Serienlandschaft: Impressionen eines Star-Trek-Newbie, Teil III + Review Staffel 2

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Vor einer ganzen Weile ließ ich mich von meinem Freund dazu überreden gemeinsam „Star Trek“ zu schauen. Nein, nicht Discovery oder so. Richtig von Anfang an. Es war nicht immer einfach. Nachdem ich das letzte Mal im Juni 2019 davon berichtete, dass ich die erste Hälfte der zweiten Staffel nicht besonders mochte, hätte wohl kein Leser hier damit gerechnet nochmal was von meinen Ausflügen mit Kirk und Spock zu hören. Überraschung! Die zuletzt geschaute Folge ist Raumschiff Enterprise/Star Trek 2×26 „Ein Planet, genannt Erde (Assignment: Earth)“. Das Staffelfinale 😉

Das Geheimrezept zum Durchhalten ist …

Wahrscheinlich würde man eher erwarten, dass ich das Experiment abgebrochen und die Picard-Serie geschaut hätte, weil es dieses Jahr rauskam, neuer ist und gefühlt alle darüber redeten. Klar, viele haben die Abkürzung gewählt. Aber ich war nur mäßig neugierig. Stattdessen würde ich schon gerne endlich mal bei Next Generation ankommen und erstmal dort Picard kennenlernen. Und die alten Filme sehen können! Und die Borg treffen! Denn auf die bin ich neben TNG allgemein am gespanntesten. Auch mit Voyager macht mir eine Freundin häufig den Mund wässrig. Nach der ersten Hälfte der zweiten Staffel und all ihren seltsamen Mustern und Sklavenplaneten sah ich das Experiment schon als verloren.

Aber manchmal tut … ähm, der Liebe Abstand gut? Naja, Liebe … das ist zu hoch gegriffen. Aber ein paar Monate Pause waren hilfreich. Dann hatten mein Freund und ich dieselbe Idee: ein mal pro Woche eine Episode schauen und gut ist. Dann stellt sich nicht so eine starke Ermüdung ein, wenn sich wieder die Muster im Drehbuch wiederholen. Und das funktionierte echt gut. Wobei ich immer noch die Tendenz habe bei der Serie einzuschlafen, nur um dann von diesem Geräusch geweckt zu werden. Aaaaargh.


„Star Trek: TOS Sound Effects – „Bosun’s Whistle # 1″“, via MisterMusicMan382B (Youtube)

Die alte Leier

Eins meiner größten Probleme mit der Serie sind die sich schmerzlich wiederholenden narrativen Elemente. Es gibt ja einiges an TOS woran man sich gewöhnt und bei dem man einfach sagen muss: es ist ein Kind seiner Zeit. Die Rolle der Frauen, die Plastik-Kulissen, die Retro-Effekte, auch manchmal das gestelzte Schauspiel. Aber dass sich die Themen der einzelnen Episoden so oft wiederholen macht die Serie leider sehr repetitiv und unverdienterweise manchmal recht langweilig. Wer das natürlich als Kind geschaut hat, verbindet damit sicherlich ein angenehmes Gefühl von Nostalgie, dass ich eben leider nicht habe. Leider ging es mit den ähnlichen Motiven auch in der zweiten Hälfte der zweiten Staffel weiter. (Hier findet ihr nochmal meine Gedanken zur ersten Hälfte und deren typischen Mustern. TLDR; es war hauptsächlich KI, wolkenförmige fremde Spezies und Kirk, der des Amtes enthoben werden soll – mehrmals.)

Ein schmerzlich oft wiederholtes Thema der zweiten Hälfte sind nun beispielsweise gestrandete oder abtrünnige Captains anderer Raumschiffe der Flotte, die entgegen der Grundsätze eben doch Einfluss auf die Bevölkerung der Planeten nehmen. Und das teilweise zu ihren Gunsten. Oder eben Beeinflussung durch andere Völker – ich will nicht zuviel verraten. So gesehen u.a. in 2×17 Epigonen (Mafia-Mob), 1×19 Der erste Krieg (Waffen), 2×21 Schablonen der Gewalt (Nazi-Deutschland), 2×23 Das Jahr des roten Vogels (Kalter Krieg weitergedacht) und 2×25 Brot und Spiele (Römisches Kaiserreich). In Klammern habe ich immer dahinter geschrieben, in welche Richtung der Erd-Geschichte sich die Zivilisation des fremden Planeten durch die Einmischung verschiebt. Und dass beispielsweise Nazi-Deutschland dabei ist, lässt schon aufhorchen.

Grundsätzlich sind alle der Themen interessant gewählt, aber teilweise recht schlecht umgesetzt. Das konfuseste und schlimmste ist wahrscheinlich 2×23 Das Jahr des roten Vogels, weil die Folgen der Einmischung erst in den letzten 10 Minuten adressiert werden und es vorher wirres Geschwurbel über zig andere Motive des kompromittierenden Captains gibt. Ganz seltsam. Dabei ist es eigentlich sehr cool, dass sich die Serie darauf besinnt, was eigentlich die Grundsätze der Enterprise sind und was die Folgen der Einmischung sein könnten. Aber muss das immer gleich in so einer Masse sein? Das wirkt doch einfallsloser als es ist, wenn man das so häuft. Interessant ist auch, dass man diese Grundsätze erst so richtig in der zweiten Staffel stresst, dabei ist es doch ein wichtiger Bestandteil des ganzen Flairs der Serie.

