Ein Vormittag im „Grand Budapest Hotel“ – das Kaufhaus Görlitz

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Im Juni hatte ich die Gelegenheit meine liebe Bloggerkollegin und Freundin Sani Hachidori zu besuchen und einen Rundgang durch die Filmstadt Görlitz zu machen. Dazu zählte auch mit freundlicher Unterstützung des Projektteams Kaufhaus Görlitz ein Besuch in dem Gebäude, das im oscarprämierten Film „The Grand Budapest Hotel“ die geheime Hauptrolle spielte. Nämlich das Hotel höchstselbst. Willkommen im Grand Budapest Hotel.

Das Kaufhaus

1912 begannen die Bauarbeiten an dem Kaufhaus nach Plänen des Achitekten Carl Schmanns. Das entstandene Jugendstil-Kaufhaus wurde in nur 9 Monaten aus dem Boden gestampft. D.h. nicht direkt aus dem Boden. Zuvor befand sich an dem Standort der Gasthof „Goldener Strauß“, von dem das Gebäude seinen späteren Namen „Kaufhaus zum Strauß“ erben und sich unter verschiedenen Eigentümern fast 100 Jahre lang halten sollte. Bis zum zweiten Weltkrieg war es ein Karstadt-Kaufhaus, in der DDR gehörte es zu den Centrum-Warenhäusern, nur um dann nach der Wiedervereinigung wieder von Karstadt betrieben zu werden. 2007 kam es zu Umstrukturierungen seitens Karstadt und das Görlitzer Warenhaus wurde inzwischen ein Hertie-Kaufhaus bis die Filiale 2009 geschlossen wurde. Nach Jahren des Leerstands kaufte der Unternehmer Winfried Stöcker das Gebäude 2013. Voraussichtlch wird es 2017 wiedereröffnet und zum ursprünglichen Zweck als Kaufhaus wiederbelebt. Die Bauarbeiten sind im Gange.

Willkommen im Grand Budapest Hotel

Wes Andersons Film „The Grand Budapest Hotel“ erzählt die Geschichte des Lobby Boys Zéro Moustafa und seines Vorbilds, des Concierges Monsieur Gustave H. Sie arbeiten im gleichnamigen, berühmten Hotel in der Republik Zubrowka in den 1930er Jahren. Ein Todesfall, eine Erbschaft und die Liebe bringen das Leben beider durcheinander und entführen uns in der sympathischen Tragikomödie an einen fiktiven Ort mit liebenswert schrägen Charakteren. Anderson ist als Regiesseur für seine Kreativität und Liebe zu schrulligen, kantigen, aber liebenswerten Charakterköpfen bekannt (u.a. Der Fantastische Mr Fox, Die Royal Tenenbaums). Die Welten in denen sich diese bewegen sind genau abgestimmt: Atmosphäre, Optik, alles passt zusammen, als wäre es unabstreitbar schon immer so gewesen und vollkommen natürlich. Die Liebe zum noch so kleinsten Detail mit ein wenig Übertreibung macht Andersons Filme zu welchen, denen man ansieht wie deutlich seine Vision der Geschehnisse ist. Zwar ist The Grand Budapest Hotel wie Andersons andere Werke abseits des üblichen Mainstream-Kinos, aber ein echter Gewinner. Nämlich von u.a. vier Oscars, was mich als Filmfan wieder an die Magie des Kinos glauben lässt und daran, dass auch andere diese Magie sehen.

Heimlicher Hauptdarsteller des Films ist natürlich auch die Kulisse: Dreh- und Angelpunkt der Filmhandlung über mehrere Zeitebenen hinweg. Der Innenraum des Hotels wurde im Görlitzer Kaufhaus gefilmt, während die Außenaufnahmen und einige andere Szenen an weiteren Drehorten in Görlitz, Dresden und Potsdam entstanden. Die Vorbilder des Hotels waren beispielsweise das Hotel Imperial und Palace Bristol in Karlsbad. Den Karlsbader Hirschsprung erkennt ein Fan des Films mit Sicherheit auch wieder. Das Filmteam entschied sich für Drehorte u.a. in Brandenburg und Sachsen, um ihre Vision Realität werden zu lassen. „Wie wird so ein Filmteam auf einen Standort aufmerksam?“ fragte ich Lisa Helmers, die uns während unseres Rundgangs durch das Kaufhaus Rede und Antwort stand. „Dank Karteien und Motivscouts. Und natürlich dank der Öffentlichkeitsarbeit hier in Görlitz.“ In der Stadt wurde bisher nicht nur ein Film gedreht. In Görlitz ist die Architektur verschiedenster Epochen erhalten geblieben, was die Stadt als Drehort attraktiv macht. „Man muss schon ein bisschen Pionier sein“ sagt sie. Wenn es darum geht was zu bewegen, Menschen in die Stadt zu bringen, Wirtschaft zu fördern und neue Wege zu beschreiten, muss man Coolness bewahren und sich auch mal was trauen. Da wird eben Mist auf dem Untermarkt aufgeschüttet oder Straßen gesperrt. Aber es tut sich was in Görlitz. Während der Dreharbeiten wurden ortsansässige Handwerker mit Arbeiten am künftigen „Grand Budapest Hotel“ beauftragt. Lisa Helmers ließ uns außerdem wissen, dass die goldenen Verzierungen der Säulen noch ein „Grand Budapest Hotel“-Relikt seien. Normalerweise sind die Produktionsteams dazu angehalten die Veränderungen, die sie vorgenommen haben, wieder aus der Welt zu schaffen. Im Falle des Kaufhauses gab es aber mehrere Baustellen und die Filmschaffenden wurden vor die Wahl gestellt, was sie wieder in Ordnung bringen. Zumal sich das Kaufhaus in der Sanierung befindet. Im Feature-Clip des Films kann man die Transformation beobachten.

