Sherlock Holmes – A Game Of Shadows

Der folgende Beitrag enthält umfangreiche Spoiler zu Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes-Geschichten und Guy Ritchies Filmen Sherlock Holmes und Sherlock Holmes – Spiel im Schatten. Wer sich also den Spaß nicht verderben will, sollte nicht weiterlesen. Der Beitrag darf natürlich trotzdem geliked werden. 🙂

Please notice that I don’t own any of the pictures shown in this review. I borrowed them from several webpages and linked back to them.

Lange Zeit wollte ich schon Reviews zu Allem schreiben, was mich begeistert oder ich als polarisierend empfinde. Wie der aufmerksame Leser meines Blogs bemerken wird, habe ich mir diese Zeit bisher nie genommen. Sherlock Holmes II habe ich allerdings als Anlass genommen, um endlich anzufangen – nicht nur weil ich ein großer Sherlock-Fan bin.

Sherlock oder nicht Sherlock? Das ist hier die Frage.

Für die meisten Menschen hatte bereits die erste Guy-Ritchie-Sherlock-Neuinterpretation nicht viel mit dem Meisterdetektiv zutun wie er von den meisten verstanden wird. Bedingt durch Stereotypen: Trägt nicht diese „sherlock-typische“ Mütze, raucht nicht pausenlos Pfeife und wirkt gar nicht so etepetete und bieder wie in manchen älteren Interpretationen. Dieser Sherlock prügelt sich.

Dabei hat Guy Ritchie eine viel genauere Abbildung des Holmes aus Conan Doyles Büchern geliefert, als die meisten zuvor.
So ist sein Sherlock tatsächlich ein begeisterter Chemiker, konsumiert gelegentlich Halluzinogene oder andere Drogen, hat eher mäßige Künste was das Violinenspiel betrifft und ist durchaus einiger Kampfkunstarten mächtig. Selbst sein Hang zu irrsinnigen Verkleidungen wird aufgegriffen. In der herrlichen Neuzeit-Interpretation der BBC wird auf diesen Umstand beispielsweise verzichtet.
Der Skeptiker liest evtl. mal eine Geschichte und entdeckt alle diese Facetten und Marotten nicht wieder. Wer aber mal mehr als 2 liest, mit Sicherheit. Die oben genannten Irrtümer und stereotype Darstellung läßt Ritchie aus (stereotyp weil sie der Allgemeinheit ein immer gleiches Sherlock-Holmes-Bild geliefert haben und somit die Figur des „Meisterdetektivs“ bis in alle Zeit geprägt haben). Es ist doch sehr beruhigend, dass die Beteiligten die Bücher und Kurzgeschichten offenbar gelesen haben. Zum Zwecke der Dramaturgie und um daraus einen Actionfilm zu machen, trägt Ritchie natürlich mächtig auf. Keine der (in ihrer Anzahl überschaubaren) Kampfszenen in den Büchern ist dermaßen ausstaffiert. Aber wer kann es ihm übel nehmen, wenn man so gut unterhalten wird?

(Natürlich sieht das nicht jeder so: die Frankfurter Rundschau ist zum Beispiel der Meinung, dass Sherlock im Film und Sherlock im Buch nur den Namen gemeinsam haben. Das ist dann wohl eine Frage der Wahrnehmung.)

Soviel also zu dem was wir bereits aus dem 1. Film wissen.

Der zweite Streich

Sherlock Holmes II – Spiel im Schatten handelt von dem Aufeinandertreffen des Meisterdetektivs und eines ihm ebenbürtigen Gegners. Professor Moriarty ist nicht nur Geleherter und Lehrender, sondern auch ein bisher unentdecktes Verbrechergenie, der andere geschickt einsetzt und wie Spielfiguren platziert, um sie seine Züge machen zu lassen. Sherlock wird auf ihn aufmerksam, da mehrere Fälle zu ihm zu führen scheinen. Schnell wird in dieses Spiel im Schatten auch sein Freund und Kollege Watson hineingezogen, sowie dessen baldige Ehefrau und viele weitere Vertraute. Bald scheinen diejenigen in Lebensgefahr zu sein, die zu Holmes eine Bindung haben und die ihm etwas bedeuten. Moriartys Pläne könnten aber noch weitaus mehr Menschenopfer fordern. Den Protagonisten eröffnet sich bald das Ausmaß der nahenden Katastrophe, die ganz Europa mit sich reißen könnte – all das versucht Holmes in diesem Film zu vereiteln und muss teuer dafür bezahlen.

Soviel zum Appetizer.