Ein Planet, genannt Erde

Mal abgesehen von der Episode Schablonen der Gewalt in der sich Kirk und Spock auf dem an Nazi-Deutschland angelehnten Planeten wiederfinden, gab es nicht soviele Überraschungen. Episode 2×24 mit „Computer M5“ hat mich noch aufhorchen lassen, aber ähnliche Erlebnisse hatten wir ja mit Nomad. Insofern wieder eine Wiederholung, leider. Aber was mich doch sehr überrascht hat und was ich sehr sehr mochte war das Staffelfinale Ein Planet, genannt Erde. Darin fängt die Enterprise einen Transporterstrahl eines gewissen Gary Sevens ab, der unterwegs war zur Erde des 20. Jahrhunderts. (Wie auch immer die Enterprise zeitreist – ich nehme das mal so hin.) Schnell ist klar, dass Gary Seven eine Mission hat und er entkommt der Enterprise um dort irgendwas an einem Raketenstart rumzupfuschen.


„Computer Ancient Earth“, via Admiral8Q (Youtube)

Lange ist nicht klar, ob er gut oder böse oder irgendwas dazwischen ist. Seine Gebaren, seine gewiefte Sekretärin Roberta und die Katze Isis, die er immer mit sich rumschleppt gaben der Episode was witziges, abstruses, erfrischendes. Wie die Recherche zeigt: das Drehbuch war eigentlich der Pilot für eine eigene Serie um Gary Seven, die aber nicht zustande kam und dann in die Raumschiff-Enterprise-Episode umgeskriptet wurde. Als ich mich bei dem Gedanken „Also die Serie hätte ich geschaut“ ertappte, fiel mir eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit mit einer anderen Science-Fiction-Serie auf, die ich sehr liebe. Er reist durch die Zeit um Katastrophen zu verhindern (oha Spoiler), hat dabei einen menschlichen und nicht so richtig menschlichen Companion und eine Art Sonic-Screwdriver, der auf Fingerzeig die tollsten Sachen machen kann. Warte was … das ist doch Doctor Who? Gary Seven wäre wohl ein amerikanisches Quasi-Remake geworden … .

Fazit zur zweiten Staffel

Summa summarum etabliert die zweite Staffel viel von dem, was in der ersten gefehlt hat. Spock ist ganz offensichtlich ein beliebter Charakter geworden, der deutlich mehr Hintergrund bekommt. Die erste Hälfte widmet sich gar mehrmals seiner Familie und den vulkanischen Sitten. Auch das Miteinander aus dem „Tribunal“ Bones-Spock-Kirk wird besser eingesetzt und sorgt für herrliche Wortgefechte und das Ausloten der moralischen Zwickmühlen, die die Serie nach wie vor sehr gut einsetzt und damit auch den Zuschauer fordert. Zumindest, wenn man sie das erste Mal sieht. Denn die sich wiederholenden und teilweise sehr einfallslosen Muster sind zwischenzeitlich zum Fremdschämen  und langweilen enorm. Nehmt es mir nicht übel Fans, aber die Serie hat so gute Zutaten, da quält es einfach, wenn es hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Episodenübergreifende Konflikte hätten hier geholfen und wären der perfekte Kompromiss gewesen.

Immerhin hat die zweite Staffel dann aber zu recht „legendäre“ Episoden wie die mit den Tribbles (2×15) und Nomad (2×03), die einiges rausreißen und auch mal Platz für Ulk oder interessante Ideen haben. Auch das Staffelfinale war für mich ein kleines Highlight, das zeigt zu welchem kuriosen und dramatischen Potential die sich zunehmend konventionell anfühlende Serie fähig wäre. Natürlich war sie zu ihrer Zeit alles andere als konventionell. 😉

Sternchen-5

Zu den bisherigen Artikeln der Reihe:

Impressionen, Teil I (1. Hälfte Staffel 1)
Impressionen, Teil II (Staffel 1 Review)
Impressionen, Teil III (1. Hälfte Staffel 2)

Hätte es übrigens nicht geklappt die Serie ein mal pro Woche zu schauen, hätte ich zu anderen drastischen Maßnahmen gegriffen und sie nebenbei laufen lassen, wenn ich beispielsweise puzzle, was sauber mache oder Zeug abhefte oder so ein Kram. Normalerweise laufen Serien bei mir nie „im Hintergrund mit“. Aber soweit musste es ja nicht kommen. Und normalerweise bei meinen Beiträgen zu „Star Trek“ frage ich an der Stelle „Und schaue ich weiter?“ Und antworte dieses Mal beherzter: ja, kann man machen. Aber allen Lesern und mir ist offenkundig jetzt schon klar, dass es nicht mehr meine Lieblingsserie wird. Wie steht ihr zu TOS und empören euch meine 5 Sterne?

Immer zwischen dem 5. und 10. eines jeden Monats mache ich einen kleinen Ausflug in die Serienlandschaft. Ob aktuelle Serien, all-time-favorites, irgendeine TOP-5 oder einfach ein paar zerstreute Gedanken: es ist alles dabei :).