7ème art: Filme, die in einem Leuchtturm spielen

Posted by in 1980, 2001, 2016, 2017, 2018, 2019, 7ème art, Arthouse & Indie, basiert auf wahren Begebenheiten, Creature Horror, Drama, Fantasy, Film, Frankreich, Historienfilm, Horror und Mystery, Krimi und Noir, Liebesfilm, Literaturverfilmung, Review, Schwarzweißfilm, Spanien, Spielfilm, Splatterfilm, Superheldenfilm, Trashfilm, UK, USA

Was mir schon bei Into the Unknown sehr viel Spaß gemacht hat, probiere ich heute mal mit einem anderen Motiv bzw einer anderen Kulisse, vor der ein Film spielt. Warum aber Leuchttürme? Weil das Motiv des Leuchtturms an der rauen Klippe vor tosender See eine eigentümliche, einsame Romantik für mich ausstrahlt. Schließlich begab sich zumindest früher ein*e Wärter*in in Isolation um der Schifffahrt (nicht nur aber vor Allem) in Not als unverzichtbare Hilfe zu dienen. Eine meiner frühesten Filmerinnerungen ist einer um eine Gruppe Teenager, die ein Geheimnis lüftet, das mit einem Leuchtturm in Verbindung steht. Danach wuchs der Wunsch mal in einem Leuchtturm zu leben. Wer weiß … wenn das Software-Business für mich keine Überraschungen mehr birgt (unwahrscheinlich), dann werde ich vielleicht Leuchtturmwärterin. XD Es gibt auch überraschend viele Filme, in denen der Leuchtturm ein zentrales Motiv, ein Aufhänger oder eine effektvolle Kulisse ist. Von denen möchte ich heute sieben besprechen. Den aus meiner Kindheit konnte ich aber leider nicht auftreiben.


„The Fog (1980) – Official Trailer“, via horrornymphs (Youtube)

The Fog – Nebel des Grauens

Einer von John Carpenters bekanntesten Horrorklassikern ist der durch H.P. Lovecraft-Erzählungen inspirierte The Fog – es wird gar ein sogenanntes Arkham Reef erwähnt. 😉 Im Film bringt der Nebel den Horror. Der Küstenort Antonio Bay in Kalifornien feiert seinen hundertsten Jahrestag und die Anwohner machen sich bereit für die Feierlichkeiten. Nichtsahnend, dass mit dem Nebel Wesen im Anzug sind, die sich an ihn rächen wollen. Die Radiomoderatorin Stevie Wayne (Adrienne Barbeau), die aus ihrem Sendestützpunkt im Leuchtturm den Nebel heranziehen sieht und Zeugin einer der grausamen Morde der Kreaturen wird, warnt die Anwohner. Sie sitzt aber auch inmitten der Gefahr. Atmosphäre hat der Film! Wenn die Nebelschwaden durch einen Türspalt ziehen, wenn sich verräterisches Licht und Umrisse durch die Nebelschwaden abzeichnen und wenn der eigens von John Carpenter komponierte Score ertönt, dann muss man den Horror nicht mehr erwarten, dann ist der Horror da. Die Hintergrundgeschichte der Monster ist moralisch, aber wird ein bisschen zu einfach entlarvt. Insgesamt ist der Film sehr formelhaft und für Zuschauer, die schon eine Menge der üblichen Hoch und Tiefs von Horrorfilmen gesehen haben schnell durchschaubar. Manches ist auch unglücklicher gelöst als anderes. So fragt man sich warum die Beziehung von Elizabeth Solley (Jamie Lee Curtis) und Nick Castle (Tom Atkins) überhaupt eine Rolle spielt, geschweigedenn wie sie ihren Anfang nahm. Das wirkt doch etwas sehr gekünstelt und aufgesetzt. Ähnlich wie die plötzliche Wiederbelebung eines der ersten Opfer. Das braucht man wirklich nicht, aber der Rest ist zu Recht ein Horrorklassiker.