Wem der erste Film gefallen hat, wird schwerlich nein zum zweiten sagen können. Vor allem, da das Universum weiter gesponnen wird. Viele der Nebenfiguren, die auch in den Geschichten eine wichtige Position einnehmen, treten hier auf. Inwiefern sie sich unterscheiden, möchte ich als erstes unter die Lupe nehmen und dabei den Handlungsstrang schildern.

Die Figuren – ein Vergleich zwischen Vorlage und Umsetzung

Dr. John Watson

Die Chemie zwischen Holmes und Watson war schon zuvor oft Thema, daher verzichte ich an dieser Stelle auf tiefergehende Analysen. Allgemein kann man sagen, dass Watson hier sehr viel dominanter ist, als im Buch und nicht so vollkommen „blind begeisterungsfähig“. Er bietet Holmes sehr oft paroli und weist ihn zurecht. Das passiert im Buch praktisch nicht. Watson wirkt mehr wie ein Beobachter und stiller Kommentator dessen, was er zuvor erlebt hat. Die Beziehung zwischen Holmes und dem Doktor wird weiter auf die Probe gestellt. U.a. dadurch, dass Watson seine Verlobte nun ehelicht. Sherlock war mit der Aussicht darauf im 1. Film bereits schon nicht einverstanden, nun im 2. fliegen weiterhin bissige Kommentare. Allerdings mit einem anderen Hintergrund. Sherlock scheint widersinnigerweise den Junggesellenabschied vollkommen und die Hochzeit fast zu vergessen. Im ersten Moment passt das nicht zusammen und man leidet mit dem armen Bräutigam aber schon bald merkt man, dass Holmes ganz andere Gedanken plagen. Er hat das Genie von Moriarty kennen gelernt und ahnt wozu er fähig ist. Tatsächlich fürchtet er um das Leben seines Freundes und um das seiner Zukünftigen. Und diese Sorge treibt ihn während der gesamten Handlung an. Er geht sogar soweit, dass er den Kontakt zu Watson ggf. aufgibt, nur um ihn zu schützen und bittet Moriarty bei einem Aufeinandertreffen direkt, den Außenstehenden zu verschonen. Und Holmes täuscht sich nicht. Moriarty ist sich brwusst wie man Holmes verletzen kann.

Irene Adler

Die Figur der Irene Adler ist vermutlich eine der am meisten ausstaffiertesten. In den Büchern tritt sie im Prinzip nur in einer Geschichte auf. Darin wird Holmes auf einen Fall angesetzt und sie ist sozusagen die Auflösung bzw. der Täter und windet sich perfekt aus der Situation. Holmes ist verwundert und bestürzt, dass sie ihm etwas voraus hatte und zugleich auch von ihr angetan. Hier stimmt es insofern mit dem tatsächlichen Geschehen ein, dass sie Holmes schwer beeindruckt und ein Geschick aufweist, dass ihr ermöglicht, Holmes zu überlisten. Daraufhin verschwindet sie aus der Handlung. Hier beginnt der erste Film. Sherlock beobachtete ihr Tun und ist hin und hergerissen zwischen der Aufgabe sie zu überführen oder mit ihr zu flirten. So entwischt sie ihm natürlich regelmäßig, wobei man sehr amüsiert zuschauen kann. 🙂 Bereits im ersten Film wird deutlich, dass sie für Moriarty arbeitet. Auf diesem Weg erfährt Sherlocks Erzfeind leider auch bereits von dem Meisterdetektiv.
Im zweiten Film wird es Irene Adler zum Verhängnis, dass sie zuviel Sympathie für Holmes regt. Ihr Opfer ist frei nach Ritchie und dient der Handlung, schätze ich. Holmes erfährt von ihrem Tod und weiß von da an, wie weit Moriarty geht.

Irene Adlers Figur wird oft angedichtet, dass sie eine enorme Bedeutung für die Sherlock-Geschichten hätte. U.A. wird immer gerne angenommen, dass eine romantische Beziehung zwischen Holmes und ihr bestehen könnte/besteht/bestanden hat. Richtiger ist vielmehr, dass sie für die damalige Zeit eine gewisse Bedeutung hatte. Frauenrollen waren wie Frauen in der damaligen Zeit eher von untergeordnetem Rang. Die listige und kluge Irene Adler nimmt eine verhältnismäßig moderne Position ein.
Dass Holmes von ihr angetan war, wird mehr oder weniger erwähnt und bietet natürlich für eine kleine spitzfindig-romantische Nebenhandlung Angriffspunkt. Irene Adler ist somit einer der Aspekte bei dem im Film mehr hinzugedichtet wird.

