ausgelesen: Haruki Murakami „Die Ermordung des Commendatore Band II: Eine Metapher wandelt sich“

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Als ich Anfang des Jahres die Review zu Die Ermordung des Commendatore Band I schrieb, hatte ich mit einer Sache recht, mit einer anderen nicht. Zum Einen ja: der zweite Band ist dichter, liefert ein paar Antworten und zieht die Spannungsschrauben an. Aber nein, der Kreis zum Prolog schließt sich nur bedingt. Das ist vor Allem deswegen für mich persönlich etwas schade, weil mir der Prolog gut gefallen hat, er sich aber nun wenig in die Handlung fügt. Wir werden dem gesichtslosen Mann begegnen und der zweite Band das volle surrealistische Potential entfalten, aber ganz zusammenpassen wird es nicht. Meine Gedanken kreisen, um es passend zu machen und für mich zu interpretieren (Es war wohl ein Traum). Murakami hat die Stärke überzeugend auszulassen. Durch seine Helden und die tiefen Gedankengänge des Buchs, entsteht der Eindruck, dass in dem Gelesenen soviel mehr steckt. Wäre das nicht der Fall, würde man anhand der offenen Fragen oder solcher nicht ganz schlüssigen Elemente sicherlich öfter in der Kritik lesen: „Keine Ahnung was der Typ da macht.“ Wenn er nicht sogar als „nicht so guter Autor“ abgestempelt werden würde. Aber zurück zum Buch.

Die Ermordung des Commendatore Band II beginnt gemächlich mit etwas, das man als zwischenmenschliche Studie bezeichnen könnte. Unser Protagonist beobachtet ganz genau das Verhalten Menshikis während der Marie Akikawa portraitiert. Zwar bewundert er Menshiki immer noch und betrachtet ihn als einen außergewöhnlich kultivierten Menschen, aber er wird misstrauisch aufgrund Menshikis Bitte Marie zu portraitieren. (An der Stelle muss der geneigte Leser dieser Besprechung wissen, dass sie ggf Spoiler für Band I enthalten kann.) Menshiki will einerseits herauskriegen, ob Marie seine Tochter ist, andererseits redet er kaum mit dem Mädchen und beginnt stattdessen eine Beziehung zu ihrer Tante, was ihn auf lange Sicht gesehen sogar sehr offensiv zu einem Teil von Maries Leben machen könnte. Da unser Protagonist weiß, dass Menshiki Marie auch beobachtet, entsteht für ihn langsam aber sicher ein unangenehmer Beigeschmack. Er und Marie freunden sich auf eine fast familiäre und sehr offene Art an, er beginnt in ihr seine verstorbene Schwester zu sehen. Und Marie ist nicht dumm, sie spürt, dass hinter Menshikis Handeln eine Intention steckt. Sie spürt sogar, dass sie beobachtet wird. Als Marie dann eines Tages verschwindet, überschlagen sich die Ereignisse.

„Mittlerweile war mir die Fähigkeit mich über etwas zu wundern, größtenteils abhanden gekommen.“ p. 335

Unser Protagonist ahnt, dass es etwas mit dem Gemälde Die Ermordung des Commendatore zutun hat. Als er dem im sterben liegenden Maler einen Besuch abstattet, mündet das für ihn in einer surrealen Reise in eine von Gedanken und Erinnerungen getrieben Unterwelt, in der er sich seinen Ängsten stellen muss und damit Marie befreit. So zumindest die Hoffnung. Ab hier zieht Murakami die Spannungsschrauben an und so wie die Metapher und die Idee wandelt auch das Buch sich zu einem surrealen, schaurigen Spannungsroman. Der geneigte Leser fragt sich sicherlich, ob nicht Menshiki etwas mit Maries Verschwinden zutun hat. Und ich will nicht zuviel verraten, aber er spielt eine unterbewusste Rolle. Man erfährt gegen Ende des Romans was mit Marie passiert ist – das sind schon mal deutlich mehr Antworten als man üblicherweise in Werken Murakamis bekommt. Obwohl das geschilderte beklemmend und spannend ist, unterwältigt es aber doch und man stellt sich die Frage, ob der Preis, den alle Beteiligten bezahlt haben für die Auflösung nicht etwas hoch ist. Es kann aber sein, dass das nur mein Eindruck ist, weswegen ich gegen Ende wiederum etwas vor den Kopf gestoßen war. Somit war das Buch für mich eine Achterbahnhfahrt des Gefallens/Missfallens wie ich es noch nie bei einem Murakami erlebt habe.