The Fog – Nebel des Grauens (OT: John Carpenter’s The Fog), USA, 1980, John Carpenter, 90 min, (6/10)

Sternchen-6

Lucia und der Sex

Wenn der Film im Titel das Schlagwort „Sex“ hat und er ab 16 freigegeben ist, kann man schon vermuten, dass man die eine oder andere Sexszene zu sehen bekommt. Lucia und der Sex wirkt tatsächlich in der ersten Hälfte wie ein ansprechend und teilweise künstlerisch gefilmter Soft Porno. Laut Inhaltsangabe geht es eigentlich um Lucia, die versucht den Verlust ihres Ex-Freundes zu verarbeiten – nein, nein, nicht so wie ihr jetzt denkt. Es ist offenbar schwierig Tragik und Sex zu vereinen, manches will nicht zusammen passen. Zum Beispiel, warum die erste Hälfte Soft Porno, die zweite reines Drama mit Krimieinflüssen ist. Oder warum der Film Lucia und der Sex heißt, wenn es doch gar nicht unbedingt um Lucia (Paz Vega) geht. Alle Handlungsstränge und agierenden Personen liefern eigentlich Stoff für mindestens drei Filme. Aus der Feder von Regisseur Julio Médem stammt auch das Drehbuch, das sich nicht nur die Zeit nimmt um zu erzählen wie Lucia ihren Freund Lorenzo (Tristán Ulloa) kennen lernte und verlor, sondern auch wie die anfangs leidenschaftliche Beziehung der beiden im Alltag ergraut. Wie Lorenzo nach seiner Tochter aus dem One-Night-Stand mit Elena (Najwa Nimri) sucht und eine Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Lucia und der Sex beginnt als fast poetische Geschichte vom Beginn einer Beziehung voller Lust, Begierde und Liebe, die sich trotz aller guten Zutaten auf den Abgrund zubewegt. Mündet im Finden und Verlieren einer Tochter durch eine andere Form der Begierde. Das Verarbeiten von Verlust in der Abgeschiedenheit. Das Grauen der Schreibblockade eines Autors. Ein halbgarer Kriminalfall? Obwohl alle einzelnen Geschichten durch Begierde und Sex verbunden sind und verschiedene Facetten zeigen (bedingungslose Liebe, Katastrophe und Tod, „simple“ Befriedigung, Verrat, ungewollte Schwangerschaft, Ende von Beziehungen), wirkt Sex als Bindeglied hier sehr vage und die emotionalen Reaktionen der einzelnen Charaktere manchmal schwer nachvollziehbar. Médem hat es eigentlich geschafft eine smarte Rahmenhandlung zu schaffen, um das Fallen in ein Loch, um zu einem anderen Punkt einer Geschichte zurückzukehren und sie umzuschreiben – sogar die Endroll spiegelt das Motiv wieder. Würden wir nicht auch manchmal die Geschichte gern zu etwas hoffnungsvollerem mit einem schöneren Ausgang umschreiben? So lässt der Film mehrere Deutungsmöglichkeiten zu. Aber hat man noch Zeit sich darauf zu konzentrieren zwischen all dem was man dort gesehen hat und zusammenpuzzeln muss? Weniger wäre mehr gewesen und hätte einige Inkonsistenzen vermieden. Am seltsamsten ist aber, dass der Film vorgibt Lucia in den Vordergrund zu stellen, obwohl es eher Lorenzo und der Sex heißen müsste. In seinen Bestandteilen, inklusive ansprechend und erotisch gefilmter Sexszenen, ist der Film wirklich gut. In der Summe ein ziemlicher Flickenteppich, der sich stimmungstechnisch einfach nicht verbinden will.

Lucia und der Sex (OT: Lucía y el sexo), Spanien, 2001, Julio Médem, 123 min, (5/10)

Sternchen-5


„THE LIGHT BETWEEN OCEANS Trailer German Deutsch (2016)“, via KinoCheck (Youtube)

The Light Between Oceans

Gezeichnet vom ersten Weltkrieg, sucht der ehemalige Soldat Tom Sherbourne (Michael Fassbender) die Isolation und arbeitet als Leuchtturmwärter auf einer australischen Insel. Als er Isabel (Alicia Vikander) kennenlernt, taut er nach und nach auf und scheint die traumatischen Kriegserlebnisse hinter sich lassen zu können. Die beiden verlieben sich, heiraten und wollen eine Familie gründen. Zwei Fehlgeburten zermürben Isabel und stellen das Paar in der Isolation auf die wohl schwerste Probe. Als eines Tages ein Boot aus Seenot, an Land gespült wird, treffen sie eine folgenschwere Entscheidung. In dem Boot ist die Leiche eines Mannes und ein quicklebendiges Baby. Sie beschließen den Fund nicht zu melden und das Kind als ihr eigenes aufzuziehen. Eine Entscheidung, die ihre Beziehung und ihr Moralverständnis fordert und sie zu Verbündeten, aber auch Kriminellen macht.

