Serienlandschaft: Besprechung – „Channel Zero“ Season 2 „No-End House“

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Auf amerikanischen Film- und Serienwebseiten wurde Channel Zero ziemlich gehypt. Es ist eine Anthologieserie ähnlich ‚American Horror Story‘. Hier dienen nicht bekannte Horror-Tropen wie das Mörder-Haus, ein Hexenzirkel oder eine Nervenheilanstalt als Szenario, sondern die Inspiration stammt aus Creepy Pastas. Das sind Internetstorys, die sich ähnlich wie „urban legends“ stark verbreiten. Über die erste Staffel habe ich schon berichtet und sie war eher gegen Ende gruselig, aber immens interessant. Ist so einfach daher gesagt, aber „Channel Zero“ bedient Horror anders: psychologischer. Staffel war zwar nicht lebensverändernd, aber sie hat mich extrem gespannt auf die zweite Staffel gemacht. Review ist spoilerfrei.

Margot (Amy Forsyth) versteckt sich. Nachdem ihr Vater (John Carroll Lynch) durch eine allergische Reaktion auf ein Medikament gestorben ist, plagen sie bittere Schuldgefühle. Wäre sie früher nach Hause gekommen, hätte sie ihn vielleicht noch rechtzeitig gefunden und Hilfe rufen können. Während für andere wie ihre beste Freundin Jules (Aisha Dee) das Leben nach der Schule mit dem College weiterging, bleibt Margo zuhause. Allein mit ihrer Mutter und den Gedanken an bessere Zeiten. Jules schafft es Margot aus dem Haus zu locken. Anfangs wirkt es wie eine gute Idee. Margot lernt Seth (Jeff Ward) kennen. Schnell wird es Gesprächsthema, dass sie alle seit einiger Zeit kryptische Nachrichten auf ihre Smartphones geschickt bekommen. Ihr Kumpel J.D. (Seamus Patterson) erzählt ihnen, dass das ein Erkennungsmerkmal des No-End House wäre. Ein Haus, das angeblich in größeren Abständen überall auf der Welt auftaucht und sowas wie eine riesige Geisterbahn ist. Sechs Zimmer muss man durchqueren, in denen das Grauen lauert. J.D. will die Mutprobe machen und letzten Endes wagen alle Vier den Trip. Sie ahnen nicht wie real und v.A. persönlich das angekündigte Grauen sein wird.

„CHANNEL ZERO Season 2 TRAILER No-End House (2017) SyFy Series“, via Series Trailer MP (Youtube)

Die zweite Staffel der Indie-Horror-Anthologie zieht die Spannungsschrauben deutlicher an als die erste Staffel Candle Cove es getan hat. Und das auf mehreren Ebenen. Zum Einen beinhaltet es mehr Gore – mit oder ohne viel Blut. Das hatten sich die mutigen Besucher bestimmt anders vorgestellt. V.A. deswegen weil sie alle etwas anderes in dem Haus vorfinden, es spukt nämlich in ihren Köpfen herum. Die Metaphern der Serie sind dabei mehr als passend – Stichwort „Orchideen“. Das Haus ist wie eine still dastehende Falle. Die, die den Kick suchen und ja unbedingt in das Haus gehen mussten: sie kommen ganz freiwillig und füttern das Haus. Und gemäß seinem Namen lässt das „No-End“-Haus sie nicht so einfach gehen. Am Ende der ersten Folge denken die Vier, dass sie das Haus über einen Notausgang verlassen haben. Weit gefehlt. Sie sind gerade mal in Raum 6, auch wenn es aussieht, als ob sie durch ihre heimische Nachbarschaft mit Vorgärten und netten Häuschen streifen. Und dann steht Margot plötzlich vor ihrem Vater, der eigentlich tot sein sollte. Und das Grauen beginnt erst.

No-End House spielt mit den Erinnerungen und Biografien seiner Besucher. Dass es ihnen geliebte Menschen vor die Nase setzt ist nur eine von vielen geschickten Taktiken, um die Besucher in seinen Eingeweiden zu halten. Was das für die traumatisierte Margot bedeutet, kann man sich vorstellen. Der Teufel liegt im Detail – und diese Details sind hier wesentlich besser verknüpft als in der ersten Staffel der Serie. Das beginnt bei der Warnung „Beware the cannibals“. Damit sind vielleicht nicht die „Menschenfresser“ gemeint, die wir mit dem Begriff verbinden. Aber es sind doch welche, die sich von etwas ernähren, das den Menschen ausmacht: Erinnerungen. Aber bevor ich zuviel verrate, lieber ein Hinweis für den aufmerksamen Zuschauer: In den ersten Minuten der Serie sollte man gut aufpassen. Die junge Frau, die da verfolgt wird, wird später nochmal auftauchen. Aber auch der nette Vorort mit dem die Besucher getäuscht werden und ES versucht sie in seinem Inneren zu halten ist ein nettes Sinnbild auf täuschend echte Nachahmungen von Glückseligkeit und ruhigen Nachbarschaften. Bloß nicht die Tür aufmachen. Die wohl aber beste Metapher der Staffel oder sogar Serie sind Erinnerungen selbst. Der Horror kommt aus dem, was wir als selbstverständlich und ungefährlich erachten: Erinnerungen. Der Feind kommt aus deinem Kopf und nimmt dir letzten Endes vielleicht sogar dein Selbst. Wenn das alles so gut, spannend, anders und interessant ist, warum dann keine 10/10? Weil sich Margot und die Geschichte um den Tod ihres Vaters leider mit mehreren Erklärungen im Kreis dreht. Aber das ist meckern auf hohem Niveau.

(8/10)

Sternchen-8

„Channel Zero“ ist deutlich mehr Indie ist als andere Horror-Serien. Die erste Staffel hat Horror auch ganz anders definiert und aufgebaut. Es sorgt dafür, dass man sich auf der Couch umschaut, ob man auch wirklich alleine ist. Aber jump scares oder ähnlich-überstrapazierte Stilmittel klassischen Horrors bleiben aus. „Channel Zero“ ist etwas psychologischer und nimmt sich im echten Leben unmögliche Szenarien her, konfrontiert die Protagonisten und den Zuschauer damit und dringt empfindlich in unsere sozialen und moralischen comfort zones ein. Es hat was! Kennt ihr die Serie? Leider ist sie bisher in Deutschland auch nur gegen Aufpreis via Amazon Instant Video online. Auf US-Bildschirmen läuft derzeit die inzwischen dritte Staffel.

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).