ausgelesen: Michael Ende „Die unendliche Geschichte“

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„Einige glauben nur dann glücklich sein zu können, wenn sie woanders wären, als sie sind, und reisen ihr Leben lang durch die Welt. Und ein paar finden keine Ruhe, ehe sie nicht mächtig geworden sind. Kurzum, es gibt soviele verschiedene Leidenschaften, wie es verschiedene Menschen gibt. Für Bastian Balthasar Bux waren es die Bücher. […] Wer niemals offen oder im geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen mußte von den Gestalten, mit denen man gemeinsam soviele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien – Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat.“ p. 11

Das Zitat klingt zwar nach dem Anfang der Reise und des Buches, aber es beschreibt Michael Endes Unendliche Geschichte insgesamt. Darin findet der Junge Bastian Balthasar Bux in einer Buchhandlung eine Geschichte, die ihn von der ersten Sekunde an fasziniert. Auf dem Buch thront der Titel „Die unendliche Geschichte“. Er folgt einem Impuls, dessen er sich später schämen wird und doch gleichzeitig nicht: er nimmt das Buch einfach mit während der Buchhändler Karl Konrad Koreander abgelenkt ist. Er versteckt sich mit dem Buch auf dem Dachboden seiner Schule und liest. Eine Realitätsflucht, die Bastian so klar ist wie dem Leser. Seine Mutter ist vor einer Weile gestorben und seitdem lebt er alleine mit seinem Vater. Beide verarbeiten den Verlust nur schwer. Aber anstatt sich Halt zu geben, driften sie weiter auseinander. Bastian ist kein beliebtes Kind. Er ist dick, unsportlich und hat wenig Freunde. Sein Talent für das Erfinden fantastischer Geschichten interessiert wenige seiner Altersgenossen und seine Gutmütigkeit macht ihn zum Opfer von Hänseleien. Er versteckt sich lieber vor der Welt und liest. So wie jetzt. Und er ist mittendrin, als er von Phantásien erfährt – einer fantastischen Welt voller bunter, mutiger, besonderer Bewohner, die aber von dem „Nichts“ bedroht wird.

Das „Nichts“ scheint Phantásien Stück für Stück aufzufressen und die Karte des fantastischen Landes mit leeren, grauen Flecken zu hinterlassen, wo es früher lebendig war. Es verschlingt seine Bewohner, seine Fauna, seine Flora. Bastian liest in dem Buch von der kindlichen Kaiserin, die krank geworden ist. Ihr Zustand und der Phantásiens sind miteinander verbunden. Wird sie errettet, dann auch das Land. Atréju, ein junger Held, wird dazu auserkoren die Lösung zu finden und wie man die kindliche Kaiserin retten kann. Dabei muss er viele Abenteuer bestreiten und läuft von einer fantastischen, aber meist gefährlichen Situation in die nächste. Es ist als ob ihn die Suche durch ganz Phantásien führt. Dann verdichten sich aber die Hinweise und dem Lesenden Bastian wird klar: er ist die Lösung zur Heilung der kindlichen Kaiserin und Errettung Phantásiens.

Michael Ende spielt mit den Gegensätzen, der Fantasie und der Liebe zu Büchern. Ein Leser ist normalerweise psychisch und physisch dicht an einem Buch dran. D.h. körperlich, weil wir das Buch wahrnehmen, in Händen halten oder hören. Psychisch, weil wir uns hineinversetzen. Aber er geht noch einen Schritt weiter und schafft die finale Immersion: er schickt Bastian an unserer Stelle mitten in die Geschichte. Er macht den Leser zum Motor einer fantastischen Welt. Bastian begegnet schon bald den Helden, von denen er eben noch gelesen hat. 🙂 Und er wird selber ein Held – mit Folgen. Dabei bleibt Bastian ein sympathisches Kerlchen. Verallgemeinerungen sind zwar nur ein Stück weit vom fiesen Vorurteil entfernt, aber ich stelle trotzdem einfach mal die Behauptung auf, dass sich die meisten Bücherfans in ihm wiederfinden. Vielleicht in seiner introvertierten Art, seiner Liebe zum Buch, seinem Eskapismus. Er ist ein sehr menschlicher Held. Ein weiterer Umstand, der es so einfach macht sich in die Geschichte zu versetzen. Und vielleicht so mit ihr zu verschmelzen wie es Bastian tut!? In wessen Kopf hat sich nie das Szenario abgespielt: „was, wenn ich jetzt in der Geschichte wäre?“ Wer hat sich noch nie gefragt, was er zu seinen Helden sagen würde? Oder gewünscht, dass er den Tag rettet? Michael Ende macht das wahr. Feiert das. Ich finde es großartig. Als Bastian das Buch beschreibt, merkt man: es ist das, was ich gerade in Händen halte. Wir halten.

