7ème art: Filme aus dem Studio Ghibli (die weniger Beachtung bekommen haben)

Posted by in 1991, 1993, 1994, 1995, 2006, 2010, 7ème art, Abenteuer, Animationsfilm, Coming-of-Age, Drama, Fantasy, Film, Japan, Kurzfilm, Review

Wie könnte man besser in das neue Jahr starten als mit einer Studio-Ghibli-Werkschau!? Im Blog gab es schon zwei Mal Werkschauen, die sich mit dem Studio beschäftigten. Eine davon hatte speziell Hayao Miyazaki, einen der drei Köpfe von Ghibli, im Fokus. Die andere Besprechungsreihe widmete sich einfach des Studios allgemein. Nimmt man das alles zusammen, blieben noch einige Filme, die ich auch schauen wollte und konnte dann Ende 2016 sagen, dass ich alle (Spiel)Filme von Ghibli gesehen habe. Und das mit dem traurigen Wissen, dass es keine neuen Filme mehr geben wird, da vor Jahren bereits gemeldet wurde, dass das Studio vorerst keine neuen Film produziert und sich neu ausrichten muss. Klar, obwohl die Filme sich in Japan und auch außerhalb großer Beliebtheit erfreuen, so bleiben die Riesengewinne von Studios wie Pixar oder Disney aus. Das hängt u.a. mit dem Veröffentlichungsintervall und den Ressourcen zusammen. Ghibli hat noch Kunst handgemacht und deswegen für einen Film mehrere Jahre von der Idee über das Storyboard bis zur Umsetzung benötigt. Es war ein trauriger Tag, an dem feststand, dass es keine neuen Filme mehr geben würde und hat sich so angefühlt, als ob die großen Schmieden gewonnen hätten, die immer mehr 3D-Zeug raushohen bis zumindest ich und viele Animationsfans weitestgehend das Interesse daran verloren haben. Dann war aber Ende letzten Jahres nachzulesen, dass sich Hayao Miyazaki scheinbar aus dem Ruhestand wieder ans Storyboard- und Zeichenbrett wagt und wieder einen Film rausbringen will, eine Langversion seines kurz zuvor erschienen Kurzfilms Boro. Sie sind eben unermüdlich, die alten Herren von Ghibli. Was bisher bei meinen Werkschauen zum Studio Ghibli fehlte, waren die etwas unbeachteten Filme. Die, die keine Oscars gewonnen haben. Also heute: sieben Filme mit dem gemeinsamen Nenner, dass sie aus dem Hause Ghibli stammen und weniger Beachtung bekommen haben.

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday

Tränen der Erinnerung folgt in allerbester Ghibli-Manier einer augenscheinlich sehr einfachen Geschichte, die anfangs dröge wirkt, aber in ihrer Bodenständigkeit eine bezaubernde Geschichte erzählt, die uns irgendwie tief drinnen berührt. Wir lernen in dem Film die 27-jährige Taeko kennen, die in Tokio als Büroangestellte arbeitet. Sie hat gerade Urlaub genommen und bereitet sich auf ihre Reise vor. Es geht nicht etwa an den Strand unter die Palmen, sondern sie unterstützt als eine Art work & holiday eine Landwirtsfamilie in Yamagata. Sie lebt in der Zeit bei ihnen und klotzt dafür ran, erntet u.a. Färberdisteln. Sie genießt das Leben, in dem man tagsüber hart arbeitet und abends schlemmt, die Natur genießt und zusammensitzt und unter dem Abendhimmel redet. Es ist anders als ihr hektisches Leben in Tokio, denn aus der Stadt ist sie eigentlich nie wirklich herausgekommen. Sie erinnert sich in Episoden immer wieder an ihre Kindheit. Dabei erlebt der Zuschauer die elfjährige Taeko und an ihrem Beispiel die erste Liebe, Streitereien mit ihren Eltern und Schwestern und eine handvoll Enttäuschungen. Taekos Familienleben ist eine Hommage an japanische Werte und was die den jungen, sich unverstanden fühlenden Menschen abverlangt. Desto länger Taeko auf dem Land arbeitet und lebt, desto mehr stellt sich ihr die Frage, ob sie ihr Leben in Tokio nicht hinter sich lassen will?

