Film-Talk: Hitoshi Matsumoto und absurde Comedy

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Der Algorithmus von Amazon Instant Video schlägt mir ständig Dinge vor, die mir kaum egaler sein könnten wie beispielsweise das höchst überflüssige Remake von „Ziemlich beste Freunde“. Meistens ist es aber etwas, dass ich zumindest vom Namen her kenne. Nicht so bei „Documental“. Aber dass mal eine japanische Serie gefeatured wird ist ja schon selten genug. Worum geht es? Battle zwischen Comedians: wer lacht, verliert. Kennt man schon. Aber wie sieht sowas auf Japanisch aus? Und was ist in Japan witzig? Soviel kann ich vorausschicken: es war anders als ich erwartet habe. Und der Host der Sendung Hitoshi Matsumoto sollte mir unbeabsichtigt in kurzer Zeit noch öfter über den Weg laufen.

„Documental“ Season 1

Documental bzw ドキュメンタル (Dokyumentaru) ist eine japanische Reality-TV-Show, die von Hitoshi Matsumoto gehostet wird. Gegenstand der Sendung ist, dass zehn Comedians gegeneinander antreten und versuchen sich zum Lachen zu bringen. Oder dem Lachen zu widerstehen, denn: Wer lacht, verliert. Der Gewinner wird mit 10 Millionen Yen (heute umgerechnet rund 84.000 Euro) belohnt. Sie haben sechs Stunden Zeit unter den strengen Augen Matsumotos ihre irrsten und lustigsten Ideen auszupacken. Das Format startete 2016 mit einer ersten Staffel, an der u.a. Toshifumi Fujimoto, Daisuke Miyagawa und Jimmy Ohnishi teilnahmen. Tatsächlich kannte ich weder den Host Matsumoto, noch seine Gäste. Zumindest versteht man aber einige der Referenzen, wenn man sich allgemein mit Japan auseinandersetzt wie die zum Pineapple Apple Pen. Dabei ist aber von der ersten Sekunde klar, dass Matsumoto den Wettkampf der Comedians sehr ernst nimmt. 😉 Documental ist eine Zusammensetzung aus den Worten Documentary und mental, das Format ein mental experiment. Wenn Matsumoto das ausschweifend in der ersten Folge erklärt, steigen die Erwartungen. An anderer Stelle heißt es „Warfare that disregards the code of ethics“ und wie sich später herausstellt ist das scheinbar wahr. Er kündigt an, dass die Sendung eventuell nichts für Frauen, Kinder und alte Leute ist. Man darf gespannt sein.

„「HITOSHI MATSUMOTO presents ドキュメンタル」予告編“, via ナタリー (Youtube)

Tatsächlich brauchen die Comedians etwas, um in die Gänge zu kommen. Nach der länglichen Erklärung des Formats und den bierernsten Gesichtern, wünscht man sich, dass es endlich losgehen möge. Die Zehn sitzen in einem Raum, der einem Bunker ähnelt, aber mit Antiquitäten vollgestopft ist. Matsumoto beobachtet sie durch die Kameras und haut einen Buzzer, sobald einer gelacht hat. Danach bekommt der Teilnehmer eine rote, orangefarbene oder gelbe Karte – je nach Schweregrad ihres Vergehens. Bei Rot ist der Kontrahent raus. Die Ambitionen sind groß, denn der Einsatz kommt von ihnen selber. Die japanischen Comedians sind erfrischend bescheiden. Jeder musste 1 Millionen Yen als Einsatz mitbringen und sie sprechen unverblümt davon wie mühsam es war das Geld zusammenzukratzen oder sich gar zu leihen und dass sie den Einsatz nicht verlieren wollen. Was einem nun an Scherzen präsentiert wird, ist anders als ich mir japanischen Humor vorgestellt hatte. Pipi-Kacka-Penis-Humor und auch mal politisch unkorrekte Witze stehen an der Tagesordnung. Außerdem haben alle Teilnehmer eine ausgeprägte Neigung dazu sich auszuziehen und finden vor Allem ihren Anus interessant. Sicherlich ist das nicht alles – es gibt auch anderen Humor. Vieles vom Wortwitz geht allerdings durch die Sprachbarriere (trotz Untertiteln) verloren und die Gag-Dichte ist auch eher gegen Ende groß, wenn sich alle der ablaufenden Zeit bewusst werden. Aber zu sehen wie sich die Teilnehmer gegen das Lachen wehren, was für Tricks sie auspacken und sie beim Lachen zu ertappen macht schon Spaß. Gelacht habe ich also. Nach der ersten Staffel war ich mir aber beim besten Willen nicht sicher, ob ich das Format weiterschaue. „Mental“ beschreibt den Inhalt recht gut. Vom Look-and-Feel wirkt es wie Big Brother mit Comedians.

