Netzgeflüster: Forbes denkt also, dass man nicht programmieren muss, um ein Programmierer zu sein …

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Neulich bin ich in den Untiefen des www über einen Artikel gestolpert, die mich auf professioneller Ebene sehr provoziert hat. Sie lautet „How To Become A Developer (Even If You Can’t Code)“ (zuletzt abgerufen am 14.05.17). Hm. Geht das? Um ehrlich zu sein: nicht, dass ich wüsste. Was weiß das Forbes Magazine, das ich nicht weiß!? Okay, wahrscheinlich viel. Aber was weiß das Forbes Magazine über Programmieren, das ich nicht weiß?

Forbes denkt also, dass man nicht programmieren muss, um ein Programmierer zu sein

Okay. Ich habe nicht vor das Forbes Magazine schlecht zu machen. Ich lese das normalerweise nicht und ein Artikel, der mich zudem auch noch sehr persönlich tangiert, sollte nicht ausschlaggebend für eine Meinungsbildung sein. Was aber diesen einen Artikel betrifft, so bin ich sehr skeptisch. Es ist meines Erachtens nach sehr unrealistisch zu schreiben „Many people want to become developers, but just don’t have the time or desire to learn to code.“ Erstens ist Lernen und sich weiterentwickeln gut. Wo kommen wir denn da hin, wenn niemand mehr lernt, um etwas zu erreichen? Und zweitens: das klingt für mich alles nach Business-Anekdoten, die versprechen, dass man sich auch irgendwie durchschlauchen kann. Und sowas macht mich etwas ärgerlich. Tatsächlich stellt das Forbes Magazin aber ein Konzept vor, dass es Menschen die nicht programmieren können, erlauben soll zu programmieren. Diese wären dann sogenannte Citizen Developers. Und das ist nichts, was sich das Forbes Magazine ausgedacht hat, sondern was sich scheinbar schon als Begriff etabliert hat. Allerdings muss ich zugeben, dass ich in den drei Jahren Berufserfahrung als Softwareentwicklerin noch nie über den Begriff gestolpert bin. Nimmt man meine Zeit als Studentin dazu, dann noch länger.

Was sind ‚Citizen Developers‘?

Laut dem Garner IT Glossary (Stand 14.05.17) ist ein Citizen Developer „[…] a user who creates new business applications for consumption by others using development and runtime environments sanctioned by corporate IT. In the past, end-user application development has typically been limited to single-user or workgroup solutions built with tools like Microsoft Excel and Access. However, today, end users can build departmental, enterprise and even public applications using shared services, fourth-generation language (4GL)-style development platforms and cloud computing services.“ Die Erklärung ist in dem Sinne erhellend, dass sie erläutert was genau für Software es ermöglicht zu programmieren ohne programmieren zu können. Also beispielsweise mit Tabellenkalkulation Skripte aufzusetzen, die was ausrechnen oder sich Fourth generation languages (SQL, Perl, Wolfram Language, …) zunutze machen, bei denen man ein relativ geringes set an Befehlen können muss oder reduzierter oder intuitiver sind. Auch What-You-See-Is-What-You-Get-Editoren (Klicki-Bunti) scheint das einzubeziehen. Wenn man es mal ganz krass ausdrückt ist jeder Blogger, der mit WordPress eine Seite zusammenschnipselt schon ein Citizen Developer, könnte man meinen. Forbes benennt außerdem noch Plattformen wie QuickBase und FileMaker. Damit würden laut Forbes die Citizen Developers die Softwareentwickler dabei unterstützen Anwendungen und Services zu bauen, indem sie die Fleißarbeit oder Arbeit an low-level-applications abnehmen.

Forbes und techopedia (zuletzt abgerufen am 14.05.17) geben außerdem an, dass Citizen Developers in der Regel viel Zuarbeit für interne Prozesse machen und keine Kunden-Anwendungen erstellen. Techopedia geht sogar soweit von Schatten-IT und den Risiken für bestehende Systeme zu sprechen und stellt die These auf, dass sich der Begriff deswegen entwickelt hat, weil Abschlüsse in IT nicht mehr den Stellenwert hätten, den sie mal hatten: „The rationale is that a formal computer science degree may be less valuable today than in the past and that new tools like cloud services and code abstraction platforms have allowed citizen developers to do more „programming on the fly,“ where they create applications without the specific commissioning of their employers.“ Obwohl es zahlreiche Webseiten gibt, die sich sehr lobend über citizen developer äußern (Oracle: „The Citizen Developer“, abgerufen am 14.05.17; „getting sh*& done“ – TechBeacon: „How IT can stop worrying and learn to love the citizen developer movement“, abgerufen am 14.05.17) und gar best practices anbieten (Zoho: „7 Best Practices to Be a World-Class Citizen Developer​“, abgerufen am 14.05.17), ist mir der Begriff bisher nie im Arbeitsumfeld begegnet. Da ist aber auch die Erkenntnis: auch in meinem Umfeld gibt es Citizen Developers, wenn man so will.

Warum Input von Nicht-Programmierern wichtig ist

So generell gesehen ist Input von Nicht-Programmiererin eine gute Sache. Es gibt Software-Tester, die fachliche Tests machen und damit Lücken und Corner Cases aufdecken, die den Programmierern durchaus einfach mal nicht auffallen. Als Programmierer muss man sich in zahlreiche fremde Themen einfühlen, auch wenn man vielleicht nicht viel Ahnung davon hat. Ich arbeite beispielsweise in einem Automotive Projekt, obwohl ich überschaubar viel/wenig über Autos weiß. Und so kann es möglicherweise passieren, dass man so vor sich hin-codet und mit Überzeugung etwas tut, was sich als fachlich falsch herausstellt. Usability-Experten und Designer sind wieder andere Spezialisten, die die Arbeit in der IT bereichern (und manchmal auch erschweren 😉 ). Sie sagen was an Oberflächen und Abläufen wie gestaltet sein sollte, um ein gutes Benutzererlebnis zu schaffen, barrierefreie Software zu entwickeln, etc. Und das sind nur zwei Beispiele für Leute in der IT, die nicht zwingend coden müssen. Aber Programmierer, die nicht coden müssen? Lasst es mich mal so ausdrücken: schwierig.

Theorie vs. Realität

Ich befürchte den Weg eines Citizen Developer gezielt einzuschlagen, wird einen nicht zum Heiligen Gral der IT führen. In meinem Umfeld gibt es einige Menschen, die eigentlich was anderes studiert oder gelernt haben, die aber irgendwie so in IT reingerutscht sind und quasi das machen, was hier als Citizen Developer bezeichnet wird. Es wäre unfair, wenn ich jetzt hier darüber sinniere, ob das der große Wurf ist. Für die einen mit Sicherheit, für andere vielleicht nicht. Denn die Sache ist die: man wird sicherlich als Citizen Developer an einen bestimmten Punkt kommen, wo es ohne coding Kenntnisse oder Hilfe nicht weitergeht. Das merke ich beispielsweise, wenn ich mal in die Situation komme mit einer Programmiersprache zu arbeiten, die ich nicht beherrsche. Nicht alles geht über googeln und learning-by-doing. Dazu kommt, dass man auch oftmals ein Verständnis für Prozesse haben muss. Logik, Mathematik, Server, REST, Antwortzeiten, Hardware, OCR, … und einfach Fachbegriffe.

Das Problem ist außerdem schon ein rein logisches. Wenn man Citizen Developer ist, wird man immer so gut sein wie seine Tools. Tools können abgelöst werden. Eingestampft werden. Nicht mehr unterstützt werden. Was macht ein Citizen Developer, wenn es seine Tools nicht mehr gibt? Welche Projekte und Beauftragungen bleiben, wenn das aktuelle vorbei ist? Java Developer und Web-Entwickler werden massig gesucht. Gibt es aber genügend Projekte und Plätze für Programmierer, die nicht programmieren? Die meisten Firmen werden vermutlich nicht in Citizen Developer investieren, sondern einfach schauen wer mit diesen Schatten-Aufgaben betreut werden kann so wie es sich oben in den Definitionen andeutet. Vielleicht ist das ein Konzept, dass auf dem US-Markt funktioniert, insbesondere wenn man bereit ist sehr mobil zu sein. Hier und da für Projekte zu arbeiten. Ich bezweifle das auf dem deutschen Markt Citizen Developer ein Berufsweg ist, den man gezielt einschlagen kann, wenn schon so stark an Berufszweigen wie Business Analyse und Usability gespart wird. Ich kenne viele Leute, die gerne in den Zweigen arbeiten würden, aber dort nicht Fuß fassen können, weil es zu wenig gefragt ist oder große persönliche Veränderungen mit sich bringt. Wie soll da jemand als Programmierer Fuß fassen, der nur WYSIWYG bedienen kann? Wenn man nebenbei in die Sache reinrutscht ist es mit Sicherheit nicht übel, man baut breit Wissen auf. Aber sich hinsetzen und sagen „Many people want to become developers, but just don’t have the time or desire to learn to code.“ – oh honey.

„How I Met Your Mother Clip 1 – „Oh Honey“, via LeanorPuccia67 (Youtube)

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Wie seht ihr das? Seid ihr vielleicht ‚Citizen Developer‘ und denkt, dass ich das falsch einschätze? Kanntet ihr den Begriff vorher? Und haltet ihr das für realistisch? Denkt auch ihr, dass Abschlüsse in der IT nicht mehr den Stellenwert haben wie früher? Ich halte das durchaus für möglich. Schließlich ist IT etwas, dass man durchaus zuhause am Rechner lernen und sogar ziemlich gut lernen kann. Aber ohne lernen geht es meines Erachtens nach nicht.

Netzgeflüster ist eine Kategorie meines Blogs in der ich mich immer zwischen dem 10. und 15. eines jedes Monats Themen rund um IT, Forschung, Netzwelt, Internet und eben auch Gerüchten widme. 🙂