Oscars 2015: großartige Nominierte, sympathische Sieger, ein bisschen Politik und … Flachwitze

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Was habe ich mich drauf gefreut, versucht Spoilern aus dem Weg zu gehen und habe vergangenen Montag abend die Oscars geschaut. Die Erwartungen waren hoch, weil ich bei vielen Kategorien mehrere Favoriten hatte. Und jetzt ist schon wieder alles vorbei. Auch wenn die meisten Oscar-Recaps schon wieder Schnee von gestern sind, lasse ich es mir nicht nehmen heute nochmal darüber zu sprechen. 😉 (Es sind Spoiler zu erwarten, obwohl ich davon ausgehe, dass die meisten bereits Bescheid wissen oder schon längst gespoilert wurden.)

Dieses Ding mit den Prognosen …

Im Prinzip kann ich mich freuen, denn die stark überwiegende Mehrzahl meiner Tipps ist tatsächlich eingetroffen. Und bei den diesjährigen Oscars haben sich die Stars wieder etwas mehr Zeit genommen, um mal politisch zu werden oder Missstände und Probleme aufzudecken oder ernste Themen anzusprechen. So haben John Legend und Common an Martin Luther King erinnert. Patricia Arquette hat darauf aufmerksam gemacht, dass Frauen mitunter noch immer schlechter bezahlt werden als Männer – eine Frechheit in unserer heutigen achso gleichberechtigten Gesellschaft. Und Julianne Moore hat über die Altzheimersche Krankheit gesprochen. Ich finde das übrigens nicht pathetisch. Hier und da habe ich von Leuten gelesen, die es scheinheilig finden, wenn zum Beispiel ein hochbezahlter Schauspieler über Gleichberechtigung und Löhne spricht. Oder ein gesunder Mensch über eine üble Krankheit OK – das ist deren Meinung. Ich sehe das so: die kleinen Leute werden nicht gehört. Warum sollen es nicht die Leute ansprechen, die von millionen Menschen gehört werden? Besser als zu sagen: Ich danke der Academy und meinem Stylisten – tschüß. Nachdem vor 2 Jahren bei den Oscars zensiert wurde und 2014 vor Allem Amerika bei den Oscars gefeiert wurde und man wesentlich oberflächlicher und unpolitischer unterwegs war, mochte ich die Oscars sehr. Zumindest die Nominierten, Sieger und Dankesreden. Die Sendung an sich weniger, aber dazu später mehr.

Trotzdem fand ich natürlich auch die neutraleren, emotional gefärbten Reden schön. Eddie Redmayne hat sehr verdient gewonnen und hat sich sehr natürlich gegeben und einfach mal gefreut. Das war sehr schön anzusehen. 🙂 Sehr toll fand ich auch die Rede des Ida-Regiesseurs Paweł Pawlikowski und die von J.K. Simmons. Simmons Botschaft fand ich sehr sehr schön und trocken aber lustig vorgetragen. Ich freue mich sehr für alle diese Sieger! Obwohl ich das Drehbuch von The Imitation Game aufgrund der Abweichungen von der Geschichte eher nicht den Oscar habe gewinnen sehen, war Graham Moores Rede ein sehr bewegender Moment. Vielleicht verstehe ich jetzt besser, warum er den Charakter Alan Turings so abgeändert hat. Vielleicht sehe ich jetzt, dass er ein bisschen von sich in diesen Alan Turing geschrieben hat? Mein Eindruck. Den muss man nicht teilen. Seine Botschaft ist sehr wichtig: stay weird. Aber die schönsten Momente sind doch die der unbekannteren Namen. Die Momente derer, die noch nicht so oft nominiert waren wie Meryl Streep. Die, denen die Luft wegbleibt, wenn sie auf der Bühne stehen. Das wahre Oscar-Highlight.

Das Zeitalter in dem Animationsfilme noch mit Stift und Papier gemacht werden können

Meiner Einleitung habt ihr es vielleicht schon entnommen ‚im Prinzip freue ich mich‘. Das klingt nach ‚Aber‘? Ja, tut es. Der Gewinner einer Kategorie hat sich wie ein Schlag in die Magengrube angefühlt. Kurz nachdem in einem leider nur kurzen Einspieler die Verleihung des Ehrenoscar an den Ghibli-Urvater Hayao Miyazaki gezeigt wurde, folgte die Verleihung des Oscars in der Kategorie Bester Animationsfilm. Zuvor sah man einen kurzen Ausschnitt von Miyazakis Rede, in der er sagte, dass er sehr glücklich ist in einem Zeitalter tätig gewesen zu sein, in dem man Zeichentrick noch mit Stift und Papier gemacht hat. Tatsächlich ist nicht klar wie es mit dem Studio Ghibli weitergeht, das Animationsfilmperlen wie Chihiros Reise ins Zauberland produziert hat. Die teuren Produktionskosten für das Herstellen solcher zauberhafter Filme, die noch per Hand gezeichnet werden, sind zu hoch. So verkündete das Studio vor einer Weile, dass man vorerst einen Produktionsstopp einlegen werde, um zu erörtern wie es weitergeht. Und wenige Minuten später bekommt Baymax, ein 3D-animiertes Spektakel, den Oscar für den besten Animationsfilm. In der Kategorie war auch Ghiblis jüngster Streich Die Legende der Prinzessin Kaguya nominiert. Ein Film, dessen Machart bewusst handgezeichnet und kalligrafisch aussieht und bspw. an Ukiyo-e erinnert. Das ist bitter. Und für mich absolut die falsche Botschaft. Mag sein, dass Baymax ein schöner Unterhaltungsfilm ist, eine Botschaft hat und astrein animiert ist. Aber wir reden hier von einem Filmpreis, der Gewicht hat. Ich bin enttäuscht.