Mycroft

Sherlocks Bruder ist eine Gestalt mit ähnlichen Fähigkeiten wie Sherlock, der im Dienste des Staates steht und in den Geschichten zwar immer mal Erwähnung findet aber nie länger aufritt. Nun im zweiten Film wird er zwar großartig schrullig vertreten von Stephen Fry aber auch seine Darstellung ist eher der Komik dienlich. Außerdem ist er der typische Helfer in der Not. Und auch wenn er sich einmal ein kurzes Gefecht mit Sherlock liefert, was das Beobachten und Schlussfolgern betrifft, so ist die Figur des Mycroft doch eine derjenigen, die sprichwörtlich als ein Sündenbock herhalten müssen: nicht viel mit den Büchern gemein, muss aber entscheidende Teile der Geschichte tragen. So verschiebt sich die Hetzjagd Holmes‘ nach Moriarty durch halb Europa, um diversen Plänen des Professors auf die Schliche zu kommen. Diese Jagd kreuzt sich mit Watsons Hochzeitsreise, da er ein Anschlagsziel Moriartys wird. Bedingt dadurch, dass sich Holmes Schlinge enger um „den Napoleon des Verbrechens“ zieht.
Holmes beschließt, dass es sicherer wäre Misses Watson loszuwerden und wer nimmt sie auf? Mycroft. Ja – genau das habe ich gemeint. Zumindest ist es lustig.

Sim

Auf der Spur nach Moriartys Masterplan trifft Holmes auf die Zigeunerin Sim. Ihr Bruder ist eine von Moriartys Spielfiguren und da Sim ihn sucht und Holmes Informationen und Verbündete braucht, haben beide ein gemeinsames Ziel. Man kann also sagen, dass sie den „weiblichen Part“ übernimmt. Die Figur der Sim ist Film-exclusive und wird verkörpert von Noomi Rapace, bekannt als Lisbeth Salander aus der Millennium-Trilogie. Auch hier greift sie ganz gut durch. Ich erwartete schon fast ein kleines romantisches Irgenwas zwischen ihr und Holmes – darauf wurde aber verzichtet. Bloß gut, denn mit Adlers Ableben rechnete ich nicht und der gute „Sherly“ war auch mitgenommen.

Und zu guter letzt:
Moriarty

Die Pläne Moriartys werden in den Geschichten bei weitem nicht so genau thematisiert.
Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Moriarty auftaucht und als DAS Verbrechergenie dargestellt wird, obwohl er praktisch aus dem Nichts kommt. Das ist eine Frage der damaligen Epik und des Verlagwesens, wie auch des Schreibstils zu der Zeit, als Sir Arthur Conan Doyle Holmes schrieb und Sterben lassen wollte. Nach heutigem Standard ist es erstrebenswerter und üblicher, wenn etwas sehr lange geplant und erzählerisch vorbereitet wird. Alles andere gilt allenfalls als etwas antiquiert oder plump. In diesem Fall reden wir nun selbstverständlich von einen Klassiker, der Schutz genießt was beide Etiketten betrifft.
Dennoch dürften die meisten es etwas befremdlich finden, dass Moriarty der große Gegenspieler ist und als Synonym für den „ewig wiederkehrenden ebenbürtigen Feind“ gebraucht wird, obwohl er fast schon verschwindet, nachdem er aufgetaucht ist. Das ist ein Punkt, der im Film berücksichtigt wurde. Schon im ersten Film werden Andeutungen gemacht.

Sein großer Plan hat im Film eine Tragweite, die ihresgleichen sucht und was hystorische Anleihen betrifft mit „X-Men First Class“ vergleichbar ist. Das ist also neu. Genau wie die Darstellung Moriatys als Lehrenden an einer Hochschule und signierenden Autor von Büchern. Im Original tritt Moriarty nur einmal auf – hierbei täuscht mich aber evtl. meine Erinnerung. In einem Hörsaal „lesen“ wir Moriarty nie. Die meiste Zeit werden Holmes und Watson von den Schergen des Feindes malträtiert und bereiten erzählerisch alles das auf, was Moriarty auf dem Kerbholz hat. Der Film macht den Gegenspieler gekonnt zu einer greifbaren Person und nicht nur zu einem Schatten. Man sieht ihn mehrmals und Holmes und er stehen sich einige Male von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Moriartys großer Plan ist zwar nicht auf Doyles Mist gewachsen, kann sich aber sehen lassen. Es macht sowohl dem Fiesling, als auch seinem genialen Gegenspieler Ehre.

