Der bittersüße, doppelte Boden: Eine Ode an die Mangas von CLAMP

Als ich neulich umzugsbedingt jeden Manga den ich besitze einmal in der Hand hatte, wurden viele Erinnerungen geweckt. An gute Geschichten, die mir tage- oder wochenlang nicht aus dem Kopf gingen. An Mangas, auf deren Fortsetzungsbände ich manchmal Monate sehnsüchtig gewartet habe. Zu den Autoren, von denen ich damals wie heute fast alles gelesen habe, zählt CLAMP. Und wie CLAMP Geschichten von Beziehungen erzählt, ist für mich noch heute große Kunst. Eine Ode an CLAMP.

Wofür CLAMP steht

Hinter dem etwas sperrigen Namen CLAMP verbirgt sich eine Gruppe von Mangazeichnern, die seit 1989 mit damals wechselnder, heute fester Besetzung existiert. In der Anfangszeit widmeten sie sich Doujinshi und zeichneten später eigene Storys wie RG Veda, womit ihnen der Durchbruch gelang. CLAMP widmete sich v.A. Fantasy-Elementen und Rom-Com-Stoffen, hat im Laufe der Zeit aber fast jedes Genre gestreift. Während Card Captor Sakura eine fröhliche Magical-Girl-Serie ist, handelt es sich bei Tokyo Babylon um anfangs leichten, später harten Mystery-Stoff. Clover ist ein melancholischer und poetischer Steampunk-Manga, Chobits ein (für mancher Leser Empfinden gescheiterter) Versuch es mal erotisch werden zu lassen. X (bzw X-1999) ist eine Endzeit-Geschichte mit reichlich Action und Wish eine zuckersüße Geschichte um einen Engel, der Ausgang hat. Die Zielgruppe ist meistens Shoujo, d.h. richtet sich an Mädchen, aber CLAMP lässt die Grenzen gekonnt verschwimmen.

Um die 2000er Jahre herum wurden sie in der Szene dafür bekannt, dass sie ihre zahlreichen Werke durch Crossover-Manga wie Tsubasa Reservoir Chronicle verbinden oder vereinzelte Charaktere bekannter Manga in anderen kurz auftreten lassen wie im Mystery-Manga xxxHolic. Für Fans von CLAMP entstand so ein überraschend dichtes Universum. Außerdem war CLAMP dafür berühmt-berüchtigt, dass sie Interviews mieden und es keine Fotos der inzwischen vier fest besetzten Mitglieder gab, was aber inzwischen passé ist. CLAMP ist seit Langem eine reine Zeichnerinneren-Gruppe und hat einen unverwechselbaren Stil, den sie gern dem Genre, das sie gerade bedienen anpassen. Ein Merkmal, das ich eben verschwiegen habe: auch wenn ihre Geschichten oftmals einen fröhlichen Ton und Charaktere voller Lebensfreude, Mut und hohen Idealen haben, gibt es meistens einen bitteren, doppelten Boden, der irgendwie auch den Reiz ihrer Geschichten ausmacht.

Der Traum vom Happy-End

Es ist fast egal, welche Geschichte von CLAMP man sich vornimmt, früher oder später trifft man auf einen Nebencharakter, der eine erschütternde Geschichte hat oder erfährt die dunkle Wahrheit über einen Hauptcharakter, der doch die ganze Zeit so fröhlich wirkte. Die Beziehungen in CLAMP-Manga sind nicht selten dysfunktional und verzweifelt, die Liebe oftmals unausgesprochen und hoffnungslos. Der Kontrast ist manchmal erschreckend.

Um ein Beispiel zu geben, bei dem herbe Spoiler zu erwarten sind: der zuckersüße Manga Wish handelt von einem Engel, der von einem Menschen gerettet wird und ihm von da an als Dank dienen möchte und seinen Alltag gehörig durcheinander bringt. Neben all den süßen Comedy-Einlagen verlieben sich natürlich beide ineinander. Kaum dass der Engel, Kohaku, sich dazu entscheidet auf der Erde zu leben, fällt der Mensch in den sie sich verliebt hat tot um. Das ist mehr als ein Downer. Das ist bitter.

Aber CLAMP hat dafür noch viel mehr Potential. Sei es der Nebencharakter in Chobits, der sich in ein künstliches Mädchen verliebt, wohlwissend, dass sie diese Liebe (vielleicht) nie erwidert. Oder falls doch, er sich nie sicher sein kann, ob es echte Liebe ist. In CLAMPs Mystery-Manga xxxHolic verliebt sich der Hauptcharakter Watanuki in ein Mädchen, das ihm wortwörtlich Unglück bringt und fast in den Tod treibt ohne es zu wollen.

„CLAMP- Clover (HD/subbed)“, via SakuraHime1995 (Youtube) – Clover Promo/OVA

Der düster-melancholische Steampunk-Manga Clover hat ein ganzes Repertoire an Beziehungen, die verzweifelt sind. An Liebe, die unausgesprochen bleibt. An Wahrheiten, die der Leser wissen will, die aber nicht ans Tageslicht kommen. Die Welt des Manga ist eine futuristisch-verklärte. Tiere gibt es nicht mehr, Zeppeline kreisen über den von Stromleitungen durchsetzten Himmel und Menschen mit paranormalen besonderen Fähigkeiten (sogenannte Kleeblätter) werden weggesperrt oder stehen unter Beobachtung. Allerdings ist es ein Manga, der von Wünschen und Beziehungen handelt. Von der Konsequenzen, die Macht mit sich bringt. Es ist kein Manga über Rebellion, das ist vollkommen außerhalb der Reichweite der Kleeblätter. Ihr Schicksal ist festgeschrieben. Das scheinbar sehr mächtige Mädchen Suu soll von einem Söldner an einen nur ihr bekannten Ort gebracht werden. Will sie sterben? Wurde ihr nur deswegen gewährt diese Reise zu tätigen, wo sie doch eigentlich vom Staat streng unter Verschluss gehalten wird? Der Manga erzählt auch die Geschichte des Soldaten Gingetsu, der einen Jungen bei sich aufnimmt. Dieser ist ein sehr mächtiges Kleeblatt, das eine ständige mentale Verbindung zu seinem gewalttätigen Bruder hat, vor dem er flieht. Sobald er zu irgendjemandem eine Beziehung aufbaut, schlägt sein besitzergreifender Bruder zu und tötet ihn. Der Soldat behält den Jungen bei sich, will ihn schützen und gibt ihm einen Namen: Lan. Beide dürfen aber nie ihre Zuneigung zeigen, ansonsten ist einer von beiden bald das Opfer von Lans Bruder. So bleiben ihre Gespräche und Gedanken einfach, emotionslos, bedroht vom Tod. Ein stiller Pakt. Ist das Freiheit?

„Glück bedeutet für jeden etwas anderes“

Das wahrscheinlich beste Beispiel für das Crossover-Universum von CLAMP und die anziehende Bitterkeit ihrer Geschichten sind wohl die Charaktere Subaru Sumeragi und Seishiro Sakurazuka. Als treuer CLAMP-Leser lernt man beide zuerst in dem Manga Tokyo Babylon kennen, wo ihre Geschichte beginnt und bitter und abrupt endet, während sie Jahre später in X bzw. X-1999 zu Ende erzählt wird, als beide einige Jahre älter sind. Ihre Geschichte wächst.

Tokyo Babylon handelt von Subaru Sumeragi, der das Oberhaupt eines spirituellen Clans ist, die u.a. Exorzismen betreiben. Für den Teenager ist es ein hartes Los, denn was er tagtäglich sieht, kann einem Albträume bereiten. Seine Schwester Hokuto ist ihm die größte Stütze. In ihr Leben tritt durch einen scheinbaren Zufall der Tierarzt Seishiro. Er wird ein Freund der Beiden und offenbart Subaru später, dass er sich in ihn verliebt habe. Ein Geständnis, das für den Teenager ein bisschen zu offen ist und verwirrt. Dass Seishiro in Wirklichkeit kein Tierarzt ist, sondern der okkulte Gegenspieler von Subarus Familien-Clan, kommt erst raus als es zu spät ist. Die ganze Freundschafts-Nummer? Ein Spiel. Oder nicht? Hat Seishiro Subaru wirklich nur so oft aus der Patsche geholfen, weil er sein Spiel mit ihm zu Ende spielen will oder war nicht alles gespielt? Warum hat er ihn sonst letzten Endes verschont?

