ausgelesen: Franz Kafka „Die Verwandlung“

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Kafkas Die Verwandlung zählt zum Kulturgut, zu Weltliteratur. Jeder einigermaßen an Literatur interessierte Mensch weiß, wovon die Erzählung handelt. Die Popkultur hat mit einigen Seitenhieben und Referenzen für das Übrige gesorgt. Kafka starb als Mensch, aber nicht als berühmter Schriftsteller. Es mag sein, dass wir letzten Endes alle als Mensch sterben. Oder als Käfer. In jedem Fall als Lebewesen. Aber dafür, dass er mit dem Surrealismus in Die Verwandlung seinen Zeitgenossen so weit voraus war, ist es doch tragisch. Und wer jetzt gerade nicht weiß, worum es in der nur ca. 70 Seiten langen Erzählung geht, dem hilft sicherlich der berühmte erste Satz auf die Sprünge:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ p.3

Damit nimmt Kafka den großen Aufhänger seiner Geschichte vorweg. Es gibt keine Erklärung, warum Gregor Samsa als Käfer aufwacht. Es ist einfach so. Interessant ist, was das auslöst. Anfangs ist die Aufregung groß und das Geschehen fühlt sich wie eine Karikatur an. Weil er nicht auf Arbeit erscheint bzw. seine Dienstreise nicht antritt und nicht zur üblichen Zeit aufsteht, ist seine Familie in heller Aufregung. Mutter, Vater, Schwester hämmern an die Tür und zum Schluss sogar noch ein Arbeitskollege bis es zur großen Offenbarung kommt. Er ist zu einem großen Käfer mutiert. Es war kein Traum, die anderen sehen es auch. Die Ratlosigkeit ist groß. Seine Familie geht ihm aus dem Weg, sie können mit der Situation nicht umgehen. Einzig seine Schwester gibt ihm etwas zu essen und kümmert sich. Seine Mutter versucht es auch, aber der Schock sitzt tief. Nach und nach stumpft die Familie aber ab. Er war der Brötchen-Verdiener in dem Haushalt. Sie versuchen nun wieder selbst ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und der Alltag hat sie wieder. Ein Alltag mit einem großen Käfer als Sohn oder Bruder macht aber Mühe, die bald keiner mehr bereit ist aufzubringen. Er wird zur Last. Da er nicht mit ihnen sprechen kann, verschwindet das Empfinden für ihn als Familienmitglied. Er ist mit der Zeit nur noch Ungeziefer. Bis zum bitteren Ende.

Der Beginn der Geschichte entbehrt nicht einer gewissen, und sehr seltsamen, Komik. Gregor Samsa denkt trotz der Entdeckung seiner neuen Gestalt noch ernsthaft darüber nach, dass wenn er den nächsten Zug nimmt, er noch rechtzeitig zur Arbeit erscheint. Auch die überfürsorgliche Familie lässt den Beginn wie eine Farce oder Groteske erscheinen. Das kann durchaus gewollt sein. Schließlich sind alle in dem Haushalt von Gregor finanziell abhängig. Anschließend schlägt all das in eine bittere Satire um und es hat mich als Leser traurig und wütend gemacht wie die Familie im letzten Drittel mit Gregor umspringt. Dass er ihr Sohn und Bruder ist, und mal ein Mensch war, scheint vergessen zu sein. Sie lassen ihn regelrecht verrotten und bringen keine Empathie mehr auf. Der Vergleich zur Behandlung von Kranken oder von der Gesellschaft ausgegrenzten drängt sich auf. Du bist plötzlich nicht mehr von Wert für deine Mitmenschen? Dann verlierst du unter Umständen dein Recht darauf als Lebewesen behandelt zu werden. Es ist unangenehm, niemand will darüber reden, niemand darüber nachdenken, aber ist es nicht wie mit alten, kranken Menschen oder welchen, die sich nicht mehr mitteilen können? Wie Gregor Samsa, der schnell seine Sprache und auch bald seine Sicht und Kraft verliert – es beschwert sich ja schließlich keiner. Die Metapher des Ungeziefers ist unbarmherzig und entlarvend. Es ist leicht zu vergessen, dass wir doch eigentlich alle Menschen sind.

Neben dem, was mir während des Lesens in den Sinn kam, gibt es aber zahlreiche andere Andeutungen. So beispielsweise die Sicht des Spießertums auf Künstler („Ungeziefer, dass man durchfüttern muss“ – nicht meine Worte, sondern das Sinnbild) um nur eine zu nennen. Wahrscheinlich kann man alleine darüber Bücher schreiben, die länger sind als die eigentliche Geschichte. Fakt ist, dass er mit der 1912 erschienenen Geschichte seiner Zeit voraus war. Schaut man sich Die Verwandlung an, ist es kein Wunder, dass viele Größen der Weltliteratur sagen, dass er den Surrealismus, den magischen Realismus und ihr Schaffen beeinflusst hat. Die Verwandlung ist viel Emotion, gibt viel Stoff zum interpretieren und ist dafür wundervoll, aber nicht gerade fröhlicher Stoff. Aber was ist das für eine Ausgabe, die ich habe? Entweder hat ein Wikipedia-Autor den Klappentext des Buchs abgeschrieben oder für den Klappentext des Buchs wurde bei Wikipedia abgeschrieben. Es ist jedenfalls derselbe. Die Ausgabe hat auch keine wirkliche Verlangsangabe außer „Printed in Germany by Amazon Distribution“. Oha, jetzt weiß ich wieder wo ich sie herhabe. Es ist eine sehr einfache Ausgabe ohne lange Vor- oder Nachworte. Entschieden habe ich mich für sie, weil ich mich erstmal an Kafka rantasten wollte und das Titelbild schön edel aussah. Ein bisschen mehr Tand und Schmuck kann es dann aber doch sein. V.A. das Fehlen so ziemlich aller Informationen außer einer ISBN und eines Klappentextes ist etwas ungewohnt.

Fazit

Zu Recht Weltliteratur. Undzwar eine die den Menschen den Spiegel vorhält und sagt: manchmal ist nicht das Ungeziefer das Monster.

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