Auf ein Wort: Der Weinstein-Skandal, #MeToo-Bewegung und die Sache mit Kevin Spacey

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Wenn man derzeit nach einer Chronologie des Weinstein-Skandals sucht, dann sind das nicht selten Ticker, die mehrmals täglich aktualisiert werden. In dem deutschen Wikipedia-Artikel (Klick: Weinstein-Skandal) findet sich der Hinweis, dass die Seite ein aktuelles Ereignis betrifft und daher rasch aktualisiert wird. Damit ist wahrscheinlich v.A. die Liste der betroffenen Frauen gemeint. Wirklich erklären muss ich nicht, was der Skandal beinhaltet. Nur soviel: Seit Oktober 2017 wird Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung zahlreicher Frauen beschuldigt, die in der Filmindustrie beschäftigt sind. Harvey Weinstein ist Filmproduzent, Gründer und ehemaliger Vorsitzer von ‚The Weinstein Company‘ und ‚Miramax‘. Zumindest war er das. Dass er Frauen etwas tut, war eigentlich kein Geheimnis. Und trotzdem hat es lange gedauert bis die Besetzungscouch-Taktik bekannt wurde. Und das bringt einen Stein ins rollen, was ‚House of Cards‘-Fans derzeit schmerzlich spüren.

Wenn sogar ich das weiß …

Ich interessiere mich nicht für Gossip und die Klatschpresse. Selten bekomme ich mit, wer eine Drogenkarriere hat oder welcher Schauspieler gerade mit wem rummacht. Trotzdem wusste ich bereits seit Jahren, dass manche Schauspielerinnen sich im Gegensatz zu anderen trauen über die Besetzungscouch und sexuelle Nötigung in der Industrie zu reden. Einige der ersten, deren Anschuldigungen ich hörte, war Rose McGowan und Gwyneth Paltrow und das ist inzwischen mehr als zehn Jahre her und siehe da: heute hört man ihnen wieder zu. Nicht selten wurden die Schauspielerinnen als schwer zu handeln gebrandmarkt und siehe da: man sah sie in kaum einem Film oder einer Serie. Hollywood hat seine eigenen Gesetze. Das wissen alle. Hinweise gab es in Witzen von Standup-Comedians, von Laudatoren, von Late-Night-Talkmastern. Als Jennifer Lawrence in ihrer Oscar-Dankesrede die Weinstein Company vergaß, das revidierte und mit Nachdruck nachholte und später dafür immer noch von Harvey Weinstein gerügt wurde, glimmte in meinem Hinterkopf etwas auf. Mal ehrlich: überraschend ist der Weinstein-Skandal nicht. Was mich aber überrascht ist: warum funktioniert es ausgerechnet jetzt, wenn doch schon länger alle Bescheid wussten und sogar ihre Witze darüber machen konnten? Weil sich jetzt große Zeitungen trauen darüber zu berichten? Das ist der Stoff, über den wir Jahre später Dokumentationen auf Netflix schauen. Mut ist Mangelware. Beziehungsweise war Mangelware?

„Jennifer Lawrence e Harvey Weinstein apresentando o 24º GLAAD Media Awards [LEGENDADO]“, via d13jogosvorazes (Youtube)

#MeToo und der ins Rollen gebrachte Stein

Auf Twitter kam der Hashtag #MeToo auf, unter dem plötzlich erschreckend viele Frauen und inzwischen auch Männer ihre Erlebnisse schildern oder sich ebenfalls als Opfer/Survivor zu erkennen geben. Die Liste der Frauen, die beispielsweise Weinstein beschuldigen, ist inzwischen enorm und ich für meinen Teil werde schon wütend, wenn ich nur die Länge der Liste sehe. Dass sexuelle Nötigung wieder in das Bewusstsein der Menschen gerückt wird ist wichtig. Ja: auch in unserer zivilisierten und aufgeklärten Welt, in der man eigentlich die Regeln kennt, gibt es das noch. Aber es schwingt die Angst mit, dass Bewegungen wie diese ausgenutzt werden von Menschen, die Publicity suchen und damit die echten und tragischen Schicksale verwässern und Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Opfer streuen, den in den meisten Fällen, kann man wahrscheinlich nichts nachweisen. Deswegen werden mit Sicherheit nicht wirklich viele Gerichtsverfahren eingeleitet, aber seinen Job ist Harvey Weinstein ja offensichtlich los. Eins dürfte aber klar sein: diese Diskussion ist keine bequeme. So wurde beispielsweise Ben Affleck beschuldigt ein Mitwisser zu sein. So etwas zu wissen und nichts zu sagen – klar, die Industrie hat einen im Griff, egal wie bekannt man ist. Aber sollten Menschen nicht inzwischen besser sein und dazugelernt haben? Hat Jennifer Lawrence wirklich nichts gewusst? Und jetzt die Gretchen-Frage: will ich so einen Schauspieler noch mögen? Oder mich von so einem Politiker vertreten lassen? Das müssen sich derzeit wohl viele Briten fragen (Quelle).

Der Fall Kevin Spacey, oder: Kann ich trennen?

Und noch mehr als das. Was, wenn er oder sie nicht nur Mitwisser, sondern Täter ist? Vor Kurzem wurden zahlreiche Männer, die in der Branche tätig sind, beschuldigt sexuell genötigt zu haben. Darunter nicht selten große Namen. Darunter einer, von dem ich es am wenigstens erwartet hätte, der aber zugab. Kevin Spacey wurde vom Schauspiel-Kollegen Anthony Rapp beschuldigt und kurz danach von zahlreichen Personen der ‚House of Cards‘-Crew. Offenkundig ist Netflix konsequent und hat Spacey für ‚House of Cards‘ gefeuert. (Quelle). Die sechste Staffel ist offenkundig bestellt, aber nicht abgedreht. Es darf also spekuliert werden, was aus der Figur des Frank Underwood wird und ob es ‚House of Cards‘ ohne ihn überhaupt noch geben wird, denn er ist die Serie. Ich schätze ich werde auch einen meiner Lieblingsfilme American Beauty nicht mehr mit denselben Augen sehen können. Denn, jetzt wo bekannt wurde, dass Spacey es bei Anthony Rapp probiert hat als dieser gerade mal vierzehn Jahre alt war, sind die Parallelen stark.

Geht es nur mir so oder fällt es anderen auch schwer? Hier der eigentliche Anlass für meinen Artikel. Die Frage: könnt ihr trennen? Zwar kann ich einen Film objektiv bewerten und bin auch immer noch der Meinung, dass man das als Filmkritiker, egal ob hobbymäßig oder professionell, können sollte. Aber ich kann einen Schauspieler in diesen Belangen nicht fangirlen, ich kann kein Fan mehr von ihm sein, ich kann es nicht. Ich kann seine Filme nicht mehr mit Enthusiasmus schauen. Könnt ihr das? Werden die Beschuldigten für euch eine persona non grata? Für mich wahrscheinlich nicht, aber ich sehe die Personen definitiv mit anderen Augen. Muss man trennen? Sollte man trennen? Wieviel aus den Medien glaubt man? Schließlich wurden viele beschuldigt, viele dementierten aber im Gegensatz zu Spacey. Findet ihr die Entscheidung von Netflix überzogen oder genau richtig? Und geht euch der Satz „richtig guter Schauspieler“ noch über die Lippen angesichts der Beschuldigungen und Wahrheiten?