Zusammenfassung

Schlussfolgernd muss ich sagen, dass alle Umgestaltungen und Ausschmückungen der Charaktere und Handlung dem Film gut tun und das ganze zu einem äußerst runden Gesamtbild zusammenfügen. Dass es nun Mal ein Actionfilm ist und klassisches Popcornkino, bei dem evtl. hier und da etwas übertrieben wird, muss man hinnehmen: es ist nicht das Buch. Aber der Film schlägt die Brücke wirklich gut. Mit dem Auftauchen von Moriarty, dem kongenialen Plan, der Holmes-Watson-Chemie und den vielen eingebauten Zügen der Nebencharaktere plus neuen stimmigen Zusammenhängen hat Ritchie den Sherlock-Fans doch einen Gefallen getan. Zumindest empfinde ich das so. Zwar sind die Geschichten um Mycroft und die Neukreation Sim etwas dünn aber dafür erleben wir Tiefe an anderen Stellen, die im Buch vielleicht gefehlt haben. Beispielsweise Holmes‘ spürbaren Verfolgungswahn oder die leise Enttäuschung über die Weiterentwicklung in Watsons Privatleben. „Sherly“ zieht sich sichtbar zurück und man kann nur spekulieren, ob ihm das gut tut. Ich sage nur: „Formaldehyd“.

Guy Ritchie gibt uns mehr Sherlock und mehr Moriarty – was die meisten Sherlockfans freuen sollte aber er gibt uns auch mehr Comedy und Effekte. Das dürfte nur die moderneren Sherlockfans freuen. Mein Herz hat jedenfalls beim schnellen Wechsel zwischen rasanter Kamerafahrt und Bullit-Time gelacht. Der Film verbindet das Beste aus dem Original mit der besten Menge an Lachern und Effekten. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Musik, Kostüme und Kamera eine (weitere) Oscarnominierung verdient haben. Es ist kein Drama, dass unser Leben und unsere Denkweisen in den Grundmanifesten erschüttert, sondern Popcornkino. Aber intelligentes Popcornkino. Und welches das den Büchern Ehre macht. Davon sollte es mehr geben.

Und wie gehts weiter?

Mit der Geschichte an den Reichenbachfällen wollte Doyle seine Figur des Sherlock sterben lassen. Den Deal haben die Leser aber nicht akzeptiert und so erlebte Holmes eine Renaissance. Er kehrte im Buch etliche Jahre nach seinem Verschwinden wieder und machte zusammen mit Watson den restlichen Schergen Moriartys den gar aus. Hier liegt eine erste Möglichkeit, wie es weiter gehen könnte in einen potentiellen dritten Film. Den meisten Leuten ist nicht mal bekannt, dass es überhaupt einen scheinbaren Tod Sherlocks‘ gibt, geschweigedenn, dass er wiederkommt. So sagte ein Freund von mir gleich nachdem wir aus dem Kinosaal gingen, er sei relativ enttäuscht, dass man die Geschichte aufgelöst hätte. Ein Cliffhanger hätte alles viel spannender gemacht und Raum für Spekulationen gelassen. Da hat er teils auch recht.

Spekulationen hätten einer möglichen Fortsetzung gut getan. Viele Menschen wissen, dass Moriarty DER Erzfeind von Holmes ist. Was also nun, wo er anscheinend nicht mehr da ist? Man merkt recht schnell, dass für einen dritten Film ganz schön viel aufgefahren werden muss, wenn er den Zuschauer anziehen soll. Andererseits käme es allen Zuschauern sehr konstruiert vor, wenn nach einem offenen Ende ein Trailer zu Sherlock III rauskommt, in dem der Meisterdetektiv quietschfidel rumspringt. Der nicht besonders belesene Zuschauer wird sich denken „Ah…Sherlock kommt wieder, die wollen also nochmal richtig Kohle verdienen“.
Nun bleiben also die einzigen Spekulationen: ist Moriarty auch im Film tatsächlich tot? Und wann wird sich Holmes Watson zu erkennen geben?

Mein großer Tipp für die Handlung eines möglichen dritten Films ist die berühmte Geschichte „Der Hund der Baskervilles“. Eine der bekanntesten und, dessen sind sich wenige bewusst, eine die nach Holmes Wiederkehr und Kampf mit Moriarty stattfindet. Mehr noch: die historische Grundlage für diesen Fall war einer der Gründe für Doyle um den Meisterdetektiv wiederzubeleben.

Ich würde mich freuen, wenn es weitergeht. 🙂

(Immer weder muss ich mich doch wundern: in meinen Ausgaben der Sherlock-Geschichten heißt Moriarty mAriarty und anstatt der Reichenbachfälle wird dort von DEM Reichenbach-Fall gesprochen. Nun. Wer dahingehend Tippfehler findet, darf sie behalten. Ansonsten bin ich wie immer für Kommentare sehr dankbar.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert