Film-Talk: IMDb oder Letterboxd? Plattformen für Filmfans im Vergleich

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Vor einem Monat schrieb ich die fünf Gründe auf, warum ich Goodreads als Netzwerk für Literaturfans nutze und das sogar sehr gern – trotz Bewusstsein für Datensparsamkeit. Es ist attraktiv sich mit Gleichgesinnten auzutauschen; seine Gedanken und Listen an einem Ort zu verwalten, der auch eine entsprechende Datenbank anbietet um möglichst viele Titel zu finden. Aber auch zu sehen was ein Freund oder eine Freundin gerade liest. Oder welchen Film gesehen hat? Natürlich gibt es Plattformen und soziale Netze derart auch für Filmfans. Bis Ende letzten Jahres habe ich eifrig und alleinig IMDb genutzt, bin aber neulich irgendwie auf den Anmelden-Button von Letterboxd gekommen. Ups. Die Neugier. Inzwischen muss ich euch also nicht mehr nach dem Vergleich fragen, sondern kann den selber wagen. Was können IMDb und Letterboxd?

Listen, Listen und noch mehr Listen

Als ich mich vor vielen Jahre auf IMDb anmeldete, war der Community-Faktor für mich gar nicht unbedingt ein Argument. Stattdessen meldet ich mich dort an, weil es vor fast zehn Jahren eben die Quelle für Filmdaten war. Ich recherchierte dort ständig irgendwas, verlor mich in den Listen der anderen und irgendwann war klar, dass ich dort auch meine Watchliste führen würde. Zuvor lagen die Daten verstreut irgendwo auf dem Rechner, dummerweise manchmal in mehreren Dateien und mussten umständlich umsortiert werden … . Eins der First-World-Problems des digitalen Menschen. Es ging dann eben einfacher dort wo man eh die Filmdaten recherchiert und nur noch auf den „Add to Watchlist“-Button drücken muss. Seitdem führe ich dort Listen für alle möglichen Challenges, Werkschauen und meine Jahresübersicht. Ich könnte noch hundert Gründe mehr für Listen erfinden. Listen sind wunderbar. #Nerd

Und Listen gibt es natürlich auch auf Letterboxd. Welcher Filmfan kommt denn auch ohne die aus oder hat auf die keine Lust?? (Bitte mal in die Kommentare schreiben, falls ihr das anders seht – ich MUSS das wissen 😉 ) Ein schönes Feature von Letterboxd ist die Anzeige wieviele Filme der Liste man bereits gesehen hat. Ein Feature das ich auf IMDb sehr vermisse, nun da ich es wo anders gesehen habe. (Aber pssst: die Funktion sich nur die Filme anzeigen zu lassen, die man noch nicht gesehen hat, bietet auch IMDb an. Die versteckt sich unter Refine.) Davon mal abgesehen bietet Letterboxd natürlich auch die Option eine Watchliste zu führen. Zusätzlich unterscheidet es in Rewatches und lässt einen ein Diary, d.h. ein Filmtagebuch führen. Auf den wirklich sehr schön gestaltetem Profil sieht man einen Auszug dessen, was man zuletzt gesehen hat und wann man es gesehen hat. Zeit spielt hier deutlich eine Rolle. Bei IMDb gibt es das Konzept nicht. Man kann es aber selber durch Listen triggern oder im Export der Daten sehen (loggt alle Details beispielsweise als .csv raus).