Liebesfilme (auch wenn sie nebenbei noch Dramen sind) haben es schwer bei mir. Zu schnell gleitet man in Kitsch und vorhersehbare Muster ab. Ein Film muss schon sehr zart und klug gedreht worden sein, um sich all dem „schon gesehen“ entziehen zu können. The Light Between Oceans schafft das recht gut. Zwar hat er alle Zutaten eines Tränenziehers und kann sich nicht ganz der Vorhersehbarkeit entziehen, aber er ist so natürlich geschauspielert und in so wunderbare Bilder gegossen, dass man sich der feinen Dramatik des Films kaum entziehen kann. Durch Voice-Off und zahlreiche gefühlvoll gefilmte Szenen der Beziehung, des Meeres und der Isolation wird die Beziehung quasi im Schnelldurchlauf erzählt. Das Pacing ist bewundernswert – die Jahre laufen weder zu schnell, noch zu langsam ab; bilden eine Grundlage und kommen gleichzeitig bald zum Konflikt. Den Weg des Paars durch sich verlieben, heiraten, glücklich sein, Fehlgeburten erleiden zu zeigen ist notwendig. Nur so kann verständlich gemacht werden wie zwei gute Menschen eine so falsche Entscheidung treffen konnten, die im Verlauf des Films soviel mehr Menschen in das Unglück stürzt. Später im Film tritt Rachel Weisz als Hannah Roennfeldt, die leibliche Mutter des Kindes, auf. Soviel um schon mal ein Stimmungsbild vorauszuschicken. Das ganze wird eingerahmt von Alexandre Desplats einfühlsamen Soundtrack. Die geheime Zutat dürfte hier aber die Cinematografie und Kamera sein. Adam Arkapaw (Kamera) und Jim Helton und Ron Patane (Schnitt) verstehen es Szenen einzufangen, die Aspekte des Lebens kennzeichnen und uns gezielt manchmal mehr, manchmal weniger nah an das Geschehen treten zu lassen. Besonders stark beispielsweise der Moment in dem klar ist, dass das ungeborene Kind nicht mehr zu retten ist – das niemand etwas tun kann. Und wir als Zuschauer nur vom Türrahmen, aus Distanz, auf das Geschehen blicken. Hilfloser, stummer Zeuge eines Unglücks. Oder wenn die Stürme über das raue Kliff ziehen und alles bis zur Unkenntlichkeit in Regen und Gewalt gießen. Wenn das Meer still daliegt, als ob es nichts wüsste, von dem lebensveränderndem Drama an der Küste. Ein sensibles Drama in beeindruckenden Bildern.

The Light Between Oceans (auch: Liebe zwischen den Meeren), UK/USA, 2016, Derek Cianfrance, 133 min, (8/10)

Sternchen-8

Cold Skin – Insel der Kreaturen

Ein junger Mann (David Oakes) reist zu einer entlegenden Atlantik-Insel um dort als Wetterbeobachter zu arbeiten und seinen Vorgänger abzulösen. Was er dort vorfindet ist eine atemberaubende, raue Landschaft; ein wortkarger Leuchtturmwärter; aber kein Wetterbeobachter. An Typhus sei er gestorben. Nach seiner ersten Nacht auf der Insel bekommt er aber eine andere Vorstellung, was mit seinem Vorgänger passiert ist. Denn sobald die Sonne untergeht, kommen Kreaturen an Land, die sich in scheinbarem Blutdurst auf ihn stürzen. Nachdem er zwei Nächte überlebt hat, konfrontiert er den Leuchtturmwärter Gruner (Ray Stevenson), der ihn nicht gewarnt hat und auch ansonsten kein großer Menschenfreund zu sein scheint und stellt fest, dass Gruner sich mit einer der Kreaturen „angefreundet“ hat. Mal behandelt er Aneris (Aura Garrido) wie ein Haustier, mal wie eine Sklavin, mal freundlich und offenbar in emotionaler Abhängigkeit. Die drei bilden eine Zweck- und Überlebensgemeinschaft – mit unterschiedlichen Vorstellungen was Leben bedeutet.

