ausgelesen: Margaret Atwood „The Testaments“ (engl. Ausgabe)

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Die Hardcover-Ausgabe von The Testaments ist ein martialischer Türstopper. Großformatig, massiv, schwer. Wortwörtlich biblischen Ausmaßes? Sage und schreibe 34 Jahre nachdem Margaret Atwoods The Handmaids Tale erschien, wurde die Handlung 2019 in The Testaments fortgesetzt. Irgendwann innerhalb dieser Zeitspanne wurde ich geboren, wuchs auf und las The Handmaid’s Tale – wie soviele Menschen vor und nach mir. Schaute die Filmadaption von Volker Schlöndorff und auch die Serie mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle. Alle drei bisherigen Staffeln. Das beweist wohl, dass The Handmaid’s Tale nichts an Aktualität und Wucht verloren hat. Denn der Stoff adressiert wie schnell sich eine Gesellschaft in die Steinzeit zurückentwickeln kann. Und auf was für wackeligen Beinen die angebliche Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, „Lebensmodelle“ und Kulturen steht. Hat die Welt aber angesichts all dieser Adaptionen und des Handmaid-Hypes auf The Testaments gewartet?

„Thirteen is not too young. It all depends.“

Ich wage es zu antworten und sage: nein. Das klingt jetzt hart, aber soviel sei auch festgestellt: The Testaments ist ein spannender Roman, keine Frage. Aber es fungiert meines Erachtens vorrangig als eine Ergänzung vor Allem für diejenigen, die mit dem offenen Ende von The Handmaid’s Tale nicht klarkamen. Es erzählt die Geschichte verschiedener Charaktere inner- und außerhalb Gileads einige Jahre nach den Geschehnissen von The Handmaid’s Tale. Gilead existiert offenbar noch und versucht seinen Einfluss zu vergrößern. Beispielsweise durch gute Publicity, durch Missionare – die sogenannten Pearl Girls. Vorrangig schauen wir durch die Augen von drei Erzählerinnen. So durch Aunt Lydia, die sowohl Lesern als auch Fans der Serie ein Begriff sein dürfte.

„Think of me as a guide. Think of yourself as a wanderer in a dark wood. It’s about to get darker.“ p.141

Außerdem aus der Sicht eines Mädchens, das in Gilead aufwächst und ihre Teenagerjahre grundsätzlich anders verbringt als ich meine verbracht habe. Sie stickt viel. Sie bedauert ihre biologische Mutter nicht zu kennen und dass sie ihre Ziehmutter verloren hat. Was sie nebenbei alles beides in der Gunst und dem unsichtbaren Teil des Klassensystems in Gilead sinken lässt. Und sie soll im zarten Alter von 13 an einen viele Jahre älteren Mann verheiratet werden. „Ob das nicht etwas früh ist?“ – „Ach was, die wachsen da schon rein!“

Die dritte Ich-Erzählerin heißt Daisy, ist ebenso im Teenageralter und lebt in Kanada. Durch ihre Augen sehen wir auf Gilead mit der Wahrnehmung der „aufgeklärten“ statt „verklärten“ Welt. Daisy nimmt an Demonstrationen teil und beäugt Gilead kritisch. Ihre Eltern werden bei einem Anschlag getötet. Sie stehen im Verdacht Helfershelfer der Female Underground Railroad zu sein, die Handmaid’s oder deren Kinder aus Gilead schleust und Daisy wird von eben jenen Widerständlern unter die Fittiche genommen. Beide Mädchen könnten kaum unterschiedlicher sein, was den Leser*innen deutlich vor Augen geführt wird.

„Torture is like dancing: I’m too old for it.“

The Testaments ordnet sich v.A. in den Kanon des Romans ein, aber nur teilweise in den der Serie. So ist Lydia hier in der Zeit vor Gilead eine Richterin, während sie in der Serie eine Lehrerin war. Es ist also in jedem Fall eine Fortführung des Romans, nicht der Serie, auch wenn Margaret Atwood dort beratend tätig ist. Es treten noch mehr aus der Serie bekannte Charaktere auf, die im Roman nicht auftraten. Aber um niemanden die Freude des Wiedererkennens und Realisierens zu nehmen, verschweige ich an dieser Stelle wer. In jedem Fall hat Margaret Atwood gefühlt eine Menge Fanservice betrieben mit der Wahl der Charaktere. Aber andererseits: wenn es gar keinen Bezug zu brennenden Fragen von The Handmaid’s Tale gegeben hätte, wäre ich wie vermutlich viele Leser auch nicht zufrieden.