„Und wer weiß, welcher andere Leser ihn jetzt gerade las, der auch wieder nur glaubte, ein Leser zu sein – und so immer weiter bis ins Unendliche!“ p. 188

Selbst die Aufmachung des Buches feiert Geschichten und spielt mit ihren Möglichkeiten. Ich hatte Glück und konnte die preisgekrönte Ausgabe von 1979 aus dem Thienemann Verlag mit Illustrationen von Roswitha Quadflieg gebraucht kaufen. Das bedeutet allerdings warten. Ca eineinhalb Jahre musste ich warten bis es die Ausgabe mal zu einem Preis unter hundert Euro gab. In der wird wunderbar mit dem Schriftbild gespielt. Zwei Farben deuten an, wo man sich befindet. In der Realität, in die Bastian geboren wurde (purpurfarbene Schrift) oder Phantásien (grüne Schrift). Jedes Kapitel beginnt mit einem Buchstaben des Alphabets, das ganzseitig illustriert die jeweilige Stelle des Buches einfängt. Und das auch in alphabetischer Reihenfolge! Michael Ende hatte keine Angst vor dem X oder dem Y – er hat seine eigens gewählte Aufgabe offenbar mit Leichtigkeit gelöst. Es ist mein erster Michael Ende und seine Geschichte wirkt auf mich wie ein unendlicher, nie versiegender Fluss an Fantasie – alleine all die Kreaturen! Zwar ist seine Beschreibung Bastians und manche Wortwahl sichtlich gealtert und wirkt nicht mehr unbedingt aktuell, aber seine Figuren und der Inhalt der Geschichte entlarven. Sie sprechen durch die vierte Wand mit unserem geistigen Vertreter Bastian und er beschreibt Phantásien bildhaft. Alleine Fuchurs „bronzende Stimme“ ist eins vieler wunderbarer Bilder, die hängen bleiben, als auch die dem Buch inneliegende zauberhafte Ideenwelt. Man nehme beispielsweise die kindliche Kaiserin, deren Leben sich nicht nach Dauer messen lässt, sondern nach „Namen“. Die unendliche Geschichte ist detailverliebt, augenzwinkernd, übersprudelnd vor Ideen, erfrischend.

„Wie sie erklärten, stammte es von einem Phantasienreisenden aus längst vergangenen Tagen, der Schexpir oder so ähnlich geheißen hatte.“ p. 273

Scheinbar aber auch einer der Kritikpunkte, die einst viele an Michael Ende hatten. Er wurde noch zu Lebzeiten berühmt und seine Geschichten auf der ganzen Welt bekannt. Aber das Feuilleton, die Kritiker und erlauchten Literaturschaffenden schienen ihn zu verklären und als Schreiber von Kinderbüchern abzutun. Laut michaelende.de soll er gesagt haben „Man darf von jeder Tür aus in den literarischen Salon treten: aus der Gefängnistür, aus der Irrenhaustür oder aus der Bordelltür. Nur aus einer Tür darf man nicht kommen, aus der Kinderzimmertür.“ Es ist eine traurige Botschaft, die damals gesendet wurde. Wie kann man Ende vorwerfen nur Eskapismus zu betreiben und nicht für das Leben vorzubereiten, wenn er so liebevolle Geschichte schreibt, den Menschen im innersten so gut versteht und solch deutliche Botschaften mit auf den Weg gibt wie diese:

„‚Nur ruhig, kleiner Narr‘, knurrte der Werwolf, ’sobald die Reihe an dich kommt, ins Nichts zu springen, wirst auch du ein willenloser und unkenntlicher Diener der Macht. Wer weiß wozu du ihr nützen wirst. Vielleicht wird man mit deiner Hilfe Menschen dazu bringen zu kaufen, was sie nicht brauchen, oder zu hassen, was sie nicht kennen, zu glauben, was sie gefügig macht, oder zu bezweifeln, was sie erretten könnte.'“ p. 144

So bleibt es auch nicht bei Bastian, der als Leser in die Geschichte gezogen wird und den Tag rettet. Das ist nur die erste Hälfte des Buches. Danach folgt ein Cut, in dem Bastian scheinbar ziellos Phantásien erkundet. Die kindliche Kaiserin gab ihm mit AURYN ein magisches Objekt, das jeden seiner Wünsche erfüllt. Ein Objekt im Geiste eines deus ex machina, das alles kann – fast zu einfach, oder? Falsch. Und richtig. Denn Bastian erliegt dem Denken sich mit der ihm zugefallen Macht zu einem anderen, besseren, einem „heldenhafteren“ Helden zu machen. Das Streben nach Perfektion gemessen an falschen Werten und faulen Idealen steht im zweiten Teil somit hart in der Kritik. Bastian will schöner, stärker, schlauer sein. Auf Kosten all der Werte, die er schon längst besaß. Vor Allem dann als Bastian in die törichte Denke verfällt „Ich will, daß sie wollen was ich will.“ (p. 351) nimmt die Geschichte eine herbe Wendung. Seine Reise wird zu einer die Realisation erfordert: derjenige ist arm dran, der ein anderer sein will ohne sich ändern zu wollen. Ohne Schweiß und Mut aufzuwenden. Der Cut in der Mitte lässt den Leser zwar sehr orientierungslos zurück und man muss sich durch einige Passagen kämpfen, deren Relevanz sich nicht erschließt und die auch später noch zu langgezogen wirken, aber es ist eben eine Ode an die Fantasie – eine Geschichte voller Geschichten. Darin kann man sich schon mal gerne verlieren. Und die Botschaft ist für Kinder wunderschön und sehr menschlich, für Erwachsene entlarvend. 😉

Fazit

Wunderbare Geschichte, die mit Sicherheit einen besonderen Reiz ausübt, wenn man sie als Kind oder Jugendlicher liest, aber auch für Erwachsene nicht seine Wirkung verfehlt, wenn man sich darauf einlässt. Es steckt voll augenzwinkernder Weisheit 😉 Ich wünschte ich hätte Michael Ende treffen können.

„Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