine tiefe Krise bis hin zum Wahnsinn. Das aus dem Gleichgewicht geratene Machtgefüge mündet in Krieg und Chaos.

Man sieht, dass hier ein Meister am Werk war. Zu Beginn des Films sitzen der Vater und die Söhne mit dem Gefolge auf einer satten, grünen Anhöhe. Die Farben in denen die Söhne gekleidet sind, sind die ihrer Wappen und Fahnen, die später das Kriegsfeld dominieren werden. Die einzigen anderen Farben werden das verwaschene Schwarz der Leichenberge und von Ruß und das leuchtende Rot von Blut sein. Kenner erinnert die Handlung vielleicht an etwas: Es ist Shakespeares King Lear, das Kurosawa sich vornahm und in das Japan des 16. Jahrhunderts versetzte. Der Film vereint viele Attribute und Labels: Kostümfilm, Drama, Historienfilm (Jidai-geki) und auch Monumentalfilm. Denn, was wie ein Drama mit einer ordentlichen Prise Pathos und Ethos beginnt, mündet in einem sauber choreografierten Krieg in dem die Treue und das Ehrgefühl der Samurai in krassem Gegensatz zu den niederen Motiven ihrer Herren stehen: Macht, Gier, Träume von Status und Ruhm. Dass das nicht zwangsläufig glücklich macht, zeigt Hidetora Ichimonji selber. Nicht selten wandert die Kamera zum Himmel wie um zu zeigen, dass die Götter zuschauen – oder wem diese Deutung lieber ist – es keine gibt, die einschreiten in das Unglück. Einzig und allein die Länge des Films ufert aus und Hidetora Ichimonjis Maske und die des blinden Tsurumaru wirken befremdlich. In Ichimonjis Fall unterstreicht es zumindest gekonnt seinen fortschreitenden Wahnsinn.

Ran (OT: 乱, „Ran“), Japan/Frankreich, 1985, Akira Kurosawa, 160 min, (8/10)

Sternchen-8

Helter Skelter

Das Model Ririko (Erika Sawajiri) dominiert auf den Titelblättern der japanischen Zeitschriften. Sie ist jung, schön, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie wird bewundert und angehimmelt. Hat einen (einfluss)reichen Freund und ihre Assistentin Hada (Shinobu Terajima) räumt ihr alles hinterher. Aber sie ist fake. Nichts an ihr ist echt, außer ihre Vagina, Augäpfel und Ohren. Ihre Managerin hat sie zu dem Konstrukt gemacht, das sie jetzt ist und redet ihr ein schlechtes Gewissen mit den Instandsetzungs- und Instandhaltungskosten ein. Sie ist ein Objekt und sie hört die Uhr ticken. Blaue Flecken zeichnen sich auf ihrer Haut ab, sie zerfällt. Mit der Erkenntnis kommt die Verzweiflung. Ririko beginnt ihre Umwelt zu terrorisieren und wird für sich und andere zur Gefahr. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Manga von Kyoko Okazaki. Große Gemeinsamkeit beider ist, dass es verblüffend ist wie die Menschen der Schönen aus der Hand fressen und wie sie nach und nach die Menschen um sich herum instrumentalisiert. Was dem Film aber bei weitem nicht so gut gelingt wie dem Manga ist der geschmackvolle, erwachsene und moderne Ton. Und das sage ich, obwohl Kyoko Okazakis Zeichenstil zum Großteil aus Strichmännchen- und karikaturesken Panels besteht. Der Film zeigt ungefähr eine japanese half an hour zuviel kitschig-bunte Fotoshootings und strotzt nur so vor Material. Ririkos Wohnung ist ein wahr gewordener Klein-Mädchentraum. Das alles ist so verkitscht und bonbonfarben, das man die Ernsthaftigkeit des Manga nur wenig darin wiedererkennt. Ein touch too much in die falsche Richtung.

Helter Skelter (OT: ヘルタースケルタ „Herutâ sukerutâ“), Japan, 2012, Mika Ninagawa, 127 min, (7/10)

Sternchen-7

Fazit

Mensch, schön war’s. 🙂 Begleitend zum #Japanuary habe ich auch reichlich Anime in Serien- und Filmform geschaut und es war ein ziemlich großer Spaß. Die Filmauswahl, die ich mir in der Ankündigung verpasst habe, hat mir sehr gut gefallen. Was altes, was neues. Ein bisschen Guilty Pleasure, ein bisschen Skandal, ein bisschen was für die Kultur. Ein bisschen traurig, ein bisschen lustig, ein bisschen slice of life. Gerne wieder. 🙂 Und da es soviele Teilnehmer gab, hat das Stöbern im Hashtag auf Twitter Riesenspaß gemacht und meistens erstaunlich viele Leute zu Tage gefördert, die den einen oder anderen Film schauen, den man sich auch vorgenommen oder schon gesehen hat. Wunderbar bunt und lebendig. Danke für diese schöne Idee und bis zum nächsten Jahr? 😉

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung
Zwischenfazit (Tampopo, The Whispering Star, Tetsuo: The Bullet Man, Still Walking, Kumiko the Treasure Hunter)

Header Image Photo Credits: Andre Benz

Ein bisschen schade ist es allerdings, dass ich nicht jedem Film einen eigenen Artikel gewidmet, sondern hier stattdessen Kurz-Besprechungen gemacht habe. Aber bei den vielen Themen, die ich im Blog sonst noch so los werden möchte, ging das nicht anders. Aber so oder so hat mir der Japanuary viel Spaß gemacht. Ich habe viel gewonnen, viele spannende Diskussionen geführt und mitverfolgt. Habe endlich einen der Bullett-Man-Filme gesehen, Tampopo (leider verpasst auf der Nippon Connection) nachgeholt und endlich The Whispering Star gesehen. In Tampopo habe ich sogar einen Lieblingsfilm gefunden. Ein Wiedersehen mit Kurosawa gab es auch endlich mal wieder. Ich habe bisher nicht viel von Kurosawa gesehen und finde, dass es jetzt mal Zeit wird. Der Japanuary hat mir wieder riesige Lust auf den japanischen Film gemacht. Eine Freude, die zwischen meinen monatlichen Werkschauen und Themen unabsichtlich verschütt gegangen ist. 🙂 Andererseits brauche ich jetzt auch mal eine kleine Pause von den Doppel-Werkschauen. Ich bedanke mich – es war eine gute Art ins neue Jahr zu starten und sagen allen Teilnehmern des #Japanuary: また来年! 😉