Tränen der Erinnerung wirkt anfangs wie eine zu normale Geschichte – einer der Gründe, weshalb Isao Takahatas Film fast vom Studio abgelehnt worden wäre. Über einige Strecken zu Beginn des Films fragt man sich, wo er hin will und wirkt zu belanglos. Aber in dieser Einfachheit entfaltet sich ein schöner Effekt. Taekos Kindheitserinnerungen werden jeden von uns früher oder später berühren, denn sie strotzen nur so vor Szenen, die man selber so oder so ähnlich erlebt hat und die ein Kind prägen. Beispielsweise die Szene, in der Taeko ein Gespräch ihrer Mutter und ihrer Schwestern mit anhört, in dem sie über sie sprechen, als ob sie seltsam wäre, weil sie schlechte Mathenoten bekommen hat. Sie behandeln sie wie einen Dummkopf, dabei sind Taekos Fragen und Denkweisen nicht blöd. Es kann nur keiner vernünftig antworten. Eine Unzulänglichkeit der Erwachsenen, die das Kind ausbaden muss. Oder aber da sind witzige Situationen, beispielsweise wenn die Familie sich das erste Mal eine frische Ananas kauft und niemand weiß wie man das Ding aufschneidet. (Bevor ihr lacht: zu der Zeit als der Film spielt, hatte noch nicht jeder Haushalt Internet. War vielleicht sogar weit davon entfernt.) Diese Ansammlung an Geschichten weckt eigene Erinnerungen und lässt uns mitfühlen. Wir sehen die erwachsene Taeko jetzt mit anderen Augen. Ist sie glücklich? Oder ist sie den Weg gegangen, den andere für sie wollen? Hier entsteht die Relevanz des Films. Ein Kunststück, dass Ghiblifilme vielfach demonstriert haben – so auch in Tränen der Erinnerung.

Tränen der Erinnerung – Only Yesterday (OT: おもひでぽろぽろ „Omohide Poro Poro“), Japan, 1991, Isao Takahata, 118 min, (8/10)

Sternchen-8

„Only Yesterday Official US Release Trailer #1 (2016) – Studio Ghibli Animated Movie HD“, via Movieclips Trailers (Youtube-Channel)

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Flüstern des Meeres – Ocean Waves

Flüstern des Meeres ist ein Ghibli-Film, der einem etwas anderen Ansatz als andere Film folgte. Die überwiegende Mehrzahl von Spielfilmen wurde für ein Kino-Release produziert. Flüstern des Meeres hingegen wurde zusammen mit dem japanischen Fernsehsender NTV direkt für das Fernsehen produziert. Wie auch das Making-Of verrät, wurde der Film an die jüngeren Mitglieder des Studio übergeben. So führte Tomomi Mochizuki Regie und nicht einer der üblichen Verdächtigen von Ghibli (Miyazaki, Takahata, Miyazakis Junior oder Newcomer Yonebayashi). Zwar sollten Budget und Produktionszeit auch geringer ausfallen, letzten Endes wurde aber beides überschritten. Der Film basiert dabei auf einer Geschichte von Saeko Himuro und dreht sich um die schwierige Dreiecksbeziehung der zwei Freunde Taku Morisaki und Yutaka Matsuno und der neuen Schülerin Rikako Mutō an ihrer Highschool. Rikako stammt aus einer Großstadt, sie ist gut in der Schule, freundet sich aber kaum mit jemandem an. Anfangs gilt sie als exotisch und interessant, später als hochnäsig und schwierig. Während sich Tomomi quasi sofort in sie verliebt, ist Taku einerseits eifersüchtig, dass er seinen Kumpel an eine Frau verliert, andererseits kreuzen sich seine Wege oft mit der schwierigen Rikako, die eine harte Schale, aber einen weichen Kern hat. Als Zuschauer weiß man recht schnell wo das hinführt. Offensichtlich versucht der Film aber einzufangen wie schwierig und vielschichtig Gefühle sind und wie sie im Laufe der Zeit wachsen. Das tut er eigentlich ganz gut an sehr unterschiedlichen Charakteren. Der stolzen Rikako, die es schwer fällt gern zu haben. Oder auch der höfliche und ernste Tomomi und dann ist da noch Taku, der wahrscheinlich von allen am längsten brauch um seine Gefühle zu verstehen. Man kann sich zwar gut in die Charaktere hineinversetzen, aber nicht zuletzt durch die unvernünftige und stolze Rikako springt der Funke nicht so ganz über und die Geschichte wirkt zuweilen belanglos. Nicht zuletzt weil scheinbar das Drehbuch etwas gezogen wurde und die Erkenntnisse für den langen Aufbau dann doch ziemlich plötzlich in unseren Protagonisten aufpoppen. Und den Zusammenhang mit dem Flüstern des Meeres muss man reininterpretieren, ansonsten wirkt der Titel beliebig. Leider merkt man an diesen Eckdaten dem Film an, dass er eine Low-Budget-TV-Produktion ist.