schöner Clip über Miyazaki – enthält Spoiler für Wie der Wind sich hebt

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Kein High-Five

Eigentlich habe ich mich sehr auf Neil Patrick Harris als Oscar-Host gefreut. Dass das witzig wird, stand außer Frage. Und er hat ja schon x-mal große Awards wie die Tonys moderiert. Das kann nur gut werden? :-/ Mäh. Hatte nicht erwartet, dass ich die Show schlecht finden würde. Mal abgesehen von der Eröffnung und seiner Birdman-Persiflage, fand ich seine Moderation manchmal ziemlich grenzwertig. Einer der blödesten Momente war für mich der Spruch „It takes a lot of balls to wear a dress like that“, direkt nachdem Dana Perry den Oscar für den besten Dokumentar-Kurzfilm entgegen genommen hat und über ihren verstorbenen Sohn gesprochen hat. Nur einer von vielen Fails und Flachwitzen. Da hat er sich keinen Gefallen getan. Die tollen und lustigen Momente seiner Show wurden dadurch sehr in den Schatten gestellt. Und das weiß er, wie man so ziemlich überall nachlesen kann … .

Promis sind seltsam … und Memes lustig

Und was wären die Oscars ohne ein paar WTF?-Momente. Absoluter König der Freakshow-Einlagen ist aber John Travolta. Mal abgesehen davon, dass er scheinbar nicht altert, hat er seinen Versprecher vom letzten Jahr getoppt. 2014 hat er die Muscialdarstellerin Idina Menzel angekündigt, die den Frozen-Song ‚Let it go‘ vorgetragen hat. Und ähm ja … er ist ja ein Profi und so und hat die Rede vorbereitet und äh ja … er hat sie irgendwie stattdessen Adele Dazeem genannt. Hey … Versprecher passieren. Aber bei dem Kaliber war das schon ein bisschen strange. Ausgeflippt wäre ich deswegen nicht. Aber bei den diesjährigen Oscars wollte er wiedergutmachen und hat zusammen mit Idina Menzel moderiert. Und war verdammt creepy XD personal space, please. XD Ich fands so lustig … und dann ist das Internet explodiert. Die Memes sind einfach so lustig ;D Ich kann nicht mehr. Am besten ist die Frage: was passiert, wenn er Benedict Cumberbatch anmoderieren müsste? Ich weiß, dass es out ist, aber: ROFL.

Man kann förmlich sehen was Scarlett Johansson denkt. XD Mehr von dem Spaß gibts hier.

Michael Keatons Jackett und was das Internet daraus macht

Aber mal abgesehen von solchen offensichtlichen Nonsense, über den man sich einfach mal freuen kann, hat das Internet Michael Keaton einen Moment angedichtet, der einem das Herz brechen kann. Es war wohl für eine Sekunde irgendwann zu sehen wie er nach der Bekanntgabe des Siegers in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller seine Dankesrede wegpackt. Und was folgte: tausende Tweets darüber wie bitter und traurig das ist und awwwww der arme Michael Keaton. Also: ich finde es auch sehr schade, aber es gab soviele gute Leistungen. Und außerdem: jetzt machts nicht noch schlimmer. Internet shaddup!

Schlechte Einschaltquote

Zurück zu den ernsteren Themen des Abends. Eigentlich interessieren mich ja die Einschaltquoten wenig, aber eine der Filmseiten meines Vertrauens berichtete, dass die Quoten miserabel waren und zählte dafür einige der Gründe auf. Zum Einen spielt da natürlich eine Rolle, dass der halbe Erdball das erst am nächsten Tag anschaut. Oder auch, dass viele sich das im Internet anschauen und und und. Ein wenig alarmierend ist aber die Diskussion, dass nicht unbedingt nur Kassenschlager und Blockbuster nominiert waren. Wäre das anders, würden auch die Quoten anders aussehen. Wieviel Nicht-cinephile haben wohl The Grand Budapest Hotel geschaut? Jetzt mal ehrlich, die kennen Wes Anderson wahrscheinlich gar nicht. Dasselbe mit Alejandro G. Iñárritu und Birdman. Wären da natürlich die Guardians of the Galaxy in zwölf Kategorien nominiert, könnte das anders aussehen. Bitte nicht. Das ist der vollkommene Widerspruch. Hier soll honoriert werden, was gut gemacht ist. Und nicht, was die meisten Leute ins Kino gelockt hat. Denn wir wissen, dass Blockbuster mal nette Unterhaltung sind, aber eben häufig nur Unterhaltung, die das Potential der Materie selten ausschöpft.

Was ist für euch der Reiz der Veranstaltung? Oder könnt ihr der Sache gar nichts abgewinnen? Wie steht ihr zu den zahlreichen bedeutungsschwangeren Dankesreden? Und zu den Skurrilitäten der Veranstaltung? Habt ihr euch auch etwas vor John Travolta gegruselt? Und hat euer Favorit gewonnen? Und findet ihr die Diskussion um Einschaltquoten und Einspielergebnisse auch schädlich?