ausgelesen: Kyōko Okazaki „Helter Skelter“

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Kyōko Okazakis Manga Helter Skelter wurde neulich mal auf einer Liste ungewöhnlicher Comics und Manga gelistet und hat dadurch auch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ungewöhnlich heißt in dem Fall, dass sich die Werke durch ihre Themen und/oder ihren Stil von Genrekollegen absetzen. Manga mit ernsten Themen sind eigentlich keine Seltenheit, aber Helter Skelter ist wohl die Abrechnung mit dem Model-Business schlechthin. Okazakis Manga handelt von Ririko, einem bekannten japanischen Model, hinter deren Namen in den Klatschzeitungen sowas steht wie „Alter unbekannt“. Sie schauspielert auch mal und singt. Aber sie ist der Meinung, dass sie das eigentlich gar nicht kann. Und modeln macht ihr eigentlich auch keinen Spaß. Aber sie fürchtet sich davor eines Tages nicht mehr interessant zu sein, vergessen zu werden und nicht mehr attraktiv zu sein. Sie nennt ihre Managerin Mama, obwohl es eine echte Mutter und Familie gibt, die Ririko schon ewig nicht mehr gesehen hat. Auch dem Leser wird ihr Alter nicht verraten. Stattdessen erfahren wir, dass Ririko das Produkt zahlreicher Schönheits-OPs ist. Ihre Geschlechtsorgane, Ohren und Augen sind noch Original, mehr nicht. Aber Ririko löst sich langsam auf.

„Man sagt Stars haben eine aufregende Ausstrahlung. Aber ein Star zu sein ist wie Krebs haben. Eine Art von Abartigkeit.“ S.119

Die zahlreichen Behandlungen, die Ririkos Managerin ihr angeordnet hat, haben so ihre Nebenwirkungen. Die Rechnungen für Folgebehandlungen türmen sich. Ririko befindet sich in einem desolaten körperlichen und geistigen Zustand. Desto mehr Probleme und Zweifel auf sie einprasseln, desto rücksichtsloser geht sie mit ihrer Umwelt um. Ihre Beziehung ist genauso schöner Schein wie ihr Äußeres. Aus Verzweiflung, Einsamkeit und Boshaftigkeit treibt sie ihre Assistentin ins Unglück. Zeitgleich ermittelt ein Komissar, der der Klinik mit den fragwürdigen Methoden zu Leibe rücken will, in der auch Ririko Patientin ist. Ein schönes, junges Model stiehlt Ririko bald schon die Show. Die Konflikte spitzen sich zu und Ririko fühlt, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Kyōko Okazaki durchläuft in dem in einem Band abgeschlossenen Manga in Rekordzeit die Abwärtsspirale und den moralischen und körperlichen Zerfall einer jungen Frau. Dass Ririko ihr Leben kaum in die Hand genommen hat, sondern immer nur alles geschehen ließ, wird recht schnell deutlich. Dass sie ihre Managerin Mama nennt, erinnert an die vielen asiatischen Starlets die noch als Teenager Managern überlassen werden, teilweise sogar bei ihnen leben und für eine Zukunft als Star gedrillt werden. Zu welchem Preis?

„Ich will meinen Körper gebrauchen… mit ihm spielen. Spaß dabei haben, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Ich kann wirklich nichts dafür! Ich wurde von anderen Menschen komplett ruiniert.“ S.167

Die Geschichte über die Ware Mensch wird in diesem Manga sicherlich nicht das erste Mal erzählt. Man kennt die Motive, sexuelle Ausschweifungen, Medikamenten- und Drogenmissbrauch, das blendende Licht des Showgeschäfts – und doch fühlt sich der Manga neu und interessant an, was vielleicht an der kompromisslosen Mischung liegt. Okazakis Oneshot ist eigentlich brutal, aber in seiner Erzählweise kurz und bündig und vor Allem unverblümt. Da gibt es hier mal ein Panel, das eine Leiche zeigt, dort eins mit nackten Brüsten und einer Vagina – Okazaki hat definitiv keine Angst ihre Charaktere alles zeigen zu lassen. Und sie tut das nicht zu gewollt, sie tut es nur, wenn es der Geschichte hilft. Ihr Zeichenstil ist dabei sehr speziell. Einerseits gelingt es ihr mit wenigen Strichen dynamische Kurven, verführerische Posen und ausdrucksstarke Gesichter zu zeichnen, aber der überwiegende Teil ihres Manga wirkt wie Strichzeichnungen. So als ob sie nicht viel Mühe aufgewendet hätte, so als ob sie das mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hätte. Es wirkt nicht selten unvollständig und vor Allem wirkt es nicht immer schön – aber das ist doch nur die Definition von modern, oder? 😉 Eben noch schön, zeigt das nächste Panel eine groteske Fratze oder eine comic-hafte Figur, die entrüstet ist oder sich fremdschämt. Die Raster sind teilweise nur so grob  eingefügt, sodass Ränder überstehen bleiben – aber es passt zu dem Stil Okazakis. Sie glaubt an das Chaos, Dynamik und es passt zu dem was sie erzählt. Charaktere am Abgrund. Chaos.

Gerade Okazakis gewöhnungsbedürftiger und nicht sehr manga-typischer Stil unterstreicht das Dilemma und Trauma der Charaktere. Die wirre Welt voller falscher Ideale, die ihre Aufmerksamkeit und Liebe so schnell verschenkt, wie sie sie auch wieder nimmt, erlebt hier einen großartigen und vor Allem rasend schnellen Abgesang. Ririkos Fall wird in Rekordzeit erzählt, wenn man mit dem Literatur-Maß misst. Wer viel Manga liest, wird hingegen erstaunt sein, wieviel Lesezeit der Oneshot bietet. Ein großer Tipp für diejenigen, die den Zugang zu Manga bei klassischen Große-Augen-Funkel-Storys bisher nicht gefunden haben und für die, die mal was anderes lesen wollen.

„Egal wie schön ein Hase ist, wenn man ihm die Haut abzieht, ist er nur noch ein Stück Fleisch.“ S.135

Fazit

starker Manga, dessen Thema und schnelle Spannungskurve über den gewöhnungsbedürftigen Stil hinwegschauen lässt

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