Flüstern des Meeres – Ocean Waves (OT: 海がきこえる „Umi ga kikoeru“), Japan, 1993, Tomomi Mochizuki, 72 min, (5/10)

Sternchen-5

Pom Poko

Kann einem der Charme eines Films verborgen bleiben, wenn man nicht aus dem entsprechenden Kulturkreis stammt? Möglicherweise. Das beste Beispiel dafür ist wohl Pom Poko. Der Film handelt von Tanukis bzw. Marderhunden. Das sind waschbär-ähnliche Raubtiere. Sie leben ganz friedlich in einem Naturschutzgebiet bei Tokio, dass allerdings einer Wohnsiedlung weichen soll. Tanuki wurden in der asiatischen Mythologie viele Eigenschaften zugeschrieben. Beispielsweise, dass sie sehr schlau und gewieft sind und sich in alles mögliche verwandeln können. Und die Verzweiflung der Tiere ist groß – schließlich verlieren sie ihre Heimat. Sie beschließen die Bauvorhaben bestmöglich zu sabotieren. Spielen Streiche, studieren die Menschen und machen ganz schön viel Unfug. Die Animation der Tanuki wechselt. Wenn Menschen sie sehen könnten, sind sie in ihrer normalen Tanuki-Form. Wenn sie aber vor den Augen von Beobachtern verborgen sind, werden sie als comichafte, vermenschlichte Tierwesen dargestellt, denen leider die Niedlichkeit abhanden kommt. Nicht zuletzt, weil ein wesentlicher Bestandteil ihrer Magie ihre Hoden sind. Potenz und Gestaltwandlung … wer sich für die japanische Mythologie und Sagen interessiert, den wird das nicht wundern. Nicht selten sieht man Tanuki-Statuen, bei denen die Tierchen so große Hoden haben, dass sie darauf sitzen. Aber für alle anderen mag das etwas befremdlich und ungewollt komisch bis peinlich wirken. Kindgerecht ist der Film trotzdem, obwohl die vermenschlichten Tanuki schon einige derbe Possen reißen. Und trinken. Und feiern wie Weltmeister. Aber das ist auch irgendwie witzig. Nur will der Funke bei all der Hoden-Magie nicht überspringen.

Pom Poko (OT: 平成狸合戦ぽんぽこ „Heisei Tanuki Gassen Pom Poko“), Japan, 1994, Isao Takahata, 118min, (6/10)

Sternchen-6

„Pom Poko – Official Trailer“, via Madman (Youtube-Channel)

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Stimme des Herzens – Whisper of the Heart

Shizuku ist 14 Jahre alt und ihr passieren gleich zwei Dinge, die erstmal gewöhnlich klingen, aber eigentlich ziemlich außergewöhnlich sind. Erstens: sie verliebt sich das erste Mal. Zweitens: sie entdeckt, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen möchte. Das beginnt recht seltsam, als sie eine Katze Zug fahren sieht und sich fragt, was das für eine seltsame Szene ist. Sie folgt dem Tier bis zu einem Antiquitäten- oder Trödelladen. Der Enkel des Ladenbesitzers entpuppt sich als der ominöse Seiji Amasawa, der gefühlt jedes Buch, dass sie jemals in der Bibliothek geliehen hat, schon vor ihr ausgeliehen hat. Sie wollte immer wissen, wer der ist. Jetzt ist er da. In dem schönen Laden entdeckt sie außerdem etwas, das ihr Leben verändern wird.