Bewertungen

Bewertungen. Orientierungshilfe, Ärgernis, Bestätigung, Schwanzlängenvergleich – das ungeliebte geliebte Kind unter den Filmfans. Wir können nicht ohne, aber auch nicht so ganz mit. Spätestens dann, wenn die Bewertung unseres Lieblingsfilms ganz anders als bei uns ausfällt. Oder so. 😉 Wir sollten über den Dingen stehen – Wahrnehmung und Meinungen variieren. Der eine bewertet nach irgendeinem Maßstab oder bemüht sich um Objektivität; der andere bewertet höchst subjektiv. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. In jedem Fall ist es nicht nur für Kritiker, Blogger, Vlogger, was auch immer schön den Überblick zu bewahren und irgendwo katalogisieren zu können wie man wann was bewertet hat. Für viele Blogger mag die eigene Webseite ausreichend sein. Für solche Konsorten wie mich, die mehr schauen als sie schaffen zu besprechen, funktioniert das nicht. Beide Plattformen bieten eine Bewertungsmöglichkeit an. Und beide nutzen Sternchen 😉 IMDb hat meines Wissens nach das Ding mit den Sternchen kultiviert und zur Orientierungshilfe für geneigte Zuschauer gemacht. Wir kennen doch alle die Leute, die erstmal auf IMDb (oder inzwischen eben auch wo anders) nachschauen wie der Film im Durchschnitt bewertet ist, bevor sie mit uns ins Kino gehen, oder? Während IMDb das Zehn-Sterne-System nutzt, setzt Letterboxd auf 5. Da es aber auch halbe Sterne zulässt, kann man auf beiden Plattformen denselben Maßstab ansetzen. Und ich glaube ernsthaft, dass das für viele ein Kriterium ist bei der Frage, ob man von IMDb zu Letterboxd umzieht.

Mit der Bewertung geht meistens auch die Review-Funktionalität einher, d.h. die Möglichkeit eine Besprechung über den Film zu schreiben. Die steht bei Letterboxd deutlich im Vordergrund. Man kann keinen Film in sein Tagebuch loggen ohne nicht über die Option zu stolpern eine Besprechung dazu zu schreiben. Man kann es aber auch lassen. Bei IMDb kann man das sehr einfach übersehen. Nicht zuletzt, weil die Besprechungen gaaanz unten auf der Übersichtsseite eines Films landen. Ich nutze die Möglichkeit weder auf der einen, noch auf der anderen Plattform. Dafür habe ich ja den Blog. (Außerdem bin ich zu faul all das dort nachträglich reinzukopieren.)

Community

Wir hatten ja gerade schon im Absatz oben das Thema der durchschnittlichen Zuschauerbewertung. Bevor wir uns alle vernetzen wollten oder sollten, gab es die bereits. Die Orientierungshilfe nach dem Prinzip der Macht der Vielen: wie ist der Film im Durchschnitt? Sowohl IMDb als auch Letterboxd geben darüber eine Übersicht. Ab einem gewissen Punkt wurde aber v.A. die Möglichkeit sich zu vernetzen gestresst. IMDb hat mühsam alle Features wie Foren und Kommentarfunktionen eingefügt. Man kann schon irgendwie andere Nutzer finden, aber sehr umständlich. Und wenn man sie denn in seinem Netzwerk hat, kann man sehr umständlich nachschauen, was die so geguckt haben. Man hört es schon raus: IMDb war Vorreiter, hält aber mit Müh‘ und Not Schritt bei der Vernetzung. Ursprünglich wurde die Internet Movie Database ja auch einzig zum Katalogisieren geschaffen. Letterboxd ist deutlich jünger und schwamm von der ersten Minute an auf der Welle der sozialen Netze mit. Im Fokus stehen User, Profile, Schauverhalten, sich vernetzen. Man kann die Reviews der anderen liken, man findet über eine Suche Nutzer, man sieht wer zuletzt was geschaut und wie bewertet hat. Letterboxd hat bereits mit dem Modell angefangen und lebt es dementsprechend natürlicher.

Betrachtet man die Community, dann spielt es natürlich auch eine Rolle wie sich die Webseite gegenüber den User darstellt und interagiert. Hier merkt man recht deutlich, dass sich IMDb mehr an ein Popcornkino-Publikum richtet und die breite Masse bedient. Die auf der Startseite geteilten Filmneuigkeiten und aktuellen Trailer sind meist klassische Blockbuster. Letterboxd arbeitet viel mit dem Netzwerk, das der User um sich herum geschaffen hat. Aber die unter Neuigkeiten geteilten Beiträge und Blogposts sind deutlich bunter und nicht nur auf Neuerscheinungen fokussiert. Man könnte sagen Letterboxd ist mehr Indie.

Filme entdecken

Langsam nähern wir uns den Merkmalen, in denen sich beide Plattform stark unterscheiden. Sicherlich vor Allem durch ihren grundlegend anderen Ursprung. Wir erinnern uns: IMDb = Online Datenbank mit einigen Community-Funktionen, Letterboxd = soziales Netz für Filmfans. IMDb setzt einen starken Fokus auf Filme an sich. Basierend darauf, was ich gut finde und welchen Film ich gerade auf der Webseite betrachte, macht es konkrete Filmvorschläge. Lässt sich ein Muster in den Filmen erkennen, die ich betrachte (beispielsweise in einer Liste), dann schlägt es mir vergleichbare Listen anderer User vor. Letterboxd zieht als Datengrundlage das Nutzungsverhalten meines Netzwerks heran. Ich bekomme beispielsweise auf der Startseite angezeigt, was bei meinem Netzwerk populär ist. Aber keine Vorschläge basierend auf meinen Vorlieben. Ein erstaunlicher Mangel für eine ansonsten so sehr auf das Filmerlebnis ausgelegte Webseite. Dafür kann man erschreckend viele Filme anhand erschreckend vieler Merkmale sortiert in kunterbunten Listen finden. Besonders düstere Poster? Filmtitel, die aneinander gereiht Botschaften ergeben? Gebongt. Ansonsten bieten beide eine Übersicht aktueller Filme und Filmneuigkeiten auf ihrer Startseite.

Ein Punkt, der mich lange von Letterboxd abgeschreckt hat ist die Suche nach Filmtiteln. Die hatte vor einigen Jahren (bei meinem ersten Versuch mich mit der Plattform anzufreunden) nur englischsprachige Filmtitel indiziert. Heißt, dass man in der Suche mit einem deutschen Filmtitel kein Ergebnis bekam. Zwar bin ich des Englischen mächtig und schaue sehr viel Filme auf Englisch, aber tatsächlich weiß ich manchmal den Originaltitel, manchmal nur den deutschen. Will ich jedes Mal erst nachgucken wie der englische Verleihtitel ist? Defintiv nicht. Heute sieht das anders aus. Letterboxd kann das inzwischen in der allgemeinen Suche, aber nicht wenn ich einen Film über die Log-Funktion als gesehen markieren und bewerten möchte. Wo Letterboxd doch eigentlich sehr auf gutes Design und Usability setzt, scheint hier eine echte Lücke zu klaffen. Wie schafft man Abhilfe? Man kann beispielsweise über den Regisseur o.ä. suchen oder über Teile des englischen Titels, falls man die kennt. Bei IMDb kann man sich auf den Kopf stellen, man wird den Film finden. Tatsächlich habe ich noch nie einen Film dort nicht gefunden. Es ist halt die Internet Movie Database, was soll man sagen … . Wenn es etwas hier nicht gibt, ist es wohl ein Home Video.

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Fakten recherchieren

Der eben angesprochene Punkt setzt sich auch hier fort. IMDb als zentrale Sammelstelle für Daten zu Filmen hat sie alle. Wie der Film in welchem Land hieß, wer produziert hat, wer mitgespielt hat, worin die noch mitgespielt haben, wie der Rollenname ist und wie der deutsche Vertrieb heißt. Außerdem Trivia und Filmfehler. Und … Zeug. Viel Zeug. Letterboxd hat eine sehr überschaubare und für mich nicht zur Recherche taugliche reduzierte Übersicht. Dort sind beispielsweise die Genres gelistet, denen ein Film zugeordnet ist und Cast und Crew. Manchmal auch Titel des Verleihs in anderen Ländern. Und ein Link zu IMDb bzw TMDB (The Movie DB), der API von der Letterboxd allgemein seine Daten zieht. Man wird aufgefordert dort nachzuschauen, wenn etwas fehlt. Auch hierin lässt sich der Fokus von Letterboxd als Community erkennen, wiederum von IMDb als Enzyklopädie.

Statistiken

Was Letterboxd definitiv verstanden hat sind Statistiken. Die können sich sehen lassen. Zumindest, wenn man die Pro-Version kauft, denn dann bekommt man in einer sehr schicken Übersicht angezeigt welche Filme man am höchsten bewertet hat, welche Regisseure man am meisten geschaut und aus welchen Ländern man vorrangig geschaut hat. Tatsächlich hat mir Letterboxd die Auswertung meines Film-Jahresrückblicks dankenswerterweise ganz aus der Hand genommen. Und dann diese All-time stats … so schön, da möchte man weinen. IMDb hat in dem Punkt leider abgespeckt. Früher konnte man sich für jede aktuell geöffnete Liste Diagramme anzeigen lassen, heute kann man lediglich die Liste nach Kriterien filtern (Refine-Funktion). Eine optische Präsentation gibt es inzwischen gar nicht mehr. Sehr schade! Denn soviel sollte klar sein: wer das Filme schauen so kultiviert hat, dass man akribisch Listen führt, hat auch Interesse an hübschen Statistiken.