„Würden zwei Rätsel, wenn man sie zusammenbrachte, eine Lösung ergeben?“ p. 391

Das sehr treffende Zitat aus dem Buch bringt es übrigens auf den Punkt: ja, in diesem Fall ergeben zwei Rätsel eine Lösung. Was aber nicht heißt, dass alles in dem Buch erklärt wird. Menshiki wird beispielsweise weiter ein Rätsel bleiben. Auch wenn es anfangs so klingt, lässt sich Murakami nie auf harte Themen wie Pädophilie ein. Er erzählt stattdessen von einer undurchsichtigen, nicht-sexuellen Form der Obsession, die trotzdem bedrohlich wirkt. Selbst ohne sexuellen Kontext hat man den Eindruck, dass Menshiki wie ein Raubtier seine Kreise um die Beute zieht. Ursache dafür ist, dass man nichts väterliches oder beschützendes aus seinen Handlungen herausliest. Das bringt uns auch zu den beiden zentralen Themen des Romans. Die verschiedenen Facetten oder Gesichter der Menschen. Oder auch, dass man Menshiki nicht begreifen und nicht ergründen kann. Der Protagonist hat ihn zwar gemalt und in sein Innerstes geblickt, aber ihn doch nicht ganz erfassen können. Deswegen und aufgrund seines Namens nennt er ihn „der farblose Herr Menshiki“ (p. 317). Pun intended. Machen uns Menschen, die wir nicht einschätzen können nicht alle nervös? Hat aber nicht jeder von uns eine Seite, die er nur den wenigstens offenbart? Es gibt eine Unterhaltung zwischen dem Protagonisten und seinem Kumpel Masahiko, die anfangs seltsam naiv klingt, dann verblüffend und dann wiederum sehr witzig ist. Masahiko berichtet, dass er die Beobachtung gemacht hat, dass Frauen zwei Gesichter haben. Er erklärt, dass die rechte und die linke Gesichtshälfte unterschiedlich ist. Den Maler verblüfft das wenig, das sei doch bei allen Menschen so. Masahiko schwört aber, dass das ein Symbol für die zwei Charaktere wäre, die er nahezu immer bei Frauen beobachtet. Masahiko meint quasi das zweite Gesicht gefunden zu haben. Er witzelt rum, dass er sich seit dem immer fragt, ob er gerade mit der einen oder der anderen Seite der Frau im Bett ist und dass ihn das ganz nervös macht. Warum auch nicht. Wissen wir je, wen wir gerade vor uns haben? Nur, dass was wir sehen sollen? Dieses Motiv ist für mich fast noch stärker als das der Ideen, die erscheinen und das Geschehen beeinflussen.

Das andere Thema des Buchs sind Ideen, Gedanken und Wünsche, die sich verselbstständigen. Egal ob die Personifikation des Commendatore oder das Gemälde und der sterbende Maler, die surreale Reise des Protagonisten – nie wurde das Motiv in einem Murakami-Roman so deutlich wie in diesem. Obwohl die Motive schon oftmals verwendet wurden. Überhaupt besteht der Roman aus vielen wiederkehrenden Motiven, die irgendwie zu Murakami dazu gehören. Egal, ob es die Schallplatten, Whiskey, klassische Musik, gutes Essen, Sex und Affären oder prophetische Träume. Surreale Reisen, Parallelwelten und Begegnungen oder Scheidung. Dann aber gibt es auch Motive, die etwas zu stark an andere Bücher Murakamis erinnern. Beispielsweise die im sterben liegenden Personen und Astralkörper wie in 1Q84. Der Untergrund, die Enge und Platzangst wie in Hard-Boiled Wonderland oder auch die Namen mit Farben wie beim farblosen Herrn Tazaki oder gar erotische Träume, die nicht selten mit erzwungenem Sex zutun haben und die Frage offen lassen, ob sie wirklich stattgefunden haben wie in gleich mehreren Romanen Murakamis. Mal abgesehen von der schockierenden oder ätherischen Wirkung mancher dieser Elemente, kann ich hier tatsächlich die Stimmen der Kritiker verstehen, die sagen, dass Murakami nichts Neues mehr produziert bzw. sich selbst zu oft wiederholt. Der ersten Kritik kann ich aber weniger zustimmen. Denn das Buch hat ein Element, dass ich so in anderen seiner Bücher nicht gefunden habe. Herrlich zynischen Humor.

„Einige Vogelarten blieben lebenslang mit ihrem Partner zusammen, wenn sie ihn einmal gefunden hatten, und wenn einer starb, so hatte ich irgendwo gelesen, dann blieb der andere für den Rest seines Lebens allein, Unnötig zu erwähnen, dass sie keine Scheidungspapiere unterschrieben, die ihnen per Einschreiben von Anwaltskanzleien zugestellt wurden.“ p. 143

„Es war vielleicht ein albernes Vorurteil, aber ich konnte mich einfach nicht damit anfreunden, dass Leute mit ihren Telefonen Fotos schossen. Ganz zu schweigen davon, dass sie einen Fotoapparat benutzten, um zu telefonieren.“ p. 255

Was bleibt zusammenfassend zu sagen? Es ist für mich ein durchwachsenes Werk Murakamis. Dass sich der Kreis zum Prolog in Band I nicht schließt, empfinde ich als sehr unglücklich. Der Rest des Buches ist auf seine eigene Art ein Kunstwerk. Und mich als Hobby-Künstler freuen die zahlreichen Verbeugungen vor Kunst und Künstlern. Die Ideen und Motive sind sehr spannend – vor Allem die mehreren Gesichter der Menschen und ihre unergründlichen Handlungen (Menshiki, die Frau des Protagonisten) sind ein Spiegel der Menschen an sich. Es ist ein gutes Buch, ein spannendes Buch, zum Teil ein philosophisches Buch. Aber es ist aufgrund der sich stark wiederholenden Motive wahrscheinlich nicht der Liebling langjähriger Murakami-Leser und aufgrund der Masse an Eindrücken und Motiven und der sehr sehr langen Exposition eventuell nichts für Murakami-Anfänger. Nichtsdestotrotz hat es eine philosophische Tiefe und Gedanken, die ich sehr mochte und aufgrund derer ich mit einer meiner Lieblingspassagen schließe:

„In meinem Herzen herrschte düstere Verwirrung. Ich schloss die Augen, um es an einen sicheren Ort zu bringen. Ich biss die Zähne zusammen. Aber was muss ich tun, um mein Herz in Sicherheit zu bringen? Wo war überhaupt mein Herz? Ich suchte meinen Körper Stück für Stück ab. Aber das Herz fand ich nicht. Wo war mein Herz?“ p. 341

Fazit

Ich bleibe dabei: ein gutes Buch voller Ideen, aber kein guter Murakami für Murakami-Einsteiger

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