Als Shizuku sich mit Seiji anfreundet und der von seinen großen Zukunftsplänen erzählt, wird ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hat, was sie einmal mit ihrem Leben anfangen will. Ein wiederkehrendes Motiv verglichen mit Filmen wie Tränen der Erinnerung. Was sie in dem Laden entdeckt und ihr Werdegang, werden Ghiblifans zum grinsen bringen. Es empfiehlt sich nämlich den Film Das Königreich der Katzen zeitnah zu schauen. Es sind nämlich die Erlebnisse aus Stimme des Herzens, die den Film Das Königreich der Katzen inspiriert haben. 😉 Das gibt dem Film einen Meta-Effekt. Davon mal abgesehen, wirkt er anfangs dröge, bis man die eigene Schulzeit in Shizukus Erlebnissen wiedererkennt. Dann werden ganz spannende Fragen aufgeworfen: wieviel bist du bereit für einen Traum zu geben? Oder um auf einen Menschen zu warten? Fragen, die fast etwas zu groß für eine Vierzehnjährige wirken. Dementsprechend wirkt das Ende fast etwas zu harmonisch und einfach. Die witzigen Erlebnisse und lauen Sommerabende in dem Film sind aber Kleinod an Szenen, die nach bittersüßen Erinnerung riechen. Yoshifumi Kondō hat damit einen Film geschaffen, der zum Teil weder Fisch noch Fleisch ist und fast etwas einfach wirkt, aber ähnlich wie Tränen der Erinnerung einen Nerv trifft. Unsere Kindheit und Jugend, die damit verbundenen schönen Erinnerungen, aber auch die Orientierungslosigkeit. Von Yoshifumi Kondō hätte man noch großes erwarten dürfen. Er war bei zahlreichen anderen Ghiblifilmen als Zeichner bzw. Animator tätig, bei einigen in leitender Funktion. Stimme des Herzens war sein Debüt als Regiesseur. Leider verstarb er aber drei Jahre später an den Folgen eines Aneurysmas im Alter von nur 47 Jahren.

Stimme des Herzens – Whisper of the Heart (OT: 耳をすませば „Mimi o Sumase“), Japan, 1995, Yoshifumi Kondō, 111min, (7/10)

Sternchen-7

On Your Mark

On Your Mark ist ein Kurzfilm, der als Musikvideo für den gleichnamigen Song der japanischen Gruppe Chage & Aska dient. Durch die interessante Geschichte, die nicht-linear und experimentell erzählt wird und ohne Erklärungen auskommt, wurde das Video sehr bekannt und viel diskutiert unter Ghibli-Fans. Darin scheint die Menschheit wegen einer Strahlenbelastung oder Vergiftung der Umwelt zum Leben im Untergrund verdammt zu sein. Man sieht außerdem wie eine Gruppe einen Ort stürmt, an dem eine engelsgleiche Frau aufgegriffen wird. Eine der kontroversen Szenen. Wird hier systematische Verfolgung dargestellt oder geht man hier automatisch vom schlechtesten aus? In jedem Fall geht das Schicksal des Engel-Mädchens zwei Männern des Sondereinsatzkommandos nicht aus dem Kopf und sie beschließen sie aus dem Labor zu befreien, in dem sie festgehalten wird. Zumindest ist das eine der Sichtweisen, denn der Film erzählt mehrere Varianten. Und das auf nur sieben Minuten. Und das ziemlich durcheinander. Mal sieht man einen Teil der Geschichte in dem die Rettung glückt, mal eine andere Variante. Vor Kurzfilmen sollte man Respekt haben, denn es gelingt den Erzählern und Regiesseuren in nur wenige Minute ein Werk zu pressen, wofür andere Stunden brauchen. Man kann sich nicht ewig Zeit für eine Einleitung und Vorstellung von Charakteren oder Konflikt nehmen. Und das ist es wahrscheinlich, was auch bei On Your Mark den Reiz ausmacht. Dazu kommt, dass es in nur sieben Minuten auch noch mehrere Varianten erzählt und einen gesellschaftskritischen, aber optimistischen Ton anschlägt. Dabei ist Ghibli sonst für etwas mehr als abendfüllende Filme bekannt. Und wenn man Ghibli kennt, ist es ziemlich cool, einfach mal ein Musikvideo im bewährten Stil und Charakterdesign des Studios zu sehen. On Your Mark wäre als abendfüllender Film wahrscheinlich ein zweites Laputa – Das Schloss im Himmel. Aber als Kurzfilm bzw. Musikvideo profitiert es von dem Variantenreichtum und der Interpretationsvielfalt. Entstanden ist es wohl parallel zu Prinzessin Mononoke als Miyazaki eine Schreibblockade hatte.

