Realitätsverlust?

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Es gibt einige interessantere Themen über die ich in den letzten Wochen schreiben wollte. Mit eventuell mehr Brisanz, interessanterem Inhalt whatever. Heute habe ich aber etwas gesehen, dass mich echt zum Grübeln gebracht hat.

Nach einigen Tagen an denen ich mir die Abende mit Unikram um die Ohren geschlagen habe, wollte ich heute mal etwas „sinnfreies“ machen. Mich etwas berieseln lassen und einfach nur entspannen. Da lief also in dem Flimmerkasten X-Faktor und ich spielte bei Facebook rum. Ja, ich gebe das zu. Als die Anmeldung noch „frisch“ war und mein Account noch die Eierschalen hinter den Ohren hatte, habe ich die Browsergames sehr gerne gespielt. Dazu gehören auch die üblichen Verdächtigen wie Farmville. Mitlerweile interessiert es mich nicht mehr so sehr, ob mein Gemüse auf der Farm jetzt abgeerntet werden kann oder erst in einem Tag – der Hype hat sich gelegt. Ich empfand mit der Zeit viele Spiele als sinnlos und die immer gleichen Maschen langweilten mich. Sonderbonus für echtes Geld erkaufen und etliche nicht-echte Freunde sammeln, damit man irgendwelche Spielziele erreicht, wird dann doch etwas langweilig. Schlau gemacht aber auf Dauer läßt sich vieles nicht tragen, wenn der Unterhaltungswert nicht auf lange Zeit aufrecht gehalten werden kann. Trotzdem kann ich die Spiele nicht komplett abwerten. Die Ideen dahinter sind süß und liebevoll oder spannend inszeniert. Es ist wirklich für jeden was dabei und um mal 10 Minuten den Kopf frei zu kriegen oder zu relaxen, reicht es allemal. (Die Marketingidee muss auch gewürdigt werden. Obwohl ich neulich auch ich in einem Artikel gelesen habe, dass man sehr viele Spielerzahlen von mehreren Millionen aufweisen muss, damit sich so eine Facebook-App rentiert. Die Quelle habe ich leider nicht gespeichert.) Heute allerdings habe ich etwas gesehen, was nicht direkt liebevoll inszeniert ist.

Aus irgendeinem kurzen Anfall habe ich mal Mafia Wars 2 angeklickt. Mafia Wars war auch so ein Spiel, dass ich ganz zu anfang mal gespielt habe. Es geht darum, dass man Waffen kauft und aus krummen Geschäften Geld bezieht, sein Revier verteidigt usw. Alles im Rahmen eines solchen Mafia-Rollenspiels, das allerdings keinen steuerbaren Avatar o.Ä. beinhaltet. Stattdessen klickt man sich durch Aktionen, solange es Lebenspunkte oder virtuelles Budget zuläßt.
Mafia Wars 2 hingegen setzt das altbekannte Spielgeschehen anders um. Es gibt jetzt einen steuerbaren Avatar und Personen, sowie Gebäude mit denen man agieren kann. Das Spiel wird angepriesen mit dem Satz „Es war noch nie so schön böse zu sein“ oder etwas ähnlichem. Das Spielgeschehen setzt ein, als man nach 5 Jahren aus dem Gefängnis frei kommt und sich ein Revier aufbaut mit Casinos usw. So weit so gut. Da habe ich mir noch nichts weiter gedacht. Dann sollte ich einen Waffenladen bauen, Waffen kaufen und die gegnerischen Mafia-Banden-Mitglieder abstechen. Genau das ist der Punkt.

Mafia Wars 2 Screenshot

Mafia Wars 2 Screenshot

Der Screen zeigt das relativ harmlose Spielgeschehen. Man könnte misstrauisch werden, wenn man beispielsweise links unten das Crew-Icon sieht. Gesichtslose bewaffnete stilisierte Menschen-Icons mit schwerem Geschüz. Auch die sonstigen Darstellungen und Aufforderungen würde ich glatt mal als brutal bezeichnen. Da soll ich also die gegnerischen Crews niedermetzeln und man sieht meinen Avatar tatsächlich ein Messer schwingen oder ne Knarre ziehen und die kleinen Avatare der Gegner blutend umfallen. Die kindliche Darstellung und das Messergeschwinge hatte irgendwie was Verstörendes. Und irgendwie Widersinniges. Da gibt es auch eine gute Freundin, die einen im Spiel bittet in ihrem Revier kurz das Schutzgeld-Erpressen zu übernehmen. Weiterhin so einen Guter-Onkel-Typ. Der Mentor, der einem sagt, dass man „mehr Waffen brauch“. Also so insgesamt fand ich das – lass mich das passende Wort suchen: bedenklich?

Mafia Wars 2

Mafia Wars 2

Ich verurteile nicht Facebook, aber den Spieleanbieter. In dem Fall Zynga. Kommen da Kinder nicht zu leicht ran? Was hält es denn Kinder davon ab sich anzumelden und das zu spielen, obwohl sie noch etwas zu jung sind, um das Gesehene einzuordnen? Nennt mich böse, nennt mich überkritisch aber ich traue es der jüngeren Generation einfach nicht zu, das ganze einzuordnen. Insbesondere dann nicht, wenn das Spielgeschehen als so „normal“, „selbstverständlich“ und „harmlos“ stilisiert wird.

Versteht mich nicht falsch.
Auch ich habe schon Egoshooter gespielt und da sind die Darstellungen ja wesentlich drastischer. Durch First-Person-Perspektiven identifiziert man sich mit dem Avatar viel mehr. Es wäre sinnlos, wenn ich jetzt den Moralapostel markiere aber der Eindruck den das Spiel hinterläßt ist etwas daneben. Kinder kommen wesentlich leichter an das Spiel als an einen Egoshooter. Außerdem wird etwas zu leichtsinnig damit geworben, dass es cool ist Schutzgeld zu erpressen. Bei dem Vorgänger war das nicht so verstörend, da man sich durch textuell beschiebene Aktionen geklickt hat. Zu diesen Aktionen gab es größtenteils keine Bilder und keine Interaktionen zwischen Avataren o.Ä. So wirkte das ganze nicht im Geringsten real. (Vielleicht auch ein Denkfehler.) Hier sieht man aber einen winzigen Avatar eine Waffe ziehen und einen anderen Avatar bluten. Alles ganz niedlich designed. Muss man diesen Eindruck vermitteln? Da war das vorher wohl etwas versöhnlicher. Schutzgeld soll nicht lustig sein. Und auch nicht niedlich vermittelt und beschönigt werden. Wie sagt man heutzutage im Internetjargon? FAIL. Na hoffentlich spielen das nicht so viele Kiddies. Das fördert Realitätsverlust.