Fantastischer Film: Citizen Kane

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Zwar habe ich Citizen Kane das erste Mal vor rund fünf Jahren gesehen (ein Hoch auf das Film-Logging!), aber damals fühlte ich mich wohl noch erdrückt von all den Titeln: „Bester Film aller Zeiten“, „Bester US-amerikanischer Film aller Zeiten“, usw. Ich meinte damals zu verstehen, was den Film so besonders macht. Aber darüber schreiben, wenn sich alle schon einig zu sind,e rschein mir müßig. Wo nun andernorts demnächst weitere „beste Filme des vergangenen Jahres“ gekürt werden und wo Goldjungen vielleicht auch an einen Film vergeben werden, der die Entstehungsgeschichte des Films und das Leben des Drehbuchautors Herman J. Mankiewicz erzählt (in David Finchers Mank), erscheint es mir passend es doch mal zu versuchen und in Worte zu packen, warum Citizen Kane seine Titel verdient hat.

Citizen Kane beginnt mit einer Art Newsreel über das Leben und Sterben des Medienmoguls Charles Foster Kane (Orson Welles). Daraus geht hervor, dass er eine polarisierende Persönlichkeit war. Besitzer mehrerer Zeitungen, mehrfach verheiratet und geschieden, skandalumwittert, gescheiterter Versuch in die Politik einzusteigen, exzentrisch – er baute sich gar ein Schloss, das von allen Xanadu genannt wird. „Aber all das wissen die Leute schon“, stellen die Reporter nach Sichten des Newsreels fest. Was gibt es über Charles Foster Kane zu erzählen, dass die Leute noch nicht wissen!? Der Reporter Thompson (William Alland) macht es sich zur Aufgabe herauszubekommen, was Kanes letztes Wort „Rosebud“ bedeutet und ob das der Schlüssel zu einer bisher unerzählten Geschichte über Charles Foster Kane ist.


„CITIZEN KANE: 75th Anniversary Trailer“, via American Film Institute (Youtube)

Danach beginnt Thompson die Personen aus Kanes Leben nacheinander abzuklappern und über Rosebud zu befragen. In Rückblicken erfahren wir nun wie sich die Ereignisse in Kanes Leben wirklich zugetragen haben. Der Film hebt dabei innovativ erzählt die Zeitebenen hervor und macht begreiflich, dass der Newsreel vom Anfang nicht ganz falsch lag, aber eben das Leben des Einzelnen auf medienwirksame, reißerische und banale Art auf wenige Eckdaten und Taten herunterbricht. Kanes Charakter und seinen Wandel bekommen wir exklusiv vor Augen geführt. Thompson ist eine Metapher für den Zuschauer und die Außenwelt, die an der Fassade kratzt. Sein Gesicht sehen wir nie – der Reporter bleibt immer stilecht im Halbschatten oder wird von hinten gefilmt, was der Immersion in die Hände spielt und sehr innovativ wirkt. Und das ist nur eins von vielen Beispielen für filmische Innovationen und cleveres Kino in Citizen Kane.

Der Film ist ein frühes Beispiel für den Ansatz „show, don’t tell“, um die Botschaft, Stimmung und Charakterentwicklung auf die Mattscheibe zu bringen. Kane wird als kleines Kind in die Obhut eines betuchten Mannes gegeben und wächst von da an mit allem Komfort auf. Er hat große Ambitionen und Status ist oftmals ein Motiv, das ihn empfindlich trifft. Denn Status ist das, was er einfach bekommen hat. Mit Status und Geld kauft man aber keine Liebe. Die ist weitaus schwieriger zu erhalten. Oftmals vermitteln die Kameraeinstellungen und die Anordnung von Personen, Landschaft und Szene den Status. Kane oftmals als derjenige, der den Status innehat und v.A. später im Film als derjenige, der trotzdem gerade verliert. Zugunsten der Dramatik spielt der Film mit verschiedenen Erzählebenen, Überblenden und erlaubt sich gar dank Make-Up seine Darsteller in einem für die damalige Zeit ausgefuchsten Maß zu altern.

Orson Welles Abgesang auf den amerikanischen Traum orientiert sich an einigen realen Personen. So war wohl William Randolph Hearst die Vorlage zum „Citizen Kane“. Der Titel dürfte daher rühren, dass Kane oftmals gefragt wurde, als was er sich sieht, wo er doch schon in vielen Teilen der Welt gelebt habe und er antwortet stets er sei Amerikaner. Dieser Aspekt ist wohl der versteckteste in dem ganzen Film und das einzige, was für mich persönlich hätte deutlicher erzählt werden können. Thompson sagt über das Rosebud-Mysterium und den „Citizen Kane“ am Ende des Films, dass es nicht „dieses eine“ Wort gibt, das das Leben eines Mannes beschreibt. (Ich denke an der Stelle im Film immer stattdessen „dass es nicht dieses eine Wort gibt, das das Leben eines Menschen beschreibt“.) Aber Thompson irrt sich. Tatsächlich gibt Rosebud sogar sehr viel Aufschluss über das Leben Kanes. In den darauffolgenden Szenen erfährt der Zuschauer nach einem Kameraschwenk wer oder was Rosebud ist. Für die Reporter wird es verborgen bleiben. Wir aber erfahren, dass Rosebud für das steht, was Charles Foster Kane genommen wurde: Unschuld. Ein unglaublich guter Kniff von den Filmschaffenden und allen voran Drehbuchautor Herman J. „Mank“ Mankiewicz.

Citizen Kane, USA, 1941, Orson Welles, 119 min


„1941: Citizen Kane: What Makes A Masterpiece?“, via One Hundred Years of Cinema (Youtube) – schade, dass das Video ohne die Erwähnung Manks auskommt

Header image uses a Photo by Kilyan Sockalingum on Unsplash

Jeden Monat stelle ich einen Film vor, den ich für einen fantastischen Film halte – losgelöst von Mainstream, Genre, Entstehungsjahr oder -land. Einfach nur: fantastisch. 😆