Serien-Review: Making a Murderer (Season 1, Doku-Serie)

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Ach wie bin ich angefixt worden von der zehnteiligen Doku. Was zu erwarten war, schließlich hat mich bereits der Podcast Serial sehr mitgerissen. Die Prämisse ist ähnlich. Es geht um einen Kriminalfall, der verhandelt wurde, aber bei dem die Schuldfrage anzuzweifeln ist. Zehn Jahre lang wurde die Doku-Serie gefilmt und macht fassungslos, lässt einen hin- und hergerissen zurück und stellt das amerikanische Justiz-System in Frage. Review ist weitestgehend spoilerfrei.

Gegenstand der Doku ist die Geschichte von Steven Avery, geboren und aufgewachsen in Manitowoc County, Wisconsin. Er hat einige kleine Delikte auf dem Kerbholz, seine Familie besitzt einen Schrottplatz, sie sind nicht unbedingt die am liebsten gesehenen Bürger der Gemeinde. Die erste Episode der Serie beginnt damit wie er nach 18 Jahren Haft entlassen wurde. Man hat ihn eines Verbrechens bezichtigt, dass er nicht begangen hat: Vergewaltigung. Ein DNA-Test entlastet ihn Jahre später. Der wahre Täter lief jahrelang draußen frei rum, während ein Unschuldiger anstatt seiner eingesperrt war. Mit nur knapp über 20 Jahren wurde er verhaftet, als er aus dem Knast freikommt, liegen seine besten Jahre hinter ihm. Trotzdem könnte die Erleichterung kaum größer sein, die ihm ins Gesicht geschrieben steht, als er auf dem Hof seiner Eltern vorfährt. Aber hier beginnt die Serie erst, obwohl es bereits wie das Ende des Geschehens klingt. In den folgenden Jahren wird sich Avery darum bemühen eine Schadenersatzklage durchzuboxen bis er plötzlich eines weiteren Verbrechens bezichtigt wird. Diesmal soll es Mord gewesen sein.

Zehn Jahre lang haben Laura Ricciardi und Moira Demos die Familie und den Fall von Steven Avery begleitet. Dabei sind sie gegen einige Mauern gelaufen. Durften beispielsweise während seiner Gefängnisaufenthalte nur via Telefon mit Avery reden. Die Doku versuchten sie vielfach bei TV-Sendern unterzubringen, was kontinuierlich scheiterte bis Netflix zusagte. Ab dann ist es eine Erfolgsgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Making a Murderer lief im Dezember 2015 auf Netflix an und wurde ein Sensationserfolg. Man konnte sich kaum auf irgendeiner medien-zentrierten Webseite bewegen ohne über die Doku zu stolpern. Zum Einen wird zwar Bewusstsein für Justizirrtümer geschürt und der Fall Avery und Dassey wieder aus er Vergessenheit zurück ans Tageslicht geholt, Steven Avery bringt das seine Lebenszeit aber genauso wenig zurück wie den Seelenfrieden der betroffenen Familien.

„Poor people lose. Poor people lose all the time“ —Steven Avery

Die Machart der Doku-Serie ist exakt so wie man es sich vorstellt. Interviews, Telefongespräche die eingespielt werden, Videomaterial aus dem Gerichtssaal, Ausschnitte aus Briefen, Audiomitschnitte, Szenen aus dem Verhörraum. Es kommen Anwälte zu Wort, Polizisten, die Familie Avery. Selbstverständlich schwankt die Qualität der Aufnahmen. Immerhin sind viele davon 10 Jahre alt oder im Falle von Audiomitschnitten und Bildern sogar noch älter. Das tut dem Geschehen aber keinen Abbruch, sondern macht nochmal bewusst wieviele Jahre dieser Kampf andauert. Natürlich ist es nicht abwegig bei Dokumentationen und Reportagen anzunehmen, dass die Macher einen bestimmten Ton einschlagen und mit Absicht den Gegenstand der Doku beeinflussen und beispielsweise den Fokus auf Averys Unschuld legen. Ein anderer Filmer hätte vielleicht das Gegenteil getan und versucht zu überzeugen, dass Avery es doch getan hat. Das knifflige an dem Sachverhalt ist, dass es hier Grauschattierungen gibt und Fragen, denen man sich stellen muss. Wenn hier so eine Mis-Justiz an der Tagesordnung ist, warum wurden dann nicht schmissigere Beweise erbracht, die bei den Geschworenen keinen Zweifel aufkommen lassen? Warum klingen die Interviews der Anwälte, Freunde, Teilnehmenden so als ob Steven etwas grausiges zustößt, die Beweisführung der Anwälte spiegelt das aber nicht immer 1:1 wider? Es gibt Stellen, lieber Leser, da ist man sich selber nicht sicher, ob Steven Avery es nicht doch getan hat. Man fragt sich: wer kann soviele Beweise fingieren? Wer bewegt Leichenteile, nur um es Steven Avery anzuhängen? Hat es Avery am Ende doch getan, weil die Ungerechtigkeit ihm gegenüber und das Leben im Gefängnis ihn vielleicht verändert haben? Oder ist das Justizsystem wirklich so labil und manipulierbar? Wieso gibt es bestimmte Beweise, wie gibt es bestimmte Beweise nicht? Was ist die Wahrheit? Es ist derb und beschäftigt nachhaltig. Das ist die Stärke von Making a Murderer. Es bleibt einem nichts anderes übrig als sich als stiller Zuschauer eine Meinung zu bilden. Eine Sogwirkung, die um ein vielfaches größer ist, weil man weiß: das ist keine Fiktion, das ist Realität.

(8/10)

Sternchen-8

Zum Weiterlesen für die Leute, die Making a Murderer vielleicht schon gesehen haben (Webseiten enthalten Spoiler):
Spiegel online: „Netflix-Doku „Making a Murderer“: Tausende Amerikaner zweifeln an […]“
USA TODAY: Seven details left out of ‚Making a Murderer‘
Quotes For Bros: „20 Of the Most Meaningful Quotes from the Steven Avery Saga“

Kennt ihr die Doku oder allgemein den Fall von Steven Avery? Was war euer Eindruck zu Avery und was ihm widerfahren ist? Seid ihr auch so hin- und hergerissen? Kennt ihr außerdem irgendwelche Doku-Serien, die ihr empfehlen könnt?