ausgelesen: David Mitchell „Die Knochenuhren“

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Über achthundert Seiten Welten, Orte, Eindrücke. Wo soll man anfangen bei David Mitchells Die Knochenuhren? Am besten am Anfang. Und am Ende. Der Roman beginnt 1984 mit Holly Sykes, einer britischen Teenagerin im besten Alter für Revolte. Mit ihren 15 Jahren ist sie unsterblich verliebt in einen Typ namens Vinny. Als die Beziehung von ihren Eltern nicht gutgeheißen wird und es zum Streit kommt, reißt sie aus. Dabei macht sie (nicht nur eine) folgenschwere Begegnung. Von nun an werden wir in jedem Kapitel Holly begegnen. Zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten und in den verschiedensten Lebenslagen. Manchmal in Glück und Einigkeit, manchmal in Leid, Elend und Krankheit – wie das Leben eben so spielt. Manchmal ist sie nur eine Nebenfigur, denn in den sechs Kapiteln haben vier einen anderen Erzähler. Aber sie wird immer ein Punkt sein, an dem die Handlungsfäden zusammenlaufen und der seidende Faden, an dem das Schicksal vieler Menschen hängt. Was Holly erst viele Jahre später erkennen wird, ist dass um sie herum ein Krieg gefochten wird. Der zwischen Unsterblichen, für die sie zumindest anfangs nichts weiter als eine Knochenuhr ist. Ein vergängliches Häufchen Knochen und Fleisch, das schon bald nicht mehr ist.

„Zu blöd, dass ich ihn jetzt nicht anrufen kann. Wann erfinden sie endlich Telefone, mit denen du jeden jederzeit überall anrufen kannst.“ p.9

Als Leser tappt man nicht ganz so arg im Dunkeln wie Holly, aber es ist trotzdem ausreichend düster. Vielleicht ist es ein essentieller Bestandteil des Buches, das man erst sehr langsam in die Welt der Horologen und Anachoreten eingeführt wird. Vielleicht sollte ich euch Leser da draußen diese Welt so ahnungslos betreten lassen wie ich. Aber da es mir keinen Spaß gemacht hat diese Welt so ahnungslos zu betreten, sage ich eben doch ein paar Sätze dazu. Sowohl die Anachoreten als auch die Horologen sind Unsterbliche. Während aber die Horologen einfach eine Art Seelenwanderer sind, die sich der Körper just Verstorbener bemächtigen und ihr Leben weiterführen, sind die Anachoreten Kannibalen. Sie verschleppen Kinder, berauben sie ihrer Seelen und verlängern somit ihr Leben in ihren „originalen“ Körpern. Beide Gruppen sind außerdem zu immensen psychischen Fähigkeiten im Stande, die an Magie grenzen. Das erste Kapitel ist ohne dieses Wissen schwer zu verstehen. Zweck der Sache: so überrumpelt zu werden wie Holly. Da gibt es einen Showdown mit mächtigen Fähigkeiten, die aus dem Nichts kommen und es wird wild mit Namen und Titeln um sich geworfen. Dazu noch die recht übliche Geschichte eines Teenagers, der von Zuhause wegläuft und sich arg in seinem Schatz getäuscht hat, der eigentlich ein Dreckskerl ist. Seufz. Ich war nicht sehr motiviert weiterzulesen. Das war doch alles zu sehr „kenne ich schon“. Was die Charaktere betrifft, sollte sich das bald ändern. Was die Fantasy-Aspekte betrifft, blieb bis zum Ende ein Restschmerz.

In den folgenden Kapiteln wird der Leser in unterschiedlichen Jahrzehnten, an unterschiedlichen Orten mit verschiedenen Erzählern konfrontiert. So beispielsweise mit Hugo Lamb, einem ruchlosen Cambridge-Studenten, der sich mit allerlei Gaunereien einen Groschen dazu verdient und fast sein schlechtes Gewissen findet. Mit einem Journalisten, der sich zwischen Job und Familie entscheiden muss und einem Schriftsteller, der noch viel mehr ein Spielball der Anachoreten ist als Holly. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Reise führt dabei quasi einmal über den Erdball. Wir sind in schicken Hotels in New York, auf Festivals in Lateinamerika, als Leibeigene irgendwo im Russland vergangener Jahrhunderte, im Urlaub in Skandinavien, in privilegierten Kreisen beim Aprés-Ski in Frankreich und im Irland der Zukunft, wo längst die Zivilisation wie wir sie kennen zusammengebrochen ist. Mitchells fragmentarischer Stil, den man so auch schon in Der Wolkenatlas beobachten konnte, schlägt zu. Und das ähnlich fein verwoben. Wer uns im ersten oder zweiten Kapitel nur als Randfigur begegnete, wird ein oder zwei Kapitel weiter der Erzähler. Zwar gibt es hier keine Notwendigkeit für die Stilwechsel, die Mitchell im Woklenatlas gekonnt strickte, aber es macht Spaß das feine Netz aus Zusammenhängen zu erkunden. Und auch wenn es erst mein zweites Buch Mitchells ist, lag schnell auf der Hand, dass es hier zahlreiche Querverweise auf andere Werke von ihm gibt wie zu Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und eben besagtem Wolkenatlas. Der baut sich wirklich das Überbuch. Und jetzt eines in dem es mehr gibt als staubigen Boden und luftige Höhen. Es wirkt breit, in Zeit und Raum. Und macht uns das Leben auf globalere Weise fühlbar – auch zeitlich betrachtet. Wie vielleicht eins meiner Lieblingszitate aus dem Buch zeigt:

„Ich trinke einen Schluck von meinem Leitungswasser. Es ist schon durch viele Nieren gelaufen.“ p.569

