Russischer Herbst: Hörbuch-Besprechungen zu Sergei Lukjanenkos Wächter-Reihe Band 1 „Wächter der Nacht“

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In der Beitragsreihe „Russischer Herbst“ und „Ukrainischer Herbst“ widme ich mich der Literatur und Filmen Osteuropas – den ganzen Herbst und Winter lang. Heute ist Sergei Lukjanenkos Fantasy-Epos der „Wächter“-Reihe dran, die mit „Wächter der Nacht“ („Ночной Дозор“) beginnt. Bereits als Teenager habe ich den ersten Teil gelesen, der mich irgendwie nicht abgeholt hat. Ob es mit den Hörbüchern anders ist, wird ein Experiment. Da ich mich aber was das Lesen betrifft, eher mit Klassikern auseinandersetze, sind die Fantasy-Hörbücher eine gelungene Abwechslung. Audible hat das ganze scheinbar auch sehr lukrativ gelöst. Zumindest lukrativ für Audible … . Den kompletten ersten Band gibt es nur in gekürzter Form. Möchte man es ungekürzt hören, dann muss man sich „Wächter 1-3“, d.h. drei Hörbücher statt einem, anhören. Für die Folge-Bände der Buchreihe gilt dasselbe. Zumindest wurde an denselben Stellen getrennt wie im Buch, der erste Band besteht nämlich tatsächlich aus drei Erzählungen.

„Wächter 1: Das eigene Schicksal“

Neben der Welt der Menschen existiert eine für ihre Augen quasi unsichtbare Parallelwelt von sogenannten Anderen. Sie haben Fähigkeiten, sind Magier, Vampire oder Formwandler. Sie gehören entweder der lichten oder der dunklen Seite an – die Entscheidung ist ihnen überlassen. Und sie unterstehen den Regeln des Pakts zwischen den Lichten und den Dunklen. Dass diese Regeln eingehalten werden, darum kümmert sich die Nachtwache, bestehen aus lichten Ermittlern und tagsüber die sogenannte Tagwache aus Dunklen. Anton Gorodezki weiß noch nicht lange, dass er ein Anderer ist. Er fristete eine Weile sein Dasein als Programmierer bis er sich erkannte und erkannt wurde. Er entschied sich für die Nachtwache und ist dort erst seit kurzem als Außenermittler tätig, wo er mit zwei Fällen konfrontiert wird, die bald ein dramatisches Ausmaß annehmen könnten. Zum Einen begegnet er dem Jungen Jegor, der fast Vampir-Futter geworden wäre und der das Zeug zu einem mächtigen Anderen hat. Jede Seite wird dafür kämpfen, dass er sich für ihre Sache entscheidet. Während er eigentlich den Vampir-Fall verfolgte, begegnet er aber auch Swetlana, die mit einem Fluch belegt ist, der so mächtig ist, dass er ganz Moskau aus den Angeln heben könnte.

Das ist ein bisschen viel für einen Ermittler, der gerade erst aus dem Innen- in den Außendienst der Nachtwache wechselte. Wie letzten Endes beide Fälle zusammenhängen ist spannend gelöst und siehe da: das Hörbuch wird von Oliver Brod und Achim Höppner weitaus sympathischer gelesen als ich Lukjanenkos Fantasy-Epos während des Lesens in meinem Kopf abspulte. Da wirkte es etwas zu selbstbewusst wie stark und vodka-getränkt alle Leute von der Nachtwache sind. Ein bisschen zu sehr auf Antiheld getrimmt, die letzten Endes doch tolle Burschen sind, denen keiner das Wasser reichen kann. Um solche niedergeschriebenen „Ich bin ja so ein rauer Außenseiter“-Egos ein bisschen mit den Füßen auf den Boden zu holen und sympathischer zu machen, braucht es eben manchmal eine sympathische Stimme ohne Pathos. Es ist schlau, dass Lukjanenko uns in die Welt der Tag- und Nachtwache einführt, indem wir jemanden begleiten, der noch nicht lange ein Anderer ist und jemanden kennenlernen, der im Begriff ist ein Anderer zu werden. So wirken die ganzen eingestreuten Erklärungen weitaus natürlicher und nicht wie eine überlange Exposition. Viele Ideen Lukjanenkos sind außerdem ziemlich cool. Sie streifen den Alltag der Menschen und ringen uns ein gedankliches bittersüßes Augenzwinkern ab, wenn wir das nächste Mal stolpern oder krank werden. Wurden wir vielleicht verflucht? Denn was sich in der Welt der Anderen abspielt, hat meistens eine Auswirkung auf uns ahnungslose, einfache Menschen. Auch die Idee des Zwielichts ist anders und interessant. Das ist eine Parallelwelt, die Menschen gar nicht sehen können und selbst für Andere ein unwirtlicher Ort ist, der ihnen Lebensenergie abzieht. Das Zwielicht ist wie unsere Welt, nur in einen Schatten gehüllt, der oftmals die Wahrheit hinter dem Schein zeigt: beispielsweise Lügen aus Zeitungsartikeln rauslässt. No-Fake-News-Papers. Aber dann gibt es altbekannte Fantasy-Aspekte und Muster. Echsenhafte Dämonen, Vampire, Formwandler, die sich in Bären und Tiger verwandeln und allzu formelhafte Handlungsstränge. Andere interessante Ideen werden aufgeschoben, was nicht zwingend Lukjanenkos Problem ist, sondern dass des in drei Teile geteilten Hörbuchs. Was wird aus Olga? Es gibt den einen oder anderen Haken in dieser durchwachsenen Fantasy-Kost.