Der Film basiert auf Albert Sánchez Piñols Roman Im Rausch der Stille und der nur als Freund bezeichnete Protagonist fungiert als Ich-Erzähler und ist ähnlich aufgeschmissen wie wir. Einer der Reize des Films liegt darin zu ergründen, woher die Kreaturen kommen und ob sie nicht eben doch zu einer friedlichen Koexistenz fähig sind. Für alles gibt es Hinweise, der Interpretationsspielraum ist groß. Vor Allem auch was die menschliche Natur betrifft. Denn es wird schnell klar, dass Gruner gar kein Interesse daran hat die Insel zu verlassen und den nächtlichen Angriffen der Kreaturen ein für allemal zu entgehen. Der Film und das Szenario liegen an einer eigentümlichen Grenze zwischen philosophisch und leicht trashig und ist damit erstaunlich charmant. Es ist eine Parabel auf Menschlichkeit, der Frage wer eigentlich das Monster ist und verliert lediglich an ein paar wenigen Stellen, wo man sich gewünscht hätte, dass die Charaktere ähnlich smarte und erklärbare Entscheidungen treffen wie im Rest des Films.

Cold Skin – Insel der Kreaturen (OT: Cold Skin), Frankreich/Spanien, 2017, Xavier Gens, 106 min, (8/10)

Sternchen-8


„COLD SKIN Trailer German Deutsch (2018)“, via KinoCheck Home (Youtube)

Aquaman

Da findet ein Leuchtturmwärter eine schöne Frau, die offenbar das tosende Meer angespült hat. Die beiden verlieben sich ineinander, haben einem gemeinsamen Sohn. Die Frau ist aber niemand geringeres als die Prinzessin von Atlantis und wird mit Gewalt wieder in ihre Heimat unter dem Meeresspiegel zurück gebracht. Die Beziehung zwischen den Menschen und Atlantern ist nicht unbedingt gut. Die Menschen verpesten das Meer und entziehen dem Volk und anderen Meeresbewohnern den Lebensraum. So wird ihre Beziehung und der „Mischlingssohn“ nicht akzeptiert. Eben dieser heißt Arthur Curry, hat die Fähigkeit mit Meerestieren zu kommunizieren und unter Wasser zu atmen. Als Erwachsener wird er sowas wie die Prügel-Küstenwache. Er räumt ordentlich auf, wenn es irgendwo Ärger gibt. Mit den Atlantern will er nichts zutun haben, seit er erfahren hat, dass sie seine Mutter für ihr „Vergehen“ hingerichtet hätten. Eines Tages steht aber die Atlanter-Prinzessin Mera (Amber Heard) vor ihm und bittet ihn nach Atlantis zurückzukehren und seinen Platz in der Thronfolge zu behaupten, da sein Halbbruder Orm (Patrick Wilson) im Begriff ist einen Krieg mit den Menschen anzuzetteln. Ein Konflikt, den Arthur anfangs ignorieren will, später nicht mehr aus dem Weg gehen kann.

Jason Momoa macht Aquaman wieder cool. Das heißt: was weiß ich schon von Aquaman? Mein Wissen über den DC-Superhelden fußt alleine auf der Big Bang Theory entnommenen Note, dass Aquaman irgendwie nicht so richtig cool ist. Nun kommt Jason Momoa daher mit reichlich Muskeln, Tattoos und bärbeißigem Charme und möbelt das Image recht gut auf. Die Gags und seine No-Bullshit-Attitüde und Chemie mit Amber Heard als Mera geben dem Film diese nette Popcornkino-Note, die einfach Spaß macht. Für alles andere muss man fantasy-affin sein. Die vielfarbige Unterwasserwelt und Vorstellung, dass die Atlanter (und sehr viele andere Völker!) vollkommen unbemerkt unter Wasser leben muss man akzeptieren können. (Und das kann ich nur so halb.) Das ist der Teil, der dann eher für Fans ist. Rein narrativ kann es schon mal unübersichtlich werden zwischen allen Parteien, die in dem shakespear-esquen Szenario Konflikte anheizen und mitmischen wollen. Da gibt es nämlich auch noch David Kane alias Black Manta (Yahya Abdul-Mateen II), der sich an Arthur für den Tod seines Vaters rächen will. Man kann den Eindruck kaum abschütteln, dass es auch ohne diesen oder jenen Konflikt und Mitspieler und mit deutlich weniger Screentime zu erzählen gewesen wäre. Masse macht leider nicht automatisch Inhalt.