Der Krieg zwischen den Anachoreten und Horologen wird erst im fünften Kapitel so richtig losgehen. Auch dann erst bekommt man einen Teil der Erklärung, was sie sind. Bis dahin muss man sehr viel hinnehmen. Und wird das auch weiterhin tun müssen. Alles davor war eine lange Vorbereitung, die die Opfer und späteren Täter charakterisiert und der Geschichte die nötige Tiefe gibt. Wer schon soviel mit Hugo Lamb gezaudert hat und sich gefragt hat, ob aus dem nicht vielleicht doch noch ein guter Kerl wird oder sich gefragt hat wieviele Höhen und Tiefen des Lebens Holly ertragen kann, der geht mit einem anderen (Mit)Gefühl in diesen Krieg zwischen zwei Mächten. Die Fantasy-Elemente bleiben aber schwer zu schlucken. Da wird subfragt, da werden Psycholassos ausgeworfen, ohne dass man darauf verbal vorbereitet ist. Es ist schwierig mit Magie und Fantasie, deren Grenzen der Leser oder Zuschauer nicht kennt – ich verweise an der Stelle mal auf einen Artikel auf Fiktion fetzt, der erzählt wann und warum Magie/Fantasy misslingt. Natürlich misslingt sie nicht für jeden Typus Leser. Die einen können das einfach hinnehmen und lassen sich von ihrer Vorstellungskraft wegtragen. Die anderen wie ich kommen sich trotz Vorstellungskraft eher etwas verscheißert vor. Wenn ein deus ex machina nach dem anderen auftaucht, eine Fähigkeit oder ein Effekt, den man vorher nicht kannte, dann wirkt das immer zu einfach und steht im krassen Gegensatz zu dem manchmal sehr schönen, manchmal sehr bitteren Realismus, dessen sich Mitchell bedient.

Dabei ist Mitchells Buch ansonsten absolut kein einfaches. Ich bewundere wie multinational Die Knochenuhren ist. Es spielt in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten. Hat Empathie für verschiedene Denke und eine sehr zeitgeistige Weitsicht. Eigentlich ist es ein wilder und abwechslungsreicher Ritt, der uns mit jedem Kapitel in ein anderes Genre entführt. Dabei formt Mitchell unsere Wahrnehmung der Kapitel wie in einem Film, beispielsweise durch die Erwähnung von Musiktiteln der Talking Heads oder benennt seine Helden und Antihelden nach Musikern (Costello, Brubeck). Wer sich gefragt hat, was aus dem Drecksack im ersten Kapitel geworden ist, wird den (oder andere Randfiguren) sicherlich irgendwann auf den achthundert Seiten wiederfinden. Mitchell hat Spaß daran den Schriftstellerberuf aufs Korn zu nehmen und uns mit allem an Zeitgeist zu konfrontieren, der aktuell unsere Nachrichten beherrscht. So sagt er mit Leichtigkeit, es sei „eine anschaulichere Demonstration dafür, dass die schöpferische Kraft versiegt ist, […] wenn der Schriftsteller einen Schriftsteller zur Hauptfigur macht“ und lässt selbst einen Schriftsteller Erzähler eines Kapitels werden. Das wohl stärkste war für mich aber das sechste und letzte Kapitel, das im Jahr 2043 spielt und in einer Dystopie mündet. Einer, in der das Internet zusammengebrochen ist, genauso wie die Zivilisation, die Landkarte und das Staatengefüge wie wir es kennen, nachdem in Folge der globalen Erderwärmung nahezu alles überspült oder durch Umweltkatastrophen vernichtet wurde. Ein Stück von Irland, Island, Australien und China ist wohl noch übrig. Eine grausige Vision und wohl das Kapitel, das mir am meisten Gänsehaut bereitet hat. Weil es so furchtbar möglich erscheint.

„Ob die Machthabenden der Gerechtigkeit dienen und die Welt neu gestalten oder blühende Landschaften in rauchende Schlachtfelder verwandeln und Wolkenkratzer zum Einsturz bringen, die Macht ist immer amoralisch.“ p.134

„Die Zivilisation ist wie die Wirtschaft oder Tinkerbell: Wenn die Leute nicht mehr an sie glauben, stirbt sie.“ p.777

Es gibt soviel beeindruckendes an Mitchells Buch. Wie er seine bereits erzählten und kommenden Erzählungen (ich konnte nichts zu Soleil Moore finden, also harren wir der Bücher die da kommen) verknüpft, was für sympathische und menschliche Charaktere er geschaffen hat, was für eine dichte Dystopie er im letzten Kapitel schildert, wieviele spannende Kapitel aus dem Leben Unsterblicher er in verschiedenen Zeitaltern beschrieb … . Aber auch wenn ich mir die Kapelle des Katharers der Anachoreten der Dämmerung des … was weiß ich visuell unheimlich gut vorstellen kann, seine Fantasy-Aspekte mit all ihren esoterischen Begriffen gehören leider nicht dazu. Kurz: Bei Psycholasso war ich raus.

„Werde ich sterben, ohne dass ich Ulysses zu Ende gelesen habe?“ p.659

Fazit

Ein Buch voll faszinierender Bestandteile, das als Ganzes für Fantasy-Fans vielleicht besser funktioniert als für mich

Besprochene Ausgabe: ISBN 978 3 498 04530 2, rowohlt

„ausgelesen“ ist eine Kategorie meines Blogs, in der ich immer zwischen dem 15. und 20. eines jeden Monats ein Buch unter die Lupe nehme. Der Begriff „ausgelesen“ ist sehr dehnbar. So wie die Themenvielfalt meines Blogs. Ein „Buch unter die Lupe nehmen“ schließt Belletristik, Sachbücher, Manga, Comics unvm mit ein. 🙂