Audibles Teaser gibt einen Vorgeschmack …

„Sergej Lukianenko – Wächter der Nacht – Hörbuch“, via Audible Deutschland (Youtube)

Die folgenden Besprechungen beinhalten Spoiler für „Wächter 1: Das eigene Schicksal“

„Wächter 2: Der eigene Kreis“

Die Handlung des zweiten Teils von „Wächter der Nacht“ setzt eine Weile nach den Geschehnissen des ersten Teils ein. Swetlana ist inzwischen der Nachtwache beigetreten, befindet sich aber noch in Ausbildung. An Anton nagen noch etwas die Geschehnisse rund um den Jungen Jegor und was sowohl Nacht- als auch Tagwache bereit sind zutun, um eine Vormachtstellung zu gewinnen. Trotzdem verteidigt er das Machtgefüge und die Balance zwischen Lichten und Dunklen vor Swetlana, die sich noch nicht so recht mit der Existenz der Dunklen abfinden kann. Warum mit ihnen kooperieren, wo sie doch „dunkle“ Werte vertreten? Offensichtlich kann sich auch ein weiterer Anderer nicht damit abfinden. Irgendjemand mordet wild dunkle Andere, zum Großteil aber eben welche, die ein einfaches Leben führten und bspw. nicht aktiv in der Tagwache waren, weswegen die Morde potentiell einen großen Zwist zwischen den beiden Seiten entfachen könnten. Hat die Nachtwache ihre Leute nicht im Griff? Die Nachtwache wiederum hält es für wahrscheinlich, dass der Mörder ein uninitiierter Anderer ist, also einer der noch nicht weiß, dass er ein Anderer ist und dass es die Tag- und Nachtwache gibt. Sie nennen ihn den „Wilden“. Dummerweise muss dessen Existenz bewiesen werden. Solange das nicht passiert, stehen einige Mitglieder der Nachtwache unter Verdacht. So auch Anton.

Und was macht man, wenn man magische Fähigkeiten hat, um Anton vor weiteren Verdächtigungen zu schützen? Na klar. Man lässt ihn mit Olga den Körper tauschen. Klingt das wie eine gute Idee? Ich habe da so meine Zweifel. Und ja: Olga darf im Vorfeld des Hörbuchs wieder ihre menschliche Gestalt annehmen. Die Nachtwache wird aber schnell merken, dass es nicht viel hilft Anton und Olga die Körper tauschen zu lassen, da Antons Wege (in Olgas Körper) trotzdem die des „Wilden“ kreuzen. Der zweite Teil von Wächter der Nacht ist damit sehr durchwachsen. Einerseits ist die Geschichte des Wilden spannend und wirkt nicht so abwegig. In der Mythologie der Wächter-Romane ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß ein nicht entdeckter Anderer zu sein. Die Zwiegespräche zwischen Swetlana und Anton über Sinn und Unsinn des Pakts, des Zusammenarbeitens und der gegenseitigen Akzeptanz von Gut und Böse adressieren zwar den grundlegenden Konflikt der Wächter (naja und auch ein bisschen der Menschheit), wirken aber schmerzhaft künstlich in die Geschichte eingestreut. Obwohl ich die Sprecher im Allgemeinen immer noch sehr gut finde, ist es allgemein meistens eher ein Krampf für die Ohren, wenn Männer Frauenstimmen imitieren. Zwar klingt es nicht wie eine Karikatur, aber wirklich gut ist es für meinen Geschmack auch nicht gelungen. Und die Geschichte vom Körpertausch ist leider auch ausgelutschter Fantasy-Käse, bei dem man sich fragen muss: was besseres ist Lukjanenko nicht eingefallen?