Jahre später treffen sich Subaru, inzwischen ein erwachsener Mann, und Seishiro wieder. CLAMPs Manga X handelt von einem apokalyptischen Kampf zweier Gruppen von Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Die einen wollen den Fortbestand der Erde, die anderen wollen die Apokalypse, weil die Menschen den Planeten zugrunde richten und es nicht verdienen zu leben. Ein Schaulaufen schwieriger Beziehungen, denn fast jeder hat seinen perfekten Gegenpart auf der gegnerischen Seite. D.h. jemanden, der ähnliche Fähigkeiten hat. So auch Subaru. Seishiro erwartet, dass Subaru von Hass getrieben ist und ihn töten will. Subaru erwartet, dass er von Seishiro wie ein niederes Individuum angesehen wird, dass es nicht wert ist sich mit ihm zu messen. Denn so erklärte er sich seit den Geschehnissen in Tokyo Babylon, warum er verschont wurde. Beide täuschen sich. Beide haben einen Wunsch, den sie nicht aussprechen, der nur der andere erfüllen kann. Hätten sie einmal miteinander offen gesprochen, würde die Geschichte vielleicht anders ausgehen. Wenn man okkulte und spirituelle Clans und jahrhunderte-alte Verpflichtungen und Aufgaben mal beiseite lässt. Eine der wohl bittersten Geschichten in CLAMPs Manga. Der Satz „Glück bedeutet für jeden etwas anderes“ ist bezeichnend für die Beiden und taucht in mehreren Manga von CLAMP auf – er ist das inoffizielle Motto. Aber nicht alle ihre Geschichten sind tragische. Es gibt auch Happy-Ends und das Aufatmen nach langen beschwerlichen Abenteuern. Ist nicht auch ein schwieriger Weg und ein unausgesprochenes Wort etwas, das einen wissend und vielleicht auf die eine oder andere Art glücklich auf das Geschehene zurückblicken lassen kann?

Diversität

Subaru und Seishiro sind nur eins von vielen Beispielen eines weiteren großen Plus von CLAMPs Manga: vor homosexuellen Beziehungen und Transgender haben sie sich noch nie gefürchtet. Fast alle ihre Werke haben einen oder mehrere Charaktere, die augenzwinkernd mit Klischees spielen. In CLAMP-Manga ist es kein großes Ding, wenn Frauen Frauen lieben oder Männer Männer lieben. Und das meistens ohne Labels, ohne große Kommentare, Kritik, Anfeindungen oder sonstiges Gedöhns. Wenn ihre Beziehungen dysfunktional oder schwierig sind und die oben angesprochenen bitteren Wendungen bedienen, dann hat das nie mit gesellschaftlichen Schranken und Anfeindungen gegenüber Homosexualität zutun oder der Angst vor dem Coming-Out oder oder oder. Es sind immer andere Gründe. Sie sind einfach da und lieben, wen sie lieben wollen. Und das sogar ziemlich häufig im Querschnitt über CLAMPs Schaffen betrachtet. Wenn man bedenkt, dass CLAMP seit 1989 veröffentlicht, dann ist vielleicht nicht revolutionär, aber es ist konsequent und für den einen oder anderen gar modern. Sicherlich sind Bishounen und Bishoujo in Shoujo-Manga (Manga, die sich an Mädchen und junge Frauen richten) nicht selten ein Thema. Auch gleichgeschlechtliche Beziehungen findet man im Shoujo-Segment eher mal durch die allgemeine Ausrichtung auf Liebe und Beziehungen. So kann man den Umstand, dass CLAMP vorn mit dabei ist auf klingelnde Kassen beziehen, wenn man will. Wenn man will.

Der Reiz der Bitterkeit

Nun kann man rauslesen, dass CLAMPs Stoffe nach außen hin meistens wie eine schöne RomCom oder ein Fantasy-Spektakel beginnen, den Leser aber manchmal ziemlich fordern, indem Lieblingscharaktere ein bitteres Schicksal verpasst bekommen. Warum sich das antun? Weil es fordert. Das Spektrum der Beziehungen in Manga wie Clover und X ist breit gefächert und voller Emotionen die man in westlichen Stoffen nicht in dieser Tiefe vorfindet. Aufopferung, Ehrgefühl, Verantwortung – das sind Werte, die in westlichen Rom-Coms und Young-Adult-Büchern zwar alle vorkommen, aber nicht so konsequent, fundamental und allumfassend. Das moralische und persönliche Dilemma der Charaktere ist manchmal so ausweglos oder so kunstvoll angedeutet, dass es den Leser im Zwiespalt mit viel Stoff zum Nachdenken zurücklässt. Die ganze eigene Kunst von CLAMP, die selbst offenbar einfachen, netten Geschichten einen doppelten Boden mit Mehrwert gibt.