On Your Mark (OT: ジブリ実験劇場 „Jiburi Jikkengekijō On Yua Māku“), Japan, 1995, Hayao Miyazaki, 7min, (8/10)

Sternchen-8

Die Chroniken von Erdsee

Kaum einer der Ghibli-Filme wurde soviel diskutiert und von vielen regelrecht abgelehnt. Man bekommt den Eindruck, dass der Film einen gewissen Ruf weg hat und deswegen von einigen gemieden wird. Dabei hat bestimmt das Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn eine nicht-unwesentliche Rolle gespielt. Hayao Miyazaki ist ein Urgestein der Animationsbranche und eines der Gründungsmitglieder des Studio Ghibli. Auf seine Kappe gehen Meisterwerke wie Chihiros Reise ins Zauberland. Sein Sohn, Gorō Miyazaki, gibt hier sein Debüt als Regiesseur unter der Flagge von Ghibli und sein Vater war nicht überzeugt davon, da ihm Erfahrung fehlen würde. Tatsächlich entstand der Film in einer verhältnismäßig kurzen Zeit – zumindest verglichen mit anderen Ghibli-Filmen, weist dafür aber einige Qualitätsmängel auf, was stark kritisiert wurde. Die Geschichte basiert auf einem von Ursula K. Le Guin Erdsee-Romanen und anfangs lehnte die Autorin eine Umsetzung als Animationsfilm ab. Nachdem sie Mein Nachbar Totoro sah, erfragte sie aber eine Verfilmung sogar, solange Hayao Miyazaki involviert sei. Dass seine Rolle nur eine verschwindend geringe war, stieß auf Missfallen bei der Autorin. Da letzten Endes auch das aus ihrem Roman adaptierte Drehbuch eine stark veränderte Geschichte erzählte, führte zu einer kontroversen Wahrnehmung des Stoffes, nicht nur unter Erdsee-Fans. Sie gab selber Statements ab und schrieb auf ihrer Webseite darüber, dass der Film nicht viel mit ihrer erdachten Welt gemein hätte. Sind es vielleicht viel mehr die Umstände, die Die Chroniken von Erdsee gebrandmarkt haben?