(4/10)

Sternchen-4

Wer ist eigentlich dieser Hitoshi Matsumoto?

Derjenige, der in Documental Season 1 seine Rolle am besten aufrecht erhält ist definitiv Hitoshi Matusmoto. Er hat mich am ehesten neugierig gemacht – von seiner ganzen Erscheinung als „Muskel-Japaner“, seiner ernsten Mine und dem Wortwitz, den er relativ mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Ohne ihn vor Documental gekannt zu haben, wäre ich mir sehr sicher, dass er seine Kontrahenten reihenweise schlägt und mit strenger Mine als letzter lacht. Wer ist also dieser Hitoshi Matsumoto? Matsumoto, Jahrgang ’63 begann seine Karriere als Teil eines Duos wie es viele Owarai tun (Owarai, vom jap. Wort für lachen, bezeichnet Komiker/Comedians und/oder deren Sketche). In Japan treten die meisten Owarai mit bestimmten „Personas“ auf, die nicht zwingend ihrem echten Charakter entsprechen. Matsumoto war Teil des Duos Downtown, die aus einem sehr sadisitischen und einem sehr masochistischen Charakter bestehen. Oftmals bezeichnet als boke und tsukkomi und somit eine klassische Rollenverteilung unter den Comedy-Duos.

Downtown wurde ein über alle Maße bekanntes Comedian-Duo, wobei sich Matsumoto hervortat und eine Karriere abseits des Duos aufbaute. Besonders bekannt ist der für sein Impro-Talent und absurden und trockenem Humor. Bei Filmen wie Symbol und Der große Japaner führte er Regie. Man bekommt am ehesten auf Youtube eine Chance Matsumoto als Comedian live zu erleben. Oder man schaut seine Filme, die bis Ende September noch in der Arte Mediathek und auf Youtube verfügbar sind. Die Autorin dieses Artikels hat Matsumoto erst erkannt, als der Film lief. 🙂 und war angenehm überrascht. Anbei mal ein Beispiel wie Matsumoto verballhornt wird und (typisch japanisches Fernsehen!) jemand das Geschehen kommentiert:

„Matsumoto H. goes to the convenience store“, via olfa300 (Youtube)

Symbol (Film-Besprechung)

Absurder und trockener Humor? Geht das zusammen? Es geht. Und es ist Hitoshi Matsumotos Disziplin. Sein Film Symbol startet mit zwei parallel ablaufenden Handlungen. Da ist einerseits der mexikanische Lucha Libre Kämpfer Escargot Man (David Quintero), der sich auf einen Kampf vorbereitet. Sein kleiner Sohn (Carlos C. Torres) und wahrscheinlich größter Fan ist auch der einzige, der „Escargot Mans“ Ehre verteidigt. Irgendwo anders in der Welt wacht ein Mann (Hitoshi Matsumoto), dessen Namen wir nicht kennen, in einem weißen Raum auf. Kein Ausgang erkennbar. Er entdeckt Mechanismen, die er an den Wänden des Raums drücken kann, woraufhin Gegenstände wie aus dem Nichts erscheinen und mit deren Hilfe er versucht einen Ausgang zu finden. Was daran so absurd ist? Erstens: die „Mechanismen“ sind kleine Penise, die aus den Wänden ragen und zu Engelsgestalten („Putten“) gehören, die ihm kurz erschienen sind. Bei jeder Berührung geben sie einen hohen und überrascht klingenden Ton von sich. Zweitens: der Namenlose wird ordentlich getrollt. So bekommt er beispielsweise durch Betätigen eines Hebels scheinbar unbegrenzt Sashimi, aber die Sojasauce erst als er aufgegessen hat. Duh.