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Die Zukunft

2017 soll das Kaufhaus der Oberlausitz (KaDeO) seine Pforten nach aktueller Schätzung wieder öffnen und auf das Datum wird fleißig hingearbeitet. Dabei kann nicht gewütet werden wie man gerade lustig ist: das Gebäude steht unter Denkmalschutz und im Sinne der Görlitzer, die ihr Kaufhaus vermissen, soll der Jugendstil-Charme erhalten werden. Das stellt das Team hinter dem Kaufhaus sowie Architekten und Planungsbüro vor Fragestellungen, die in die Zeit der Errichtung 1912 noch nicht passten. Zu niedrige Geländer beispielsweise. Oder wie erhält man die Ornamente und die Glaskuppel? Wie bessert man den Marmor aus? Das klingt nach Detektivarbeit. Der Marmor kommt ursprünglich aus der Toskana. Die Lausitz soll ganz ähnlichen haben. Die Glaskuppel musste neu bemalt werden. Und die Farbe sollte allen äußeren Einflüssen standhalten. Mischungen wurden getestet, gegen Hitze, Eis und Feuchtigkeit bis ein Gewinner gefunden ist. Aber man sieht, dass sich was tut im Kaufhaus. Und das macht sich nicht nur an der Musterfläche bemerkbar, auf der geprobt werden kann wie so ein Geschäft später ausgestattet wird und welcher Boden pflegeleicht und beständig ist. Für mich war der Ausflug was ganz besonderes. Zum Einen, um den Vergleich zwischen Film und Kulisse aus der Realwelt zu ziehen und interessant einen Einblick zu bekommen wie es sich so anfühlt in einer Filmstadt zu leben und die Straßen im Film wiederzuerkennen.Als Jugendstil-Liebhaberein hat das Kaufhaus zusätzlich einen Stein bei mir im Brett. Etwas ganz anderes habe ich aber meinen Begleitern angesehen: Erinnerungen. An die Zeit als man hier noch Spielzeug kaufen ging oder das magische Gefühl die Treppe im goldenen Schein der Leuchter mal wieder hochzugehen und das prächtige Kaufhaus, dass man aus Kindheitstagen kennt mal ein paar Minuten für sich zu haben. Privataudienz. In ein paar Jahren ist es wieder soweit und der stattliche Jugendstilbau bringt Augen zum Leuchten. Und nicht nur die von Filmfans wie mir, die mal ein bisschen „Grand Budapest Hotel“-Luft schnuppern wollen.

Quellen & Links

Sani Hachidoris Beiträge zur Filmstadt Görlitz
Sani Hachidoris Beitrag zum Kaufhaus Görlitz
360° Ansicht des Innenraums des Kaufhauses
Kaufhaus Görlitz
Wikipedia (de)
Mein Artikel „Zu Besuch in der Filmstadt Görlitz — auf den Spuren des Grand Budapest Hotel“

Zuletzt bedanke ich mich nochmal recht herzlich bei Lisa Helmers und dem Team hinter dem Kaufhaus Görlitz für die Möglichkeit das Kaufhaus von innen sehen zu dürfen, sowie bei Sani und ihren Freunden für die Einladung nach Görlitz. 🙂 Das war mein zweiter und letzter Beitrag zur Filmstadt Görlitz. Habt ihr „The Grand Budapest Hotel“ auf den Fotos wiedererkannt? Kanntet ihr Görlitz oder das Kaufhaus vielleicht sogar bereits? Sind euch andere Drehorte des Films persönlich bekannt? Was wisst ihr über die Arbeit von Motivscouts?