Der Film ist, wenn man ihn losgelöst von allen Diskussionen betrachtet, nicht per se schlecht. Es ist Unterhaltungsfilm, der einige Mängel hat, aber er ist kein schlechter Film. Er handelt von dem Königssohn Arren, der seinen Vater eines magischen Schwertes beraubt hat und flieht. Auf seiner Flucht begegnet er dem Magier Sperber, der in dem jungen Mann Potential, aber auch Orientierungslosigkeit sieht und sich seiner annimmt. Sie kommen bei Freunden Sperbers unter, der ‚Kräuterhexe‘ bzw. Landwirtin Tenar und ihrem Schützling Therru, ein Mädchen gezeichnet durch eine große Narbe im Gesicht. Therru aber sieht, was Arren so orientierungslos macht und sie meidet ihn: er wird von einem Schatten verfolgt, eine Dunkelheit droht von ihm Besitz zu ergreifen. Das ist wiederum ein Angriffspunkt für einen alten Feind Sperbers. Die erzählte Geschichte ist solider Fantasy-Stoff. Was ihn zu einem etwas schlechteren Film als andere Ghibli-Produktionen macht, ist, dass das character design und das Drehbuch unterentwickelt sind. Die Charaktere ähneln zu stark denen aus anderen Filmen, so wie auch einige Motive. Die Handlung lässt viele Fragen offen und wirkt stellenweise beliebig. Insbesondere der Hintergrund unseres Helden ist etwas dubios und schwer greifbar. Warum hat Arren seinen Vater erstochen? Gorō Miyazaki wollte laut Interviews, dass darüber nachgedacht wird, was es für Gründe hat, wenn ein Sohn seinen Vater umbringt. Es gibt viele Fragen, die der Film ignoriert, als ob sie nicht gestellt werden müssten. Gibt es davon zuviele, dann hat der Zuschauer keine Identifikations- und Ankerpunkte mehr. Und so entsteht der Eindruck einer löchrigen Geschichte. Dazu kommt, dass die Animationsqualität deutliche Einschränkungen hat. Das world-building und die Hintergründe sind aber sehr schön und durchdacht – sie gleichen keinen anderen Ghiblifilmen und sind bspw. pure fantasy. Nicht wie in anderen Ghiblifilmen, die beispielsweise an europäische Städte angelehnt sind. Sie sind kreativ. Der Rest der Animation ist deutlicher simpler als in anderen Ghiblifilmen. Die angesprochenen Themen und die durchaus ab und zu brutalen Motive geben dem Film einen erwachseneren und weniger kindgerechten Ton. Es geht um das, was von den Menschen Besitz ergreift. Beispielsweise werden Drogen erwähnt oder der Wunsch nach Macht und Unsterblichkeit. Arren selber wird von der Dunkelheit verfolgt, vielleicht der Dunkelheit in seinem Herzen. Ein starkes Motiv, das zu wenig stringent umgesetzt wurde. Der Zuschauer sollte sich selbst ein Bild machen, ob Die Chroniken von Erdsee abseits der Kritik und Ablehnung nicht vielleicht doch ein passabler Film ist.

Die Chroniken von Erdsee (OT: ゲド戦記 „Gedo Senki“), Land, 2006, Gorō Miyazaki, 115min, (6/10)

Sternchen-6

„Tales From Earthsea – Official Trailer“, via Madman (Youtube-Channel)

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Arrietty – die wundersame Welt der Borger

Mary Nortons Geschichte Die Borger wurde schon einige Male verfilmt. Im Falle des Ghibli-Animationsfilms wurde dabei die Botschaft sowie einige Merkmale der Originalgeschichte beibehalten, aber nicht 1:1 – was kein Vorwurf ist. Das ist schwer und selten wünschenswert oder realistisch. Die Borger sind winzig kleine Menschen, vielleicht so um die 12 oder 10 cm. Sie leben versteckt und in Furcht vor den Menschen, borgen sich was sie zum Leben brauchen. Solange es nicht auffällt, natürlich. So werden Knöpfe zu Tellern für die Borger umfunktioniert. Das Borger-Mädchen Arrietty geht nachts mit ihrem Vater hoch zu den Menschen auf Beutezug und wird dabei von dem Jungen Shō entdeckt. Der hat eine etwas angeschlagene Gesundheit und ist bettlägerig. Er will den Borger nichts Böses, sich sogar mit Arrietty anfreunden, was diese auch zulässt. Dann gibt es da aber auch noch die Haushaltshilfe Haru, die von den kleinen Wesen gehört hat und es als Spaß sieht, sie zu enttarnen oder zu vertreiben.

