Netzgeflüster: Frauen der Informatik V – Jade Raymond

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Die Reihe um Frauen, die was in der IT-Branche bewegt haben begleitet den Blog nun inzwischen fast ein halbes Jahr. Wir hatten hier die Ehre Mathematikerinnen und Schauspielerinnen mit Erfinder-Ambitionen zu treffen. Nachdem wir letzten Monat mit Marissa Mayer der Realität aus Zahlen, Businessplänen und schwierigen Entscheidungen entgegen gesehen haben, machen wir heute einen Ausflug in die Games-Branche mit einer Kanadierin, die quasi ein Aushängeschild für Frauen im Gamedesign ist und als solche sehr gehypt wird: Jade Raymond.

Jade Raymond wurde 1975 in Montreal, Kanada geboren. Als Kind und Jugendliche interessierte sie sich bereits sehr für Computerspiele und die Programmierung. Sie bezeichnet sich selber gern als Nerd und wusste früh, dass Computerspiele das sind, was sie später mal machen möchte. Ihr persönlicher Rekord im Zocken liegt bei 3 Monate lang täglich 10 Stunden Everquest. Man kann sagen, dass sie Games liebt. 1998 machte sie ihren Bachelor of Science in Informatik an der McGill University. Nach dem Studium arbeite sie für Sony Online Entertainment als Programmiererin an den Online-Versionen zu den Klassikern Jeopardy! und Trivial Pursuit. In dieser zeit gründete sie das erste Forschungs- und Entwicklungsteam innerhalb von Sony Online. In den kommenden Jahren führte ihr Weg sie weg von Sony zu Electronic Arts, wo sie an The Sims Online das erste Mal als Produzentin von Videospielen tätig war. Zur selben Zeit erlangte sie langsam Bekanntheit in der Szene und wurde ein Aushängeschild, was möglicherweise auch dem Umstand geschuldet ist, dass sie eine attraktive Frau ist. Sie moderierte zeitweise die Sendung The Electric Playground und interviewte andere Designer, Programmierer und Produzenten aus der Game-Branche. Um ihre Person entstand ein Kult und ihre Fans nennen sich Jade Empire in Anlehnung an ein Videospiel (an dem Raymond allerdings nicht beteiligt war).

2004 begann Raymond dann für Ubisoft Montreal zu arbeiten und war als Produzentin an ihrem wahrscheinlich größten öffentlich bekannten Erfolg tätig: Assassins Creed. Das Spiel um Illuminaten, Assassinen und Verschwörungstheorien wurde stark gehypt und noch heute werden soviele Ableger und Nachfolgeproduktionen aus dem Boden gestampft, dass man leicht den Überblick über das Franchise verlieren kann. Der Bekanntheitsgrad und Erfolg des Spiels machten auch Jade Raymond zu einer Persönlichkeit, die stark von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. In der männlich dominierten IT- und Game-Branche entstanden verschiedene Wahrnehmungen und Meinungen. Die einen hypten den Umstand, dass sie eine Frau ist extrem („Marry me!“). Andere reagierten eher mit dem Vorwurf, dass Frauen schnell nur als PR-Stand-In eingesetzt werden und nicht wirklich an der Entwicklung und Produktion beteiligt sind. In anderen Worten: schöner Schein. Der Personenkult und -kritik nahm überhand, was dazu führte, dass Raymond sich für Assassins Creed II aus der Öffentlichkeit zurückzog und weniger medienwirksame Auftritte hinlegte. In Interviews hat sie aber angegeben, dass sie diesen Schritt bereut. Viele Frauen, die in der Branche Fuß fassen wollen, kommen auf sie zu und erhoffen sich einen Ratschlag von ihr und sie ruft oft dazu auf mutig zu sein und sich zu zeigen. Ab 2010 stemmte sie den Aufbau des Ubisoft Studios in Toronto, dass zu einem der major studios des Spiele-Giganten werden sollte. Jahre später, nachdem das Studio etabliert wurde, zog sich Raymond erneut zurück, um ab 2015 mehrere Projekte ins Auge zu fassen. Sie arbeitet wieder mit Electronic Arts zusammen, gründete den Ableger Motive Studios, der sich in Kooperation mit anderen Studios den Star Wars Spielen widmet.

Raymond redet nicht unbedingt viel darüber wie es ist als Frau in der Branche zu bestehen, obwohl sie sich im globalen Netzwerk WIFTI (Women in Film and Television International) engagiert und selber Ziel eines Shitstorms wurde. Ob man sich viel durchsetzen muss, welche schwierigen Situationen sie vielleicht schon meistern musste – sie bringt nicht viele Beispiele. Wie in dem oben eingebetteten Videos hört man in Interviews meistens, dass es für sie keine Rolle spielt. Sie macht einfach ihre Arbeit und denkt, dass die Frage nach dem Geschlecht total überflüssig ist. Ich finde es zwar schade, dass sie nie auspackt und darüber spricht, was ihr alles widerfahren ist, aber vielleicht ist das gerade die richtige Einstellung für die Branche.

„I do wonder, if you have a completely homogenous team, how are you going to come up with new ideas? How are you going to come up with entertainment that appeals to different types of people?“ Source

Zum nachlesen/Quellen:
Spiegel.de: „Die Bit-Stellerin: Über Männern“
Edge Online: „People: Jade Raymond“
Fan-Webseite jade-raymond.com
Wikipedia (en)

Zu den bisherigen Artikeln

Ankündigung
Teil I: Ada Lovelace
Teil II: Grace Hopper
Teil III: Hedy Lamarr
Teil IV: Marissa Mayer

Tatsächlich bin ich schon ein kleines Jade-Raymond-Fangirl – nicht zuletzt, weil ich die ersten ‚Assassins Creed‘-Spiele geliebt habe. Ich könnte Raymond stundenlang zuhören welche Bücher und Filme sie zu ‚Assassins Creed‘ inspirierten und wie sie mit Unterstützung historische Fakten zum Untermauern sammelte. Ist euch Jade Raymond ein Begriff? Und habt ihr den Shitstorm vielleicht sogar miterlebt? Wie ist eure Einstellung zu Frauen, die das Gesicht von Kampagnen werden und den Titel Produzentin tragen? Nehmt ihr sie als Frauen in der IT-Branche wahr oder ist das eurer Meinung nach schon wieder ein anderes Paar Schuhe – IT-Abschluss hin oder her? Wie seht ihr das, dass sie sich so verhalten zum Thema It-Branche und Frauen äußert? Letztendlich ist es vielleicht wertvoller für die Taten und Erfolge wahrgenommen zu werden als für das Geschlecht?

Netzgeflüster ist eine Kategorie meines Blogs in der ich mich immer zwischen dem 10. und 15. eines jedes Monats Themen rund um IT, Forschung, Netzwelt, Internet und eben auch Gerüchten widme. 🙂