Alle Pointen des Films will ich natürlich nicht vorweg nehmen – aber was da im Raum erscheint ist witzig und absurd. Die Versuche des Namenlosen aus dem Raum zu entkommen sind spannend und witzig – man fiebert mit ihm mit. Sie unterhalten sehr und sind herrlich schräg. Aber es gibt auch Pipi-Kacka-Penis-Humor, mit dem der Mann getrollt wird und der zumindest für meinen Geschmack etwas zu doof und simpel ist. Das und die zuweilen (gewollt?) schlechten Effekte bei der Handlung um „Escargot Man“ schmälern das Vergnügen etwas. Ansonsten hat der Film einiges an Subkontext zu bieten. Vor Allem gegen Mitte, wenn die Verbindung zu der Geschichte um „Escargot Man“ aufgelöst wird und wenn der Film zum Schluss nahezu nihilistische Züge annimmt. Man kann sagen: der Film wächst. Überraschenderweise kam er im Rest der Welt besser an als in Japan – obwohl es kein offizielles Auslands-Release gab.

Symbol (OT: しんぼる „Shinboru“), Japan, 2009, Hitoshi Matsumoto, 93 min, (8/10)

Sternchen-8

„Documental“ Season 2

Nachdem ich mit Symbol ein kleiner Hitoshi-Matsumoto-Fan geworden bin (trotz Tendenzen zu Pups-Humor), war die Hemmschwelle sich noch die zweite Staffel zu geben deutlich geringer. Und die ist auch deutlich besser! Nach der ersten Staffel ist den Comedians offenbar sehr wohl klar, was sie zutun haben und sie verschenken keine Zeit mit Gags. Flache Penis-Witze sind leider auch wieder an der Tagesordnung, der Hang der Teilnehmer sich auszuziehen ist sehr ausgeprägt und sie haben den Staubsauger deutlich zu gern, aber der Rest ist wirklich passabler Humor, der auch mir viele Lacher abgerungen hat. Mit dabei sind Yuki Himura, Eiji Kotôge, mit Miyuki Ôshima die erste Frau und auch aus der ersten Staffel bekannte Gesichter wie Daisuke Miyagawa. Ich würde soweit gehen und sagen: erste Staffel überspringen und hier anfangen.

(6/10)

Sternchen-6

Im Grunde macht es keinen Sinn hier Zahlen ranzuschreiben. Humor ist so vielschichtig, den kann man eher nicht in Zahlen messen. Aus reiner Gewohnheit habe ich es mal trotzdem gemacht. Vielleicht hat sich der eine oder andere Leser da draußen ja auch an „meine Zahlen“ gewöhnt und weiß sie für sich selber zu deuten. Die Faszination mit der absurden Komik, die einerseits die „Biologie“ und „Psychologie“ des Lachens adressiert, andererseits manchmal zu sehr ins simple abrutscht ist schwer zu erklären. Da schwingt ein bisschen Zufall, viel Verwirrung und Begeisterung am Kuriosen und Absurden mit. Hitoshi Matsumoto ist jedenfalls ein Name, den ich mir merken werde und ich gebe mir mit Sicherheit noch den einen oder anderen Film mit ihm. Kennt ihr Matsumoto oder generell japanische Comediens? Wusstet ihr von den typischen Muster des bzw der Owarai und japanischen Comedy-Duos? Übrigens hat oben erwähnter Daisuke Miyagawa schon mal an Stefan Raabs Wok-WM teilgenommen.