Aquaman, USA, 2018, James Wan, 143 min, (6/10)

Sternchen-6

Keepers – Die Leuchtturmwärter

Filme, die mit der Ansage beginnen auf wahren Begebenheiten zu beruhen, haben heute in der Regel schon verloren. Wer das sagen muss, hat irgendwas falsch gemacht. Früher mag das ein genialer Aufhänger gewesen sein, heute sind die Menschen meist gut genug informiert, um bereits sehr genau zu wissen, dass ein Film reale Ereignisse nacherzählt. Der Aufhänger von Keepers ist das Verschwinden der Leuchtturmwärter auf den Flannan Isles im Jahr 1971, durch den sich auch der Originaltitel The Vanishing erklärt. Bis heute weiß niemand was mit den drei Männern passiert ist, trotzdem gibt der Film an, dass er ihre Geschichte erzählen würde und verwendet gar die echten Namen der Drei. Die erfahrenen Leuchtturmwärter Thomas (Peter Mullan) und James (Gerard Butler) setzen zusammen mit Donald (Connor Swindells) zum Leuchtturm über und treten eine mehrere Monate andauernde Schicht an. Donald ist der jüngste der Gruppe und überhaupt das erste Mal auf Schicht am Leuchtturm und hat noch das eine oder andere zu lernen. Auch über das Miteinander, denn jeder von ihnen hat so seine eigenen Dämonen und ein Päckchen zu tragen. Als ein Mann auf der Insel angespült wird, der auf Donald losgeht und offenbar etwas zu Verbergen hat, ist das der Anfang vom Ende ihrer Schicht.

Anfangs punktet Kristoffer Nyholms Inszenierung mit einem Hauch Leuchtturm-Realismus. Egal ob Nebelhorn oder Quecksilber als gefährlicher Treibstoff für die Mechanik der Lichtanlage, man bekommt doch ein paar Details mit, die einen schlauer machen. Kostüme und Kulisse zeichnen ein realistisches Bild vom Leben und der Arbeit im Leuchtturm in den 1970er Jahren. Leider driftet der Film aber in Vorhersehbarkeit, Formelhaftigkeit und gefühlte Langatmigkeit ab. So ganz kann man nicht glauben, dass Gerard Butlers James da direkt neben der Quecksilberpfütze sitzt und die übersieht, obwohl er eben noch Donald gepredigt hat wie gefährlich die Chemikalie ist und dass sie einen wahnsinnig machen kann. Spätestens dann weiß man wo die Reise hingeht und der Rest ist spannungsarm inszenierte Vorhersehbarkeit.

Keepers – Die Leuchtturmwärter (OT: The Vanishing), UK, 2019, Kristoffer Nyholm, 102 min, (5/10)

Sternchen-5

Der Leuchtturm

Wenn der Film beginnt, ist das wohl auffälligste neben dem penetranten Geräusch des Nebelhorns das fast quadratische Seitenverhältnis. Der Leuchtturm wird uns nämlich in 1,19:1 präsentiert. Regisseur Robert Eggers hat ja schon bei seinem The VVitch bewiesen, dass er folkloristische Stoffe kann. Jetzt demonstriert sein Werk das nicht nur thematisch und was die Ausstattung betrifft, sondern auch vom Format her. Dass es sich hier zudem auch noch um einen Schwarzweißfilm handelt, muss man neben allen Merkmalen des Films so nebenbei erwähnen – er sticht tatsächlich sehr aus der Masse heraus. Der Film handelt von dem alteingesessenen Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe), der zusammen mit dem jüngeren Ephraim Winslow (Robert Pattinson) Ende des 19. Jahrhunderts auf einer kleinen Insel vor Maine die dortigen Leuchtturmwärter ablöst. Für Winslow ist es der erste Einsatz und Wake lässt ihn die ganze Drecksarbeit machen. Auf das Warten des Lichts erhebt Wake den alleinigen Anspruch. Dabei wäre es bei all der Schufterei wie eine Belohnung. Zusammen mit der schroffen Art des Älteren, dem ständigen Gefurze, schlechten Wetter und an den Nerven zerrendem Dröhnen des Nebelhorns zehrt es vom Verstand der Leuchtturmwärter. Oder sind die bösen Omen und Schreie der Sirenen vielleicht gar keine Einbildung?