Bitterer Nachgeschmack

Viele Manga wurden von CLAMP leider nie beendet. Als da wären beispielsweise Clover, Lawful Drug (später fortgesetzt als Drug and Drop), xxxHolic Rei und X. Das passiert in der Regel nicht freiwillig, sondern liegt viel mehr daran, dass in Japan Manga zuerst in Fortsetzungsmagazinen erscheinen. Manga-Magazinen, in denen jede Woche oder jeden Monat jeweils ein Kapitel mehrerer Manga abgedruckt wird. Rechteinhaber ist oftmals der Verlag, der sich hinter dem Manga-Magazin verbirgt. Und im Falle einiger CLAMP-Manga wurden diese Magazine eingestellt, wodurch die Rechte im Nirvana verschwanden und für viele Jahre pumpe ist. Nicht bittersüß, sondern nur bitter.

Der bittersüße Beigeschmack der CLAMP-Manga hat meine Teenagerjahre geprägt und mich, vermute ich zumindest, zu einem etwas anspruchsvolleren Geschichtenleser gemacht. Banale amerikanische Rom-Coms scheitern meistens daran, dass mir Charaktere und Beziehung zu eindimensional sind. CLAMP hat ein mutiges und schlaues Storytelling vorgelegt, dessen Charaktere und Inszenierung mich heute noch begeistern. Seid ihr CLAMP-Leser? Welche Manga habt ihr verfolgt und welche offenen Fragen, gehen euch heute noch im Kopf rum? Ich habe beispielsweise neulich mal wieder in X reingelesen und bin immer noch schwer begeistert und schwer verstört, dass der Manga nie zu Ende geführt wurde. Aber da gab es zumindest noch einen Anime … .

4 Antworten

  1. Immer wieder empfehlbar, sowohl äußerlich als auch von der Erzählweise. Die Filme bzw. Serien scheinen auch gelungen zu sein, zumindest aus meiner Sicht.

  2. Ein richtig toller und informativer Beitrag! Chobits habe ich teilweise gelesen und die Serie gesehen. Den Anime zu Card Captor Sakura habe ich sehr gemocht und werfe jetzt hin und wieder einen begehrlichen Blick auf die Mangas. Da wird in diesem Jahr auch etwas neu aufgelegt, wenn ich mich nicht täusche..? Die Artbooks sind auf jeden Fall wunderschön.
    Viele Grüße
    Jana

  3. Boah, grandios. Wegen der schwer zu ergatternden Manga bin ich bei CLAMP immer nur über die Anime ins Schwelgen geraten. X war damals tatsächlich eine meiner ersten Anime überhaupt und die Liebe hält bis heute an (rangiert seit Jahren auf Platz 1 meiner Favoriten auf MAL und Fuuma… hachja). Von Tokyo Babylon habe ich mir im letzten Jahr die Omnibus-Varianten von Dark Horse importiert, aber ich traue mich einfach nicht ran. Ich weiß zu genau, dass es gefallen wird, aber ich habe große Angst, dass es mir etwas vom Erlebnis von X wegnimmt. Was ich bei CLAMP öfters beobachte, ist dieses subtile Erzählen. Wie du schon schreibst, gibt es immer wieder diese Nebencharaktere mit ihrer tragischen Backwoundstory, aber mehr muss man im Prinzip als Leser auch gar nicht erfahren. Da gerate ich immer in einen Zwiespalt, ob ich mehr davon *brauche* (auch wenn es in diesem Falle chronologisch und von der VÖ her tatsächlich früher erschien). Andererseits lockt aber auch immer diese Diversität, die du so wundervoll beschreibst. Bin ja auch gar nicht so ein Fantasyfreund, aber xxxhOliC ist sowas, da passt das alles (ja, auch Mokuna) so gut zueinander, es macht einfach Spaß.

    Ich hoffe sehr, dass X irgendwann noch irgendwie zu Ende geführt wird. Dafür würde ich auch in Kauf nehmen, etwas mehr Geld für vergriffene Exemplare hinzublättern. Denn vom Zeichenstil, als auch der Erzählung selbst, ist die Geschichte mit das Beste, was mir je untergekommen ist (wenn ich das mal so vom Anime auf den Manga projizieren darf).
    Danke für diesen wundervollen Beitrag. Vllt schaffe ich es doch in Bälde, Tokyo Babylon zu lesen…

  4. […] aufeinander treffen. Ich schwöre, es ist rein zufällig, dass ich auch vor einer Weile eine Ode an CLAMP schrieb und neulich dasselbe Beitragsbild verwendet habe […]

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