„Wächter 3: Im eigenen Saft“

Nach den Geschehnissen um Jegor und Swetlana und der Begegnung mit dem „Wilden“ ist Antons Moral am Boden. Hat er vor Kurzem noch Swetas Fragen über die Wache wie ein guter Soldat beantwortet, fällt es ihm inzwischen schwer in der Nachtwache nur noch Helles zu sehen. Vielleicht trägt auch die Hitze in Moskau ihr Übriges dazu bei. Der Chef stellt die Mehrzahl der Mitarbeiter der Nachtwache frei, sie sollen dem Sommer entfliehen und in Tigerjunges Datscha neue Kraft schöpfen. Anton kann sich aber kaum ablenken. Die Gedanken kreisen und kreisen und das bleibt nicht unbemerkt. Je mehr die anderen aber auf ihn einreden, erfährt er von großen Dingen, die schneller auf Sweta und ihn zugerollt kommen, als er gehofft hatte und fragt sich, ob er das Schicksal nicht doch noch aufhalten kann. Und genau hier ist der Knackpunkt bei dem der erste Wächter-Band schon beim Lesen vor vielen Jahren seine Glaubwürdigkeit für mich verloren hat. Die ganze Zeit wird darüber geredet, dass auf Sweta großes zukommt, dass sie in der Zukunft auseinander gebracht werden, sie bis dahin zu einer großen Magierin reifen muss. Es sind nur Monate oder Wochen vergangen, man hat wenig davon mitbekommen welche Gestalt Swetas Fähigkeiten haben – eigentlich gar nichts. Aber plötzlich ist der große Moment gekommen. Gut, der hat wie vieles in den Wächter-Erzählungen einen Twist, aber trotzdem wirkt das überstürzt und kommt dann nicht mal zu einem richtigen Abschluss. Alles, was man gern wüsste rund um die Kreide und die Schicksalsbücher erfährt man nicht und wird somit sanft in die Richtung der Folgebücher der Reihe geschubst. Sehr störend, wenn man ohnehin nicht gerne Buchreihen liest. Für mich liegt die Kunst bei einer Buchreihe darin auch bei einem Band der Reihe einen würdigen Abschluss zu finden, den man so wie er ist stehen lassen kann.

Ein weiterer Kritikpunkt, der Im eigenen Saft für mich zu der schwächsten der bisherigen Erzählungen macht, ist dass Anton zunehmend verzweifelt ist und nicht möchte, dass Sweta und er durch ihr Kräfteungleichgewicht und großen Plan auseinanderdriften. Andererseits ist es wohl die leidenschaftsloseste und unromantischste Vielleicht-Beziehung, von der ich jemals in irgendeinem Buch gelesen habe. Da sprüht kein Funke. Die Gleichung geht einfach nicht auf. Ähnlich schwierig ist der Pathos, der sich entwickelt hat und die Fantasy-Stereotypen. Mit Pathos meine ich die zunehmenden bedeutungsschwangeren Erklärungen über die Fähigkeiten und Charaktere der Nachtwache, die alle als sehr überlegen darstellen. Zu Beginn der Geschichte sind Erklärungen noch gut und notwendig, aber irgendwann redundant und wirken nur als Proklamation der Überlegenheit gegenüber den Menschen, gegenüber anderen Anderen, etc. Was den anderen Kritikpunkt betrifft, so ist es evtl ein Problem, das man bei Fantasy-Literatur oft antrifft. World-Building bezeichnet nicht umsonst, klar: das Bauen einer Welt. Oftmals entsteht so ,manchmal ungewollt, manchmal aus Ungeschicktheit, der Effekt, dass man sich große Ereignisse, Fähigkeiten, Waffen und Artefakte als deus ex machina immer dann auftreten lässt, wenn man sie eben braucht. Das wirkt dann eben manchmal allzu einfach. Mit der Kreide und dem Schicksalsbuch hat Lukjanenko eigentlich sehr spannende Artefakte gewählt. Aber sie tauchen an sehr gefälligen Zeitpunkten auf und ohne große Andeutungen oder Planung. Eben wie deus ex machine. Was man Lukjanenko wiederum auch zugute halten muss, ist dass er in seiner Fantasy-Reihe sehr schnell an den Punkt kommt, wo Schwarzweiß-Denken als fataler Fehler dargestellt wird. Das Gute ist nicht nur gut, das Böse vielleicht auch nicht nur böse. Und das wird anhand von Antons innerem Kampf deutlich. Das nun natürlich der Reihe nach jeder in dieser Erzählung während des Urlaubs in der Datscha auf ihn einreden muss, hätte ich nicht gebraucht. Redundant, nicht zuletzt weil keiner so richtig tacheles redet. Apropos Datscha – die Wächter-Reihe ist eine der wenigen Fantasy-Reihen, die ich bisher gelesen habe, die wirkliches Lokalkolorit einfängt. Die Schauplätze vieler Bücher könnte man überall hinverlegen, was wiederum ein gewisses Gefühl der Allgemeingültigkeit und Immersion unterstützt. Aber mal wirklich etwas über ein anderes Land in einem Buch zu lesen und Atmosphäre und Luft dort zu schnuppern ist eigentlich sehr cool. Nur ob ich die Datscha nicht etwas zu stereotyp finde, muss ich mir noch überlegen 😉