Service

Alles was ich nicht genau verorten kann, packe ich mal unter den Begriff Service. Beide Webseiten sind kommerziell und haben ein Geschäftsmodell. IMDb verdient denke ich mit seiner API Geld, indem es Filmdaten für andere Dienste anbietet. Außerdem ist es inzwischen durch Amazon aufgekauft worden und es schleicht sich hier und da der Hinweis ein, dass ein gerade betrachteter Film auf Amazon Instant Video gestreamt werden kann. Ist das lukrativ? Muss wohl. IMDb produziert auch zahlreiche Videos mit Interviews und versteht sich inzwischen auch als „IMDb TV“. Ein anderer Einnahmezweig: man kann einen IMDb Premium-Account kaufen und dort beispielsweise als Filmschaffender seinen Lebenslauf verwalten und teilen. Letterboxd ist da einfacher erzählt: es lebt von den Usern und ihren Accounts. Man kann eine Pro- oder Patron-Mitgliedschaft kaufen. Bei ersterer bekommt man beispielsweise die sagenhaften Statistiken, bei letzterer ein hübscheres Profil und Early Access für neue Features (und Ruhm und Ehre). Natürlich ist sich der kleine Bruder Letterboxd bewusst, dass viele User von IMDb abwandern. Deswegen kann man bis dato eine Importfunktion nutzen, die auch recht gut funktioniert. Ein paar Filme hat sie bei mir verschluckt, aber das meiste ist da. Wie nett, dass ich die über tausend gesehenen Filme mitnehmen darf. Angeblich soll die Funktion später mal nur für Bezahl-Nutzer verfügbar sein.

Den Punkt, der am auffälligsten ist, habe ich mir für den Schluss aufgehoben: Letterboxd hat ein soviel schöneres, moderneres, schlankeres, ansprechenderes Design. IMDb hat im Laufe der Jahre einige Umbauten durchlaufen, bleibt aber leider immer irgendwie überfrachtet. Mindestens drei Mal habe ich als User vor Webseite und App gesessen und Funktionen gesucht, die ich täglich nutze, die aber nun irgendwo anders versteckt sind. Beide Seiten bieten eine App für mobile Endgeräte an, die in etwa demselben Design folgen. Kleiner Knackpunkt hier: die von Letterboxd bricht öfter mal ein. Server sind nicht erreichbar oder Übersichten laden nicht. Immerhin ist das sehr selten.

Eigentlich hatte ich ja nicht vor beide Webseiten weiterhin zu nutzen und regelmäßig zu füttern. Wie ist nun mein Fazit? Für welche entscheide ich mich? Es ist kompliziert. Aktuell gibt es für mich keinen klaren Gewinner. Vermutlich bleibe ich bei Letterboxd als stetiger User wegen der Community-Funktionen, Statistiken und Listenfunktion und nutze IMDb weiter zur Recherche. Ein bisschen schade ist es schon, dass es sie für mich nicht gibt – die perfekte Plattform. Wie ist das bei euch? Benutzt ihr eine der beiden? Welche ist euer Favorit? Welche der vielen weiteren versteckten Funktionen machen sie für euch unschlagbar?

Nicht in der Betrachtung sind die zahlreichen weiteren Plattformen wie Moviepilot, Filmstarts, etc. Nicht aus bösem Willen, sondern weil ich die einfach später kennengelernt habe als beispielsweise IMDb oder dort weniger Nutzer kenne als auf Letterboxd. Seid ihr eventuell auf den anderen unterwegs? Was mir übrigens total fehlt ist ein Netz für Serien. Sowohl IMDb als auch Letterboxd bieten die in der Datengrundlage an, aber die Möglichkeiten sie zu katalogisieren sind mangelhaft und ich weiß auch überhaupt gar nicht, ob ich das an derselben Stelle wie Filme will … wie macht ihr das?