Die Geschichte der Borger ist eine kindgerechte Metapher für die Angst vor dem Unbekannten. In dem Fall ist es anders als gedacht: Arrietty ist für den Zuschauer das Unbekannte, aber vor ihr muss man keine Angst haben. Die Borger sind zwar da, aber sie stehlen sehr bescheiden. Wenn eine Sicherheitsnadel oder ein Zuckerwürfel abhanden kommt, bringt das niemanden um. Für Arrietty ist Shō das Unbekannte. Sie hat seit jeher gelernt, dass die Menschen die Borger ausrotten und gelernt sich vor ihnen zu verstecken. Aber Shō ist eigentlich ein dufter Typ. Und das ist schon ganz süß wie diese Metapher in eine Abenteuergeschichte gepackt wird, in der in wunderbar bunten und kreativen Bildern sich die zwecktentfremdete Welt der Menschen in der Welt der Borger wiederfindet. Ja so ein Puppenhaus wäre schon eine ideale Borger-Wohnung, seufz. 🙂 Es fühlt sich wirklich wie ein Abenteuerfilm an, wenn Arrietty vor audringlichen Raben oder Katzen flieht und sich dabei wie Indiana Jones in der Welt der Riesen von Küchenmöbeln abseilt. Aber die Nachricht kommt nicht so ganz rüber. Der Film baut sehr lange die Geschichte rund um Borger und Menschen auf und verliert dabei die Metapher, Botschaft und Schlussfolgerung aus den Augen. Der Funke springt hier ähnlich wie bei Ocean Waves nicht ganz über. Denn neben den Metapher auf die Angst vor dem Unbekannten, soll der Film auch vermitteln, dass man keine Angst haben darf sich zu verletzen, sondern mit Mut in die Welt hinausgehen soll. Arrietty ist dabei das Vorbild für Shō, da sie trotz ihres Handicaps (ihrer Größe) rausgeht und Abenteur erlebt und für ihre Familie sorgt. Sie gibt Shō neuen Mut, trotz seines kränklichen Zustands in die Welt rauszugehen. Eine Erkenntnis, die notdürftig in die letzten zwei, drei Minuten des eigentlich sehr schönen Films gequetscht wurde, genauso wie die Freundschaftsbekundung der ungleichen Kinder. Ein Missverhältnis, dass den Spaß am Film mindert.

Arrietty – die wundersame Welt der Borger (OT: 借りぐらしのアリエッティ „Karigurashi no Arietti“), Japan, 2010, Hiromasa Yonebayashi, 94 min, (6/10)

Sternchen-6

Da sind sie – die etwas unpopuläreren Filme. Vielleicht auch die zu unrecht unbeachteten. Das muss letzten Endes jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Es ist aber schon eine lustige Auswahl. Mit einem Musikfilm bzw. Kurfilm, einem Fernsehfilm und den verschiedenen Kontroversen wie denen um „Die Chroniken von Erdsee“. Schaut man sich die Geschichte dieser Filme an, ist nicht alles Gold was glänzt. Da ist auf der einen Seite die schwierige Beziehung zwischen Miyazaki senior und junior, auf der anderen Seite das Vatermord-Motiv in Die Chroniken von Erdsee. Allerdings gab Gorō Miyazaki an, dass das keine Metapher sein soll. Er würde seinen Vater nicht gut genug kennen, um ihn töten zu wollen. Er wollte lediglich den Zuschauer zum nachdenken bringen. (Quelle) Sind vielleicht die Fans der Ghiblifilme mehr mit Hayao Miyazaki aufgewachsen als sein eigener Sohn? Und dann ist da noch Yoshifumi Kondō, der Regiesseur von Stimme des Herzens. Sein Aneurysma soll eine Folge von Überarbeitung und Stress gewesen sein, sagt man. Hayao Miyazaki soll deswegen schon einmal seinen Ruhestand und Rückzug angekündigt haben. Die wunderschönen Filme, die wir anschauen sind große Fußstapfen und es scheint fast unmöglich, dass jemand hineintritt ohne hinzufallen. Und der Preis der schönen Erlebnisse ist hoch. Man mag davon halten was man will. Von der Kritik, dem Hörensagen, der Überarbeitung. Eins steht aber fest: auch die kleinen, unbekannten sollten nicht hintern runterfallen. Kennt ihr die hier vorgestellten Filme? Haben sie euch gefesselt? Wo seid ihr anderer Meinung? Denkt ihr, dass ihr euch durch negativ Schlagzeilen über einen Film oder Regiesseur beeinflussen lasst? Und was die Fußstapfen betrifft … ich denke Hayao Miyazaki kann nicht wirklich in den Ruhestand gehen. Aber falls jemand mal in seine Fußstapfen treten muss, ist Yonebayashi glaube ich ein guter Kandidat. Was meint ihr?

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen zu meinem bestimmten Thema – eine Mini-Werkschau. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.