Atwood denkt Gilead v.A. aus den Perspektiven weiter, die uns bisher vorenthalten geblieben sind. Aus Sicht der „Aunt“. Es wird beispielsweise vielfarbig beschrieben wie Aunt Lydia einst „gekidnapt“ wurde und sich dem System anschloss. Und das sorgt aus vielerlei Gründen für Entsetzen. Auch das Aufwachsen in Gilead und wie es sich anfühlt dort zur Schule zu gehen, bekommt Aufmerksamkeit. Und schockt. Die Formel von The Handmaid’s Tale und Margaret Atwoods schockierender (und schockierend realistischer) Dystopie geht nach wie vor auf. Zum Großteil jedenfalls. Ich bin beim Lesen des öfteren stutzig geworden, welche Freiheiten die Aunts genießen und wie sie die Geschickte vieler in ihrem Umfeld lenken können. Es mag sein, dass das nur mit viel Rafinesse geht und eventuell nur zu einem hohen Preis. Ebenso wie das diverse Flüchten über Grenzen. Rein und raus. Ist das nicht alles etwas zu einfach?

„Under some conditions, smiling is a workout.“

Vielleicht ist mein Eindruck von dem Leben und Sterben in Gilead ja zu sehr von der Serie geprägt und die entwickelt sich möglicherweise eben doch in eine andere Richtung als die Bücher, aber was ich in The Testaments gelesen habe, passt nicht mit meinem bisherigen Eindruck des Worldbuildings zusammen. Ich hielt es für schwieriger und für unmöglich als Frau irgendwas in Gilead stärker zu beeinflussen ohne aufzufliegen, sich eine Kugel zu fangen oder irgendwas abgehackt zu bekommen. Oder zu sterben.

Natürlich entwirft Margaret Atwood immer noch ein brisantes und bissig kommentiertes Bild. Ich habe The Testaments gern und mit Spannung gelesen. Aber es schien mir nicht zum Kanon zu passen. Und manchmal als Bruch mit den Konventionen der Welt. Ein Beispiel: Aunts können sich Namen aus einem Verzeichnis aussuchen. Diese Namen sind nicht selten Dingen entliehen, „die Frauen früher mochten“. Neben blumigen Namen, steht da auch mal „Maybelline“. So wie die Kosmetikmarke? Wer würde erlauben, das daran erinnert wird?

„What my father was doing in there was said to be very important – the important things that men did, too important for females to meddle with ecause they had smaller brains that were incapable of thinking large thoughts, accordint to Aunt Vidala, who taught us Religion.“ p.15

„“It was always a cruelty to promise them equality,“ he said, „since by their nature they can never achieve it. We have already begun the merciful task of lowering their expectations.“ p.175

Die Cover- und Buchgestaltung ist smart und geht auf Grün als Farbe der angehenden Bräute ein. Nur ist das „Frühlingsgrün“ hier vermutlich bewusst ein ätzendes Neon-Giftgrün. Denn die Frauen hier haben noch eine Stimme und können zuschlagen. Sie sind nicht hilflos, auch wenn die vielen entlarvenden Kommentare Gileads etwas anderes behaupten. Alleine das lesen derer gibt Aufschluss darüber zu was für einem minderbemittelten, quasi nicht mündigen Etwas Frauen degradiert werden. Schaut man in der Umschlagsgestaltung genau hin, sieht man Frauen- und Mädchensilhouetten in den Handmaid’s verborgen. Welche, die ihr Haupt nicht verstecken müssen. Die sagen „Ich bin da“.

Es gibt sicherlich viele Leser*innen, die nach nach dem Ende von The Handmaid’s Tale Geschlossenheit statt offene Enden suchen und hier kommt Margaret Atwood denjenigen mehr als entgegen. Ich hatte schon bei der überraschenden Ankündigung von The Testaments so meine Zweifel, dass das für mich gut funktionieren kann, da ich auch das offene Ende des Vorgängerromans als sehr passend und stimmig erachte. Auf Goodreads habe ich es so ausgedrückt: als Teil des Kanons sind es für mich 3 von 5 Sterne, als eigenständiges Buch 4 von 5. Abgesehen von dieser kleinen Dissonanz ist es durchaus ein entlarvendes Weiterdenken der Dystopie.

„It’s better that way, and I am a great proponent of better. In the absence of best. Which is how we live now.“ p.215

Fazit

Gibt Lesern die mit dem offenen Ende in „The Handmaid’s Tale“ nicht einverstanden waren etwas mehr Geschlossenheit, aber verhält sich ein wenig dissonant zu dem, was wir glauben über Gilead schon zu wissen.

Besprochene Ausgabe: ISBN 978-1-784-74232-4, Chatto & Windus

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