„DER LEUCHTTURM Trailer German Deutsch (2019)“, via KinoCheck (Youtube)

Der Leuchtturm ist schon ein bisschen artsy-fartsy und der geneigte Zuschauer sei gewarnt: Arthouse ahead. Man muss sich auf das Psychoduell des Alten und Jungen einlassen können. Fäkalien, die entbehrungsreiche Lebensweise, sexuelle Fantasien, Seemannsgarn, Alte-Männer-Fürze und psychedelische Träume inklusive. Dafür ist Eggers jüngstes Werk aber auch enorm metaphernreich. Man bekommt eine ganze Menge Futter zum interpretieren und sezieren. Sind es nur Ausgeburten ihrer Fantasie und zunehmenden Isolation oder geht auf der Insel wirklich etwas schräges vor sich? Nimmt man allein all das ist Der Leuchtturm ein Quell von Elementen, die das Filmliebhaber- oder Folktale-Fan-Herz höher schlagen lassen. Aber auch aufgrund der Länge und Repetitivität ein bisschen an unseren Nerven zerren. Da reiht sich Zerwürfnis und Versöhnung aneinander, zwischendurch sind Winslow und Wake gar wie ein altes Ehepaar. Auch das klaustrophobische und menschenfeindliche der Umgebung drückt auf das Gemüt des Zuschauers. Das quasi-quadratische Seitenverhältnis und die düsteren Bilder von tosenden Wellen in Schwarzweiß sperren uns mindestens genauso ein wie Wake und Winslow. Aber so fühlt sich Eggers Film auch manchmal sehr sehr lang an, trotz des ab und zu eingestreuten Comic Reliefs. Belohnt wird man mit Mammutleistungen von Dafoe und Pattinson. Das Spielt mit dem Wahnsinn ist zudem durch Geschichten Herman Melvilles und Sarah Orne Jewetts inspiriert. Auch wenn der Film nicht direkt einfach anzuschauen ist, so ist er doch ziemlich genial und erhebt Eggers auf eine Stufe mit Größen wie Andrei Tarkowski.

Der Leuchtturm, USA, 2019, Robert Eggers, 109 min, (8/10)

Sternchen-8

Der Leuchtturm und die oftmals damit einhergehende Isolation bietet eine Kulisse für zahlreiche Motive und Stimmungen. Das wohl beliebteste sind die Konsequenzen von Isolation wie Depression, die Auseinandersetzung mit eigenen Lebensstationen, Desillusion, Panik, Abdriften von der Realität, zerstörerische Zwänge oder einfach psychedelische Träume wie in Robert Eggers „Der Leuchtturm“ oder „Keepers – Die Leuchtturmwärter“, die sich der Gangart bedienen. Isolation hat den Menschen schon immer viel abverlangt. #Corona Einen Schritt weiter geht (je nachdem wie man es deuten möchte) „Cold Skin“. Dort holt die Isolation das schlechteste selbst aus dem besten Menschen geholt. Gemessen daran, dass die anfänglich nicht gewollte Isolation zum Schluss die einzige Art zu leben ist die sich der Protagonist vorstellen kann – trotz bekannter Gefahren.

Anders: die selbst gewählte Isolation wie in „The Light Between Oceans“ um sich von den Traumata der Vergangenheit zu reinigen. In anderen Filmen wie „Aquaman“ mag der Leuchtturm mehr eine Randnotiz und ein Mittel zum Zweck maritimer Settings sein. In Carpenters „The Fog“ nimmt er tatsächlich die Funktion ein früh vor einer Gefahr zu warnen. Die Möglichkeiten sind unendlich, die Liste der Filme in denen Leuchttürme vorkommen noch viel länger. Welche Filme kennt ihr und was für eine Funktion bedient sich der Leuchtturm dort? Kennt ihr die oben besprochenen und wie haben sie euch gefallen? Hier Anbei noch etwas Leuchtturmromantik 😉 :

Photos by:

Zoltan Tasi

Philipp Waldhauer

„7ème art“ (Sprich: septième art) heißt „siebte Kunst“. Gemäß der Klassifikation der Künste handelt es sich hierbei um das Kino. In dieser Kategorie meines Blogs widme ich mich also Filmen – evtl. dehne ich den Begriff dabei etwas. Regulär stelle ich zwischen dem 1. und 5. jeden Monats jeweils 7 Filme in kurzen Reviews vor.