Fazit

Nun habe ich gerade mit positiven Dingen geschlossen, dann mache ich auch damit weiter. Der Lokalkolorit, der sich in die Wächter-Reihe mischt, ist tatsächlich eins meiner größeren Pluspunkte. Egal ob Datscha, Moskauer Stadtleben, Wahrzeichen der Stadt (Fernsehturm Ostankino bspw.) oder auch einfach die Nennung der Spitznamen  (Sweta, Olja, Antoschka, …) und Vatersnamen – man spürt wo die Reihe spielt und dass das ein Teil der Genetik der Bücher ist. Und das ist mal eine schöne Abwechslung zu den oftmals allgemeingültig gehaltenen Schauplätzen und gar komplett erdachten. Das wahrscheinlich größte Plus ist aber, dass Lukjanenko seine Story um zwei Seiten und ihre Absichten und Zusammenarbeit von Anfang an als eine Geschichte voller Grauschattierungen anlegt. Alles andere wäre auch zu plakativ und einfach gewesen, wenn man eine Seite als „Die Guten“ und die anderen als „Die Bösen“ darstellt. Das ist ein Muster, das schnell zu politischem Denken führt. Andererseits strotzt die Geschichte nur so vor starker-Mann-Mentalität. Jeder hat versteckte Fähigkeiten, eine hidden agenda, einen Plan B und es wird jedes Mal so verpackt, als ob es epochale Ausmaße annimmt. Einfach zu glatt. Das Buch ist damit voller Fake-Antihelden. Sie sollen down-to-earth oder abgründig wirken, trinken Vodka und sind stärker als sie den Anschein machen – aber dafür werden sie viel zu oft nach hinten raus als großartig dargestellt. Der Fehler liegt im Grundprinzip der Bücher. Dadurch, dass sich die Anderen so von den Menschen absetzen, werden sie als fern jeglicher menschlichen Makel beschrieben und wirken letzten Endes daher nur … großkotzig. Sie haben nur noch wenig Identifikationspotential. Wann hat Anton mal Angst empfunden? Das wird auf Dauer sehr anstrengend genauso wie die vielen Erklärungen über die Welt der Anderen, die sich leider auch wiederholen. Vielleicht waren die Geschichten mal als einzelne Bücher angelegt – das würde den Umstand schon mal erklären. Davon mal abgesehen sind die Fakten der Welt der Anderen sehr wackelig. Mal ist Anton ein durchschnittlicher Magier zweiten Grades, mal ist der Staatsfeind Nr. 1 und ein potentieller Magier 3. Grades. Mal muss Sweta lange ausgebildet werden für eine große Sache. Dann ist die Sache plötzlich da, Swetas Macht wurde aber eigentlich nie demonstriert. Die Fantasy-Elemente stehen auf einem sehr wackeligen Fundament, was den Eindruck erweckt, dass Lukjanenko sich die Fantasy-Aspekte so zurechtlegt wie es gerade passt um voran zukommen. Zumindest für mich als jemand, der moderat viel Fantasy liest (und meist kritischer sieht als Science-Fiction) ist das typischer Fantasy-Schmalz mit typischen Fehlern von Fantasy-Schmalz. Sprich: für mich funktioniert es einfach nicht. Ich werde die Reihe nicht weiterverfolgen – zum zweiten und mit Sicherheit letzten Mal. Aber ich denke, dass Fans von Urban Fantasy, die mehr Geduld haben als ich und die Russland als Schauplatz spannend finden, sehr viel Freude an der Reihe haben können.

Bisherige Artikel der Beitragsreihe

I: Ankündigung
II: Sachbuch-Besprechung zu „Russische Geschichte“ von Andreas Kappeler

Header image photo credit: Vyacheslav Argenberg

Man merkt dem Artikel wahrscheinlich an, dass das Genre Fantasy es bei mir schwer hat. V.A. dann wenn es sehr formelhaft angelegt ist. Ich setze noch einen drauf und behaupte mal, dass das der Grund ist, warum viele Young-Adult-Reihen nichts für mich sind. Bin ich da zu hart? Wie ist eure Einstellung zu Fantasy? Was funktioniert da bei euch gut? Und was nicht? Kennt ihr mehr russische Fantasy-Lektüre? Oder vielleicht sogar die Wächter-Romane? Und wie haben sie euch gefallen? Es ist verblüffend wie gut mir die Reihe beim erneuten Hören am Anfang gefiel und mich letzten Endes doch wieder dasselbe störte wie vor vielen Jahren.